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AMORPHIS (TOMI JOUTSEN)

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NUR ZWEI JAHRE NACH IHREM LETZTEN ALBUM „THE BEGINNING OF TIMES“ LEGEN AMORPHIS SCHON WIEDER DAS NÄCHSTE WERK VOR. „CIRCLE“ STEHT, WIE BEI DEN FINNISCHEN MELODIEMETALLERN ÜBLICH, UNTER EINEM ÜBERGREIFENDEN MOTTO, BESCHÄFTIGT SICH DIESES MAL ALLERDINGS NICHT MIT EINHEIMISCHEN MYTHEN, SONDERN MIT DER SUCHE EINES MANNES NACH SICH SELBST – EIN BILDUNGSROMAN SOZUSAGEN, MIT VIEL GITARRENPOWER UND AUCH NOCH DEM EINEN ODER ANDEREN SCHÖNEN GROWL. ALS BEI MIR UM NEUN UHR ABENDS DAS TELEFON KLINGELT, IST ES IN FINNLAND SCHON ZEHN – FÜR EINEN ROCKMUSIKER BESTE ARBEITSZEIT. ENTSPRECHEND AUFGERÄUMT IST SÄNGER TOMI JOUTSEN AUCH BEI UNSEREM GESPRÄCH. FANGEN WIR DOCH GLEICH MAL MIT DEN TEXTEN ZUM NEUEN ALBUM AN – WOHER KAM DER IMPULS, FÜR „CIRCLE“ EINE EIGENE GESCHICHTE ZU SCHAFFEN, ANSTATT WIE SONST AUF DIE MYTHEN DER KALEVALA ODER ANDERE FINNISCHE TEXTE ZURÜCKZUGREIFEN? Dieses Mal hatten wir uns von Anfang an vorgenommen, unsere Arbeitsweise komplett zu ändern – und dazu gehörte für uns auch, Abstand von der Kalevala zu nehmen. Trotzdem stand fest, dass wir weiter mit Pekka Kainulainen arbeiten wollten, weil die Texte, die er für die letzten Alben geschrieben hat, einfach großartig sind. Nur haben wir ihm eben jetzt gesagt, schreib einfach eine eigene Geschichte. Als ich die Story dann zum ersten Mal las, war ich sofort begeistert, denn letzten Endes ist sie von der Atmosphäre her gar nicht so anders als die Kalevala-Mythen. Sie ist nicht zu modern, und es geht nicht um großen Helden oder irgendwelche Raumschiffe, sondern schlicht um das Leben eines Menschen, und so etwas ist immer packend und bewegend. Es war toll, die Texte zu singen, weil sie wirklich etwas bedeuten. „CIRCLE“, DER ALBUMTITEL, BEZIEHT SICH AUF EINEN KREIS WEISER MÄNNER, ZU DEM DER PROTAGONIST HINZUGEBETEN WIRD – KANNST DU EIN WENIG ÜBER DIE FIGUR ERZÄHLEN, UM DIE ES GEHT? Puh, das ist gar nicht so einfach, aber ich versuche es mal… Die Geschichte an sich ist in keiner Zeit verankert. Sie könnte vor tausend Jahren oder auch erst gestern passiert sein. Aber wahrscheinlich spielt sie irgendwo in Nordeuropa, denn Wald und Natur spielen durchaus eine Rolle. Könnte also in Finnland sein. (lacht) Für mich erzählt die Geschichte vom Überleben. Der Protagonist hat zunächst in seinem Leben viele Probleme. Dann geschieht eine große Katastrophe, die ihn entscheidend verändert. Er merkt, dass er nicht nach vorn schauen kann, sondern zurückblicken und die Vergangenheit begreifen muss. Und er merkt, dass er seine eigene spirituelle Geschichte in sich trägt, aus der er schließlich große Kraft zieht. Er entwickelt neue Standpunkte, überdenkt sein Leben. Und dann kann er weiter vorangehen. WIE SEID IHR VORGEGANGEN – HABT IHR ERST DIE MUSIK GESCHRIEBEN, UND PEKKA HAT DANN PASSEND DAZU DIE TEXTE ENTWICKELT? Ja, er hat von uns 14 Songs bekommen, von deren Atmosphäre er sich dann auch inspirieren ließ, und so passte dann später alles toll zusammen. Einer der Songs, die für mich am besten gelungen sind, ist „The Wanderer“ – bei diesem Titel bin ich beim Singen richtig tief