Terrorverlag > Blog > MATTHAU MIKOJAN > MATTHAU MIKOJAN

Interview Filter

MATTHAU MIKOJAN

Matthau-Mikojan-2

Vier Jahre sind ins Land gegangen, seit der finnische Rocker sein letztes Album veröffentlichte. Damals standen alle Zeichen auf Karriereschub – „Hell Or High Water“ war ein solides, kraftvolles Rockalbum geworden, und das Trio Matthau Mikojan war eine gleichberechtigte Band voller Tatendrang, die richtig durchstarten wollte. Doch dann wurde es unvermittelt still: Man hätte glauben können, Matthau Mikojan hätte die Gitarre endgültig an den Nagel gehängt. Erst im letzten Jahr gab es wieder erste Lebenszeichen. Matthau – jetzt wieder solo – war im Studio und arbeitete an einer neuen Platte. Und in diesen Tagen erschien tatsächlich mit „Her Foreign Language“ ein straff produziertes, im reduzierten Seventies-Sound gehaltenes Album, das ganz und gar im Alleingang eingespielt wurde. In Deutschland hat Matthau seine neuen Songs inzwischen auch schon live vorgestellt: Noch vor der offiziellen Album-Veröffentlichung gab er zwei Akustik-Gigs in Berlin, die sich zu fünfstündigen Marathonshows mit dem echten Wunschprogramm für Fans ausweiteten. Für unser Interview nimmt er sich noch am Vorabend des Berlin-Trips Zeit, und als wir uns in seiner Heimatstadt Tampere in einer Bar beim Bier treffen, kommt er gerade vom Kofferpacken. ALS WIR VOR VIER JAHREN DAS LETZTE MAL MITEINANDER GESPROCHEN HABEN, WAR „HELL OR HIGH WATER“ GERADE ERSCHIENEN, ES GAB EINIGE GIGS IN FINNLAND, UND DU WARST IM HERBST NOCH EINMAL FÜR EIN KONZERT IN DEUTSCHLAND. DANN HERRSCHTE PLÖTZLICH FUNKSTILLE. WAS WAR PASSIERT? Tja … was war passiert … Die Band hat sich einfach nicht entwickelt. Es gab Songs, die wir gemeinsam umsetzen wollten, was dann aber nicht geklappt hat – wir steckten musikalisch in einer Sackgasse, und ich merkte, dass ich die neuen Sounds, die ich im Kopf hörte, mit dem damaligen Line-Up nicht verwirklichen konnte. Also fing ich an, Demos aufzunehmen, und vor allem beschäftigte ich mich auch immer mehr mit Aufnahmetechnik. Ich las jede Menge darüber, sah mir Tutorials an, besuchte Tontechniker in ihren Studios und probierte ganz viel aus. Denn allmählich kam mir der Gedanke, dass ich die nächste Platte ganz allein machen sollte. Schon zu Zeiten von BLOODPIT hatte ich einige sehr rhythmische Songs geschrieben, die dann mit der Band nie funktionierten, weil sie so völlig anders waren als unser damaliges Material, und die wollte ich nun endlich herausbringen. Also arbeitete ich allein. Aber ich weiß nicht, ob ich das noch einmal so machen würde. WARUM NICHT? (lacht) Doch, ich würde es wieder machen. Tatsächlich denke ich schon über die nächste Platte nach, und klar, die würde ich wieder allein aufnehmen. WAS IST DIR BEI DER NEUEN ARBEITSWEISE DENN BESONDERS SCHWER GEFALLEN? Nun, es gab immer wieder andere technische Probleme, und ich hatte auch keine Ahnung, wie viel Arbeit wirklich hinter dem Aufnahmeprozess steckt. Wenn wir vorher im Studio gewesen waren, hatte ich mich nie wirklich darum gekümmert, was da am Pult passiert. In der Anfangsphase habe ich gearbeitet wie ein Wahnsinniger, ich habe nicht mal mehr geschlafen. Ich bin nicht mehr ans Telefon gegangen. So ungefähr ein halbes Jahr habe ich einfach nur gearbeitet. Dann war ich total frustriert, weil ich das Gefühl hatte, es sei alles nicht gut genug. Die ganze Kreativität war plötzlich wie