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FURY IN THE SLAUGHTERHOUSE (THORSTEN WINGENFELDER)

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„Wenn wir diesen Entschluss nicht gewählt hätten, wären wir irgendwann zu unserer eigenen Coverband geworden.“ AUF IHRER GROSSEN ABSCHIEDSTOURNEE NAHMEN DIE HANNOVERANER FURY IN THE SLAUGHTERHOUSE AUCH ABSCHIED VON BIELEFELD. EIGENTLICH SOLLTE ES IM VORFELD DES INTERVIEWS MIT THORSTEN WINGENFELDER NUR UM MUSIKALISCHE DINGE GEHEN, JEDOCH HATTEN DIE EREIGNISSE DER WOCHE DAFÜR GESORGT, DASS ZUNÄCHST FRAGEN AUFGEWORFEN WURDEN, DIE MAN SONST EHER FUSSBALLSPIELERN STELLT… THORSTEN JETZT HABT IHR DIE ABSCHIEDSTOUR GROSS GEPLANT UND DANN ROLLEN EUCH SO VIELE STEINE IN DEN WEG, WIE IST DER AKTUELLE GESUNDHEITLICHE STAND DER BAND? Da will ich mal fußballerisch antworten: Es ist alles kaputt, aber wir dürfen nicht mehr auswechseln! Kai muss trotz seines Kreuzbandrisses durchspielen. Gleich nach dem Auftritt in Eupen, den wir abgesagt hatten, waren wir bei einem Spezialisten in Köln und da war es zwischendurch schon ein bisschen haarig. Die Prognosen waren nicht gerade ermutigend, aber die Ärzte in Köln sind echte Rock ’n’ Roll-Ärzte und jetzt trägt Kai halt eine Spezial- Titanium-Metall-Brace, die das Knie und den Unterschenkel zusammenhält. Mit der Spezial-Titanium-Metall-Brace kannst du so etwas schneller gehen und auch so sicher gehen, dass man sich auf der Bühne etwas schneller bewegen kann. Kai bekommt zusätzlich Schmerzmittel. Mit der Verletzung haben wir einen Gig gemacht und der war mehr oder weniger super. Deshalb ziehen wir das auch durch und spielen die Tour zuende. Zuende heißt: Am 30.08.2008 ist der letzte Gig und am 01.09.2008 wird operiert. WIE HABT IHR DIE VERLETZUNG KAIS WAHRGENOMMEN? Ach das war keine wilde Sache, man kennt das ja, die schlimmsten Unfälle passieren bei den einfachsten Dingen im Haushalt. Und so war das hier auch. Es passierte bei „Dancing in the sunshine of the dark“. Kai sprang hoch und kam blöd auf. Dann war es auch schon passiert und dann lag er da. Es war jetzt nichts Wildes wie Ewald Lienen mit aufgerissenem Bein oder so. Ab diesem Zeitpunkt Luxemburg war dann halt die Barhockernummer angesagt. IHR HABT EUCH GEZIELT AUF DIE ABSCHIEDSTOURNEE VORBEREITET UND DANN SO WAS, EIN BÖSES OMEN? Das ist kein böses Omen, es gibt kein böses Omen. Die Katze läuft von rechts nach links, egal ob es Freitag der 13. ist oder nicht. Der Unfall bedeutet eine Veränderung im Leben und das muss man hinnehmen können. Das einzig dramatische wäre gewesen, wenn man die Tour hätte absagen müssen, weil die Verletzung nicht mehr so einfach zu kitten gewesen wäre. So ist das leider bei Gregory Darling passiert. Der hat beide Augen operiert bekommen und kann quasi einen auf Stevie Wonder machen, aber sich nicht mehr so bewegen, wie das für seine Musik passend wäre. Für den ist die Tour vorbei. Dass solche Dramen gleichzeitig die Vorband erwischen, den Specialguest und die Hauptband ist natürlich tragisch. Aber Kais Verletzung hat die Band eigentlich noch mehr zusammengebracht. Die Verletzung müssen wir halt kompensieren durch mehr Tiefe, durch weniger springen, der physische Aspekt muss jetzt irgendwo anders herkommen. SEID EUREM BEGINN HAT SICH IN DER MUSIKWELT VIEL GETAN, WIE HAT SICH DIE MUSIKSZENE DEINER MEINUNG NACH VERÄNDERT? Die wichtigste Feststellung ist erst mal, dass sie sich verändert hat und permanent verändert. Früher war es so, dass es noch Vinyl gab. Jetzt gibt es wahrscheinlich