eingetaucht. Eine tolle Erfahrung. Ein sehr optimistischer Song, den ich sehr mag. DIESES THEMA, DIE SUCHE NACH DEM WEG IM LEBEN, DEN JEDER FÜR SICH SELBST FINDEN MUSS, IST JA AUCH ETWAS, WOMIT SICH JEDER IDENTIFIZIEREN KANN. Ja, an diesen Punkt kommt wahrscheinlich jeder irgendwann einmal. Und dann ist es eben manchmal so, dass es nicht weiterzugehen scheint, dass man erst einmal reflektieren und zurückblicken muss. WÜRDEST DU DICH ALS SPIRITUELLEN MENSCHEN BEZEICHNEN? Hm … ich weiß nicht … Zunächst mal bin ich Atheist. Manchmal gibt es aber Augenblicke im Leben, draußen in der Natur zum Beispiel, die einen nachdenklich machen, in denen man über das ganze Weltgefüge nachdenkt … aber ich denke, ich bin eher ein emotionaler als ein spiritueller Typ. BIST DU SEHR NATURVERBUNDEN? Ja, schon … wir leben eben in Finnland und sind gewissermaßen von Natur umzingelt, überall sind Wälder und so. Aber ich bin jetzt auch nicht der Typ, der auf lange, einsame Wanderungen geht und irgendwo tief im Wald allein übernachtet. Aber trotzdem, hier in Lohja, wo ich lebe – etwa eine Stunde von Helsinki entfernt –, ist ein sehr großer See, und im Sommer bin ich mit den Kindern immer draußen auf dem Wasser. Von daher ist mir Natur schon wichtig. DA IST ES JA EIGENTLICH AUCH NICHT ÜBERRASCHEND, DASS IHR „CIRCLE“ UNTER ANDEREM IN DEN PETRAX-STUDIOS IN HOLLOLA EINGESPIELT HABT, DIE ABSEITS VOM HAUPTSTADTSTRESS LIEGEN. DIE STUDIO-REPORTS AUF YOUTUBE ZEIGEN DIE ECHTE LANDIDYLLE MIT ZIEGEN UND SCHAFEN AUF DEM HOF … Stimmt. Wir wollten aber vor allem die Möglichkeit haben, uns ganz auf die Platte zu konzentrieren, ohne Ablenkung von außen. Letztlich haben wir dort nur das Schlagzeug und ein paar Gitarrendemos aufgenommen. Wichtig war vor allem, Peter Tägtgren erst einmal richtig kennen zu lernen, der die Platte produziert hat. Wir sind zusammen in die Sauna, ein paar Bier trinken, entspannen – das ist immer eine gute Art, um sich zu beschnuppern. In den Petrax-Studios haben wir sozusagen die gesamte Vorarbeit für die eigentlichen Aufnahmen erledigt – das bietet sich an, weil man so weit draußen auf dem Land ist und die Atmosphäre einfach stimmt. DIE EIGENTLICHEN AUFNAHMEN FANDEN DANN IN HELSINKI STATT? Ja, unser Bassist Niclas und unser Schlagzeuger Jan haben dort ein kleines Studio, für das wir uns entschieden haben, weil wir wussten, dass wir dort keinen Zeitdruck haben und uns niemand stört. DIE LETZTEN ALBEN HABT IHR SELBST PRODUZIERT, LEDIGLICH BEI DER GESANGSPRODUKTION HAT EUCH SONST MARCO HIETALA UNTERSTÜTZT. WAS HAT EUCH BEWOGEN, DAS NEUE ALBUM GANZ IN DIE HÄNDE EINES PRODUZENTEN ZU LEGEN? Wir wussten, dass Marco zu der Zeit sehr mit Nightwish beschäftigt war, und wir wollten ihn nicht mit unserer kleinen, unwichtigen Band belämmern (lacht). Dass wir uns für Peter Tägtgren entschieden, lag dann aber auch daran, dass wir insgesamt anders an die Platte herangehen wollten und jemanden brauchten, der wirklich von außen auf die Sachen guckt. Wir hatten von Anfang an ein paar Namen im Kopf, aber Peter erschien uns dann der Richtige, weil er auch schon ein paar Jahre im Geschäft ist, er hat ungefähr zur gleichen Zeit angefangen wie Amorphis. Es war eine tolle