Terrorverlag > Blog > LIV KRISTINE > LIV KRISTINE

Interview Filter

LIV KRISTINE

LIV, DU HAST IM VORFELD DES ALBUMS GESAGT, DASS DIESES ALBUM EIN SEHR PERSÖNLICHES FÜR DICH IST UND DASS DU “NEUE MUSIKALISCHE DIMENSIONEN” DAMIT ERREICHT HAST. WIE MEINST DU DAS? Ja, es sind jetzt acht Jahre vergangen seit meiner ersten Soloplatte. Und damals habe ich mit einem Produzenten, mit einer ganz anderen Plattenfirma gearbeitet. Da ist auch ein Textdruck dabei gewesen. Heutzutage mache ich das Meiste selber, und zwar im eigenen Studio, und derjenige, der die Platte produziert, ist mein Ehemann. Und das heißt, ich habe einfach viel mehr Freiheit, und ich kann mich entfalten und entwickeln, so wie ich möchte. Ich habe die Zeit, ich kann mir soviel Zeit nehmen, wie ich brauche, bis ich sage: Ok, jetzt habe ich das erreicht, was ich erreichen wollte. Und diese Platte ist in dem Sinne viel, viel persönlicher, weil ich eben die ganze Zeit dabei gewesen bin, weil ich alle Texte selber geschrieben habe, und weil ich Leute um mich herum habe, also meine Mitmusiker, und das sind alles Freunde, Bekannte und gehören quasi zur Familie. Und, ja, diese Platte “Enter my religion” präsentiert ganz viele Babys von mir (lacht). Und jedes Lied hat für mich eine spezielle Bedeutung. Es gibt trotzdem einen roten Faden durch das ganze Album. Also, es ist ein sehr persönliches Album. Und “Enter my religion” ist eine Einladung in meine persönliche Welt. IM TITELSONG “ENTER MY RELIGION” GIBT ES DIE ZEILE “I’VE FINALLY FOUND MY HEAVEN”, DIE ICH SO VERSTANDEN HABE, DASS DU DEIN GLÜCK UND DEIN LEBENSZIEL GEFUNDEN HAST. LIEGE ICH DA RICHTIG? Du liegst absolut richtig. Ich muss sagen, ich bin sehr, sehr froh, dass ich die Erfahrungen gemacht habe, die für mich jetzt sehr wichtig sind. Dass ich Entscheidungen treffen kann, ohne unsicher zu sein. Ich bin nicht mehr so naiv wie damals mit 20, als meine erste Soloplatte raus kam – zwanzig und irgendwas war ich damals. Und, ja, man lernt so lange man lebt. Und ich habe jetzt meinen Weg gefunden. Ich bin Mama geworden. Mein Sohn ist gerade zwei Jahre alt geworden, und ich lebe von der Musik, und ich bin sehr, sehr glücklich. DU SIEHST AUCH VERDAMMT GLÜCKLICH AUS, WENN ICH DAS MAL SO SAGEN DARF! Danke schön! (lacht) FÜR MICH GIBT ES IN DEN TEXTEN QUASI ZWEI GEGENPOLE: EINERSEITS GEHT ES UM BEGRIFFE WIE “FAITH, STRENGTH, LOVE”, ANDERERSEITS GEHT ES AUCH VIEL UM EINSAMKEIT UND TRÄNEN UND TRAURIGKEIT. IN WAS FÜR VERSCHIEDENEN SITUATIONEN HAST DU DAS GESCHRIEBEN? DIE KÖNNEN JA NICHT ZUM GLEICHEN ZEITPUNKT ENTSTANDEN SEIN, DIE SONGS… Ja, das stimmt. Es funktioniert aber so, dass zuerst die Musik geschrieben wird. Da ist zum Beispiel ein Stück fertig geschrieben worden, aber ohne Text. Wenn ich die Musik höre, dann weiß ich ganz genau, was ich schreiben soll, wie der Text aussehen soll. Und der Text zum Beispiel für “Enter my religion” hat… dafür habe ich sieben Minuten gebraucht, und danach wurde auch nichts verändert. Der Text ist einfach quasi so wie ein Paket