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CLAUS GRABKE

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UNSER MITARBEITER „SCHWARZ“ HATTE DIE MÖGLICHKEIT MIT CLAUS GRABKE, DEM GÜTERSLOHER SZENE-IDOL (THUMB/ ALTERNATIVE ALLSTARS, PRODUZENT) EIN INTERVIEW DER NICHT ALLTÄGLICHEN ART ZU FÜHREN. ES GEHT UM EINE TÄTIGKEIT, DIE BEI VIELEN LEUTEN MITTLERWEILE IN VERGESSENHEIT GERATEN IST: DAS LESEN! WENN DU DEN BEGRIFF „LITERATUR“ HÖRST, WORAN DENKST DU? „Literatur“ ist ein komischer Begriff. Der Begriff gibt an sich nicht her, was für mich Lesen bedeutet. Literatur ist so ein Gesamtbegriff geschriebener Sachen, die mich nicht ansprechen, die ich überflüssig finde oder an die ich mich nicht heran traue. WAS BEDEUTET DANN DER BEGRIFF „LESEN“ FÜR DICH? „Lesen“ ist eine Beschäftigung, eine sehr intime Beschäftigung. Literatur ist für mich ein Überbegriff. Ich bin kein Literatur-Freak, ich lese einfach gerne. Das was ich lese, das was persönlich ist – schon egoistisch – würde ich nicht als Literatur bezeichnen, weil ich nicht versuche, dadurch ein möglichst breites Spektrum abzugrasen, um sagen zu können, ich habe dies und das gelesen, von Geschichte zu Religionstheorien habe ich alles durch, wo bin ich jetzt schlau, wo kann ich weitermachen. Ich picke mir Bücher raus, die mich vom Thema interessieren. Daher würde ich mich nicht als Literatur-Fan bezeichnen, das ist bei im einfach „lesen“. WELCHE BÜCHER HABEN DICH AM MEISTEN BERÜHRT? Ich denke, dass jeder versucht sich in einem Buch wieder zu finden. Ich war neulich bei einer Steuerberaterin und wie durch einen Zufall fiel der Satz „Ich lese gerne“. Und sie sofort: „Ich auch, ich lese auch wahnsinnig gerne.“ Ich dachte schon, vielleicht ist die ja doch viel tiefgründiger, als ich dachte. Ich habe dann nachgefragt, was sie denn so liest. Daraufhin war ein Leuchten in ihren Augen: „Kriminalromane, früher habe ich Perry Rhodan verschlungen.“ Es war so trivialste Kriminalliteratur, was sie dann aufführte. Es wurde dann relativ schnell klar, dass sie nicht Tiefe in einem Buch sucht, sondern nur eine Abwechslung, eine Flucht aus ihrem tristen Alltag. Die wollte einfach fliehen, in eine andere Welt abtauchen, in der auf jeden Fall am Ende des Buches eine Problemlösung stattfindet. Lesen ist halt ein auf jede Person zugeschnittenes Ding. Man könnte fast schon ein Buch darüber schreiben, wer welches Buch liest und warum. Ich persönlich habe einen Hang zu philosophischen oder psychologischen Themen. Milan Kundera ist sozusagen der Weltmeister des Genres, er ist unterhaltsam und abwechslungsreich. Seine Geschichten haben viel mit Liebe, mit Fluch und mit Wiederkehr zu tun, dazwischen gibt es dann sehr viele psychologische und philosophische Betrachtungsweisen von Begriffen, die sehr wichtig sind, wie Nostalgie, Zufälligkeit von Liebe und Sehnsucht. Er nimmt das alles in sehr vielen Sprachen auseinander. Er kommt auf Kleinigkeiten und macht sie dadurch groß. Das ist ganz wichtig für mich, ich möchte immer ganz kleine Dinge ganz groß und breitgetreten erzählt bekommen. Zum Beispiel der Obdachlose, der nachts an der Tankstelle sitzt und einen dicken Mantel anhat, obwohl es superwarm ist. Viele Leute denken dann, schau mal den Penner, bei den Temperaturen im dicken Mantel herumsitzen. Für mich hat das ganze einen symbolischen Charakter. Der Obdachlose, der dort sitzt, hat den dicken Mantel an, weil er in einer menschlich kalten Welt lebt. Wie wir alle. Für mich sind die kleinen Sachen die wichtigen Sachen im Leben. Ich lese zwar auch geschichtliche Bücher und auch Biographien, aber die machen