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NEUROTICFISH (HENNING VERLAGE)

HALLO HENNING, WIE GEHT’S DIR? WO BIST DU GERADE? Hi Karsten, alles gut, sitze vorm Rechner im Studio. KANNST DU MAL „KURZ“ DICH UND DEINEN MUSIKALISCHEN WERDEGANG VORSTELLEN? WAS HAT DICH IN JUNGEN JAHREN INSPIRIERT, INS MUSIKGESCHÄFT EINZUSTEIGEN UND WIE SAHEN DEINE ERSTEN GEHVERSUCHE AUS? Der typische Werdegang fängt glaube ich immer im Kindergarten mit musikalischer Früherziehung und Flöte spielen an und hört spätestens zwei Jahre später wieder auf :-) Bei mir kamen danach aber noch die E- und sogar die Kirchenorgel, bis dann irgendwann die Spielerei mit Keyboards und einem Atarirechner losging. Von da an war klar, dass ich nichts anderes mehr machen wollte als Musik und habe alles danach ausgerichtet. So habe ich dann nach dem Abitur vier Jahre lang am Konservatorium in Enschede/Holland die Fächer Musikproduktion & Keyboards studiert und mit Diplom abgeschlossen. Danach bekam ich in Form eines Stipendiums die Möglichkeit, mich weitere zwei Jahre im Bereich Musictechnology zu spezialisieren. In dieser Zeit hatte ich z.B. Unterricht im klassischen Arrangieren und konnte für einige Zeit nach New York, um weitere Erfahrungen zu sammeln. Dieses Studium habe ich dann im letzten Jahr mit dem Masterdegree beendet. Seitdem bin ich freiberuflich als Producer, Programmer, und Keyboarder unterwegs. DU STAMMST AUF DEM TIEFSTEN MÜNSTERLAND, IST DIR AUCH DIESE WESTFÄLISCHE GELASSENHEIT ZU EIGEN? MANCHE SAGEN AUCH „STOISCH“ DAZU… Naja, ich bin schon eher ein zurückhaltender Typ, und reagiere daher auch meist gelassen auf alles, was passiert. Trotzdem habe ich aber auch sicherlich den typischen westfälischen Sturkopf… WIE KAM ES DAZU, DASS DU NUN „RICHTIG“ ZU NEUROTICFISH GEHÖRST? WAR DAS EIN PROZESS ODER SAGTE FISH EINES TAGES ZU DIR: „JUNGE, DU GEHÖRST NUN ZU MIR“? ;-) Das hat sich so nach und nach ergeben. Ich bin bei NEUROTICFISH 2001 als Livekeyboarder eingestiegen, habe dann einige Remixe gemacht (z.B. den „Wake me up“ extended Club Edit, „Velocity N2“, „Skin 2003“ oder die „Need“ external Version), und bin dadurch irgendwie immer tiefer mit reingerutscht. Schon beim letzten Album (LCN) habe ich einige Vocalproductions gemacht. Und so kam es dann schon fast automatisch dazu, dass wir das aktuelle Album zusammen machen. Also war es wirklich ein Prozess und es gibt keinen Punkt, ab dem man sagen könnte, so, ab jetzt machen wir das gemeinsam. DU BIST ALS FESTES MITGLIED BEI NEUROTICFISH UND DAUERHAFTER LIVE KEYBOARDER BEI UNHEILIG. IST DAS ZEITLICH ALLES PROBLEMLOS UNTER EINEN HUT ZU BRINGEN? Ja, das funktioniert nun schon seit bald zwei Jahren sehr gut. Mit dem Grafen sind wir im Moment recht häufig unterwegs, mit NEUROTICFISH hielt sich das durch die Arbeiten am neuen Album in Grenzen, mal sehen, was da noch so kommt in diesem Jahr. SOWOHL DER „GRAF“ WIE AUCH „FISH“ SIND RECHT CHARAKTERISTISCHE UND MÖGLICHERWEISE AUCH MANCHMAL EIGENWILLIGE ZEITGENOSSEN. DU SCHEINST DAGEGEN EHER ETWAS IM HINTERGRUND ZU STEHEN, FÜHLST DU DICH DORT WOHLER, ALS STRIPPENZIEHER, DER EHER AUS DER „ABWEHR“ AGIERT? Ja, absolut. Da fühle ich mich sehr viel wohler. Ich war noch nie so die „Rampensau“, das können