entstanden, und ich habe es einfach aufs Papier bringen müssen – da war’s! Und ich lasse mir die Impulse geben von der Musik, durch die Musik. So lasse ich mich inspirieren und deswegen ist jedes Stück auf der Platte so einzigartig. WAS GEHT DIR DABEI LEICHTER VON DER HAND: EHER POPPIGE STÜCKE WIE “TAKE ME HIGHER” MIT FRÖHLICHEM AKKORDEON ODER SOLCHE SACHE WIE “BLUE EMPTINESS”. WAS IST FÜR DICH EINFACHER? Hmm, hmm, hmm… Das ist eine sehr schwierige Frage, weil ich arbeite nicht nach dem Motto: “Was ist einfacher, was ist schwierig”, sondern es geht nur darum, dass es mir zum Schluss gefällt. Das Stück muss das hergeben, was ich gerne singen möchte, was ich gerne sagen möchte, den Klang wiedergeben. Und natürlich gibt’s manchmal Gesangsstrukturen, die schwieriger sind, dafür brauche ich dann vielleicht zehn Takes statt fünf Takes. Aber trotzdem weiß ich dann letztendlich: Ok, es ist so geworden, wie ich es wollte und wie es sich meine Mitmusiker auch vorgestellt hatten. ABER IST DAS NICHT WAHNSINNIG SCHWIERIG, WENN MAN SO VOR GLÜCK UND INNERER ZUFRIEDENHEIT WIE DU STRAHLST, MIT EINEM SEHR MELANCHOLISCHEN SONG AUFZUKOMMEN? Melancholie ist doch manchmal auch herrlich. Also, (lacht), man muss ja nicht gleich in Tränen ausbrechen, sondern es kann ja wirklich…, ja, selbst wenn es einem richtig, richtig gut geht ist man vielleicht ein wenig melancholisch und denkt an Dinge zurück, und denkt: “Oh – ja! Das war halt damals, und das ist so geschehen. Und, hmm, macht mich ein wenig traurig!” Aber trotzdem sind es Erlebnisse, und du nimmst alles mit dir auf den Weg. Und selbst wenn Dinge schwierig gewesen sind, wenn du was schlimmes erlebt hast, es dauert nicht lang und dann sagst du: Ok, ich habe daraus gelernt und es war wichtig! ICH MUSS ZUGEBEN, DAS GING ES MIR ÄHNLICH. ICH HABE DIE CD ZU EINEM ZEITPUNKT BEKOMMEN, DA GING ES MIR NICHT WIRKLICH GUT – UM JETZT MAL WAS PERSÖNLICHES REIN ZUBRINGEN – ABER DA FIEL MIR AUCH AUF, DASS ES NICHT NUR MELANCHOLISCH IST, SONDERN DA IST AUCH NOCH ETWAS SEHR AUFBAUENDES DAHINTER. ICH WÜRDE JETZT NICHT SAGEN, DASS DIE PLATTE MIR GEHOLFEN HAT, ABER DAS GEFÜHL DAHINTER WAR EHER: OK, ES IST NICHT ALLES SO GANZ SCHRECKLICH. GIBT ES FÜR DICH EINE PLATTE, DIE VIELLEICHT ETWAS ÄHNLICHES BEI DIR AUSGELÖST HAT, ALS ES DIR MAL SCHLECHT GING? DASS DU EINE PLATTE GEHABT HAST, WO DU DACHTEST: “JA! DIE HAT ES JETZT FÜR MICH GEBRACHT?“ Jetzt muss ich gerade überlegen. Eigentlich… Ja, ich bin mit der Musik von BLACK SABBATH und OZZY OSBOURNE aufgewachsen. Das würde man vielleicht nicht so denken, wenn man sich sieht, so heute in Türkis und (lacht), und strahlend blonde Haare. Nein, Quatsch! Ich bin mit der Musik aufgewachsen, und später habe ich dann klassische Musik und MADONNA entdeckt. Da ist also MADONNA, klassische Musik und BLACK SABBATH/ OZZY. Das sind für mich so die drei, wie soll ich sagen, Meilensteine in meiner musikalischen Welt. Und… Wie war die Frage nochmal!? Verdammt… OB ES IRGENDWANN MAL EINE PLATTE GEGEBEN HAT, DIE DIR IN SCHWIERIGEN