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MONA MUR & EN ESCH

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HALLO MONA, HALLO EN ESCH, ES FREUT MICH SEHR, DASS IHR EUCH DIE ZEIT FÜR DIESES INTERVIEW NEHMT. VIELEN DANK DAFÜR! DIE VERÖFFENTLICHUNG EURER ERSTEN GEMEINSAMEN CD STEHT IN DEN STARTLÖCHERN. SEID IHR AUFGEREGT? MM: Alles ist aufregend… Die Entstehung dieser Musik, sie zu spielen, den kleinen Tonträger hier zu betrachten, das Zeug laut zu hören. Als Adrenalinjunkie komme ich voll auf meine Kosten mit diesem Herrn Esch hier. EE: Das Werk verlässt die Hand des Musikers, immer ein sehr schöner Augenblick. Weil die Musik automatisch klassisch wird. Heißt: Ein komplettes Album steht auf seinen eigenen Füssen, Auf immer in dieser Form geboren Und nicht mehr zu verbessern Oder zu verändern. GIBT ES ZU DER STUDIOARBEIT UND PRODUKTION DIE EINE ODER ANDERE ANNEKDOTE ZU BERICHTEN? MM: Well… Das umwerfendste Ereignis für mich ist, dass wir „Die Ballade vom Ertrunkenen Mädchen“ von Brecht/ Weill nun doch veröffentlichen dürfen. Zunächst hatte Universal Edition Wien die Bearbeitungsgenehmigung für diesen Songs aus dem „Berliner Requiem“ strikt verweigert. Wir hatten es, auf unser Glück vertrauend, natürlich trotzdem aufgenommen. Lange sah düster aus. „Aus verlagspolitischen Gründen.“ Ein mit letzter Entschlossenheit an die übergeordnete Instanz, die Kurt Weill Foundation in New York, gerichteter Brief hat es dann gebracht, in letzten Moment. Der Song ist auf der CD. Ein Wunder. Danke, Ms Weber. EE: Die ersten Takte im ersten Song sind ungewollte Störgeräusche, die durch meine Gitarrenpickups als Mikrophone fungierend aufgenommen wurden. Trash, einmal, zufällig, untouchable. Um erdgebundener zu klingen, habe ich einige Gitarrenspuren im liegen aufgenommen. Sehr interessante Erfahrung. WAS KANN MAN UNTER DEM TITEL „120 TAGE – THE FINE ART OF BEAUTY AND VIOLENCE“ VERSTEHEN? WAS HAT ES MIT DEN 120 TAGEN AUF SICH? MM: „120 Tage“ ist ein klassischer Mona Mur Song von 1984. Ein Undergroundhit, der in Originalfassung auf diversen CDs, Samplern und in Filmen wie z. B: „Die Jungfrauenmaschine“ von Monika Treut veröffentlicht wurde. Es gibt auch eine Orchesterfassung. Der Song behandelt das alte Thema von Liebe als Grenzerfahrung. Wir spielen mit Assoziationen von Erotik, Macht, Unterwerfung, Lust, Schmerz, Tod, auf poetische Weise, nicht als intellektueller Diskurs. Es ist kein deSade – Proseminar. „Ein jeder Engel ist schrecklich.“ Diese Spannungszustände gestalten alle Arten von menschlichen Beziehungen, mehr oder weniger direkt. Wir erlauben uns, schamlos mit diesen Assoziationen zu spielen. Nicht nur im Text, sondern auch in der Wahl der musikalischen Mittel und Formensprache. Der Song klingt wie „Messerwerfen“… Opulente Tutti wechseln mit abrupten Pausen, quasi neo-expressionistisch. (Ich würde spontan an Pasolinis filmisches Meisterwerk „Die 120 Tage von Sodom“ denken, der Chefredakteur) WENN MAN EUREN GEMEINSAMEN STIL MIT DREI WORTEN ERKLÄREN KÖNNTE, WELCHE WÄREN DAS? MM: Buy The Album… haha. Nein. Chansons Muy Brutales. Sorry. Es ist nicht fair, einen Musiker zu so etwas zu zwingen… Ich möchte keinen Musikstil mit drei Worten erklären. Oder