andere besser. Und die dürfen dann auch ihre kleinen Ecken und Kanten haben. Ich nenne das gerne den „Frontmannfaktor“ und das ist auch absolut in Ordnung so. Eher im Hintergrund zu stehen, und dabei doch irgendwie alles im Blick zu haben, ist viel mehr mein Ding. WIE GESTALTETE SICH DAS SONGWRITING UND WIE DER PRODUKTIONSPROZESS DES NEUEN ALBUMS VON NEUROTICFISH? WIE ENTSTEHT DAS TYPISCHE N-STÜCK? Es ist so, dass Sascha schon der klassische Songwriter ist und ich auf der Producerschiene arbeite, d.h. er bringt Grundideen, Lyrics, vorproduzierte Songs etc zu mir mit ins Studio und dann arbeiten wir die Ideen und das Arrangement aus. Ich übernehme dabei dann auch die Recordings und den Mix der Stücke. Manchmal jammen wir aber auch einfach drauf los und kommen so auf neue Ideen. „No more Ghosts“ auf der Bomb EP ist z.B. aus einer solchen Session entstanden. KANNST DU ETWAS ÜBER DAS KONZEPT MIT DER ALLES DOMINIERENDEN FARBE „GELB“ ERZÄHLEN? WER HATTE DIE IDEE DAZU? Die Idee kam von Sascha und zunächst war ich auch sehr überrascht und skeptisch, das Album „Gelb“ zu nennen. Aber je mehr wir uns damit befassten, desto mehr gefiel uns der Titel und umso mehr fiel uns dazu ein. Und so haben wir versucht das gesamte Spektrum „Gelb“ auf dem Album wiederzuspiegeln. FISH SINGT AUF DEM NEUEN ALBUM IN UNTERSCHIEDLICHER ART UND WEISE, MAL KEHLIG, MAL CLEAN. ODER HATTET IHR DA GASTMUSIKER? IM BOOKLET KONNTE ICH NICHTS FINDEN. Nein, keine Gastmusiker, alles der Fish! Für mich war immer klar, dass aus Saschas Stimme noch viel mehr herauszuholen ist, als er auf den vorherigen Aufnahmen gezeigt hat. Dort gab es bisher immer nur einen Stimmcharakter und den wollte ich nicht schon wieder wiederholen. Wir wollten vielmehr etwas Neues ausprobieren, neue Wege beschreiten, daher die Vielfalt. Sicherlich ist sein ihm eigener Stimmcharakter ein Markenzeichen von NEUROTICFISH, aber der ist dabei ja nicht untergegangen, man hört ihn noch deutlich heraus, mal stärker, mal weniger stark. WIE SCHWIERIG IST ES HEUTZUTAGE, AUS DEM ENGEN KORSETT FUTURE POP AUSZUBRECHEN UND EINE ABWECHSLUNGSREICHE CD MIT INTERESSANTEN SOUNDS ZU GESTALTEN. VIELES WURDE JA BEREITS GEMACHT, WIE VERSUCHST DU DIESES PROBLEM ZU UMGEHEN? Wir hören sehr viel unterschiedliche Musik, Sascha fährt z.B. im Moment die Rock/ NuMetal Schiene, ich stehe generell auf alles an Musik, völlig Stilunabhängig. Vielleicht liegt es daran, dass ich als Producer immer analytisch höre und manchmal reicht es da schon aus, dass mich ein bestimmter Sound, eine Bassline oder das Arrangement ankickt, so dass mir der Song gefällt. Ich glaube, daraus holt man sich sehr viel Inspiration, man muss nur die Scheuklappen ablegen. Wir haben uns auch nicht hingesetzt und gesagt, so, ein neues NEUROTICFISH Album muss diese oder jene Elemente enthalten, sondern wir haben einfach drauflos geschraubt und das gemacht, was uns gefiel. Alte Pfade verlassen und neue Wege beschreiten. Und dabei kam dann Gelb heraus. DIE BALANCE ZWISCHEN FLOTTEN CLUBKRACHERN UND „ANSPRUCHSVOLLEREN“ SONGS FÜR DEN PRIVATEN HÖRGENUSS IST EUCH SEHR GUT GELUNGEN. IST SO ETWAS PLANBAR („WIR BRAUCHEN JETZT NOCH WAS SCHNELLES ETC.