bald noch nicht mal mehr CDs. Diese verschiedenen Konfigurationsstufen haben wir alle noch miterlebt. Als wir anfingen, gab es nicht so viele Szenen. Mittlerweile ist es selbst in der Hip Hop Szene so, dass du unterschiedliche Szenen hast. Ebenso in der Metalszene oder im Alternativebereich. Heutzutage ist es als Künstler so, dass Du weniger verkaufst und ganz klar zielgerichtet auf kleine Gruppen arbeiten musst. Das funktioniert in Amerika noch viel besser, weil die da für jedes Genre eine Radiostation haben. Das haben wir in Deutschland nicht und deshalb haben wir auch keine Musikszene mehr, die wirklich global über irgendwas berichtet. Es gibt eine Menge Fanzines, aber es gibt kaum mehr Radiostationen, geschweige denn Radiosendungen, die über die einzelnen Entwicklungen berichten. Das heißt, es zerfasert immer mehr alles und spaltet sich immer mehr ab. Vieles geht so in den subkulturellen Untergrund und das ist eigentlich schade. Das alles ist ein Zeichen dafür, dass irgendwann der Vulkan ausbricht. Das heißt, dass es irgendwann keine Major Companies mehr gibt, sondern dass irgendwann Clubs oder subkulturelle Unternehmen zu den größeren Unternehmen gehören und Leute ziehen, oder das Internetradios so populär werden wie heute der normale, öffentliche Hörfunk. DU HAST GERADE DIE UNTERSCHIEDLICHEN SZENEN ANGESPROCHEN, IHR HABT AUCH AUF DEN UNTERSCHIEDLICHSTEN FESTIVALS GESPIELT, UNTER ANDEREM AUCH 2003 AUCH BEIM WOODSTAGE IN GLAUCHAU, WIE KAM ES DAZU? Frag mich, warum es so ist, ich könnte Dir jetzt eine Fury Platte zusammenstellen mit Demosongs von 1988 bis zum letzten Album, wo ich dir die ganzen Gothic und dunkleren Songs draufpacken würde, die dann eher so ein bisschen an SISTERS OF MERCY oder CURE angelegt waren. Du würdest wahrscheinlich sagen, wenn du dieser Musik zugetan bist: “Hätte ich gar nicht gedacht.“ Wir hatten immer leichte Kontakte in diese Szene und da ist es halt auch ein Vorteil, wenn Leute A und B hören und nicht nur auf eine bestimmte Musikrichtung fixiert sind. Das bedeutet für uns, die Leute hören NIN, PROJECT PITCHFORK, EBM, aber möglicherweise sind auch Songs von Fury mit dabei. Und 2003 war da ein Veranstalter mit am Start, der einen Kontrapunkt setzen wollte, weil er der Meinung war, dass es funktioniert. Soweit ich mich erinnern kann, hat es auch funktioniert und es war auch ein sehr angenehmes, friedliches Festival. Solche Szenefestivals sind eh immer sehr friedlich. WIE HAT SICH EURE ARBEITSWEISE IN DEN JAHREN VERÄNDERT? Ja gut, die verändert sich eigentlich gleich mit dem ersten Album. Vorher bist du eine Band, die im Proberaum übt, Stücke schreibt, 40 Stücke hat und daraus ein Album macht. Danach musst du neue Songs schreiben für das zweite Album, wohnst dann plötzlich nicht mehr zusammen in einer WG, probst auch nicht mehr so oft, weil du gar nicht mehr die Zeit hast. Irgendwann ziehst du auseinander und dann siehst Du Dich nur noch turnusmäßig. Mittlerweile war es dann auch so, dass wir in unseren einzelnen Studios abhängen und unsere Samples hin- und herschicken. Und da entwickelst du dich dann mit der Datenwelt mit. Aber letztendlich, wenn die Band auf die Bühne geht, ist immer noch alles so wie immer – wie am Anfang. NUN HÖRT IHR DIESES JAHR AUF, WANN IST DER ENTSCHLUSS DAZU GEREIFT? Der Entschluss dazu gereift ist eigentlich Mitte letzten Jahres, als wir uns überlegt haben, dass wir keine Platten mehr machen wollen, wie wir das bisher gemacht haben, weil das der Band nicht gut tut. Einfach so aufhören