weggeblasen, und ich fiel in ein richtig tiefes Loch. Ich merkte, dass man auf Dauer eben doch nicht ohne Essen und Schlafen auskommen kann, und nach einer Pause habe ich dann versucht, einen normalen Arbeitsrhythmus zu finden. Aber ich hatte auch niemanden, mit dem ich mich über Ideen austauschen konnte. Mit einer Band hast du ja immer einen Ansprechpartner. ABER MAN MUSS AUCH MEHR KOMPROMISSE EINGEHEN. Das stimmt. Dieses Mal gab es überhaupt keine Kompromisse. BEI UNSEREM LETZTEN INTERVIEW WAR DIR GANZ WICHTIG ZU BETONEN, DASS DU NUR EIN TEIL DER BAND WARST, EINER VON DREI GLEICHBERECHTIGTEN. UND JETZT BIST DU PLÖTZLICH WIEDER SOLO UNTERWEGS. WAR DAS NICHT 2008 AUCH SO ÄHNLICH, ALS DU BLOODPIT VERLASSEN HAST UND DEINE EIGENE PLATTE GEMACHT HAST, UM KEINE KOMPROMISSE MEHR MACHEN ZU MÜSSEN? Nein, damals waren allein die Drogen schuld. Sonst nichts. Das hatte nichts damit zu tun, dass ich irgendwas anderes gewollt hätte. Ich konnte einfach nicht mehr – ich brauchte Hilfe und habe die glücklicherweise auch bekommen. Jetzt war es anders; ich habe diese Platte auf diese Weise aufgenommen, weil ich keine andere Wahl hatte. Wenn ich einen guten Drummer gewusst hätte, der Zeit gehabt hätte, dann hätte ich den gefragt. Allerdings hatte ich bei den Demos gemerkt, dass ich durchaus selbst Schlagzeug spielen konnte, also habe ich das getan. JETZT GIBT ES ABER JA WIEDER EINE BAND, MIT DER DU AUCH LIVE SPIELEN WILLST – WER IST DENN JETZT DABEI? Oh, das habe ich bisher noch niemandem erzählt. Dir könnte ich es aber sagen, es ist auch kein Geheimnis mehr: Alarik Valarmo [der ehemalige BLOODPIT-Drummer] und Janne Sundvall, unser alter Bassist von früher. Wir arbeiten wieder als Trio. Alarik ist ein großartiger Drummer. MIR IST BEI DEM NEUEN ALBUM AUFGEFALLEN, DASS DIE GITARRE WIEDER SEHR IM VORDERGRUND STEHT, DIE BEI „HELL OR HIGH WATER“ KEINE GROSSE ROLLE GESPIELT HATTE. HIER KLINGT ES FAST SO, ALS SÄNGEN STIMME UND GITARRE IM DUETT. Das stimmt, diese Art von Interaktion mit der Gitarre war da. Da habe ich viel Multi-Tracking benutzt – ohne darüber nachzudenken, wie man das dann später auf der Bühne umsetzen kann! Schließlich kann ich ja nicht drei oder fünf Gitarren gleichzeitig spielen. Obwohl, ich könnte es vielleicht versuchen … [lacht] AUF „HER FOREIGN LANGUAGE“ STEHEN ALLE EINZELNEN SOUNDELEMENTE GANZ KLAR ABGEGRENZT NEBENEINANDER, GANZ ÄHNLICH WIE AUF DEN ERSTEN HENDRIX-ALBEN ODER BEI „EXILE ON MAIN STREET“ – DAS IST SCHON EIN GANZ ANDERER SOUND ALS DIE HEUTE EHER SEHR DICHTEN, KOMPRIMIERTEN PRODUKTIONEN … Genau das habe ich auch angestrebt – diese Authentizität, diesen Seventies-Sound. Ich finde es großartig, wie damals aufgenommen wurde, und ich habe auch versucht, das Schlagzeug ähnlich einzufangen, wie es Glyn Jones bei den Aufnahmen mit den STONES gemacht hat, mit nur ein paar Mikrofonen. Na ja, ich habe vier benutzt, bei ihm waren es wohl drei, sagt man. Jedenfalls habe ich versucht, diesen Sound so gut wie möglich nachzuempfinden. Ich hatte natürlich keine Bandmaschine für 50.000 Euro, und ich musste auch mit Computern arbeiten, aber ich habe versucht, den Sound so sauber wie möglich zu halten, und ich glaube, das ist mir ganz gut gelungen. WAS DIE SONGS AN SICH ANGEHT, FIEL ES MIR SCHWER HERAUSZUFINDEN, WOVON SIE HANDELN, ABER MIR HABEN VIELE DER BILDER GEFALLEN, DIE DU DARIN ZEICHNEST. Es geht auch nur um Bilder. Das war schon