“) ODER ENTSTEHT DIESER MIX GANZ EINFACH INTUITIV? Danke für das Kompliment! Planbar ist das aber ganz bestimmt nicht. Wir haben ja über ein Jahr an dem Album gearbeitet und dabei eine Menge ausprobiert. So nach und nach haben wir uns dann für Reihenfolge und Titelauswahl entschieden. Und dieses Ergebnis hört man nun auf GELB. WELCHES EQUIPMENT STEHT DIR IN DEINEM STUDIO ZUR VERFÜGUNG? Also für die Technikfreaks: Ich bin erstens ein totaler Cubasefan und zweitens auch Synthie-versessen. Seit meinen ersten Gehversuchen auf dem Atari nutze ich hauptsächlich Cubase als Steuerzentrale in meinem Setup. Durch meine Studioarbeit kann ich aber auch mit jeder anderen Software gut arbeiten. Ansonsten bin ich so ein Hybridtyp: ich brauche einerseits das haptische Gefühl, Hardware zum Anfassen, wie mein analoges Pult und meine Synths. Da ist z.B. viel KORG Zeugs dabei, die virtuell Analogen, aber auch einige alte Schätze wie MS-20 oder Roland Juno 106. Andererseits darf man aber auch nicht die Augen vor neuen Sachen wie der ganzen Softwaresynth und PlugIn Technik verschließen. Und die ist im Moment für mich wie das Paradies: Meinen alten EMU Sampler z.B. habe ich vor wenigen Jahren noch für viel Geld angeschafft, heute gibt es Softwaresampler für unter 250 Euro. Also wenn ich nun in ein Musikgeschäft gehe, ist das ja fast wie im Schlaraffenland. Für einen neuen Synthesizer habe ich sonst ewig sparen müssen, heute kriegst Du ein gutes Software PlugIn für wenig Geld. Also Daumen hoch für die Hersteller und der Denkanstoss an alle Downloader: Aus dieser Perspektive gesehen, geht in den Laden und kauft euch die Software, wenn ihr sie regelmäßig nutzt! AUF DER SCHEIBE FINDET SICH EINE RECHT UNGEWÖHNLICHE COVERVERSION VON NAPOLEON XIV – WIE SEID IHR AUSGERECHNET AUF DIESES STÜCK GEKOMMEN? SEID IHR INSGEHEIM SIXTIES FANS? Sascha kam damit eines Tages an, ich glaube, er hat es aus der Plattensammlung seines Vaters. Wir fanden den Song sehr außergewöhnlich und spielten dann damit herum. Letztlich kam dieser Shufflegroove dabei heraus. Wir haben diese Version auch schon live gespielt waren total überrascht, wie gut der Song ankam und dass ihn tatsächlich eine ganze Reihe Leute kannte! UND WAS HAT EUCH ZU DEM HÖRBUCH ANIMIERT? GEHT ES DA AUCH DARUM, EINEN MEHRWERT GEGENÜBER DER MP3-PIRATERIE ZU SCHAFFEN? Das Hörbuch geht auf die Geschichte zurück, die als Vorlage für „The Bomb“ diente. Natürlich, gerade als relativ „kleiner“ Künstler ist es unglaublich wichtig, Support von den Leuten zu bekommen, indem sie das Album kaufen, sonst können solche Acts nicht weiter existieren und überleben. So stagniert langsam aber sicher der Markt. Wir wollen daher natürlich auch einen Kaufanreiz geben und einen „Mehrwert“ bieten, daher das zusätzliche Hörbuch und die sehr aufwendige Covergestaltung, die genauso zum „Gesamtkunstwerk“ NEUROTICFISH gehört, wie die Musik. WELCHE LIVE PLÄNE HABT IHR MIT NEUROTICFISH 2005? SCHON IRGENDWELCHE DER GRÖSSEREN FESTIVALS GEBUCHT? Wir stehen für alles offen, die Planungen für 2005 laufen auf Hochtouren und wir sind sehr motiviert, unsere Musik live in die Clubs und auf die Festivals zu bringen. Genau Termine stehen aber noch nicht fest. FÜHLT IHR EUCH VON STRANGE WAYS ANSTÄNDIG PROMOTED? GERADE WO JA DEREN AUGENMERK SEHR AUF