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HEIMSTATT YIPOTASH (ANDRÉ/ THOMAS)

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DURCH DAS NEUE ALBUM „URBAN NIGHT MOTIFS“ BIN ICH AKTIV ZUM ERSTEN MAL AUF DIE BAND HEIMSTATT YIPOTASH AUFMERKSAM GEWORDEN, SEHR TREIBENDER RYHTM N NOISE, DER MICH AUS VIELERLEI GRÜNDEN BEGEISTERTE, ALSO KONNTE ICH NICHT WIDERSTEHEN, EIN INTERVIEW MIT HEIMSTATT & YIPOTASH ZU FÜHREN. HALLO MEINE LIEBEN, MACHEN WIR ES KURZ UND SCHMERZLOS, VERSUCHT EINEM UNWISSENDEN WIE MIR BITTE ETWAS ÜBER EURE VERGANGENHEIT UND MUSIKALISCHEN WERDEGANG ZU ERZÄHLEN, WIE MAN SIEHT, HABT IHR SCHON EINIGE RELEASES AUF DEM BUCKEL. WIE LANGE SEID IHR SCHON BEI HANDS, WIE KAM ES DAZU UND WAS MACHT DAS BESONDERE DIESES LABELS AUS? André: Tja, wir sind mittlerweile schon seit drei Longplayern bei HANDS! In Jahren ausgedrückt kommen wir da so ziemlich genau auf die Zahl fünf. Thomas: Aber Musik machten wir einzeln unter den jeweiligen „Solo-Namen“ seit ca. 1998, zusammen arbeiten wir seit etwa 2000. Seitdem musizieren wir durchweg gemeinsam, die Solo-Projekte haben wir zugunsten der weitaus angenehmeren Zusammenarbeit eingemottet. A: Unser Debut bei HANDS kam Anfang 2006 heraus, aber das mündliche Signing erfolgte bereits 2004 beim Maschinenfest. Wir hatten damals das Glück, dort als Band ohne Label und nur mit einer in Eigenregie veröffentlichten CD-R spielen zu dürfen. Nach unserem Auftritt trat dann Udo, der HANDS Labelchef, an uns heran und fragte, ob wir Interesse hätten, unser nächstes Album bei ihm zu releasen. Das kam für uns damals natürlich überraschend und überwältigend. Wir brauchten da nicht allzu lange nachzudenken und sagten zu. Th: Optisch unterscheidet sich HANDS von anderen Labels natürlich sofort durch die speziellen CD-Verpackungen, die ohne das sonst übliche Plastik auskommen. Dies ist Ausdruck einer generellen umweltbewussten Lebensweise der Labelmacher. Uns imponiert dies, da Udo und Nicola hier Ihrer Überzeugung Ausdruck geben und auch höhere Kosten der Verpackungen nicht scheuen. Auch die Band-Mixtur des Labels ist für uns sehr angenehm, wir haben viele Freunde gefunden. Das jährliche Labelfestival „Forms of Hands“ ist stets ein schöner Anlass, diese wiederzutreffen. A: Was ich noch hervorheben will, ist die absolute künstlerische Freiheit, das Mitgestaltungsrecht des Releases bis zum Schluß und der offene, freundschaftliche Umgang untereinander. EUER NEUES ALBUM HAT EINEN UNGLAUBLICHEN DRANG NACH VORNE, HIER „GROOVEN“ ALLE TRACKS UND MAN KANN KAUM EINEN SONG MIT DEM ANDEREN VERGLEICHEN. WIE LANGE HABT IHR FÜR DAS KUNSTWERK GEBRAUCHT BZW. WIE SIEHT EUER ARBEITSPROZESS AUS? A: Die Albumentwicklung ist bei uns immer eine sehr langwierige und wechselhafte Sache. Man kann eigentlich sagen, dass die Arbeiten an „Urban Night Motifs“ begannen, als wir mit dem Vorgänger „Perpetual Beta“ fertig waren. Das sind also gut zweieinhalb Jahre. Bereits damals entstanden schon erste Songgerüste und Demos. Einige probierten wir gelegentlich auch live aus, um zu