mir eher Angst, weil sie so zeitraffermäßig sind. Sie zeigen mir auf eine eher unangenehme Art, wie schnell das Leben vergeht. Ein Beispiel: Ich hatte mal eine Halfpipe, direkt an der Esso-Tankstelle in Gütersloh. Als wir die gebaut haben, war dort ein Mädchen, die gerade ihre Lehre in der Tankstelle begonnen hatte. Das ist jetzt sehr lange her, da war ich auch noch wesentlich jünger. Die Frau ist da jetzt immer noch. Und ich tanke da halt wöchentlich. Ich sehe die Frau im Zeitraffer, da ich sie ja immer nur alle paar Tage sehe. Da ich sie seit Jahren immer wieder sehe, kann ich sehen, wie diese Frau sich verändert und älter wird. Das macht mir Angst. So reagiere ich auch auf Biographien… „dass ist so gestern noch da, heute schon weg.“ Deshalb interessieren mich Sachen wie “Die unendliche Leichtigkeit des Seins”. Klar umfasst das Buch eine Zeitspanne, auch bis zum Tod einer Person, ich habe aber ein anderes Gefühl. Das Buch geht über eine gewisse Zeit, aber es gibt immer wieder Kleinigkeiten, die so ausstaffiert werden, dass man das Gefühl hat, das Buch sei zeitlos. Aber zum Beispiel ist auch “Die Leiden des jungen Werther” ein phantastisches Buch, es ist alt aber auch sehr modern, oder auch Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert, nicht unbedingt “Draußen vor der Tür”, weil das schon zu oft in den Medien verwurstet wurde, sondern seine anderen Sachen, wie zum Beispiel die Geschichte, über den Mann, der Züge mit Menschen vergleicht. DU HAST EBEN GESAGT, DASS DU DICH AN MANCHE SACHEN NICHT RANTRAUST, WAS WÄRE DAS ZUM BEISPIEL? Heidegger zum Beispiel, dass ist ja schon fast ein Sachbuch für Psychologen. Heidegger ist halt jemand, der international immer noch sehr beliebt ist und diskutiert wird. Es geht da um die Grundfragen des Seins und des Ichs. Genau wie Freud. Da hatte ich allerdings das Glück, dass ich Freud in der Schule bei einem wirklich sehr guten Philosophielehrer durchgenommen habe. Ich habe da aus welchem Grund auch immer Zugang gefunden und verstanden, was er (Freud) damit sagen will. Mittlerweile kann ich ihn auch – um ihn anderen Menschen näher zu bringen – fast schon in ein paar kurzen Sätzen zusammenfassen. Besonders sein Werk “Das Unbehagen in der Kultur” finde ich interessant, weniger seine Traumdeutereien und seine Sexphantasien. An Freud traue ich mich heran, aber Heidegger ist zu tief, zu technisch. Es gab da allerdings auch andere Bücher, wie z.B. Goethe und Schiller, wo ich dachte, das war in der Schule schon so blöd, aber mit der Freiwilligkeit des Lesens werden solche Bücher wahnsinnig wertvoll. Früher wurden den Leuten in der Schule die Klassiker nur so reingepaukt, ein Auswendiglernen sozusagen. Das Verstehen kommt erst später. Teilweise auch nur durch die Freiwilligkeit. DA WIRFT SICH DANN DIE FRAGE AUF, OB DIE SCHULE DAS LESEN DEN SCHÜLERN MADIG MACHT! Ich habe schon des Öfteren Leuten Bücher empfohlen, unter anderem auch “Die unendliche Leichtigkeit des Seins” und habe oft gehört „Ne komm lass sein, das hatten wir schon in der Schule.“ Meiner Meinung nach kann man viele Bücher in der Schule einfach noch nicht verstehen, teilweise ist das durch die fehlende Lebenserfahrung begründet. Es gibt da z.B. von Kundera das Buch “Die Unwissenheit”, da treffen sich zwei Tschechische Emigranten nach Jahren wieder, die beide eine gemeinsame Vergangenheit haben, an die er sich allerdings nicht erinnern kann, sie dennoch sehr wohl. Sie unternimmt in diesem Buch einen Selbstmordversuch, der als etwas Heroisches dargestellt wird, weil es etwas ist, das über ihr Wissen, ihre Gefühle und ihre Logik hinausgeht. Sie