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ASHRA (MANUEL GÖTTSCHING)

HI! WIE GEHT ES DIR? Es geht mir gut. WO BIST DU GERADE? Im Auto. WAS STEHT GERADE BEI DIR AN? Ich fahre gerade nach hause. DU HAST GERADE DEN KLASSIKER E2-E4 LIVE IN BERLIN AUFGEFÜHRT. WIE IST ES GELAUFEN? WAS BEDEUTET DIR DAS STÜCK HEUTE NOCH? E2-E4 ist noch immer eines meiner liebsten Stücke, womöglich mein einflussreichstes. Ich war sehr glücklich darüber, es mit Zeitkratzer aufführen zu können, einerseits also mit einen Orchester, andererseits mit komplett anderen Instrumenten, als eine Art „unplugged“ Version. Dass dies überhaupt möglich ist, beweist erneut, dass E2-E4 eine sehr flexible Komposition ist, welche auf verschiedene Art und Weise dargeboten werden kann – einfach gesagt ein sehr gutes Stück Musik. DU HAST IN LETZTER ZEIT AUCH EINIGE BEITRÄGE ZU FILMEN GESCHRIEBEN. WAS HAT DICH DARAN GEREIZT? BIST DU DER MEINUNG, EIN GUTER SOUNDTRACK SOLLTE LEDIGLICH DEN BILDERN DIENEN ODER SOLLTE ER AUCH AUF SICH ALLEINE GESTELLT FUNKTIONIEREN? Was mich als erstes an dieser Filmgeschichte interessiert hat, war die Möglichkeit, Stummfilme mit elektronischen Instrumenten zu begleiten. Meine Frau hatte gerade einen Film über den weltweit letzten Stummfilmpianisten produziert, der, trotz seines fortgeschrittenen Alters von fast 102 Jahren, immer noch spielt. Ich dachte mir also: Warum sollte es nicht dazu eine entsprechende moderne Version geben, mit einer Groove Box, einem Sampler und einem Laptop? Es war ja auch nicht wirklich als Soundtrack gedacht, sondern eher als ein Konzert zum Film. Zunächst stellte ich mir vor, dieses Konzert ähnlich aufzuführen wie die Musik zu einigen Modeshows oder dem Live Event Walking the desert. Aber dann kam mir die Idee, mit den Musikern des Staatstheaters Braunschweig zusammenzuarbeiten. Es war dabei vor allem äußerst spannend, die Partitur für den Film für ein kleines Kammerorchester anzulegen und zwei Seiten darzubieten – eine rein elektronische und eine mit Musikern. Bis dahin war ich noch nie in ein Filmmusikprojekt eingebunden gewesen, mal von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen. Eine war Le Berceau de Cristal, aber das war eine wirkliche Ausnahme. Der französische Regisseur Philippe Garrel war ein sehr enger Freund, der ganz einfach unsere Musik mochte und die Konzerte besuchte. Ich stellte ein Tonband mit einer Stunde Musik zusammen und gab sie ihm, ohne den Film gesehen zu haben. Es handelt sich dabei auch um eine Art experimentell angehauchten Stummfilm. Keine Action, kein Text, nur Nico, Anita Pallenberg and Dominique Sanda, die weiblichen IKONEN der 70er, auf der Leinwand. Und die Musik lief über die gesamte Länge, als Untermalung der wunderbaren Bilder. Für den Film “Der Junker und der Kommunist“ (The Count and the Comrade), einen Film meiner Frau, komponierte ich einige Gitarrenstücke. Diese konnten sowohl in Kombination mit den Szenen im Film, als auch für sich alleine bestehen – trotz ihrer sehr geringen Länge. Aber in diesem Fall haben mich in der Tat die Bilder inspiriert. Um noch mal darauf zurückzukommen: Ja, Filmmusik sollte zusammen mit den Bildern funktionieren. Dafür wurde sie originär geschrieben. Sie muss nicht unbedingt auch für sich bestehen können. Aber wie erwähnt kann man auch von einer Komposition ausgehen und dann die passenden Bilder suchen. Das sind einfach zwei verschiedene Ansätze. KANNST DU DIR WEITERE FILMMUSIKPROJEKTE VORSTELLEN? Das hängt ganz von den Prämissen ab. Wenn ich gezwungen bin, mir bestimmte Bilder immer wieder und wieder