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MATTHAU MIKOJAN (MATTHAU/ SIMO/ JANNE)

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IN IHRER FINNISCHEN HEIMAT HAT SICH DAS PROJEKT UM DEN SÄNGER MATTHAU MIKOJAN (BÜRGERLICH: MATTI MIKKONEN) SCHON MIT DEN LETZTEN BEIDEN ALBEN ALS GARANT FÜR MELODISCHEN, HARTEN ROCK ETABLIERT. BIS 2007 WAR MATTHAU NOCH FRONTMANN DER ALTERNATIVE-ROCKER BLOODPIT, DIE DANK EINES WELTWEITEN MAJOR-DEALS GERADE KURZ VOR DEM INTERNATIONALEN DURCHBRUCH STANDEN, ALS SICH DIE BAND WEGEN UNÜBERBRÜCKBARER PERSÖNLICHER DIFFERENZEN ÜBERRASCHEND AUFLÖSTE. SIE HINTERLIESS ZWEI KANTIGE, DYNAMISCHE ALBEN IN BESTER NU-METAL-TRADITION UND ÜBERRAGENDE HÄRTEBALLADEN WIE „PLATITUDE“, ABER MATTHAU SELBST SCHLUG ANSCHLIESSEND AUF DEM SELBSTBETITELTEN SOLOALBUM ERST EINMAL RUHIGERE TÖNE AN. AUF „MANIA FOR LIFE“ GING ES 2009 WIEDER HÄRTER ZUR SACHE. JETZT, AUF DER AKTUELLEN CD „HELL OR HIGH WATER“, IST AUS MATTHAU MIKOJAN EINE RICHTIGE BAND GEWORDEN, MIT SIMO STENMAN AM SCHLAGZEUG UND JANNE SUNDVALL AM BASS. UND SONGWRITER MATTHAU LIESS SEINEN BEIDEN MITSTREITERN AUCH UNÜBERHÖRBAR MEHR PLATZ, UM SICH SELBST EINZUBRINGEN – WIE SICH BEIM RECORD-RELEASE-GIG IN HELSINKI ZEIGTE, BEI DEM BASSER JANNE FÜR EINEN SONG SELBST ANS MIKRO TRAT. DEMENTSPRECHEND HAT SICH DAS TRIO EIN PAAR TAGE SPÄTER KOMPLETT ZUM INTERVIEW EINGEFUNDEN (AUCH WENN BASSER JANNE NEBEN SEINEN BEIDEN KOLLEGEN SEHR SCHWEIGSAM BLEIBT, WÄHREND MATTHAU UND SIMO SICH DIE BÄLLE ZUWERFEN). AM ABEND WERDEN DIE DREI DIE NEUE PLATTE IN IHRER HEIMATSTADT TAMPERE VORSTELLEN, UND DAHER SITZEN WIR NUN BACKSTAGE IM KELLER DES RENOMMIERTEN ROCKCLUBS KLUBI, WÄHREND OBEN DIE VORGRUPPEN SUICIDE LOVE BOAT UND INCREDIBLE NOTHING SOUNDCHECK MACHEN. DAS NEUE ALBUM KLINGT MEHR NACH EINER BAND-PLATTE ALS DIE BEIDEN VORHERIGEN ALBEN. WIE HAT SICH DIE CHEMIE ZWISCHEN EUCH SEIT „MANIA FOR LIFE“ VERÄNDERT? Matthau: Janne ist erst letztes Jahr zu uns gestoßen, und das hat natürlich eine Menge geändert. Unser erster Bassist, Teemu Broman, ging uns kurz vor unserer letzten Deutschlandtour im Frühjahr letzten Jahres abhanden… Simo: Und nachdem es auf der Deutschlandtour mit Janne so gut lief, haben wir uns natürlich gesagt, hey, warum behalten wir den Typ nicht. Dabei war das eine ziemlich spontane Aktion, wir brauchten halt auf die Schnelle einen Bassisten und standen ziemlich unter Druck. Matthau: Mit Janne spielte ich schon damals noch in einer anderen Band zusammen, von daher war es logisch, ihn zu fragen. Als dann die Aufnahmen für die neue Platte anstanden, habe ich zuerst noch überlegt, den Bass selbst zu spielen, aber ich bin froh, dass ich das nicht getan habe. „HELL OR HIGH WATER“ KLINGT JETZT NACH EINEM RICHTIGEN BAND-ALBUM … Matthau: Hoffentlich! Simo: Das war auch so beabsichtigt, auch im Hinblick darauf, dass es uns hauptsächlich darum ging, die Songs live zu spielen. Ich glaube, dieser organische Sound hat sich zum größten Teil während der Proben entwickelt. Irgendwann wurde uns bewusst, dass wir als Trio einfach großartig klingen, und dass es nicht nötig ist, mit irgendwelchen Effekten herumzuspielen oder irgendwelche Maschinen einzusetzen. TATSÄCHLICH IST „HELL OR HIGH WATER“ INSGESAMT EINEN STRAIGHTES ROCKALBUM GEWORDEN, MEHR NOCH ALS DIE VORGÄNGER. „GOLDMINE“, EIN SONG ÜBER DIE SUCHE NACH DEM GLÜCK ABSEITS DES MODELLS ARBEIT UND FAMILIE, IST EINER DER WENIGEN BALLADEN UND DOCH AUCH ETWAS ÜPPIGER ARRANGIERT? Simo: Ja, bei „Goldmine“ haben wir absichtlich übertrieben, was das Arrangement angeht. Matthau: Generell spielen