MOMENTEN GEHOLFEN HAT? Es war… Ich war mal… (kichert)… schwer verliebt, und es hat doch nicht so geklappt, wie ich es gerne hätte. Und da kam “True blue” raus von MADONNA. Und die höre ich mir immer wieder an, wenn irgendwas ist. Dann denke ich: Ok, damals war es doch so fürchterlich schrecklich, so ganz, ganz schlimm. Und oh Gott, und Teenager und… (seufzt). Und dann denke ich: Ok, es war damals schlimm. Aber jetzt denke ich: (lacht) Ist doch gut, dass es damals nicht geklappt hat mit der Liebe (lacht). Jetzt bin ich viel glücklicher. GIBT ES VIELE ERLEBNISSE MIT FANS, DASS EIN FAN ZU DIR HINGEKOMMEN IST UND GESAGT HAT: “MENSCH, DER SONG HAT ETWAS FÜR MICH BEWIRKT!”? PASSIERT DIR SO WAS HÄUFIGER`? Es geschieht, ja, ziemlich oft. Und das freut mich wirklich sehr, dass die Leute sich auch wirklich meine Musik anhören und auch sich die Texte angucken. Und so ein bisschen überlegen, was steckt eigentlich dahinter. Weil, es ist kein Album wo man sagt: Ok, da geht’s um Liebe. Punkt. Oder um irgendeine Situation in meinem Leben. So ist es nicht. Es ist sehr vielseitig, sehr vielfältig. Es geht um meine Vergangenheit, Träume, Ideen, Wünsche, gute Ratschläge zum Beispiel. Es geht auch darum, eine junge Sängerin zu sein, wie es ist in der Musikbranche zu sein, wie es ist Mama zu sein, wie es ist Mutterliebe zu spüren. Und auch verliebt in meinen Partner zu sein. Das Ganze gibt es auf der Platte und es ist, ja, wie mein Leben, wie dein Leben auch, sehr vielseitig ist, so ist auch die Platte. Und der Titel “Enter my religion” hat eigentlich nichts mit Christentum oder Buddha zu tun, sondern mit der Vielseitigkeit des Lebens. DANN IST ES JETZT WAHRSCHEINLICH BLÖD, DICH ZU FRAGEN, OB DIR IRGENDEIN SONG AUF DER PLATTE MEHR BEDEUTET ALS DER ANDERE? Das ist sehr, sehr schwierig zu sagen, weil, ja, jedes Lied ist ein Kind von mir (lacht), aber “Enter my religion” ist doch vielleicht… Ja, es ist der Text, der hat sieben Minuten gedauert, es hat sieben Minuten gedauert, bis ich den Text aufs Papier gebracht hatte. Und ich wusste ganz genau worum es gehen soll, und das ist einfach so ein Moment, so ein Blitzmoment, wo man sagt: Ok, das ist genau das Richtige. Und vielleicht ist es deswegen das Lied, was – wenn ich ein Lied auswählen müsste – dann würde ich sagen “Enter my religion”. Ja. AUCH MUSIKALISCH GIBT ES JE SO EINIGES ZU ENTDECKEN AUF DEM ALBUM. DU HAST SEHR VIEL MIT ORIENTALISCHEN EINFLÜSSEN UND EXOTISCHEN INSTRUMENTEN GEARBEITET. VOM FLAMENCO BIS ZUM ORIENTALISCHEN GROOVE IST SO ZIEMLICH ALLES VERTRETEN. WAS FÜR INSTRUMENTE HAST DU GENAU VERWENDET? UND WARUM HAST DU SIE VERWENDET? Das ist schon lange ein Wunsch von mir gewesen. Ich wollte eine etwas würzigere Pop-Platte machen. Die erste Soloplatte ist sehr, sehr atmosphärisch, aber auch ziemlich glatt. Und ich wollte jetzt, dass jedes Stück auf der Platte, jedes Lied etwas besonderes zeigt, etwas besonderes hat, für sich allein stehen kann. Und dann, ja, wenn man sich eine besondere Mahlzeit kochen möchte, dann braucht man