doch? Hier ein Versuch: Melodramatic Popular Song/ Metal/ Electronica. EE: Mur und Esch, nur für dich, komm’ doch mit, gib es mir. Oder: Die schlauen Proleten, die geile Selbstzerfleischung, Monster ohne Reue, Gehsinnungszerfall durch Überstimulanz, (eigentlich mein Favorit). IHR ZWEI SEID LÄNGST KEINE UNBEKANNTEN MEHR IN DER SZENE UND IHR HABT AUCH VIELE MUSIKALISCHE PROJEKTE. STELLT UNS DIESE DOCH KURZ EINMAL VOR. MM: Neben meiner Vokalistentätigkeit produziere ich möglichst un- oder unterirdische Soundtracks und Sound FX für Computergames. Z.B. Ballance, Velvet Assassin, Culpa Innata 2. Check it out. EE: 1.) Ur-Mitglied von KMFDM. Jene Band mit Sascha Konietzko zusammen aufgebaut, 15 Jahre in den Staaten gelebt und dort mein Unwesen getrieben. 2.) Ur- und Dauermitglied von Industrial Allstar Ensemble „Pigface“ aus Chicago. 3.) Sänger und Programmierer in der US-Kanadischen Band „Slick Idiot“ zusammen gegründet mit Günter Schulz (ex-KMFDM) 4.) Solo Projekt „En Esch“ Und “hired gun“ für andere Bands als Produzent oder Remixer, wenn die Musik mir behagt. WIE BEKOMMT IHR DIES ALLES UNTER EINEN HUT? MM: Durch Organisation und Zeitplanung. Man kann nicht alles auf einmal. Ist normal. EE: Nur schwierig, Frau/ Mann muss Prioritäten setzen zum gegebenen Zeitpunkt. Ich habe mich daran gewöhnt, auf unerledigten Aufgaben zu sitzen, umso froher bin ich, wenn ein „musikalisches Produkt“ meine Hände verlässt und angenommen wird (bekreuzigt sich..). UND WIEVIEL ZEIT WIDMET IHR DER MUSIK, WENN IHR EINEN NORMALEN „ARBEITSTAG“ BETRACHTET? Mona: Nun, Musik nur 45 Minuten. Den Rest der Zeit verbringe ich mit perversem Sex und Drugs. – Warum die Anführungszeichen? Musik ist mein Beruf. Das füllt alles aus. Dann gibt es noch Visuelle Medien, Games und Filme, die mich faszinieren und die ich vertone. Es gibt keine Wahl. Du bist Musiker oder Du bist es nicht. Ich bin aber viel gereist und habe gelebt, als gäbe es kein Morgen. Das war auch notwendig. Ich tue das auch jetzt noch, aber mit minimierter Selbstzerstörungswucht. EE: ich versuche trotz aller Obsession mit Musik einige Minuten am Tage an andere Sachen zu denken um meinem Kopf eine Pause zu gönnen… Eine Runde in Berlins schlechter Luft reinigt den Verstand und das Gehör… auch Rosenkohl säubern kann Meditation sein. UND WIE KAM ES EIGENTLICH DAZU, DASS IHR ZWEI EUCH MUSIKALISCH VERBÜNDET HABT? MM: Ein langjähriger Freund und Original-Mona Mur-Bandmember, Organist Nikko Weidemann, hat Herrn Esch freundlicherweise überredet, mich zu besuchen. Das war am 30. Januar 2007. Wir hatten vor, die alten Mona Mur Songs für ein Liveset frisch zu machen. Dann kam Esch mit einer Wundertüte von unglaublichen elektronischen Loops, dass uns die Kiefer herunterklappten. Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte. Heftigstes, aber gleichzeitig sophisticatetes, einfach unerhörtes Zeug. Das war der Beginn unserer Zusammenarbeit. EE: Ich bewundere Mona seit Oktober 1985, als ich mit den frühen KMFDM für sie Vorgruppe war. Ihr damaliger Keyboarder Nikko lebte eine zeitlang in New York, im gleichen Viertel wie ich und wir wurden dort enge Freunde. So war es nicht verwunderlich, dass er sich meiner annahm nach meinem Umzug nach Berlin und mich auch bei Mona einführte… DIE SONGS AUF EUREM GEMEINSAMEN ALBUM STECHEN WIRKLICH EXTREM AUS DER MASSE HERAUS, WAS ICH SEHR BEEINDRUCKEND FINDE. BITTE GEBT UNS ZU FOLGENDEN SONGS DOCH EINMAL EIN PAAR HINTERGRUND-STATEMENTS: MM: DIE BALLADE VOM ERTRUNKENEN MÄDCHEN: Ist von den Herren Brecht und Weill – thematisiert den Tod Rosa Luxemburgs, die von faschistischen Schlägerbanden ermordet und in den Berliner Landwehrkanal geworfen wurde. Aber für mich ein durchaus universelles Stück. Jeder ist Rosa. EINTAGSFLIEGEN: Mein Kommentar zur Lieblingsbeschäftigung dieser Spezies – Krieg führen. SNAKE: Ist ein dreckiger Blues uns bedarf keiner weiteren Erläuterung. Geschrieben 1984 zusammen mit Herrn Nikko Weidemann an dessen Flügel in dessen Boudoir. SURABAYA JOHNNY & DER SONG VON MANDELAY: Beide von Brecht und Weill, aus dem Stück „Das Kleine Mahagonny“. Der Surabaya Johnny, den kennt doch jede… den alten Hund… Das schöne Stück „Song von Mandelay“ mit den Zeilen „Liebe, die ist doch an Zeit nicht gebunden, Jungens, macht rasch, denn hier geht’s um Sekunden…“ Das singt in Wahrheit die Puffmutter Witwe Begbick, um die schlangestehenden Freier zu zügiger Action zu ermahnen. Und „ewig nicht steht der Mond über Dir…“ leider wahr. Ein schaurig-schöner Song über die wichtigsten Dinge im Leben. WAS INSPRIRIERT EUCH ZUM SONGWRITEN BZW. WAS BEEINFLUSST EURE TEXTE? MM: Mein Leben als Ganzes inspiriert und beeinflusst die Arbeit. Ich schaue, dass es was hergibt. EE: Alles kann inspirieren… Jedes Geräusch löst bei mir eine musikalische Assoziation aus. Oder der Fakt, dass ich jeden Morgen mit dem ersten Augenaufschlag eine musikalische Phrase im kopf habe… Es steckt in den Knochen, ob man will oder nicht. WELCHE MUSIK HABT IHR IN EURER KINDHEIT UND JUGEND GEHÖRT? MM: Da die Jugend bis heute geht: Russische Lieder, Bach, Throbbing Gristle, Punk, Wave, Underground Rock n Roll, Elektronik, Acid, Trance, Klassische Indische Musik, Lully & StColombe. EE: Von Abba bis Zappa, Von den Animals bis Zoller. Ich Fand Übrigens Beatles und Stones beide zum kotzen…. WO FINDET IHR EUREN HALT IM LEBEN? MM: Wo…? Bei der Arbeit. Bei den Menschen, die ich liebe. Beim Bretterzertreten im Taekwondo Training. In den Bergen und am Meer. EE: ich halte mich an der Idee fest, dass meine Existenz doch noch einen Unterschied macht für manchen Freund oder Fan… DA IHR JA NUN AUCH SCHON EINIGE JAHRE MUSIKALISCH UNTERWEGS SEID, WÜRDE MICH EURE MEINUNG ZUR HEUTIGEN MUSIKINDUSTRIE INTERESSIEREN… MM: Welche Musikindustrie? Das ist lustig. Ich habe mich, da schon eh alles total zerfällt, für die Zusammenarbeit mit Leuten entschieden, die diese Musik lieben und die ich mag, nämlich PALE MUSIC mit Steve Morell und seiner Mann/ Frauschaft. Dazu haben wir jetzt selbst die Kontrolle über die Produktionsmittel. Internet und Computer fand ich sofort heiß. Wozu also jammern – just do it, ha ha. EE: Durch den Profiteinbruch der Musikindustrie gibt es keine Vielfalt mehr. Die großen Firmen konzentrieren sich auf Haupt-Produkte und die interessanten Nebennischen der früheren Jahre sind nicht mehr vorhanden… Internet bietet eine Chance für kleine Künstler aber auch den Verlust an Einnahmen