bei BLOODPIT so, bei Songs wie „Platitude“. Mich hat einmal eine Frau gefragt, worum es da geht, und da habe ich selbst zum ersten Mal darüber nachgedacht … Vom Gefühl her kapiere ich den Song total, aber ich könnte ihn nicht erklären. Es ist ein Bild. Es sind Gefühle, wie ein Gemälde aus Worten. DU ARBEITEST AUCH VIEL MIT STREAM-OF-CONSCIOUSNESS, GERADE BEI DEN SONGS AM ENDE DES ALBUMS, UND DER LETZTE TRACK, „MASQUERADE“, HAT ETWAS VON EINEM FILM, ODER? Bei dem Song hat mich Stanley Kubricks „Eyes Wide Shut“ inspiriert. Als ich den Text schrieb, saß ich in einem riesengroßen Haus und es lief der Fernseher, und dabei kam diese Horror-Fiction heraus. Hinter dem Song davor, „Thoughts Of Glass“, steckt eine andere Geschichte. Als die Platte entstand, gab es in meinem Bekanntenkreis einige Todesfälle – es waren alles Selbstmorde. Zur gleichen Zeit las ich noch ein Buch über Kurt Cobain, und ich habe sehr viel über junge Leute nachgedacht, die sich das Leben nehmen. Junge Leute. Sehr junge Leute. Das prägte dann auch diesen Song – ich stellte mir vor, dass ich im Himmel eine Band mit ihnen hätte, und dass sie vielleicht ihre Tat bedauerten. Aber es ist kein depressiver Track, gar nicht, es ist ein sehr positiver Song. Die Akkorde sind ziemlich nahe an „Polly“ von NIRVANA. BIST DU NIRVANA-FAN? Ja, ich habe die gerade, als ich jünger war, sehr gerne gehört. DU KOMMST JA AUS EINER MUSIKERFAMILIE; SCHON DEIN VATER WAR ROCKMUSIKER. FÜR VIELE ANDERE KIDS IST MUSIK EIN MITTEL, UM SICH VON IHREN ELTERN ABZUGRENZEN, ABER WIE WAR DAS BEI DIR? WOLLTEST DU JE ANDERE SACHEN HÖREN ALS DAS, WAS BEI EUCH ZU HAUSE LIEF? Ich kannte gar nichts anderes. Bei uns lief immer Rockmusik oder Blues … In den Neunzigern habe ich tatsächlich nach einer „eigenen“ Richtung gesucht und es zum Beispiel mit SEPULTURA oder SLAYER probiert, aber so ganz richtig habe ich diese Platten nicht gemocht. Ich wollte sie mögen, aber es hat nicht geklappt. Auf eine Band bin ich damals allerdings richtig abgefahren – THERAPY?. JETZT, WO DU DAS SAGST – DAS HÖRT MAN ZIEMLICH IM SOUND VON BLOODPIT. Ja, das stimmt, sogar sehr. Und ansonsten hört man noch DEFTONES und ziemlich viel Nu Metal, den ich immer gehasst habe. WARUM? Ich stand auf Rock, und Paavo [Pekkonen, BLOODPIT-Gitarrist und Mitbegründer] auf Metal. Wir haben beides zusammengeworfen und ich glaube, etwas Neues daraus geschaffen. ICH HABE BLOODPIT LEIDER NIE LIVE GESEHEN, ICH KENNE NUR DIE DVD „LIVE @ NOSTURI“ … Auf der erkenne ich mich heute selbst nicht mehr wieder. Ich bin inzwischen ein völlig anderer Typ. Meine ganze Persönlichkeit hat sich verändert. Und jetzt hat sich der Kreis geschlossen, und ich spiele wieder mit Alarik zusammen. HAST DU ZU PAAVO NOCH KONTAKT? Ja, klar, der einzige, den ich lange nicht mehr gesehen habe, ist [Bassist] Aleksi, aber das liegt daran, dass der sehr viel zu tun hat und ganz viel mit anderen Bands auf Achse ist. Aber mit der neuen Band ist es jetzt sehr cool, und wir hoffen alle sehr, dass wir in und auch außerhalb von Finnland durchstarten können. Ich würde sehr gerne wieder in Deutschland auf Tour gehen. VIELE FINNISCHE KÜNSTLER HABEN IN DEN LETZTEN JAHREN VON ENGLISCHEN TEXTEN AUF FINNISCHE UMGESATTELT UND SIND DAMIT AUCH RECHT ERFOLGREICH, WIE BEISPIELSWEISE JONNE AARON VON NEGATIVE. WÄRE DAS AUCH FÜR DICH EINE OPTION? Nein. Ich glaube, darin wäre ich nicht sehr gut – und vor allem