hören, wie es im Club klingt und um zu sehen, wie das Publikum darauf reagiert. Dabei fand eine Art musikalische Evolution statt, in der sich die Titel entwickelten oder auch wieder in der Versenkung verschwanden. Das Konzept zum Album fiel uns irgendwann mal in einer gemeinsamen Jamsession ein und wir bauten es weiter aus und gaben ihm in der Folgezeit Tiefe und Inhalt. Außerdem konnten wir jetzt die halbfertigen Tracks zu diesem Thema hin entwickeln. Das war ca. Anfang dieses Jahres. Mit einem Namen und einer thematische Klammer fürs Album erfolgte im Laufe der nächsten fünf Monate eine starke Intensivierung der Arbeit an dem Stoff. Th: Unsere gemeinsame musikalische Arbeit ähnelt dabei stark dem berühmten Videospiel „Pong“: Erleichtert durch Notebooks und Ableton Live als gemeinsame Software-Arbeitsgrundlage ist der Austausch halbfertiger Songs oder auch schlichter Fragmente und Ideen wunderbar einfach. Seit jeher gibt es bei uns Songs, die gut und gern zehnmal vom Einen zum Anderen geschoben und dabei mit immer neuen Ideen ergänzt werden, bis das Ergebnis irgendwann genau unseren Vorstellungen entspricht – oder aber ein weiteres halbes Jahr auf neue Ideen wartet. Wir sehen dies aber als klaren kreativen Vorteil – mit ein bisschen Abstand hat man noch weniger Schwierigkeiten, sich aus dem Korsett des „Üblichen“ zu lösen. BESONDERS GELUNGEN FAND ICH DIE TOLL KOMBINIERTEN RHYTMUS-THEMEN WIE DRUMN`BASE ODER ELEKTRO (ERINNERT AN MODESELEKTOR), UND DEN HINTERGRÜNDIGEN EINSATZ VON MELODIEN, HATTE SCHON FAST DEN CHARME „ALTER“ MUSIK, DIE VERDREHT IM HINTERGRUND VON HORRORFILMEN LÄUFT (BRAIN AMPLIFIER, WELL OILED CRESCENT). UM MAL DEN PLUMPEN OBERBEGRIFF INDUSTRIAL WEGZULASSEN, WO SEHT IHR EUERE EIGENE SPIELWIESE IM DICKICHT DER SCHUBLADEN? A: Hmm, schwierige Frage, weil der Schubladendschungel derart undurchsichtig geworden ist, dass selbst Labels und Mags ständig neue Subgenres erfinden müssen, um die Musik zu vermarkten. Und obwohl wir uns etwas gegen eine Katalogisierung sträuben, versuche ich mal, unseren Claim abzustecken… Sicherlich steckt in unserer Musik ein hörbarer Anteil Rhythm-Noise-typisches Brazzel-Knarz-Bumm-Bumm, aber auch unverzerrte klare, manchmal gebrochene Beats. Dazu Anleihen aus Drum’n’Base, gelegentliche noisige Ausbrüche, dezente Sprachsamples, schräge Melodien und Flächen, die wahrscheinlich den von Dir genannten B-Movie-Charme erzeugen. Und besonders auf dem aktuellen Album haben wir einige Male mit eigenen Vocals gearbeitet. Unsere persönlichen Einflüsse reichen aber noch viel weiter, ohne dass man die vielleicht so direkt heraushört. Aber es gibt durchaus Inspirationen aus Trip Hop, Klassik, Soundtracks und Chip-Tunes. Th: Wir haben einen Heidenspaß daran, immer ein klein wenig anders zu klingen als die meisten, eventuell auch ein bisschen verschroben und zum Teil vielleicht auch nicht wirklich clubtauglich. All das sind Merkmale, die wir uns über die Jahre behalten haben und auch weiter behalten wollen. Dein Begriff der „Spielwiese“ gefällt uns daher viel