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ERIC BIBB

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HALLO ERIC. DANKE, DASS DU DIR DIE ZEIT FÜR DAS GESPRÄCH NIMMST. Gerne. DU BIST JA GERADE AUF TOUR. WIE FÜHLT ES SICH FÜR DICH AN, HIER IN DEUTSCHLAND ZU SEIN? Fantastisch! Absolut fantastisch! Das Publikum ist hier so enthusiastisch und es scheint so vertraut mit meiner Musik zu sein. Es fühlt sich wie ein großes Familientreffen an. ES GIBT ALSO EINEN UNTERSCHIED ZWISCHEN DEN FANS HIER UND IN ANDEREN LÄNDERN? Ja. Ich hatte eine tolle Tour durch Großbritannien. Es war wundervoll, die Leute waren auch mit Begeisterung dabei. Skandinavien ist auch ein schönes Gebiet, um unterwegs zu sein. Aber die Menschen sind etwas reservierter, zurückhaltender, speziell in Finnland. Das ist aber ortsabhängig. Einige Orte scheinen irgendwie formeller. Die Leute sitzen gerade auf ihren Stühlen und lassen sich nicht gehen. An anderen Orten waren die Menschen nicht ganz so zurückhaltend mit ihren Reaktionen. Aber unabhängig davon hatte ich auf dieser Tournee nur großartige Auftritte. ALS DU DEINEN GEBURTSORT VERLASSEN HAST, WARST DU GERADE 20 JAHRE ALT … Ja, ich war noch ziemlich jung. DU HAST IN SKANDINAVIEN FÜR EINE WEILE GELEBT, SPÄTER IN FRANKREICH UND ENGLAND. ABER GIBT ES EIN LAND ODER EINE STADT, DIE DU ALS „ZU HAUSE“ BEZEICHNEST? Hm. Das ist eine sehr gute Frage. Ich verbrachte viele Jahre in Stockholm. Ich kenne die Stadt sehr gut. Ich lebe im Moment in der Nähe von Helsinki, einer Stadt, die mir aus vielerlei Hinsicht sehr gefällt. Ich kenne Paris recht gut. Aber ich denke, ich kann von mir behaupten ein „Weltbewohner“ zu sein. Ich fühle mich einfach an vielen Orten zu Hause. LASS UNS NUN EINEN BLICK AUF DEIN NEUES WERK WERFEN. EIN TOLLES ALBUM… Oh, danke, danke. IST BEI DER PRODUKTION ALLES GUT GEGANGEN? Es gab da eine Phase mittendrin, als wir einige Mixes zusammenstellten, um einen Eindruck zu erlangen, wie die Aufnahme klingen soll… und vielleicht brauchten wir da einfach eine Pause… denn irgendwie funktionierte es nicht. Der Klang war gut, die Musik auch, aber es war nicht, wie wir es wollten. Irgendwie war es schwierig, das meinem Produzenten zu erklären, mit dem ich sehr gern arbeite. Also machten wir eine Pause. Wir genossen den Luxus, uns Zeit zu lassen. Wir hatten keinen Zeitdruck. Wir konnten uns um andere Projekte kümmern. Wir hatten also wirklich Zeit. Und so ließen wir “Jericho Road” für einige Monate ruhen. Und als wir uns dann wieder daran machten… dann blühte es auf! ALSO EINFACH EINE PAUSE, DIE IHR BRAUCHTET. Ja, absolut. Irgendwann bist du einfach zu nach dran an den Stücken. Du hörst sie nicht mehr richtig. Und dann brauchst du etwas Abstand. GAB ES EIGENTLICH EINEN SPEZIELLEN GRUND, DASS DU MIT „DRINKIN’ GOURD“, EINEM COVER, DAS ALBUM ERÖFFNEST? Es ist ein Stück, das zu der Geschichte passt, die ich erzählen wollte. Ich hatte das Gefühl, dass es ein guter Beginn ist. Ich halte mich für vorurteilsfrei, denke, die Menschen sind alle eine große Familie. Aber dennoch habe ich eine starke Verbindung zu meiner eigenen afroamerikanischen Kultur. Ich denke, ich klinge am Ehrlichsten, wenn ich meinem Erbe treu und nah bleibe. Und das ist ein guter Ansatz, um meine Geschichte zu erzählen. Ich meine, die Sklaverei in Amerika ist diese Art von typischer und allumfassender Tragödie, die so viele Menschen betraf. Und aus diesem Grund habe ich dieses Stück gewählt. Es ist etwas, mit dem sich Menschen identifizieren können, es ist eine kraftvolle Story, eine wichtige Phase in der Geschichte. Also ein guter Beginn für das Album. DENKST DU AUCH DARÜBER NACH, EINMAL EIN KOMPLETTES ALBUM