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GET CAPE. WEAR CAPE. FLY (SAM DUCKWORTH)

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Ich habe die Nase voll von Leuten, die Musik nur negativ und melancholisch haben wollen. Was ist verkehrt an ein wenig Positivität? Du willst dein Leben doch nicht nur damit verbringen, schlecht drauf zu sein. SAM DUCKWORTH ÜBER DIE LAST MIT DER BRITISCHEN PRESSE, POLITIK, DEM LIEBEN GELD UND DEN UMSTAND, DAS SICH WENIG AUF GLOBALISIERUNG REIMT… FANGEN WIR DOCH GLEICH EINMAL MIT DER LEHRBUCHFRAGE NR.1 AN: WENN DU AN „SEARCHING FOR THE HOWS AND WHYS“ DENKST, BIST DU ZUFRIEDEN MIT DEM ERGEBNIS? Ja, sehr sogar. Ich habe an einigen Songs über ein Jahr gearbeitet, sie aufgenommen, umgeschrieben und umgearbeitet, bis ich an einem Punkt gelangte, an dem ich mich selber fragte, ob sie jemals fertig würden. Dann bin ich ins Studio gegangen und alles bewegte sich noch einen Schritt auf ein neues Level zu. Deswegen bin ich wirklich mit dem Endergebnis zufrieden. MUSSTEST DU IRGENDWO ZURÜCKSTECKEN ODER HAST DU ALLES BEKOMMEN, WAS DU FÜR DIE AUFNAHMEN HABEN WOLLTEST? Ziemlich alles. Ich denke, wenn man zurückblickt, ist es immer einfach, die Aufnahmen zu analysieren, daran zu denken, was man hätte ändern können. Deswegen ist es immer wichtig zu wissen, dass ein Album einen Zeitabschnitt darstellt, und man nicht Jahre damit verbringt, den definitiven Sound zu finden. Denn am Ende kommt man doch immer wieder zu den Aufnahmen zurück, die man am Anfang gemacht hat. Mir ging es darum, meinen Sound zu diesem Zeitpunkt in meinen Leben festzuhalten. Und in diesem Moment klingt es perfekt. AN WELCHEM PUNKT WAR DIR DENN KLAR, DASS DU DEINEN SOUND EIN WENIG VERÄNDERN WOLLTEST, DIE ORCHESTRALEN ELEMENTE MIT EINBINDEN UND NITIN SAWNEH PRODUZIEREN LASSEN WOLLTEST? Eigentlich bevor die erste Platte herauskam. Vieles an der ersten Scheibe schrieb ich schon zwei Jahre, bevor sie veröffentlicht wurde. An der neuen schrieb ich insgesamt fast drei Jahre. Einen Song wie „Window of your mind“ spielten wir schon auf unserer ersten Tour. Ich habe schon immer Orchester-Parts und Streicher-Arrangements geschrieben, auf der ersten waren sie auch schon vorhanden, z.B. bei „Call me Ishmael“ und „Chronicles Part II“, bloß waren sie nicht so prominent platziert. Es ist also weniger eine Neuerfindung, sondern eher als Expansion meines Songwritings zu verstehen. In den UK spiele ich seit drei Jahren mit einer Live-Band und einer Horn-Sektion, deswegen fühlte es sich natürlich für mich an, mit diesen Dingen im Kopf die Songs zu entwickeln. Dieses Album zu schreiben, war einfach unter dem Banner Fortschritt zu verstehen. Trotzdem scheint es für einige Leute überraschend zu sein. DAS ERSTE ALBUM FIRMIERTE EBEN UNTER EINEM SINGER/ SONGWRITER LABEL, GENAUSO WIE ES UNTER DER „EMO“-SCHUBLADE EINSORTIERT WURDE. WAR ES EIGENTLICH O.K. FÜR DICH, DASS DU DIESE ETIKETTEN BEKOMMEN HAST? Ich mag “Emo“. Ich mag GET UP KIDS, RIVAL SCHOOLS, SAVES THE DAY. Das ist die Musik, die ich mir anhöre, wahrscheinlich werde ich deswegen unter diesem Namen eingeordnet. Ich hasse…, Ich mag nicht „the new breed of Emo“, so etwas wie FALLOUT BOY. Das ist Pop-Musik, die von verkleideten Punk-Kids gespielt wird und als „Emo“ bezeichnet wird. Für mich ist das aber kein „Emo“. BRAID, HEY MERCEDES, diese ganzen Vagrant Bands, aber auch THURSDAY, das war die zweite Welle des „Emo“. Davor gab es JETS TO BRAZIL, RITES OF