besser als „Schublade“. WIE SETZT IHR EUERE MUSIK LIVE UM, WAS DARF DER GENEIGTE BESUCHER ERWARTEN? Th: Auch wir sind einer der von manchen verteufelten „Notebook-Acts“… A: …aber um auf der Bühne nicht ganz als die langweiligen Laptopheinis zu erscheinen, versuchen wir so viel wie möglich wirklich „live“ zu machen. Viele Parameterveränderungen wie z.b. Effekte, Tempo, und das Ineinandermixen der Spuren geschieht „wirklich“ mit passenden Hardwareinterfaces. Da können wir also schonmal an Knöpfen drehen und auf Tasten klopfen. Da uns das noch nicht reicht, haben wir meist noch eine Reihe an Maschinchen dabei, die unabhängig vom Rechner bedient werden. Aber auch Gitarre, Synthi, Mikrofon, mit Tonabnehmern verkabelte Glasscheiben und Luftballons, elektrische Kinderbücher, unser gutes altes Röhrenradio, Turntables und eine Geige kamen schon zu Einsatz. Th: Insgesamt sind wir aber sicherlich noch immer weniger „technisch versiert“ als verschiedene andere Acts, die ihr Dutzend Geräte „im Schlaf“ beherrschen. Daher ist ein Grundanteil vorhersehbares Chaos auch Programm. Von Zeit zu Zeit erlauben wir uns auch, völlig aus dem Ruder zu laufen – bei solchen Gigs treten wir ganz gern mal mit Sombreros und anderen schrägen Outfits auf oder verteilen Pina Colada an die Leute in den ersten paar Reihen:-) WAS FÜR MUSIK HÖRT IHR SO PRIVAT? HABT IHR SPEZIELLE GEHEIMTIPPS FÜR UNSERE LESER? Th: Musik ist allgegenwärtig – natürlich auch in unserem Leben. Derzeit bin ich schwer angetan von Angina P (ebenfalls HANDS), generell mag ich eher „entspannten“ Krach wie Empusae, Talvekoidik oder Mimetic. Viele meiner sonstigen Favoriten kommen jedoch auch aus völlig anderen Ecken, z.B. Laika, Moby, Gorillaz, Rockers Hi Fi, diverse afrikanische Musik… Aber auch typische Chartsachen wie Peter Fox, Gentleman oder Lily Allen sind beileibe keine Schmähwörter, sondern ganz gern gehörte Ideengeber…  A: Ich höre zur Zeit eigentlich relativ wenig Genreverwandtes. Das liegt vielleicht daran, dass ich während der intensiven Arbeitsphase an der „Urban Night Motifs“ ein halbes Jahr fast nur die eigenen Sachen gehört habe. Danach brauchte ich erstmal musikalischen Abstand zu Rhythm Noise und Co. Momentan landet viel Breakbeat- und elektronischer Frickelkram in meinem CD-Player, aber auch Sachen wie Portishead, Arctic Monkeys oder Bloc Party ;-) GIBT ES EIGENTLICH NOCH ANDERE PROJEKTE AN DENEN IHR ARBEITET? A: Gab es und gibt es:-) Zum Einen gab’s da das Heimstatt Yipotash/ S.K.E.T./ Greyhound/ 16Pad Noise Terrorist-Konglomerat namens „S?x Only“. Vor einigen Jahren als Schnapsidee entstanden, mit den sechs Leuten aus den genannten Projekten orange be-jackt live beim Elektroanschlag in Altenburg auf der Bühne zu jammen. Ohne vorherige Probe. Ohne wirkliches Konzept. War ne ziemlich wüste, aber lustige Erfahrung ohne Netz und doppelten Boden. Zwei Jahre später gabs nochmal ne Neuauflage, da aber besser organisiert und sogar mit einer eigenen CD im Gepäck. Anfang des Jahres hatten wir zusammen mit dem Stuttgarter Einmann-Projekt „Takhtahk“ an einem gemeinsamen Tonträger gearbeitet, der dann begleitet von einem gemeinsamen Live-Auftritt unter dem Titel „Prototypes“ erschien. Tja, und für die Zukunft haben wir auch Pläne an gemeinsamen Aktivitäten mit anderen Künstlern, aber dazu mehr, wenn’s soweit ist. Th: Zusätzlich haben wir uns für die wirklichen schrägen Sachen ein Alter Ego namens „No Go!