wollten wir auch nicht, weil wir uns auch nicht im Streit trennen. Da wir auf eine erfolgreiche und schöne Zeit zurückblicken, wollten wir uns selber noch ein bisschen feiern und haben uns entschlossen, eine Best-Of Compilation zu machen und als Tabula Rasa alle Videos draufpacken, die wir jemals gemacht haben. Als krönenden Abschluss wollten wir dann eine Abschlusstour machen, die sich gewaschen hat, mit dem Abschlussgig in unserer Heimatstadt Hannover. Dann fiel allen ein Stein vom Herzen, dass man das machen kann. Es war natürlich auch eine traurige Sache, aber trotzdem dachten wir: „Das hat was.“ Und wenn ich die Zahlen der Tour sehe: Bielefeld ausverkauft, in Hamburg wird es zwei Shows geben, in Hannover drei, dann lässt sich dazu sagen: „Wow, toll es war der richtige Weg.“ Wenn wir diesen Entschluss nicht gewählt hätten, wären wir irgendwann zu unserer eigenen Coverband geworden. UND DER ENTSCHLUSS IST EINSTIMMIG GEFALLEN? Es gibt in der Band keine Demokratie. Es gibt eigentlich immer nur Demokraturen, das heißt zwei/ drei Leute preschen voran und die anderen müssen sich dann damit beschäftigen. Dieser Entschluss wurde einstimmig abgesegnet. WAS WAR DIE GRÖSSTE ENTTÄUSCHUNG IN EURER KARRIERE? Eigentlich gibt es sie nicht. Ich war irgendwann überrascht, dass wir in Amerika kurz vorm Durchbruch waren und das unsere Kondition dann nicht ausreichte, um dann noch die Westküste zu machen, um dann in Amerika eine goldene Schalplatte zu machen und dann zwei drei Jahre später im Madison Square Garden zu spielen. Alle sagten zwar: „Ihr seid die deutschen U2“ – aber dieses Land ist so groß, dass man irgendwann überrascht war, als der Amerikaausflug vorbei war, man aber aufgrund der Größe noch am Leben war und nicht erschlagen wurde:) NEBEN FURY HABT IHR AUCH ZAHLREICHE ANDERE PROJEKTE, DIE WERDEN ABER FORTGEFÜHRT? Na gut, wir werden jetzt nicht aufhören zu leben. Es kommt ja keiner mit 5 oder 6 Särgen und holt uns alle ab nach dem letzten Gig. Wir sind alle Künstler, wir hören alle in einem Alter auf, wo man noch mal die Chance hat, was zu machen, aber auch noch was machen muss. Ich werde neben der Musik außerdem weiter fotografieren, Kai wird weiter als Filmemacher seiner Kreativität freien Lauf lassen. Von der Musik loslassen können wir sicher alle nie. WAS IST DAS ERSTE, WAS DU NACH DEM 30.08. TUN WIRST? Meine Augen aufmachen, meine Frau im Hotel küssen und dann sagen: „Komm lass uns frühstücken!“ Dann fahren wir mit allen Sachen nach Hause. Und da warten unsere drei Kinder auf uns, die sagen: „Papa, Papa ist wieder da.“ Das wird das erste sein. DER GIG IN HANNOVER – FREUT MAN SICH DA BESONDERS DRAUF ODER SCHIEBT MAN DEN LETZTEN TAG NOCH SO EIN BISSCHEN VOR SICH HER? Der letzte Tag wird schon melancholisch und schräg werden. Heute ist halt das letzte Mal Bielefeld, aber ich weiß gar nicht, ich habe mich damit so lange beschäftigt, ich mag ja eigentlich diese Melancholie und wenn die Band einen melancholischen Anteil hat, dann bin ich da sehr involviert. Ich sehe auch Leute im Publikum weinen, ich habe auch schon Weinkrämpfe miterlebt, aber es tut gut, wir setzen so ein bisschen “Legendenpatina“ an. Alles zusammengefasst ist das auch ein Dankeschön und ich hoffe, dass wird beim letzten Gig auch so sein. Das wird eine Riesen Party werden und danach bist du eben der Ex-Fury oder der Fury a. D. ALLES GUTE FÜR DEN REST DER ABSCHIEDSTOUR UND EUREN WEITEREN MUSIKALISCHEN WIE MENSCHLICHEN WERDEGANG!

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