auch dazu die richtigen Gewürze. Also sind wir, ich und meine Co-Musiker sind losgezogen und haben diverse Musikgeschäfte geplündert (lacht), und Sachen bestellt aus dem Ausland, gebrauchte Sachen. Und wir haben dann einfach geschaut, wie spielt man denn diese Instrumente. Und wenn es nicht so richtig geklappt hat, dann haben wir uns einfach die Leute geholt, die das wirklich gut können. Also, wir haben sehr, sehr viel gelernt durch diese ganze Produktion. Aber wir sind jetzt, wir sind da gelandet, wo wir… die Ideen, die Träume die wir hatten, bevor wir angefangen haben aufzunehmen, haben wir durch die Platte verwirklicht. ALEXANDER KRULL IST DEIN EHEMANN, PRODUZENT UND MITMUSIKER BEI LEAVE’S EYES. INWIEWEIT TAUSCHT IHR DA IDEEN AUS? DU SAGTEST JA GERADE SCHON, DAS ALBUM SEI DEIN BABY. HAT ER MITSPRACHERECHT, ODER SAGST DU DANN DIREKT: “NEE, ALEX – IST NICHT!”? Er steuert sehr viel dazu. Und er ist…, klar, er ist der Produzent der Platte, aber trotzdem ist er auch mein bester Kritiker. Und Alex, wenn er mir einen Ratschlag gibt, oder wenn er sagt: “Du, klingt zwar toll, aber vielleicht versuchen wir es noch mal. Denk mal ein bisschen um und, ja, mach’s einfach noch mal!”. Dann weiß ich ganz genau, dass er… er hat mein Ziel verstanden und er möchte mir helfen, dorthin zu kommen. Also, die, sag ich mal, die Schwingungen sind einfach: ich weiß, was er denkt. Er weiß, was ich denke. Er kann meine Träume und Ideen lesen. Und manchmal brauchen wir uns nicht mal anrufen, sondern es genügt zu sagen: “Hey, du..:!”, “Ja, genau! Das habe ich auch gerade gedacht! Wie schaut’s aus?” (lacht) Es ist eine sehr, sehr starke Verbindung zwischen uns, und es ist einfach wunderschön mit meinem Mann arbeiten zu dürfen. HAT WAS FÜR SICH! ZU DER PRODUKTION: DU HAST SEHR VIEL MIT GEDOPPELTEN GESÄNGEN UND KANONS GEARBEITET. ICH STELLE MIR DAS SEHR SCHWIERIG VOR, DAS LIVE UMZUSETZEN. HABT IHR SCHON IRGENDWELCHE IDEEN, WIE IHR DAS MACHT? Es gibt die Möglichkeit, ja, quasi die abgespeckte Version zu bieten. Dass ich einfach alles einstimmig mache, und auch vielleicht mit weniger Instrumenten, dass nichts vom Band kommt. Und dann ohne Backgroundsängerinnen, und ohne das unbedingt der Ode dabei sein muss. Weil wir brauchen für jedes Instrument natürlich jemand, der es spielen kann, und teilweise laufen auch mehrere Saiteninstrumente gleichzeitig ab in den Liedern. Und das heißt, es ist sehr, sehr schwierig umzusetzen. Aber die abgespeckte Live-Version, das würde gehen. Oder wir machen es richtig groß. Aber das hangt natürlich auch von der Tour ab, wie soll das abgehen: eine große Tour auf großer Bühne, oder lieber eine kleine Club-Tour und dann in abgespeckter Version. Das müssen wir erst mal uns anschauen, wie wir das alles machen. AUF DEM ALBUM BEFINDET SICH EINE COVER-VERSION VON “STREETS OF PHILADELPHIA”. WAS WAR DIE HAUPTINSPIRATION: DER SONG SELBST VON BRUCE SPRINGSTEEN ODER DOCH EHER DER FILM? Also, der Song zuerst, weil… mir geht’s einigermaßen so, wenn ich ein Stück, ein Musikstück