anzusehen, um dabei etwas Besonderes zu entdecken oder ständig etwas anzugleichen, dann verliere ich den roten Faden. Ich ziehe es stattdessen vor, den kompletten Film einmal anzusehen und ein Gefühl für die Atmosphäre zu entwickeln – um dann die Bilder ganz zu vergessen und auf einer allgemeineren Ebene über die Komposition nachzudenken. Oder ich würde – was sogar noch besser wäre – nur mit einer groben Idee des Filmes beginnen, ohne den Film auch nur ansatzweise zu kennen. Je mehr man über ihn weiß, je geringer ist der Spielraum für die eigene Einbildungskraft. EIN FREUND VON DIR BEMERKTE MAL, DASS ES ZWAR ZIEMLICH LANGE BRAUCHE, DICH IN EIN STUDIO ZU BEKOMMEN – DASS DU ABER, WENN DU ES ABER EINMAL DORTHIN GESCHAFFT HÄTTEST, EIN BEMERKENSWERT SCHNELLER ARBEITER SEIEST. WAS MICH ZU DER FRAGE FÜHRT: GLAUBST DU AN DIE MAGIE DES MOMENTS UND DIE KRAFT SPONTANER IMPROVISATION? Es ist Improvisation und der richtige Moment ist wichtig. Den muss Du erwischen, ehe er wieder vorbei ist. E2-E4 wurde an einem einzigen Abend eingespielt, in nur einer Stunde. Andererseits hat die Inventions for Electric Guitar ungefähr drei oder vier Monate gebraucht, um bestimmte Techniken vorzubereiten und daran zu arbeiten. Aber im Moment der tatsächlichen Aufnahme gilt auch wieder die Spontanität, die Kraft der Improvisation. Ich habe mein Studio dort, wo ich wohne. Es war und ist mein Zuhause und dort arbeite ich auch am liebsten. Wenn ich in anderen Studios bin, versuche ich möglichst praktisch und ökonomisch vorzugehen. Entweder, wie bei meiner Zusammenarbeit mit Schulze oder Santos, geschieht das dann ohne weitere Vorbereitungen einfach aus dem Blauen heraus, oder, wie z.B. bei der Produktion von „Correlations“, bereite ich die Kompositionen in meinem Studio vor und beende sie dann in einem anderen Studio. Ich benutze fremde Studios nur, wenn ich tatsächlich die erweiterten technischen Einrichtungen für die Produktion brauche, also z.B. Aufnahmen mit Orchestermusikern, Schlagzeug etc. Aber für die grundlegende Arbeit ziehe ich es immer vor, diese in meinem eigenen Studio zu erledigen. DU HAST MUSIK FÜR MODESHOWS, THEATERVORFÜHRUNGEN UND FILME KOMPONIERT, SOWIE FÜR SO UNTERSCHIEDLICHE GENRES WIE FLOATING/SPACEY MUSIC, MODERNE KLASSIK UND EXPERIMENTALMUSIK (DIE RICHTIGKEIT DIESER HÖCHST SUBJEKTIVEN BEGRIFFE SEI JETZT MAL DAHINGESTELLT). WAS DICH IN EINE POSITION BRINGEN SOLLTE, ÜBER DIE BEHAUPTUNG, MANCHE STILE SEIEN PER DEFINITIONEM ANSPRUCHSVOLLER ALS ANDERE ZU URTEILEN (WAS DANN AUCH DIE UNTERSCHEIDUNG ZWISCHEN „ERNSTER MUSIK“ UND „UNTERHALTUNG“ RECHTFERTIGTE). WAS IST DEINE MEINUNG DAZU? Meiner Meinung nach sind die Begriffe “Klassik” oder “ernst” die fehlgeleitetsten in der Musik und “moderne Klassik” ist gar der Höhepunkt des Irrsinns. Wenn man es genau nimmt, gab es nur eine einzige historische Periode und einen einzigen Stil namens “Klassik”. Umgangssprachlich sagt nun jeder „Klassik“, sogar für Barock oder Mittelalter oder 12-Tonmusik. Ich könnte mit dem Begriff “klassisch” leben, wenn er für alte Musik verwendet würde, die Qualität und Einfluss bewiesen hat. Aber der Begriff „ernst“ ist ein echter Killer, insbesondere als Gegenpol zu „populär“. Das ist purer Rassismus, der als offizielle Klassifikation der GEMA einzig und allein in Deutschland existiert. Musik wurde schon immer zu verschiedenen Anlässen und zu unterschiedlichen Zwecken gespielt, aber diese so genannten „ernsten“ Musiker und Komponisten waren alle Unterhalter. Beethoven und Mozart haben beide in kleinen Salons gespielt, zur Vergnügung der upper