Erfahrung, mit ihm zu arbeiten, und wir haben ihm wirklich vertraut, weil er sich gut auskannte. WAS GAB DEN AUSSCHLAG FÜR TÄGTGREN – SEINE ARBEIT MIT HYPOCRISY ODER DIE PRODUKTIONEN, DIE ER U.A. FÜR DIMMU BORGIR ABGELIEFERT HAT? Wir sind uns vor zwei Jahren bei einem Interview begegnet und haben ihn gefragt, welche Ideen er für eine Produktion hätte, wenn er mit Amorphis arbeiten würde. Er sagte: Richtig fette Drumsounds und sehr viele organische Elemente. Eine ganz andere Richtung als bei den vielen anderen Bands, die er zu der Zeit produzierte. Das hört man unserem Album auch jetzt an, denke ich – es ist kein typisches Tägtgren-Album geworden, sondern wirklich sehr organisch. MAN HÖRT VOR ALLEM DIE GITARREN UND BASSLINIEN SEHR KLAR, ABER AUCH DIE ZUSÄTZLICHEN INSTRUMENTE, DIE FLÖTEN UND KEYBOARDS. Ja. Ich finde es toll, wenn ein Produzent die Musik mal mit anderen Ohren hört und einige Kleinigkeiten besonders hervorhebt. Auf dieser Platte stehen die Gitarren sehr im Vordergrund, und die Keyboards sind weniger dominant. Ich habe jetzt schon mit vielen Leuten gesprochen, die mir gesagt haben, „Circle“ sei ziemlich heavy geworden. Aber ich bin mir gar nicht sicher, ob die Songs an sich so heavy sind. Ich denke, es liegt mehr an der Produktion und an den Gitarren. ES KLINGT AUF ALLE FÄLLE HÄRTER ALS DAS LETZTE ALBUM – „CIRCLE“ HAT VIEL MEHR BISS. Ja, das denke ich auch. Dabei ist die Platte wirklich nicht hart, was den Gesang angeht – Growl gibt es nur bei drei Songs, bei allen anderen Titeln singe ich clear. Einige Black-Metal-Elemente haben wir natürlich trotzdem beibehalten. WOVON HÄNGT ES AB, OB DU BEI EINEM SONG AUF GROWLS ZURÜCKGREIFST ODER MELODISCH SINGST? Das ergibt sich meistens bei den Proben, wenn ich noch keinen Text habe und erst einmal nur improvisiere, um die Melodie zu entwickeln. Ich versuche dann, die Emotionen in der Musik auf mich wirken zu lassen, und wenn es wirklich hart zur Sache geht, dann läuft es meist auf Growl hinaus. Die gefühlvolleren Sachen werden eher clean gesungen. Es ist toll, wenn man zu Anfang noch ohne Text singt und nur die Stimmung in sich aufnimmt, ohne dass man über die Worte nachdenken muss. WAS WAR FÜR DICH AUF DIESEM ALBUM ALS SÄNGER DIE GRÖSSTE HERAUSFORDERUNG? Hm, schwierig … vielleicht „Nightbird’s Song“ wegen des Black-Metal-Gesangs. Es war Peters Idee, auf diesem Album etwas höher zu growlen, und ich fand die Idee auch super, allerdings habe ich zuerst gefürchtet, dass Peter diese hohen Schreie würde übernehmen müssen, weil ich sowas seit Jahren schon nicht mehr gemacht habe. Aber es ging dann doch ganz leicht. Jetzt haben wir gesangstechnisch noch eine neue Facette dazugewonnen, die wir in Zukunft sicher noch oft einsetzen werden. DER ERSTE TITEL VOM NEUEN ALBUM WAR VERÖFFENTLICHT, DA BRACH IM INTERNET SCHON WIEDER DIE ALTE DISKUSSION LOS, WIE „TRUE“ AMORPHIS HEUTE NOCH SIND. BESCHÄFTIGT EUCH DAS, WÄHREND IHR AN DEN SONGS ARBEITET? Wenn wir die Songs schreiben, dann denken wir an überhaupt nichts, dann machen wir einfach unser Ding. Wir sind zu alt und haben schon zu viel Erfahrung, als dass wir daran allzu viele Gedanken verschwenden würden. Aber ich verstehe die Leute, die sich