SPRING, das war so etwas wie die erste Welle. Wenn ich mit diesen Bands assoziiert werde, ist es O.K. für mich. Ich will aber nicht mit FALLOUT BOY oder so etwas in Verbindung gebracht werden. Das mag ich einfach nicht. DAS WAREN WUNDERBARE ZEITEN, ALS DIE GET UP KIDS UND BRAID AUF TOUR WAREN UND HIER IN HAMBURG VOR EIN PAAR HANDVOLL LEUTEN SPIELTEN… Zusammen?! Mir ging es ähnlich als ich die GET UP KIDS zusammen mit ALKALINE TRIO sah. ALKALINE TRIO spielten zwei Stunden lang und die GUK spielten die gesamte „Guilt Show“ –Scheibe und eröffneten die Show mit Tracks von der „Four Minute Mile“. Das war phantastisch, richtig gut! BRAID waren nicht dabei, deswegen war es bestimmt nicht so gut, wie die Show, die Du gesehen hast. DIE WAR GROSSARTIG! Ich bin mir sicher, dass die großartig gewesen sein muss! Unglaublich! WENN DU IN DEN UK MIT EINER GANZEN BAND UNTERWEGS BIST, HAST DU DENN AUCH PLÄNE, DIESE FÜR DIE NÄCHSTEN SHOWS MIT NACH REST-EUROPA ZU BRINGEN? Absolut! In den UK bin ich alleine gestartet und hab alles langsam aufgebaut, denn es ist wichtig, es nicht zu übertreiben. Wenn wir die gesamte Band für solche Konzert-Orte wie hier die Prinzenbar buchen würden, sähe das ein wenig lächerlich aus. Außerdem ist die Energie zwischen uns Beiden, Drums und die Gitarre, einfach gut. Es rockt. Ich möchte Leute die große Show lieber in einem Kontext sehen lassen, in der sie funktioniert. Wenn die Fanbase hier größer wird, werden wir auch eine größere Band bringen. Ich schreibe auch im Moment viel für die Zukunft und wenn denn Album Nummer drei heraus kommen sollte, wäre es schön, wenn man in der Lage wäre, Songs von allen drei Alben zu spielen. Das Ganze in dem Kontext, wie sie sein sollten. Album Nummer 1 war fast nur ich und meine Gitarre. Album Nummer 2 war dann eher so „Ich und die halbe Welt“ (lacht) und Album Nummer 3 wäre dann eher wieder zurück zu mir und meiner Gitarre, Drums und Elektronik. Diese Songs überschneiden sich aber und deswegen wäre es schön, einen Song vom ersten Album, wie „Ishmael“, mit einem Track des zweiten Albums zu verbinden. „Postcards from Catalunya“ korelliert mit „Once more with a feeling“. Die Songs überlappen sich einfach. Es wäre schön, diese mit der Horn-Sektion zu spielen, um den ganzen Drive und die Dynamik zu bekommen. Es ist nur sehr hart, denn die Leute in meiner Band, sind ebenfalls meine Freunde. Deswegen mag ich ihnen nicht zumuten mitzukommen, wenn sie in der Zeit kein Geld verdienen, um zumindest ihre Mieten zu bezahlen. Unglücklicherweise scheitert vieles an finanziellen Dingen. Wenn wir größere Shows spielen würden, würden sie auch ein wenig Geld bekommen. Ich würde sie innerhalb eines Herzschlages hierher holen. Ich liebe es, wenn sie bei mir sind. Man möchte ihnen nur nicht zumuten auf Tour zu kommen, wenn sie dabei an ihren Arbeitsplätzen fehlen und ihre Rechnungen nicht bezahlen können. WAS HAT DICH EIGENTLICH BEWOGEN, DIE GITARRE ÜBERHAUPT IN DIE HAND ZU NEHMEN? Mein Vater spielt Gitarre, es waren also immer Gitarren bei uns im Haus. Ich habe also angefangen damit herumzuspielen und schnell herausgefunden, dass ich ganz gut damit umgehen konnte. Ich habe immer weiter gemacht, mich einer Band angeschlossen… WANN HAST DU DENN GEMERKT, DASS DU FÄHIG WARST, EIGENE SONGS ZU SCHREIBEN? Ich habe es einfach immer gemacht, schon seitdem ich 13 war. Als ich 15 oder 16 war habe ich wahrscheinlich gemerkt, dass ich auch in einer Band bestehen könnte. Songs