class, und wie sieht es erst mit Verdi aus? Seine Opern waren Massenattraktionen. Wenn dies ernst ist, dann sind ABBA, Madonna und Robbie Williams verdammt ernst. Dies kann auch nur dem armen Deutschland widerfahren, während in England ein Paul McCartney, ein Elton John oder gar ein Mick Jagger zum „Sir“ ernannt werden. Ich bin diese Klassifizierung wirklich satt und muss doch wirklich mal empfehlen, die Geschichte der Musik und ihrer Komponisten zu studieren, um „ernsten“ Schaden an ihren zeitgenössischen Kollegen zu vermeiden. Musik macht nur Sinn, wenn es Leute gibt, die offen sind, sie auch zu hören. Dies bedingt ihre Popularität – ganz egal, ob es sich dabei um lustige oder traurige Musik handelt, Musik für eine Beerdigung oder eine Hochzeit, religiöse Musik oder Tanzmusik. Wenn wirklich keiner sie hören möchte, wenn Du kein Publikum findest, gibt es ganz offenbar ein Problem mit Deiner Musik und das gilt ebenso für einen einfachen Song wie für ein „anspruchsvolles“ Stück von – sagen wir mal – John Cage. Populärmusik in unserem Verständnis gab es nicht immer, dies hat sich erst im Laufe der Zeit, vor allem im letzten Jahrhundert entwickelt, durch die technischen Möglichkeiten und die Bedürfnisse der Gesellschaft. In alten Zeiten war Musik streng nach Zünften getrennt, es gab Kirchenmusiker, die Musiker am Hofe, fahrendes Volk mit Spielleuten und sogar eine Zunft für Begräbnismusiker. Eine Vermischung war nicht aus musikalischen sondern aus gesellschaftlichen Gründen völlig undenkbar. Die Musiker am Hofe hatten natürlich ein besseres Leben und wurden auch berühmter, weil ihre Werke gedruckt und verlegt wurden. Die Volksmusik wurde nur in den Dörfern gespielt, die wurde ja nicht auf Schallplatten aufgenommen und in der ganzen Welt ausgestrahlt. Sie wurde nur von Dorf zu Dorf weitergegeben und ein wenig ist ja auch davon überliefert. Insofern ist eine Einteilung in „ernste Musik“ oder „Unterhaltungsmusik“ nur ein blamabler Rückschritt und gleicht dem Versuch die alten gesellschaftlichen Stände wiedereinzuführen. Wenn man die im Umgangston sogenannte Klassische Musik im Sinne von alter Musik (sprich beliebt und bewährt) subventioniert, um sie als Kulturerbe erhalten zu können, so ist das eine lobenswerte Sache. Aber die Tatsache, eine neu geschaffenen Musik a priori so oder so zu kategorisieren und damit eine Wertung vorzunehmen ist schlichte Zensur. So wie sich die Gesellschaft verändert und entwickelt hat und mit ihren Erfindungen in Technik und Medien völlig neue Möglichkeiten geschaffen hat, hat sich auch erst die heute weltweit verbreitete Populärmusik entwickelt, die global als Popmusik gilt. Alle Versuche seit Anfang des letzten Jahrhunderts sich davon abzugrenzen sind mehr oder weniger gescheitert, die Musik wurde immer intellektueller, das Publikum konnte nicht mehr folgen und blieb irgendwann ganz aus. Erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, durch Komponisten wie Steve Reich oder Phil Glass, begann man sich wieder für zeitgenössische Musik zu interessieren und die Konzertsäle waren plötzlich wieder voll. Ich will damit nicht gegen Experimente aller Arten reden, schliesslich zähle ich mich ja auch dazu, aber es zeigt deutlich, dass nun mal ein Komponist ohne Publikum keiner ist – egal welchen Genres. WIE WÜRDEST DU SAGEN, WIRD DEINE PERSÖNLICHKEIT IN DEINER MUSIK REFLEKTIERT, WAS MACHT SIE ANDERS ALS DIE VON KOLLEGEN? Mein Leben ist Musik. Und meine Musik ist mein Charakter. Ich weiß nicht, ob sich das bei anderen Künstlern anders verhält. EINE FRAGE, DIE ENG AN DIE VORIGE