WOLFSHEIM LIEGT Strange Ways machen ihre Arbeit als Plattenfirma sehr gut, sie beschränken sich ja inzwischen nur noch auf einige wenige Acts und da finden wir es gut, dazuzugehören! BIST DU EIGENTLICH AUSSER BEI DEN BEIDEN GENANNTEN BANDS AKTUELL NOCH FÜR ANDERE MUSIKER/ FORMATIONEN TÄTIG? Oh ja, mein Terminkalender ist gut gefüllt. Ich arbeite z.B. viel als Programmer/ Keyboarder in Studios oder von zu Hause aus für andere Acts und Produzenten, mache Remixe, Productions/ Preproductions, erarbeite Arrangements etc. oder arbeite an eigenen Projekten. Beispielsweise habe ich einen WOLFSHEIM-Remix für deren Single „Blind“ für den Kinofilm „Erbsen auf halb sechs“ beigesteuert, :WUMPSCUT:, UNHEILIG und BOYTRONIC (Living without you) remixt, oder in Zusammenarbeit mit José Alvarez Brill ReEdits von „die Flut“ von WITT & HEPPNER und „Sonne“ von RAMMSTEIN gemacht. Auch ROSENSTOLZ haben wir remixt, der „Liebe ist alles“ Mix ist auf deren aktueller Single zu finden, die zurzeit auf Platz 57 rangiert. An Alben habe ich z.B. die Streicher und Keyboardprogrammings auf dem letzten XANDRIA Album „Ravenheart“ übernommen. Zurzeit laufen die Vorbereitungen für deren nächstes Album. Also wieder irgendwie der Mann im Hintergrund. Ich mag das, weil ich so an sehr vielen unterschiedlichen Projekten arbeiten kann, völlig Stilunabhängig. Dafür arbeite ich sehr viel aber auch sehr gerne. NOCH EINE KURZE FRAGE ZUR AKTUELLEN UNHEILIG-LIVE SCHEIBE. WURDE DER SOUND ETWAS NACHBEARBEITET ODER VOLLKOMMEN NATUR BELASSEN? Die Aufnahmen sind so, wie wir sie auf den Konzerten gespielt haben. Natürlich wurde das Ganze klanglich optimiert und gemastert, um eine optimale Qualität zu erlangen, was aber nicht heißt, dass es kein Livefeeling mehr gibt. Der Zuhörer wird also tatsächlich das Gefühl haben, ein UNHEILIG Konzert zu besuchen, und nicht ein schlecht mitgeschnittenes Bootleg serviert bekommen! MIT WELCHEN DINGEN BESCHÄFTIGT SICH HENNING VERLAGE PRIVAT, WAS SIND DEINE HOBBIES? Tja, Musik ist mein Leben und mein Hobby. Ich habe nie Feierabend, Arbeit und Hobby sind bei mir untrennbar miteinander verbunden, das ist das Gleiche. Mein Tag fängt morgens mit Musik an und hört nachts irgendwann genau damit wieder auf, ob im Studio, auf Tour oder wo auch immer, ich habe immer mein mobiles Setup dabei. Das ist es einfach. UND DIE „WICHTIGSTE“ FRAGE ZUM SCHLUSS: IST EBM WIRKLICH TOT? Na, eins vorweg: Ich finde, dass um dieses Statement von Sascha viel zu viel Aufhebens gemacht wird und halte daher die Frage auch nicht für die Wichtigste, aber hier meine persönliche Einschätzung: Ja, in gewisser Weise schon. Natürlich gibt es noch EBM und die alten Helden, was ja absoluten Respekt verdient, schließlich hat auch NEUROTICFISH seinen Ursprung hierin. Aber es bringt heute einfach nichts mehr, genau diesen Sound immer wieder zu kopieren. Das ist alt, von gestern, und das meint der Fish ja auch mit seiner Aussage „EBM is dead“. Verkrustete Strukturen aufbrechen und Neues wagen, nur so geht’s voran. Und ich hoffe, dass uns das mit „GELB“ gelungen ist! VIELEN DANK FÜR DEINE MÜHE UND VIEL ERFOLG MIT DEINEN MUSIKALISCHEN PROJEKTEN WIE AUCH IM PRIVATEN BEREICH.

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