zu schreiben entwickelte sich aber automatisch, als ich gleichzeitig spielte und dabei anfing zu singen. Denn man spielt nur eine zeitlang die Lieder anderer Leute, bis man merkt, man will seine eigenen schreiben. So fing ich an selbst Musik zu schreiben. EINIGE TRACKS AUF DER NEUEN SCHEIBE SIND SEHR POLITISCH, MEHR ALS AUF DER ERSTEN SCHEIBE. KANN MUSIK HEUTE NOCH DER SOUNDTRACK EINER REVOLUTION SEIN, ODER IST ALLES HOFFNUNGSLOS? Ich denke, Musik war niemals der Soundtrack einer Revolution oder wird es jemals sein. Eine Revolution entwickelt sich, wenn Menschen zusammenkommen, die eine gemeinsame Unzufriedenheit innehaben, ein gemeinsames Ziel haben. Musik kann Menschen zusammenführen… sie identifizieren sich damit und es hilft ihnen dabei, inspiriert und motiviert zu sein. Revolution kommt aber immer von innen heraus. ALSO MEHR DER SOUNDTRACK EINES LEBENS? Exakt! BILLY BRAGG ist ein klassisches Beispiel. Als in England gestreikt wurde, die Bergarbeiter auf der Straße waren, wurde BILLY BRAGG als ein großer Songwriter angesehen, der sich auf die Seite der Protestler stellte. Es war nicht seine Musik, die die Revolution entfachte, aber er war bei ihnen, unterstützte sie und gab dem Protest eine weitere Plattform. Und das ist wichtig. Ich denke Musik sollte in solchen Momenten da sein, um den Leuten etwas beizubringen. Dann kann Musik die schärfste Waffe sein, wenn es sich um soziale und politische Veränderungen dreht. Die Leute können informiert, aufgeklärt werden. Du wirst nie eine Revolution erleben, solange die Menschen nicht daran glauben. Du kannst noch so sehr an einen Song glauben, aber die wahre Kraft kommt aus deinem Herzen. ICH DENKE, DASS ES IM MOMENT, FÜR POLITISCH AKTIVE KÜNSTLER, KEINE GUTE ZEIT IST. DIE LEUTE SIND NICHT MEHR SO POLITISCH WIE FRÜHER. Es ist die schlimmste Zeit, ever! (klingt empört) Ich denke, es ist traurig. Du wirst förmlich getreten. So nach dem Motto: „Er will Veränderungen! Er ist naiv, ist jung. In fünf Jahren wird er darüber hinweg sein und Lieder über etwas anderes schreiben“. Es ist doch nichts Verkehrtes daran, positive Dinge passieren sehen zu wollen. Ich habe die Nase voll von Leuten, die Musik nur negativ und melancholisch haben wollen. Was ist verkehrt an ein wenig Positivität? Du willst dein Leben doch nicht nur damit verbringen, schlecht drauf zu sein. Ich weiß nicht, wie es mit Dir steht, aber ich will das nicht. Es gibt natürlich Künstler, die sich wohltätig engagieren und politisch aktiv sind. Aber besonders in den UK sind solche Künstler stigmatisiert. Das macht mich traurig. Denn wenn ich ein politisches Lied schreibe, möchte ich es so einfach wie möglich halten. Wenn du viele Wörter benutzt, sehr ins Detail gehst, entfremdest Du die Menschen von deiner Musik. In dem Moment, als ich Politik in meine Songs brachte, wurde mir vorgehalten, dass ich naiv wäre, dass meine Lyrics sehr „basic“ wären. Natürlich könnte ich über die Vor- und Nachteile der Außenpolitik schreiben und das musikalisch untermalen, aber es wäre wahrscheinlich der schlechteste Song ever! Die Leute würden ihn zwar verstehen, aber es wäre viel zu viel zu verarbeiten. Manchmal muss man eben sagen: „Das ist verkehrt! Das ist die Lösung! Und so kommen wir dahin!