ist dann aber ziemlich enttäuscht, wie sie nach fünf Stunden wieder lebendig aufwacht, obwohl sie sich mit Schlaftabletten in den Schnee gelegt hat. Solche Geschichten liest man natürlich nicht in der Schule, weil dann alle Eltern Sturm laufen würden. Mit solch einer Geschichte, kann man wesentlich mehr anfangen, wenn man eine gewisse Reife entwickelt hat, als wenn man sie als Teenager liest, obwohl sie ja aus der Sicht eines Teenagers geschrieben wird. Man kann sich als Erwachsener erinnern, wie es war in der Jugend, die Gefühle und Ansichten. Man kann verstehen, weil man auf die eigene Teenagerzeit zurückblickt und reflektiert. WAS IST DAS BESONDERE FÜR DICH AN BÜCHERN, DIE DU MAGST? Das Maßlose. Ich bin auch ein sehr maßloser Mensch. Es gibt überall Menschen, die wissen, wann ihr Auto in die Werkstatt muss, die wissen, wo sie den günstigsten Handytarif bekommen, die eine Durchschnittsfrisur haben, halt sehr maßvoll leben, und das finde ich sehr langweilig. Man muss halt den Menschen Extreme vorführen, damit sie etwas verstehen. Ich habe in meinem Leben sehr viele Extreme durchgemacht, ohne vorher zu wissen, was wird. Zwar habe ich keinen Selbstmordversuch unternommen, habe allerdings eine Lehre gekündigt, bin einfach so nach Amerika und habe versucht Profiskater zu werden. Ich finde, das wirkliche Leben besteht aus solchen Unmäßigkeiten. Borchert sagt, wir wissen um unsere schwerste Stunde und dennoch heiraten wir, bauen Häuser, freuen uns auch den nächsten Tag. Da ist so unglaublich optimistisch. GIBT ES ETWAS, WAS DICH BEI BÜCHERN WÜTEND MACHT? SEIEN ES BIOGRAPHIEN VON MENSCHEN, DIE SO UNINTERESSANT SIND WIE NUR IRGENDETWAS, ODER ROMANE, DIE NUR DES SCHREIBENS WEGEN GESCHRIEBEN WERDEN? Ne, ich freue mich über jeden Bohlen oder Becker. Das ist genauso wie die heutige Musik im Radio, die Leute haben es nicht besser verdient. Ich freue mich dann über Menschen, die so etwas nicht brauchen und ihre Erfüllung in tieferen Sachen finden. Ich beobachte gerne Menschen, die völlig idiotische Dinge tun. Eine Welt, in der jeder Mensch ein Sonderling ist, wäre auch ganz schön langweilig. „Kalt“ gibt es nur mit „Warm“ und „Angst“ nur mit „Freude“, daher werden besondere Bücher erst durch solche Sachen wie der Bohlen zu etwas Besonderem. Bücher mit Tiefgang kann es nur geben, wenn es Bücher gibt, die völlig schwachsinnig sind. Je mehr Bücher auf der Bestsellerliste stehen, die totaler Blödsinn sind, desto mehr freust du dich, wenn du mal ein Buch findest, dass wirklich großartig ist. Ich war letztens mit meinem Sohn skaten und da hab ich gesehen, wie Menschen Bücher weggeworfen haben, und ich habe dabei großartige Bücher, u. a. von Tolstoi gefunden. Großartig, teilweise uralt, noch in altdeutscher Schrift. Da freut man sich schon, dass man so etwas findet. Ich werde sie lesen und mich über die Zufälligkeit des Findens freuen. Das ist auch etwas, was ich persönlich sehr wichtig finde. Das Suchen und Finden des Glücks. Die Leute sollten nicht immer auf die Zufälle des Glücks hoffen. Sie sollten danach suchen. Früher war es zum Beispiel toll, wenn man gewisse Vinyl-Scheiben hatte, an die es sehr schwer zu gelangen war. Man hat dann halt gesucht und nach langer Suche meist gefunden. Das war so ein unglaublich glückliches Gefühl. Heute geben die Menschen zu schnell auf. EINE LETZTE FRAGE, WELCHES IST DEINE PERSÖNLICHES LIEBLINGSBUCH, WELCHES DIR AM MEISTEN GEGEBEN HAT? Sigmund Freud “Das Unbehagen in der Kultur”, Kundera “Die unendliche Leichtigkeit des Seins” und fast alles von Borchert.

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