gehört habe, kann ich das gleich nachsingen. Auch mit Text, meistens mit Text, und Intonation und Rhythmus ist überhaupt kein Problem. Aber bei “Streets of Philadelphia” ging das nicht. Und ich habe mir dieses Lied so oft angehört – und trotzdem hat es nicht geklappt mit dem Rhythmus. Es liegt mir, Rhythmus und Intonation, und das Ganze liegt mir alles im Blut. Und es ist auch wirklich… ich singe auch vom Herzen und… Aber dieses Lied hat BRUCE SPRINGSTEEN vom Herzen gesungen. Und er… das ist, er hat auch an dem… er hat auch diese Bilder, die Vorstellung, die im Text auch vorgestellt sind, die hat er auch im Kopf gehabt, als er dieses Lied eingesungen hat. Aber ganz sicher. Und ich dachte mal, ich versuche das Lied zu singen, ich nehme es mal auf. Wir haben dann so eine Pilotspur aufgenommen und haben dann gesagt: Ok, jetzt bearbeiten wir das Lied und die ganzen Instrumente, und später nehmen wir dann den Gesang auf. Wir haben den Gesang später aufgenommen – zehn Mal – und es hat sich alles wunderbar angehört. Und dann haben wir uns den Pilotgesang angehört und dachten: Da ist doch was. Da gibt’s einen Riesenunterschied. Was ist der Unterschied? Also, der Pilotgesang ist dann wirklich vom Herzen und wirklich so intuitiv gesungen. Ich habe nicht so viel auf den Rhythmus geachtet, auch nicht auf die Töne, nicht immer. Da ist auch ab und zu, hier und dort mal eine “Blue note”. Und das passiert eigentlich nicht bei mir, weil ich auch in dem Sinne als Sängerin Perfektionistin bin. Aber die, quasi die späteren Aufnahmen, da habe ich eher auf meinen Gesang, auf Gesangstechnik und Atem und Rhythmus geachtet, und nicht so auf die emotionale Seite. Dann haben wir den Pilotgesang so wie er ist, am Stück, auf die Platte getan. ICH PERSÖNLICH HÄTTE JETZT VERMUTET, DIE SCHWIERIGKEITEN LAGEN DARAN, DASS SPRINGSTEEN EXTREM STARK AM NUSCHELN WAR, WÄHREND DU SEHR KLAR SINGST… DER ALBUM-OPENER “OVER THE MOON” IST EIN SONG, DEN PETER TÄGTGREN FÜR DICH GESCHRIEBEN HAT. KAM ER NACH DER GRAMMY-NOMINERUNG AUF DICH ZU…? WAR SO MEIN ERSTER GEDANKE… Nein, Peter kenne ich schon lange. Und mein Mann, mit ATROCITY, hat auch mit PAIN getourt, und wir kennen uns sehr gut. Und wir waren mal auf einem Konzert zusammen. Wir hatten Peter besucht und ich fragte Peter: “Wie schaut’s eigentlich aus? Schreibst du sehr viel und sehr gerne Musik? Hmm…”, weil ich ihn sehr schätze als Komponist und Produzent. Und er hat gesagt: “Du, ich habe sehr viel zuhause!” Und ich sagte: “Könntest du mir – oder nur für mich halt – drei, vier Stücke aussuchen und mir per MP3 zukommen lassen? Ich möchte so gerne hören, was du sonst machst!” Und er sagte: “Klar!” Eine Woche später war alles da, und ich wusste ganz genau: Ok, so wird meine Gesangsmelodie sein, so wird der Text sein, und wir haben dann Peter ein paar mal zu uns ins Studio eingeladen. Er hat sich alles angehört, und er ist sehr, sehr zufrieden gewesen. Da bin ich auch froh. Und mit Peter werden wir bestimmt auch in der Zukunft immer wieder arbeiten. APROPOS