“ zugelegt. Hier dreht sich das meiste um zerstörte C64-Sounds und allerlei Schabernack … A: …kann man sich wohl am besten Heimstatt Yipotash auf LSD in Teletubbiemanie vorstellen. Musikalisch ist‘s ein wilder Mix aus 8bit ChipTunes, Minimal und Krach. Th: …zu erleben übrigens 2010 auf dem Elektroanschlag Festival in Altenburg! AUS AKTUELLEM ANLASS, WIE HABT IHR DIE MAUERÖFFNUNG AM 09.11.1989 MITERLEBT UND WIE SEHT IHR DIE ENTWICKLUNG DEUTSCHLANDS BIS HEUTE? Th: Es gibt sicherlich genügend Gründe, die Marktwirtschaft, die heute „sozial“ genannt wird, zu kritisieren, und Etliches davon können schlauere Leute als wir konkreter auf den Punkt bringen. Soweit jedoch möchte ich den Kapitalismus loben: Ohne ihn würden wir heute wohl nicht mit flotten Laptops und allerhand elektronischen Gerätschaften unterm Arm 600 Kilometer fahren können, um unsere eigenen Songs zu spielen… A: Ich habe den historischen Abend jugendlich verpennt. Mit sechszehn, Schule grade gewechselt, neuen Leuten und neuem Umfeld waren die ersten richtigen Partys einfach wichtiger als Demonstrationen. Es war trotzdem eine furchbar interessante Zeit, auch wenn die wirkliche Bedeutung dessen, was damals geschah, in der ganzen Tragweite nicht einzuschätzen war. Es war eher wie ein Film, den man sieht. Man merkt, dass was Unerhörtes passiert, fühlt sich gestreift und berührt, aber nicht wirklich betroffen. In der Erinnerung ist diese Zeit als sehr abenteuerlich, konspirativ aber auch unsicher hängen geblieben. Die Ereignisse verselbständigten sich, und man hatte das Gefühl, dass eigentlich jeden Tag alles passieren konnte. Sowas habe ich eigentlich nie wieder erlebt, vermutlich nennt man das dann, den Atem der Geschichte spüren. Rückwirkend habe auch ich ein zwiespältiges Gefühl, was die Art und Weise der Wiedervereinigung Deutschlands angeht. Ich denke, dass damals eine einmalige Chance vertan wurde, ein wirklich neues Deutschland zu schaffen. Vielleicht ist es Utopie, aber warum soll man sich mit etwas Unzulänglichem zufrieden geben… SOMETHING COMPLETELY DIFFERENT: WENN IHR EIN HELD SEIN DÜRFTET, WÄRE ES EHER HAN SOLO ODER LUKE SKYWALKER ;-) Th: Ich bin weder zum Helden geboren noch Star-Wars-affin. Wenn, dann aber Han Solo – aber bitte nicht mit Harrison Fords Visage! A: Du fragst zwei Star Wars-Muffel. Aber nee, den Luke mache ich Dir nicht. Bleibt ja nur: noch Han Solo… Zwei Klon-Krieger sozusagen.  WELCHE WEISHEIT WOLLT IHR DER UNWISSENDEN MENSCHHEIT NOCH MIT AUF DEN WEG GEBEN? Es gibt Ärgeres als Unvernunft. ICH DANKE FÜR DAS INTERVIEW UND ICH HOFFE BEGIERIG EUCH MAL IM TAL DER AHNUNGSLOSEN ZU TREFFEN.

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