“ That’s it! Leute, besonders Musikjournalisten in den UK, erwarten einen Künstler, der eigenhändig eine politische Revolution auslöst, ansonsten wird er „dismissed“. Ich denke, niemand wird dazu jemals in der Lage sein. Was noch hinzukommt, heute gibt es kein einziges Thema, an dem alle an einem Strang ziehen würden. Ich persönlich denke, dass man eine Form des Protestes zeigen sollte, denn man sollte seine Stimme hörbar machen und seine Unzufriedenheit mit gewissen Dingen zum Ausdruck bringen. Selbst wenn Du scheiterst, werden die Leute wissen, dass Du dagegen warst. Und das ist sehr wichtig. Solange Du nicht für einen Wechsel verantwortlich bist, wird die Presse dich niedermachen. Und das ist keine faire Angelegenheit. Ich liebe Künstler wie BILLY BRAGG, es gibt „Punk and Politics“, von den SPECIALS, THE CLASH bis hin zu NOFX. Dann ist es meist in Ordnung, aber wenn Du so etwas als Singer/ Songwriter machst, ist es vorbei… DU BIST NICHT BOB DYLAN, ALSO HALTE DEN MUND… Genau! „Oy! Du bist aus Essex, du bist nicht BILLY BRAGG. So go way!“ BILLY BRAGG noch mal. Seine Bücher sind toll, sehr gut geschrieben. Aber wenn er einen Song schreibt, schreibt er ihn als Billy Bragg aus Essex. Genau so mache ich es auch: Ich schreibe als ein 22jähriger, der in England lebt, in London herumhängt und Leute trifft. Das ist, was ich mache. Ich könnte Stunden damit verbringen, eine großartige, politische Doktrin zu verfassen, aber es wäre keine Repräsentation meines täglichen Lebens, meiner täglichen Konversationen. Für die Menschen wäre es nicht möglich, sich damit zu identifizieren. Ich denke alles sollte einen Kontext haben. Meine Songs sind über mein Leben, wie ich aufgewachsen bin und wo ich hingehe. Wenn ich einen politischen Artikel schreiben wollen würde, würde ich es in einem Blog oder ähnlichen machen. UND ES MUSS IMMER NOCH EIN POP-SONG BLEIBEN… Ganz, ganz genau. Es gibt nicht viele Wörter, die sich auf „Globalisation and Discontent“ reimen (lacht). KANNST DU DENN IRGENDWELCHE UNTERSCHIEDE ZWISCHEN DEN EINZELNEN LÄNDERN FESTSTELLEN, IN DENEN DU BISHER AUFGETRETEN BIST? Es gibt auf jeden Fall Unterschiede gegenüber den UK. Deutschland und Belgien z. B. sind Leuten, die etwas Neues probieren wollen, gegenüber sehr offen, besonders was Politik und die Texte anbelangt. In den UK ist es so, wenn Du nicht gerade RADIOHEAD bist und etwas anderes versuchst, wirst Du scheitern. Hier mögen die Leute es, wenn man ein wenig experimentiert, das gibt einen mehr Freiheit. Außerdem gibt es hier eine ausgeprägte Dance-Kultur, Leute stehen mehr auf Beats. In England interessierte sich keiner für Dance-Musik, bis diese New-Rave-Sache explodierte und plötzlich wusste jeder über Minimal-Techno und Electro-House bescheid. Aber das wird wieder aus der Mode kommen und dann wird es in sechs Monaten keinen mehr interessieren. Städte haben ihren eigenen Charakter. Ich denke, dass dies sehr wichtig ist, schrecklich wenn es überall gleich sein würde. DANN KÖNNTE MAN ZUHAUSE BLEIBEN… Genau. Es ist schön von zuhause weg zu sein, wenn man woanders mit offenen Armen empfangen wird. Das sind schließlich die Sorgen, die man hat, wenn man die Heimat verlässt. Ich bin jetzt das zweite Mal in Hamburg und es ist richtig, richtig gut. Es war zwar schön mit KATE NASH hier zu sein, aber seine eigene Show zu spielen, gibt dem Publikum eine bessere Vorstellung von Dir, als Künstler. Auch wenn es nicht so toll sein wird, als die GET UP KIDS und BRAID gemeinsam auf der Bühne zu erleben (lacht). Aber ich werde es versuchen! VIELEN DANK! Phantastisch! Es war schön Dich kennen zu lernen.

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