durch wildes, unkontrollierbares Downloaden. UND WIE SCHAUT ES MIT DER SZENE AUS, INWIEWEIT HAT DIESE SICH VERÄNDERT? MM: Szene – keine Ahnung. Ich habe nie einer angehört…. außer vielleicht ganz am Anfang, in den frühen 80ern. Da waren alle zusammen. Punks, Gothics, Psychobillies, Waver, Elektroniker, HipHopper, Wilde Maler und weitere Halbwelt. Es war überschaubarer damals. Die Avantgarde traf sich in 1 bis 3 Kneipen. Heute gibt es eine gigantische Entertainmentmaschine… Diversifizierung und Kommerzialisierung bis in feinste Verästelungen. Das ist immer so, bevor Reiche untergehen. EE: Ich versuchte immer nie eindeutig zu einer Szene zugehören. Die “nicht-scene“ war meine scene. Ich glaube aber zu beobachten, dass Bands wieder solidarischer sind miteinander und weniger im Konkurrenzkampf der früheren Jahre… DER BLICK IN DIE VERGANGENHEIT: WIE LANGE HABT IHR AN DEM ALBUM GESCHRAUBT? MM: Die Arbeit hat einen Zeitraum von anderthalb Jahren umfasst. Begonnen im Mai 2007 im Mamasweed Studio, einem zauberhaften Rock n Roll Kultort hier in Berlin, Space der netten Band „Mamasweed“. Das Studio gibt es leider nicht mehr. Danach folgte eine lange Phase, in der wir editiert, hin und her vorgemixt und Dinge ausprobiert haben. Schließlich hat Ingo Krauss 7 Songs gemischt. Die 4 neuen Tracks haben Herr Esch und ich dann gemeinsam produziert, bis November 2008. EE: Das Album wurde in verschiedenen Phasen aufgenommen. Die Pre-Production am Computer, dann live-haftiges Jammen im Kult-Keller-Studio mit viel Saft und Kraft, danach wieder am Computer ordnen und editieren und am ende Mixen mit Ingo Krauß und seinen analogen Röhrenmaschinen im alten Flughafen Tempelhof zwischen dem Rosinenbomber und der alten Tante Ju. Das beste von beiden Welten, digital und handgemacht. DIE GEGENWART: WIE SCHAUT ES MUSIKALISCH GESEHEN MOMENTAN BEI EUREM PROJECT ODER AUCH JEDEM EINZELNEN VON EUCH AUS? MM: Well, die CD ist fertig, kommt jetzt raus, ich hoffe, wir spielen eine Menge Konzerte zusammen, auf der ganzen Welt. Dazu arbeite ich an zwei Game Soundtracks. Wir werden auch selbst zu 3D-Game Charactern gerade, Herr Esch und ich. In „Culpa Innata 2“ sind wir die Band und spielen einen unserer Songs in einer russischen Version. EE: Genau, wir sind heiß, noch mehr live zu spielen und dieses Projekt in ganz Europa und darüber hinaus vorzustellen. Ich arbeite nebenbei auch schon wieder an einer neuen En Esch Soloscheibe mit dem Slick Idiot drummer und der Slick Idiot Sängerin in Las Vegas. ZUKUNFTSVISIONEN: WAS IST IN BEZUG AUF EUER GEMEINSAMES PROJEKT FÜR DIE ZUKUNFT GEPLANT? MM: Siehe oben… Tour und mehr Musik… eine Candy Cane/ Eintagsfliegen EP. Ein Video. EE: Ja, wir denken im Moment über einen Remix-Wettbewerb nach. Es gibt schon ein paar tolle Remixe von uns beiden und Steve Morell für die anstehende EP im herbst. VIELEN DANK FÜR EURE ZEIT UND DAS INTERVIEW! WIR WÜNSCHEN EUCH VIEL ERFOLG! VIELLEICHT HABT IHR NOCH EINE MESSAGE AN UNSERE LESERSCHAFT? MM: Keep The Fire Burning… EE: Danke an alle, die sich für unsere Mucke interessieren Und sie sich reinziehen Und was dabei spüren… Wir wissen Eure Unterstützung zu schätzen.

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