WIEDERKEHRENDE KOOPERATIONSPARTNER: DA HÄTTEN WIR MIT CRADLE OF FILTH DEN NÄCHSTEN PUNKT. ICH HABE GEHÖRT, DU WILLST NACH “NYMPHETAMINE” EINEN ZWEITEN SONG MIT IHNEN EINSINGEN. IST DAS SCHON SPRUCHREIF ODER IST DAS NOCH ZUKUNFTSMUSIK? Das geschieht nächste Woche am Dienstag. Da kommt der Produzent von Cradle zu uns ins Studio, und wir nehmen dann ein zweites Duett zusammen auf – also, ich und Dani Filth dann. Und ich bin sehr froh, dass die mich noch mal gefragt haben, weil ich fand unser erstes Duett nämlich sehr gelungen. Obwohl Cradle eigentlich nicht so meine Musikrichtung ist, muss ich sagen, aber als ich das Lied gehört hatte als Demo, als sie mich gefragt haben, ob ich da was machen möchte als Duettpartnerin, dachte ich: Ja genau! Ich weiß ganz genau, worum es geht. Und dann habe ich Dani Filth im Studio in London angerufen: “Dani, denkst du, was ich denke?”, “Ja, genau! Also machen wir!” Und dann haben wir uns über Kinder unterhalten (lacht), da wir beide Eltern sind (lacht). Und ich habe die Jungs von Cradle kennen gelernt, zwei Wochen später im London’s Dungeons, als wir das Video für “Nymphetamine” gedreht hatten, und die Jungs sind entzückend, sind wirklich klasse. WIRD DAS DUETT IN EINE ÄHNLICH RICHTUNG GEHEN? MARKE: GETRAGENE HALB-BALLADE? Absolut! Sehr getragen, Halb-Ballade, “Beauty and the beast”. MIT “BEAUTY AND THE BEAST” HAST DU MIR JETZT EIN SCHÖNES STICHWORT GELIEFERT. DU HAST DAS GANZE JA MEHR ODER MINDER VOR RUND ZEHN JAHREN GESTARTET. MITTLERWEILE IST DA SOWAS WIE EINE KRAKE DRAUS GEWORDEN MIT WAS-WEISS-ICH-WIE-VIELEN BANDS, WOVON NICHT ALLE UNBEDINGT GUT SIND. DENKST DU DIR MANCHMAL: “OH MEIN GOTT – WAS HABE ICH DA NUR ANGERICHTET?” Manchmal ja! (lacht) Aber dann denke ich, das ist: Ok, die Musikrichtung, die die Band macht, ist ein bisschen anders. Also, es ist nicht das, was ich damals gemacht habe. Also… (kichert), die machen ihre Sache, ich mache meine Sache. Es gibt natürlich auch richtig klasse Bands: WITHIN TEMPTATION, NIGHTWISH, zum Beispiel. Und ich bin sehr, sehr stolz darauf und auch sehr, sehr froh, dass ich damals das Ganze, ja, zum Rollen bringen durfte, mit meiner Band THEATRE OF TRAGEDY damals. Es war eine sehr, sehr spannende Zeit, weil wir haben natürlich auch sehr viel Kritik abgekriegt: “Oh, wie kann man nur so was machen?”, und… Aber heutzutage ist es…, also fast jeder Mensch kennt die Richtung Gothic Metal oder, ja, grad diese Richtung mit Frauengesang im Metal. Und es freut mich zu sehen, dass diese Art von Musik auch jetzt wirklich so gut ankommt bei den Leuten, auch bei den jungen Leuten. Und nicht mehr so: “Oh Gott, was ist’n des? Das sind doch alles Satanisten!” Hmm. Guck mich an: bin ich eine?? Nein! War noch nie eine (lacht). NICHT WIRKLICH! BLEIBEN WIR GERADE BEI DEN STICHWORTEN NIGHTWISH UND WITHIN TEMPTATION: DU HAST FÜR MARTIN WESTERHOLD, DEN EX-KEYBOARDER VON WITHIN TEMPTATION ZWEI SONGS EINGESUNGEN, UNTER ANDEREM EIN DUETT MIT NIGHTWISH’S MARCO HIATALA. DU WIRST AUCH VOM NIGHTWISH-SPLIT GEHÖRT HABEN – WOBEI