NUR MIT COVERSONGS ZU MACHEN? DU SPRICHST IN DEINEN LIEDER VON SAM COOKE, TAJ MAHAL, ROBERT JOHNSON… Ja. Im Moment arbeite ich, sehr bedächtig, mit meinem guten Freund Staffan Astner an so einem Projekt. Wir wollen unsere Ideen da mit der Welt teilen. (lacht). (MEHR WOLLTE ERIC DANN ABER DOCH NICHT VERRATEN – ANM. D. RED.) WIR SPRACHEN GERADE ÜBER „DRINKIN’ GOURD“. IN DEN LINER NOTES ZU „LET THE MOTHERS STEPP UP“ LAS ICH, DASS DU, ALS DU DEINE MUTTER BESUCHT HAST, GEDICHTE VON ALICE WALKER GELESEN HAST. GEHÖRT SIE ZU DEINEN FAVORISIERTEN POETEN? Es gibt sehr viele für mich. Aber ALICE ist eine wundervolle, begabte Sprecherin, nicht nur für die Frauen, sondern für alle Menschen, die ihr menschlich machendes Potential ausloten. Sie ist eine großartige Person, die ich auch schon persönlich treffen konnte. Ich liebe ihre Art zu schreiben. Sie vermittelt das Gefühl, dass sie mit etwas Höherem in Kontakt zu sein scheint. (Eric macht eine Geste gen Himmel – Anm. d. Red.) ABER AUCH WENN DEINE MUSIK SEHR NACHDENKLICH IST, SCHEINT SIE DENNOCH ETWAS POSITIVER ZU SEIN ALS AUF DEINEM LETZTES ALBUM. WAS FÜHRTE DAZU? Das war eher unbewusst. Ich meine, ich nehme Dinge, die in der Welt geschehen, sehr ernst. Ich versuche einfach positiver zu denken. Es ist einfach deprimiert oder resignierend zu sein, wenn du mitbekommst, was an so vielen Orten dieser Welt passiert. Also setze ich mich dafür ein, etwas besser zu machen und schnüre ein positives Paket aus Text und Musik. DAHER AUCH STÜCKE WIE „HAVE A HEART“ ODER „THE RIGHT THING“, UM DIE MENSCHEN AUFZURÜTTELN, SIE ETWAS BESSER ZU MACHEN… Ja genau. Absolut! DAMIT SIND DEINE TEXTE IMMER MEHR ALS BLOSS WORTE ZUR MUSIK… Absolut. Mir ist die Botschaft sehr wichtig… …ÄHNLICH WIE „BIRDS IN THE SKY“ EINE METAPHER FÜR FRIEDEN UND FREIHEIT IST… Ganz genau. Und nicht nur dafür. Das Stück ist auch eine Metapher für all die Menschen, die mit offenen Augen durch die Welt gehen. Wir leben in einer Zeit großer Veränderungen. Und ich denke etwas Großartiges liegt noch vor uns. Es liegt die Möglichkeit großer Entwicklungen vor uns, wenn sich nur genug Menschen auf gleicher Wellenlänge befinden. ABER WAS ENTSTEHT ZUERST? DIE MUSIK ODER DIE TEXTE? Oft entsteht beides simultan. Manchmal entsteht eine Idee an der Gitarre, manchmal beginnt alles mit einer Textzeile, wie bei „Let the mothers step up“. Aber das fügt sich dann alles Stück für Stück zusammen. UND DIESES MAL GIBT ES JA ZU JEDEM SONG ZUSÄTZLICHE INFORMATIONEN IN DEN LINER NOTES. STANDEN DIESE DIESES MAL AM ANFANG? Ich rede gern über die Stücke. In diesem Album spreche ich über wichtige und ernste Themen. Und ich wollte dazu beitragen, dass die Leute möglichst genau verstehen, was mich antreibt in diesen Stücken. Ich wollte weniger der Phantasie überlassen, es sollte spezifischer sein. DA MUSS ICH JETZT NACHHAKEN. NACHDEM ICH „GOOD LIKE YOU“ GEHÖRT HATTE, WAR MEIN ERSTER GEDANKE: „DER MANN IST VATER GEWORDEN.“ (Lacht) Ja. Ich habe einen Sohn. Er ist mittlerweile ein Jahr alt. Und das hat den Song sehr beeinflusst. Musik ist einfach etwas Lockeres, Fröhliches. Sie gibt mir die Möglichkeit mit Menschen meine Einflüsse zu teilen wie SAM COOKE oder MAHALIA JACKSON oder WILLIE BROWN. Das verbindet. DANN STECKT SEHR VIEL VON DER PRIVATPERSON ERIC BIBB UND AUCH VON SEINER FAMILIE IN DEN STÜCKEN … Ganz genau. Ich versuche meine eigene Persönlichkeit und Erfahrungen in die Stücke einfließen zu lassen. So können sich auch andere Menschen damit besser identifizieren. So wird meine Geschichte, die ich erzähle, auch zur Geschichte des Zuhörers. EINE FRAGE NOCH ZU EINER WEITEREN NOTIZ. BEI DEM STÜCK “CAN’T PLEASE EVERYBODY” HAST DU BILL