ANSCHLIESST: WER ODER WAS WAR DEIN GRÖSSTER EINFLUSS ALS KÜNSTLER? SIEHST DU DICH ALS TEIL EINER BESTIMMTEN BEWEGUNG? Ich bin ein Kind meiner Generation, das gehört zur Entwicklung meiner Musik: die Musik, die ich in den ’50ern gehört habe, die Musik, die ich in den ’60ern gehört habe, die Entwicklung der Musik in Deutschland, die ’68er-Revolte, die progressive Musik, Beatniks, Underground, Gegenkultur und die Versuche, alles anders zu machen. Das war die Zeit, in der ich mich sehr viel mit Musik beschäftigt habe, in der ich mir Gedanken über mich gemacht habe, über meine Musik und wie ich mich dadurch äußern kann. Und das lebt bis heute weiter. Jetzt ist die Inspiration durch außen nicht mehr so stark. Vor allem die Jahre, in denen ich angefangen habe, Musik zu machen, von 10 bis 30, waren prägend. Meine Entwicklung ist natürlich nicht stehen geblieben, aber es gibt nicht mehr so viele Kleinigkeiten, die mich so stark beeinflussen. Ich kann nicht sagen, wer mich am meisten inspiriert hat. Ich habe als Kind viel Radio gehört, zum Beispiel Opern, aber auch amerikanische Musik, frühen Soul, dann in den ’60er Jahren die Rolling Stones und die Beatles, die ganze Beatmusik. Eric Clapton, Jimi Hendrix und andere Bluesgitarristen haben mich mal sehr interessiert, weil ich klassische Gitarre zu spielen gelernt hatte, aber keine Ahnung von der zeitgenössischen elektrischen hatte. Ich wollte also hören, wie andere das machen. Eric Clapton und seine Band „Cream“ waren ein gutes Beispiel, weil sie sehr lange Improvisationen gemacht haben auf Konzerten und diese auch veröffentlicht haben. Ich habe mir das einfach angehört, immer wieder von vorne, und habe versucht, es nachzuspielen. Bei Jimi Hendrix war es ein bisschen schwieriger, die Noten herauszuhören, weil er so wunderbar die Saiten verbiegen konnte. Aber das waren meine Übungsbeispiele. Ganz selten waren Noten von Beatmusik oder Popmusik erhältlich, schon gar nicht von ellenlangen Improvisationen. Also musste mir das anhören und so lange herumprobieren, bis ich es herausgefunden hatte. Da war ich etwa 16. Ich wollte natürlich nicht ein perfekter Imitator werden, aber so konnte ich lernen, wie man das so macht, um später etwas anderes daraus zu entwickeln. WIESO BIST DU NICHT JAZZ- ODER BLUESMUSIKER GEWORDEN? Mit Jazz habe ich mich immer etwas schwer getan, weil es für mich eine altmodische Musik war. Typisch „Jazz“ waren für mich ältere Männer mit Bierbauch und Bart, die sich sonntags um zehn zum Brunch in der Kneipe treffen und losswingen. Das hat mich eher abgestoßen. Obwohl das nicht der richtige Jazz war, sondern eher das Elend des Jazz. Der Jazz hatte sich inzwischen so vervielfältigt: Es gab Free Jazz, Cool Jazz und Jazzrock. Außerdem hat die Gitarre beim Jazz hinter den Blasinstrumenten meistens eine nachrangige Rolle gespielt, eine Rhythmusfunktion gehabt. Jazz ist in einer Zeit entstanden, in der die Gitarre noch kein dominantes Instrument war, weil sie noch nicht verstärkt wurde. Das kam erst später. Die Gitarre ist ursprünglich ein sehr leises Instrument, schlicht aber effektiv, was man sowohl zur Begleitung (polyphon) aber auch solistisch spielen kann. Franz Schubert z.B. hat alle seine Werke auf der Gitarre komponiert, weil er sich ein Klavier gar nicht leisten konnte. Erst als die Gitarre diesen berühmten „Pick Up“ (Tonabnehmer) bekam, kriegte sie plötzlich eine ganz andere Dimension – auch im Jazz, aber da waren die Rollen schon verteilt. Die Bläser konnte man nicht einfach alle entlassen. Es entwickelten sich dann später Jazzgitarristen wie