schon noch ein paar weitere Musiker mit … Simo: …aber das war dann eher so als psychologisches Moment gedacht, damit es einfach etwas voller klingt. Grundsätzlich sind es nur wir drei. Matthau: Alles andere hört man nur, wenn man drauf ist. [grinst] HABT IHR BEWUSST AUF BALLADEN VERZICHTET? EINEN SONG WIE „ORANGE MOON“ HÄTTE MAN JA AUCH LANGSAM ARRANGIEREN KÖNNEN, ABER IHR HABT IHN SEHR RUPPIG UND SCHNELL EINGESPIELT. Simo: Wir fanden, dass er im Neunziger-Gewand, so im Stil der Stone Temple Pilots, einfach besser klingt. Ich glaube, wir haben auch das Riff irgendwo bei denen geklaut. HAT SICH EUER MUSIKGESCHMACK SEIT DER LETZTEN PLATTE VERÄNDERT? Matthau: Meiner ändert sich jedes Jahr. Als das letzte Album entstand, stand ich sehr auf Billy Idol. Inzwischen stehe ich mehr auf die Stones, auf mehr handgemachten, organischen Sound. WAS DIE TEXTE AUF DER PLATTE BETRIFFT, KLINGT ES SO, ALS WÄRT IHR AN EINEM WENDEPUNKT ANGEKOMMEN, ALS WÜRDET IHR DAS WILDE LEBEN ALLMÄHLICH DURCHAUS KRITISCH HINTERFRAGEN, UND BEZIEHUNGEN UND LIEBESKUMER SPIELTEN EINE GRÖSSERE ROLLE ALS FRÜHER? Matthau: Die meisten Songs handeln schon von meinem eigenen Leben. Simo: Und Janne und ich, wir können das meiste, was er schreibt, auch gut nachvollziehen. Spätestens, wenn es um die Katerstimmung am nächsten Morgen geht. Matthau: Natürlich geht es immer noch viel ums Trinken und so … aber man muss auch über andere Dinge schreiben können, man muss Geschichten erzählen können, denn so spannend ist das eigene Leben dann ja meist doch nicht. Janne: Und außerdem gibt es ja auch Geschichten, die einfach erzählt werden müssen, auch wenn sie von Serienmördern handeln. Das Leben ist nicht immer schön. Das muss auch mal gesagt werden. SO WIE IN „CANDY WRAPS“. BASIERT DER SONG AUF EINER WAHREN GESCHICHTE? Matthau: Ja. Die Inspiration hinter diesem Song war ein Dokumentarfilm über einen Serienmörder aus den Siebzigern in den USA, dessen Namen ich vergessen habe. War auch nicht so wichtig. Dort wurde auch der Ausdruck „Candy Wraps“ gebraucht: Der Typ hatte die Leichen seiner Opfer zerstückelt und in einen Fluss geworfen wie Süßigkeitenpapier. Das war irgendwie ein toller Titel. Eine andere wahre Geschichte ist die hinter „Gambling Girl“. Da geht es eigentlich um einen Freund von mir, einen Mann, wohlgemerkt, aber ich musste die Geschichte ein bisschen verklausulieren, weil ich nicht wollte, dass er sich erkennt. UND, HAT DAS FUNKTIONIERT? Simo: Ich glaube, er hat die Platte noch nicht gehört. [lacht] KOMMT ES AUCH VOR, DASS MATTHAU MIT EINEM TEXT ANKOMMT UND DER REST DER BAND DAMIT NICHTS DAMIT ANFANGEN KANN? Simo: Ich mag Mattis Texte in der Regel sehr. Manchmal diskutieren wir noch über einzelne Ausdrücke und wir suchen vielleicht nach anderen Worten, aber das ist auch alles. Matthau: Kleinkram halt. Man ändert vielleicht „dullness“ in „emptiness“, so auf dieser Ebene. Simo: Wir respektieren seine Vision. Matthau: Generell weiß ich meist sehr genau, was ich mit einem Titel ausdrücken will, und ich bin dann auch nicht besonders kompromissbereit. Aber inzwischen schreiben wir auch Songs zusammen. Das Riff und die Grundlagen zu „Candy Wraps“ kamen von Simo, das waren Ideen, die er in sein Mobiltelefon gesummt und mir dann vorgespielt hat. Simo: Ja, ich spiele kein Instrument außer Schlagzeug, deswegen ist das meine einzige Möglichkeit – ich summe die Melodien ins Telefon und versuche irgendwie rüberzubringen, welche Akkorde die beiden daraus machen sollen. „BLIND ARROWS“ KLINGT AUCH NACH EINER ZUSAMMENARBEIT, WEIL ER SO