COSBY ZITIERT (“I DON’T KNOW THE KEY TO SUCCESS, BUT THE KEY TO FAILURE IS TO TRYING TO PLEASE EVERYBODY”). DAS IST SO WAHR. ABER IST DER AUSSPRUCH NICHT ETWAS UNKONVENTIONELL IM GEGENSATZ ZU DEINEN SONST POSITIVEN TEXTEN? Das stimmt. Ich hatte eine Erfahrung machen müssen, wo jemand über ein Stück von mir schrieb. Er empfand das Stück als überflüssig, also unnötig, als etwas, das unwürdig war, auf dem Album zu sein. Einen kurzen Moment war ich ziemlich bestürzt darüber. Doch dann wurde mir klar: Diese Person hat mir praktisch einen Song gegeben. Ich begriff, dass ich es nicht alles recht machen kann. Also, anstatt über diese Kritik nachzudenken, nahm ich meine Gitarre und schrieb dieses Stück. Und ich war glücklich damit. Ich hatte in dem neuen Song einen Freund aus einer negativen Erfahrung gewonnen. Das war eine gute Übung, wie du mit Dingen umgehen kannst, die dir ein schlechtes Gefühl geben, um sie in etwas Positives zu wandeln, wenn du nur willst … ich mag deine Fragen. (lacht) DANKE. DENKST DU EIGENTLICH MANCHMAL ÜBER DEINE MUSIKALISCHE ZUKUNFT NACH? MUSIKER WIE BB KING ODER BUDDY GUY SPIELEN MIT ÜBER 70 BZW. 80 JAHREN NOCH IMMER LIVE. Hm… ich habe vor, Musik noch eine sehr lange Zeit zu machen. Ich habe so viele Projekte, so viele Ideen, bei denen ich auch mit anderen Musikern zusammenarbeiten möchte oder wo ich an anderen Orten arbeiten und spielen will. Aber dennoch setze immer einen Fuß vor den Anderen und genieße das, was ich gerade tue. EINE FRAGE HABE ICH NOCH ZUM AKTUELLEN MUSIK-GESCHÄFT. IST DIE STEIGENDE ANZAHL DER DOWNLOADS AUS DEM NETZ AUCH EIN PROBLEM IM FOLK UND BLUES ODER… Absolut! Das ist ein Problem für jeden Musiker. Das Konzept „freie Musik für alle“ ist undurchdacht und beinahe ironisch. Die Musiker stecken viel Zeit und Arbeit in ihre Musik. Und diese dann kostenlos wegzugeben, ist indiskutabel. Ich hoffe, dass die Menschen verstehen, dass dieses Konzept nicht funktionieren kann. Ich denke, wir finden immer neue Wege miteinander zu arbeiten und auch mit der Musikindustrie. Aber etwas Gutes hat es dennoch. Das Hauptaugenmerk für Live-Musik verändert sich dadurch, der Kontakt zu den Fans. Ich schätze, Live-Musik vereint die Welt. EINE LETZTE FRAGE NOCH: ALS WIR DAS LETZTE MAL MITEINANDER SPRACHEN, WURDE BARACK OBAMA ZUM PRÄSIDENTEN DER USA GEWÄHLT. DU WARST SEHR GLÜCKLICH DARÜBER, DA DU EINE FAIRE UND EHRLICHE POLITIK VON IHM ERHOFFT HAST. NUN, NACH ALL DEN JAHREN, WIE SIEHST DU OBAMA JETZT? Ich denke, wenn ich Obama höre, ich kenn ihn nicht persönlich, habe ich das Gefühl, dass er ein guter Mann ist, sehr intelligent und mit viel Mitgefühl. Ich denke, er ist sich sehr genau bewusst, dass er viele Menschen in wichtigen Positionen um sich hat, die seinem Ruf nach Veränderung versuchen zu widerstehen. Aber Obama ist couragiert und eloquent. Ich denke er kann einschätzen, was möglich ist und was nicht. Er ist Realist, denke ich, und versucht das Beste aus seiner Amtszeit zu machen. Und wenn er nicht mehr Präsident ist, wird es bestimmt sehr interessant, sein Buch zu lesen. ABSCHLIESSEND KANN ICH NUR DANKE FÜR DAS SEHR INTERESSANTE GESPRÄCH SAGEN. UND WIE ES BEI UNS ÜBLICH IST: DIE LETZTEN WORTE GEHÖREN DIR. Ich möchte allen meinen Fans und Freunden in Deutschland danken, nicht nur mein berufliches Leben mit so viel Spaß versehen zu haben, sondern auch einige vorgefasste Meinungen über dieses Land zu ändern. Und das ist das Beste, was passieren kann! Man lässt die Vorteile hinter sich und genießt den Moment. Und genau das ist der Weg den wir alle gehen sollten!

Das Interview wurde geführt am 7.12.2013 im Jenaer Volksbad

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