McLaughlin oder Al di Meola, die mich aber nie ganz überzeugen konnten, weil sie mehr durch ihre Fingerfertigkeit, ihre Schnelligkeit, und nicht durch eine besondere Musik brillierten. Eher noch Paco de Lucia, weil er die traditionelle (spanische) Komponente mitbringt. Gitarre und Blues, das passt einfach besser zusammen, Rock’n Roll und später Rock Musik bis zu Heavy Metal sind nur die logische Fortsetzung, schneller, härter und vor allem lauter. Ich hatte ja mal eine Bluesband bis zum 16. Lebensjahr, 1968/69, und bis heute sind Blues-Elemente immer wieder in meiner Musik zu finden. WIE SIEHST DU DIE BEZIEHUNG ZWISCHEN KLANG UND KOMPOSITION? Komposition ist Klang, die ganze Musik ist Klang. WAS MACHT FÜR DICH EINE GUTE LIVE PERFORMANCE AUS? WIE BEREITEST DU DICH DARAUF VOR? Frisch und ausgeruht und guten Mutes … Ich kann nur von meiner Performance sprechen: Was ich gerne mache, ist, eine lebendige Musik zu spielen. Es gibt zwar eine Form, die aber schwächer oder stärker (z.B. bei einem Filmevent), hervortreten kann. Das Konzept kann legerer vorbereitet sein und sich aus dem Moment heraus entwickeln. Wichtig ist nur, dass die Performance offen ist. Wenn man zu viel programmiert und zu viel übt, kann es passieren, dass man keine richtige Stimmung erzeugt, weil die eigenen Gedanken und das ganze Handeln darauf ausgerichtet sind, ein bestimmtes Programm abzuspulen und ja nichts falsch zu machen. Ich finde, zu einem guten Konzert gehören immer auch ein paar schiefe Noten, die nicht im Programm stehen. Das macht es erst wirklich lebendig und einmalig. MAL GESETZT, ES GEBE KEIN COPYRIGHT MEHR UND JEDER KÖNNTE FREI DAS MUSIKALISCHE MATERIAL ANDERER ALS BASIS FÜR SEINE EIGENEN KOMPOSITIONEN VERWENDEN – WÄRE DAS EINE VERBESSERUNG GEGENÜBER DER HEUTIGEN SITUATION? Das wäre keine Verbesserung, das ist die tatsächliche Situation. So ist das. Und es war schon immer so: Deine eigene Komposition basiert immer auf irgendwelchen Fragmenten oder Dreiklängen, die du schon irgendwo mal gehört hast. Du setzt sie nur neu zusammen. Das hat nichts mit Copyright zu tun. So eine Frage kann nur einer stellen, der keine Musik macht. Wenn meine Sachen von DJs geklaut werden, ist das zwar nicht so schön, aber es ist doch gleichzeitig ein Kompliment und zeigt mir, dass ich eine Musik mache, die so interessant ist, dass sie benutzt wird. Viele sehen das auch nicht als Klauen. Ich finde, es muss im Rahmen bleiben: Wenn man anfängt, mit Millisekunden und Milliprozenten zu rechnen, wird es lächerlich. MANCHE MEINEN, ES SEI ÜBERHAUPT NICHT MEHR NOTWENDIG, ALBEN AUFZUNEHMEN, DASS ES SO ETWAS WIE WIRKLICH “NEUE” MUSIK GAR NICHT MEHR GEBE. WAS ERWIDERST DU IHNEN? IST DAS „NEUE“ ÜBERHAUPT EIN WICHTIGER ASPEKT DEINES SCHAFFENS? Ich möchte immer, dass es neu ist oder das etwas Neues darin ist. Und ich denke, das wollen die meisten. Es gibt wahrscheinlich Ausnahmen, die nichts Neues erfinden wollen, sondern etwas im Stil von sowieso machen wollen. Sonst will wohl jeder, ob er nun Popmusiker oder so genannter moderner Klassiker ist, etwas Neues schaffen. Wenn du ein Bild malst, willst du auch ein neues Bild malen. Aber auch in der Malerei gibt es ja Kopisten, die sich darauf spezialisieren, bestimmte Stile nachzuahmen. Wenn einem das Spaß macht: bitte sehr. Aber mir macht es eben Spaß, neue Musik zu machen und über die Entwicklung der Musik, auch meiner Musik nachzudenken. In den letzten 50 Jahren meines Lebens hat sich vieles verändert – wie wird es in den nächsten 50 Jahren weitergehen? Ich frage ich mich, welche Einflüsse haben die Minimalisten