darüber beschweren, dass zu viel clean gesungen wird. Als Jugendlicher hätte ich genauso gedacht – damals stand ich ja auch das ganz harte Zeug und habe es gehasst, wenn es plötzlich melodisch wurde. Aber das ist kein Problem. Wenn man richtig harte, alte Amorphis-Sachen hören will, dann kann man das ja, die Platten gibt’s ja alle noch. Allerdings bin ich persönlich auch sehr stolz darauf, dass wir diese Death-Metal-Elemente immer noch einsetzen, denn ich stehe auf diese Musik, und ich finde Growls auch immer noch nicht peinlich. Für mich ist das was ganz Natürliches, eine tolle Art, Gefühle auszudrücken. Manche Leute finden das kindisch, aber das ist mir wurscht. WER HAT DIESES MAL DEN GRÖSSTEN TEIL DER SONGS GESCHRIEBEN? Esa (Holopainen) und Santeri (Kallio). Aber wir haben alle Ideen eingebracht. Am Anfang, als wir die ganzen Demos gesammelt haben, kamen über zwanzig Songs zusammen, aus denen wir dann die besten auswählen konnten. Esa beispielsweise nimmt erst einmal zuhause Demos auf, dann schickt er sie per Mail an uns, und dann arbeiten wir gemeinsam dran und bauen die Arrangements aus. Derjenige, von dem der Titel stammt, hat aber stets das letzte Wort. „CIRCLE“ ENTHÄLT JA EINE REIHE SEHR HYMNISCHER SONGS, UND OBWOHL DIE TEXTE DURCHAUS NACHDENKLICH UND TEILWEISE DÜSTER SIND, HABEN DIE STÜCKE AN SICH DOCH VIELE OPTIMISTISCHE ELEMENTE – SOGAR „A NEW DAY“, BEI DEM ES OFFEN ZU SEIN SCHEINT, OB ES HIER UM TOD ODER WIEDERGEBURT GEHT … Auf alle Fälle ist es ein sehr guter Schlusspunkt für das Album. Schwer zu sagen, wieso wir diese Bandbreite haben. Vielleicht, weil diesmal viele Songs von Santeri stammen, der am Klavier komponiert und dabei ein besonderes Gespür für kleine Details hat. Das bildet immer eine gute Ergänzung zu den Titeln, die ein Gitarrist wie Esa schreibt. WIE IST DAS ÜBERHAUPT MIT DER CHEMIE INNERHALB DER BAND – SEHT IHR EUCH OFT, WENN IHR GERADE NICHT MITEINANDER ARBEITET? Nein, dann haben wir nicht wirklich viel Kontakt. Oder ich jedenfalls nicht – die anderen schon mal eher, weil sie in Helsinki wohnen und nicht wie ich hier draußen in Lohja. Aber ich denke, das ist mental gesehen auch ganz gut so, dass wir gelegentlich mal Abstand von einander haben. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zueinander innerhalb der Band, aber man braucht auch Zeit für alte Freunde und für die Familie. IHR HABT IN DEN LETZTEN JAHREN JA AUCH EINEN ZIEMLICH VOLLEN TERMINPLAN GEHABT – FAST ALLE ZWEI JAHRE EIN NEUES ALBUM UND DANN IMMER WIEDER AUSGIEBIGE TOURNEEN … Ja, obwohl es sich gar nicht so anfühlt … Stimmt natürlich, wir machen alle zwei Jahre eine Platte, aber wir haben trotzdem genug Freizeit. Wenn wir im Sommer auf Tour sind, dann spielen wir meist nur an den Wochenende. So viel beschäftigt sind wir gar nicht. ABGESEHEN VON DEN SOMMERFESTIVALS WIE WACKEN, HABT IHR SCHON KONZERTE IN DEUTSCHLAND GEPLANT? Deutschland ist für sehr wichtig, hier sitzt mit Nuclear Blast schließlich auch unser Label, und wir haben hier viele Fans. Im Sommer spielen wir noch beim Summer Breeze und beim Castle Rock … aber wir werden im November sicher auch auf Headliner-Tour gehen.

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