ES DURCHAUS EINIGE PARALLELEN ZU DEINER EIGENEN KARRIERE UND DEINER DAMALIGEN TRENNUNG VON THEATRE OF TRAGEDY GIBT. WAS GING DIR ALS ERSTES DURCH DEN KOPF, ALS DU DIE NACHRICHT GEHÖRT HAST? Ich war zu der Zeit in Amerika auf Tour mit LEAVES’ EYES. Ich kam nach Hause und da klingelte schon das Telefon (imitiert finnischen Akzent): “Hello, this is the Finnish press!” (lacht). Und ich dachte: was ist hier los? Ja, dann hat mich mein Mann angerufen. Der ist ins Geschäft, ins Studio gefahren und hat sich unsere Homepages angeguckt und hat gesehen, was da eigentlich abging. Also, ich wusste auch nicht, was ich der finnischen Presse sagen sollte, weil ich überhaupt nicht darauf vorbereitet war. Und, ich sagte aber: “Mich hat noch keiner gefragt, aber ich würde auch nicht sagen, dass ich nicht darüber nachgedacht habe!” Und einen Tag später hat mich Tarja angerufen und mir viel Glück gewünscht, falls ich das machen möchte. Und da dachte ich: Oh Gott, ist es doch Ernst? Weil ich die ganze Zeit gedacht habe, es ist einfach… es ist ein Gerücht und ich verschwende einfach keine Energie darauf, jetzt noch nachzudenken, ob ich das machen würde oder nicht. Ich gucke mir das erst mal alles an, was so passiert. Weil, ich habe meinen Weg gefunden mit LEAVES’ EYES und solo. Und ich bin auch Mama, und ich möchte auch die Zeit genießen. Und ich hoffe, dass das so bleibt, wie des ist. Und so eine große Änderung, zum Beispiel wie in NIGHTWISH einzusteigen, würde meinen ganzen Lebensweg wahrscheinlich, ja, blockieren. Oder es wäre ganz anders gewesen. WAR ES DAS, WAS DIE FINNISCHE PRESSE VON DIR WOLLTE: DICH FRAGEN, OB DU DORT EINSTEIGEN WILLST?? Genau, das wollten sie. Weil sie nämlich behauptet haben, ich bin schon eingestiegen. Ja, und deswegen war ich dann irgendwann mal dazu gezwungen, darüber nachzudenken: Falls die Frage kommen würde von NIGHTWISH – was sage ich dann? Aber es ist, sage ich mal, es ist vielleicht besser so. Wir haben uns nicht darüber unterhalten und die Jungs brauchen jetzt die Zeit, um zu überlegen, wie das alles jetzt weitergehen soll, und es steht noch nichts fest. Also, ich bin froh, dass ich jetzt meinen Weg gefunden habe. Und ich möchte eigentlich dabei bleiben. So war es eigentlich nur ein Gerücht. DAS IST JETZT EIN VÖLLIG NEUER TWIST: DASS DU GEFRAGT WURDEST, DORT EINZUSTEIGEN WAR MIR JETZT NEU… ICH HATTE EIGENTLICH NUR AN DIE PARALLELEN GEDACHT. Ich bin auch nicht gefragt worden, außer von der finnischen Presse. Also, die mir gesagt haben, sie haben mitbekommen, dass…! Und es lag natürlich auch daran, dass ich mit Marco ein paar Wochen vorher dieses Duett gesungen habe und wir natürlich groß als Newsletter rausgeschickt haben. Ich war in Amerika und habe auf nichts reagiert, auf die… Ich lese alle Einträge in meinem Gästebuch und schreibe auch manchmal, wenn ich Zeit habe, auch zurück… aber ich habe dann nichts gesagt und kein Statement dazu gesagt, und deswegen ging dann die Gerüchteküche los. Also, so dermaßen, dass… Ja, ich dachte: Oh Gott! Hmm.. (lacht), irgendein