RHYTHMUSDOMINIERT IST, MIT DIESEM STAMPFEN, DAS EIN BISSCHEN AN EINEN VORÜBERDONNERNDEN ZUG ERINNERT? Matthau: Ja, das haben wir von Queen geklaut, von „Break Thru“. Ist wirklich ziemlich ähnlich, musst du dir mal anhören. Simo: An dem Song haben wir tatsächlich noch eine Weile herumgefeilt. Am Anfang gefiel mir der Refrain überhaupt nicht, und ich habe zu Matti gesagt, Mann, du hast da so ein geiles Riff geschrieben, das verdient einen besseren Song. Matthau: Der ganze Titel war zunächst völlig anders. Simo: Also habe ich mal wieder was in mein Telefon gesummt, und das hat er dann genommen. BEI DEN KONZERTEN IM LETZTEN SOMMER GAB ES EINIGE DER NEUEN SONGS JA SCHON ZU HÖREN. WANN HABT IHR EUCH IM STUDIO EINGEIGELT? Matthau: Die Platte entstand in mehreren Schüben über das letzte halbe Jahr in einem Studio hier in Tampere. Wir haben im letzten Sommer angefangen, mussten aber zwischendurch immer mal wieder unterbrechen. Unser Produzent, Jari Latomaa, hat seine eigene Band, er spielt Keyboards bei Yö, und war entsprechend auch immer mal wieder beschäftigt. Und ich musste ja noch meinen Entzug machen und so. [lacht] War nur’n Witz. Am meisten hat mich bei den Aufnahmen beeindruckt, wie toll Janne sich eingefügt hat. Er steckt seine ganze Seele in das, was wir tun. Vielleicht sollte ich das jetzt nicht sagen, aber er ist sogar besser als Teemu, der nebenbei noch jede Menge anderer Projekte hatte. DABEI SEID IHR ALLE DREI DOCH MUSIKALISCH NOCH ANDERWEITIG ENGAGIERT – MATTHAU SOLO MIT SEINEN ACOUSTIC SAUNA GIGS (BEI DENEN NEBEN COVERSONGS VON HENDRIX, BILLY IDOL, DEN STONES ODER GUNS N’ROSES DIE EHER BALLADESKEN TITEL SEINER BISHERIGEN KARRIERE IM MITTELPUNKT STEHEN) UND ZUSAMMEN MIT JANNE BEI DON SCORLEONE & CONSIGLIERES UND MAUNO & THE BOYS … Matthau: Ja … aber das sollten wir vielleicht nicht zu sehr vertiefen. Simo: Ich spiele noch bei den Bitterlicks, eine gute Band, check it out! Sagen wir mal so, wir spielen alle gern live, und schon allein, um dafür mehr Möglichkeiten zu haben, sind ein paar mehr Bands nicht schlecht. IST ES MUSIKALISCH VÖLLIG ANDERS, WAS IHR SONST SO MACHT? Matthau: Das, was Janne und ich noch so machen, auf alle Fälle. Zunächst mal singen wir in Finnisch … KÖNNTEST DU DIR DAS FÜR MATTHAU MIKOJAN AUCH VORSTELLEN? Matthau: Nein. Das ist nicht mein Ding. Bei den anderen Bands spielen wir nicht meine eigenen Songs. Seit ich als Jugendlicher angefangen habe, Songs zu schreiben, schreibe ich auf Englisch. Ich glaube nicht, dass ich in Finnisch gut wäre. Außerdem wollen wir weiter international spielen. IHR HABT EINE ZIEMLICH GROSSE FANGEMEINDE IN DEUTSCHLAND, SIND SCHON NEUE GIGS GEPLANT? Simo: Leider nein, vielleicht brauchen wir da noch ein bisschen Unterstützung. Matthau: Falls du jemand kennst … WELCHE ERWARTUNGEN VERKNÜPFT IHR JETZT MIT DER PLATTE? Simo: Ach, keine … jetzt haben wir die Sache ja auch nicht mehr in der Hand. Jetzt ist das Ding draußen, und wir müssen abwarten, wie es sich entwickelt. Matthau: Wenn man erst mal anfängt, über so einen Scheiß nachzudenken, wohin einen die nächste Platte führt und all so was, dann macht einen das verrückt. Denn da kann man gar nichts tun, außer live eben wirklich immer hundert Prozent zu bringen. Simo: Wenn man berühmt werden oder viel Geld verdienen will, dann sollte man sich einen anderen Job suchen. Für uns ist eigentlich nur wichtig, dass die letzte Platte immer besser ist als die letzte. Dass wir so eine Band werden, die wie ein guter Wein im Alter immer besser wird.

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