gehabt? Welche Einflüsse hatten elektronische Geräte, zum Beispiel Drum-Machines? Welche Einflüsse die Mehrspur-Tontechnilk auf Prouktionen und das Hören? Was bedeutet für die Kulturgeschichte die Erfindung des Autoradios? Dass man sich Tracks auf das Handy herunterladen kann, interessiert mich nicht im kommerziellen Sinn, sondern als Phänomen, wie sich der Mensch gegenüber der Musik verhält, wie er sie hört und erlebt. Es wird alles kürzer, komprimierter. Man muss schon wesentlich mehr Einsatz aufbringen, um ein Stück zu machen, das 30 Minuten lang ist, und darauf zu bestehen, dass Leute sich das auch anhören. Da muss man sich durchsetzen, die Hörer zu Geduld veranlassen. Ich entwickele meine Musik weiter, mache das, was mich interessiert, und probiere immer wieder Neues aus. Wie beim „Schloss Vogelöd“, als ich etwas für ein Orchester schreiben wollte, was sich hinterher tatsächlich (fast) so angehört hat, wie ich es mir vorgestellt hatte. Das war neu für mich und ziemlich interessant. Und ich hätte auch Lust, so etwas zu wiederholen, zumal einige musikalische Ideen aufgrund der kurzen Vorbereitungsphase nicht zur Geltung kommen konnten. In der elektronischen Musik sind wir immer noch in der (Techno) Steinzeit, was die Ausnutzung der Möglichkeiten und erst recht die daraus folgende Ausprägung von Stilen, Genres etc. betrifft. FINDEST DU, DASS EIN KÜNSTLER EINE BESTIMMTE VERPFLICHTUNG GEGENÜBER JEMAND ANDEREM ALS SICH SELBST HAT? ODER, UM ES MAL ANDERS AUSZUDRÜCKEN: SOLLTE KUNST EINEN POLITISCHEN SOZIALEN ODER IRGENDEINEN ANDEREN ASPEKT AUSSERHALB DER EIGENEN ERLEBNISWELT BESITZEN? Diese Frage hat früher immer Hartmut Enke bentwortet: „Wir verstehen uns als ein Teil des Ganzen im politischen System und identifizieren uns …“ Tim Leary sagte: „Tune in, turn on, drop out.“ Was kann ich denn mal sagen? – Musik ist ein Spiegel – steht auf der Mulde (meine neue CD) – so ist jede Kunst Spiegel der Zeit, der Gesellschaft usw. Ich glaube nicht daran, dass ein Mensch Kunst produzieren kann völlig losgelöst von allem drumherum, von frühesten Kindheitseindrücken bis hin zu lapidaren physikalischen und anderen Naturgesetzen. Im Gegenteil, Kunst ist nichts weiter als eine sublimere Form der Geschichtsschreibung, wie „human beings“ Zeit und Raum verstehen. MAN ERNENNT DICH ZUM DIREKTOR EINES FESTIVALS. WAS STÜNDE AUF DEINEM PROGRAMM? Ich würde Jimi Hendrix einladen, Jim Morrison, Erik Satie, Beethoven – alle, die nicht mehr da sind. VIELE KÜNSTLER TRÄUMEN VON EINEM MAGNUM OPUS. HAST DU EINE VORSTELLUNG DAVON, WIE DEINES KLINGEN WÜRDE ODER HAST DU ES GAR SCHON VERÖFFENTLICHT? Ich habe keine Vorstellung von meinem großen Meisterwerk – möglicherweise habe ich das schon längst gemacht und noch gar nicht mitgekriegt. Das entscheide ja letztlich auch nicht ich, die Zeit wird’s zeigen, ob was Meisterliches dabei war. Ich finde, ich habe schon ganz gute Sachen gemacht, was aber nicht heißt, dass ich mich jetzt zur Ruhe setze. Es gibt einfach noch viele Dinge, die mich interessieren, die ich machen möchte, zum Beispiel die Arbeit mit Orchestern weiterzuentwickeln. Andererseits habe ich mir gerade so eine schöne Gitarre gekauft, mit der ich etwas solistisch ausprobieren möchte, was ich schon seit Jahren vorhabe. Ich habe auch Lust, mal wieder einfachen Rhythm and Blues zu spielen. Und ich habe Lust, mich weiter mit elektronischen Sachen zu beschäftigen. Es gibt viele Dinge, von denen ich möglichst viele noch zustande bringen möchte. Wer weiss, was da noch so herauskommt.

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