Zug ist hier vorbei gefahren, und ich habe den nicht mal gesehen, ne, so? DU SAGTEST VORHIN, DASS MADONNA EINS DEINER MUSIKALISCHEN VORBILDER WAR. SIE IST ABER AUCH EINE STIL-IKONE. DU SELBST WIRST HÄUFIG ALS FEENHAFTES, ELFENHAFTES, ÄTHERISCHES WESEN DARGESTELLT. GIBT ES IRGENDEINE FRAUENROLLE, IN DIE DU – MADONNA-LIKE – GERNE MAL REINSCHLÜPFEN MÖCHTEST? Hmm… Im Moment nicht, momentan nicht. Ich bin glücklich so, wie ich bin. Ich sage mal, meinen Lebensweg habe ich für mich entdeckt, so etwa ab 26. Und ich sage, ich möchte nie wieder ganz jung sein. Ich möchte nie wieder Anfänger sein in dieser Branche. Ich habe meine Erfahrungen gemacht, und da, wo ich jetzt bin, so kann es eigentlich weitergehen. Und ich fühle mich sicher und gut aufgehoben mit meinen Mitmusikern und mit meinen, ja, ich sage mal, mit Plattenfirma und die Leute, die mich unterstützen. Und ich fühle mich auch von den Fans gut aufgehoben. So, da kann ich wirklich nur sagen: vielen, vielen Dank für die Unterstützung durch die ganzen Jahre. DER SONG “FAKE A SMILE”, WORUM GEHT ER SO? WAS IST DIE BEDEUTUNG, DIE DER SONG FÜR DICH HAT? Es geht um unsere Welt, unsere industrialisiert Welt, wie sie geworden ist, wie kühl und emotionslos sie geworden ist. Man darf gar keine Gefühle mehr zeigen, man darf nicht lachen, weinen, vor Freude brüllen oder… Das ist alles so, so flach und grau geworden und mit “Fake a smile” möchte ich einfach zeigen: Sei doch du! Sei doch einfach du selbst und zeige Gefühle! Habe kein Angst, du selbst zu sein. Und ich habe gelernt, auch durch meinen Beruf, manchmal muss man einfach ein “Smile faken”. Manchmal geht’s einfach darum: “Ok, lächle mal. Wir machen nur noch ein Foto, lächle mal!” Obwohl ich eigentlich am liebsten ins Bett gehen würde oder was essen würde, oder, ja, einfach meine Ruhe gerne hätte. Das wird dann einfach ignoriert, weil wir sind keine Menschen mehr, wir sind Maschinen, wir sind Roboter. Und es wird so viel von uns verlangt, und wir haben so’n gestressten Alltag. Nein, sei du selbst und finde deinen Lebensweg. Und wenn du du selbst bist, dann wirst du auch das Leben spüren, und du wirst viel mehr aus deinem Leben haben. Und wenn du irgendwann mal 90 Jahre alt wirst, kannst du sagen: Ja, ich habe in meinem Leben viel erlebt, aber auch viel gelacht. Und auch Tränen geweint, aber ich kann jetzt sagen, ich bin glücklich gewesen. Und durch mein Album, oder mit meinem Album “Enter my religion”, es ist zwar eine persönliche Einladung in meine Welt, aber trotzdem möchte ich auch ein bisschen Freude und Glück geben. Weil, ich kann wirklich sagen, ich bin eine sehr, sehr glückliche Person. Und ich möchte auch was von meinem Glücksgefühl verschenken. Wenn es geht, würde ich es gerne tun. Also, (lacht), hört euch die Platte an und genießt sie.

DAS INTERVIEW WURDE AM 11.1.2006 IM KÖLNER HOTEL HOPPER GEFÜHRT.

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Alle markierten Felder (*) müssen ausgefüllt werden.

Mehr zu LIV KRISTINE auf terrorverlag.com