möchte ich mich nicht auf Finnland allein beschränken, es ist so ein kleines Land. Aber das stimmt, der Trend ist da; wahrscheinlich, weil die Rockszene hier in den letzten Jahren so einen Knick erlebt hat. Die New Wave of Glam Rock ist verschwunden, also musste wohl etwas anderes her. Aber ich finde, man muss sich treu bleiben und das tun, woran man glaubt. WORAUF SPIELT EIGENTLICH DER ALBUMTITEL „HER FOREIGN LANGUAGE“ AN? GEHT ES UM DAS ALTE KLISCHEE, LAUT DEM MÄNNER UND FRAUEN VERSCHIEDENE SPRACHEN SPRECHEN? Nein. Denk an eine Muse. An Inspiration. Die Muse ist für mich nicht wirklich greifbar. Im ersten Song, „Wrapped“, heißt es zum Beispiel: „I called the muse ‚whore’, she’s not with me anymore“. Die Inspiration war weg, jetzt ist sie wieder da … Auch auf dem Cover ist eine Muse zu sehen. Oh verdammt, jetzt habe ich das ganze Geheimnis kaputt gemacht! [lacht] Bei einem anderen Song, „You“, ist mir zum ersten Mal klar geworden, dass ich noch nie jemandem ganz direkt gesagt habe: „Ich liebe dich.“ Stattdessen habe ich immer ein Bild gezeichnet. Aber dieser Song schrieb sich sozusagen selbst, mit Text und allem. Zuerst dachte ich, das ist ja total abgedroschen, ich kann nicht einfach „I love you“ singen. Aber wie gesagt, der Song schrieb sich selbst, ich hatte nichts damit zu tun – ich habe nur die Gitarre zur Hand genommen und ihn gespielt. WEM HAST DU DIE FERTIGE PLATTE ALS ERSTES VORGESPIELT? Meinem Bruder [Sir Christus, früher Gitarrist bei Negative]. Seine Meinung ist mir enorm wichtig – er ist ein großer Fan von mir, ich bin ein großer Fan von ihm. UND BIST DU MIT DER PLATTE, WIE SIE JETZT GEWORDEN IST, RUNDUM ZUFRIEDEN? Ja. Ich hatte 24 Songs dafür aufgenommen, von daher habe ich praktisch noch Material für ein zweites Album, das ich veröffentlichen könnte, dabei denke ich schon wieder an das nächste. Gestern hatte ich zum ersten Mal die fertigen CDs in der Hand und … irgendwie ist das dann auch immer ein wehmütiger Moment. Man packt die Platte aus und denkt: Das war’s? Und was mache ich jetzt? Die letzten zweieinhalb Jahre habe ich damit verbracht, und jetzt ist es fertig? Los, machen wir die nächste! Für mich war es aber sehr wichtig, dass die Platte auch als physischer Tonträger erscheint, obwohl sie schneller draußen gewesen wäre, wenn ich mich mit einer digitalen Veröffentlichung zufrieden gegeben hätte. Aber ich möchte, dass die Leute etwas haben, was sie anfassen können. WAS WAR DENN DIE LETZTE PHYSISCHE PLATTE, DIE DU GEKAUFT HAST? No. 4 von den Stone Temple Pilots, auf Vinyl. Vinyl ist das einzig wahre Format. Ich hoffe mal, dass ich bis zum Jahresende auch Her Foreign Language auf Vinyl herausbringen kann. WAS HAST DU BEI DER ARBEIT AN DER PLATTE ÜBER DICH SELBST HERAUSGEFUNDEN? Dass ich nicht aufgeben will. Ich werde immer Songs schreiben, und ich bin immer dann am besten, wenn ich in der Klemme stecke. Es gab ein paar Situationen, da habe ich darüber nachgedacht, den ganzen Kram hinzuschmeißen, weil ich das Gefühl hatte, das wird nie was. Es war unglaublich viel Arbeit. Zwei Jahre lang bin ich jeden Tag, oder vielmehr jede Nacht ins Studio … aber offenbar habe ich es ja doch geschafft: Schließlich habe ich jetzt die CD bei mir zuhause liegen! Matthau Mikojan

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Alle markierten Felder (*) müssen ausgefüllt werden.

Mehr zu MATTHAU MIKOJAN auf terrorverlag.com