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POETS OF THE FALL (MARKO SAARESTO)

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GERADE ERST WAREN POETS OF THE FALL AUSGIEBIG AUF DEUTSCHLANDTOURNEE, UM IHR NEUSTES ALBUM „JEALOUS GODS“ VORZUSTELLEN – DAS SECHSTE REGULÄRE STUDIOALBUM DER FINNEN, DAS IN IHREM HEIMATLAND BEREITS WIEDER AUF PLATZ 1 NOTIERT WIRD. NACHDEM SIE IN DEUTSCHLAND SCHON SEIT JAHREN AUF EINE SOLIDE FANBASIS VERTRAUEN KÖNNEN, MACHEN SICH POETS OF THE FALL JETZT DARAN, AUCH ENGLAND ZU EROBERN: ALS WIR MITEINANDER TELEFONIEREN, SITZT SÄNGER MARKO GERADE BACKSTAGE IM LONDONER KULT-CLUB UNDERWORLD UND HAT DEN SOUNDCHECK FÜR DEN ERSTEN GIG IN GROSSBRITANNIEN HINTER SICH. VOR ZWEI JAHREN HABT IHR MIT „TEMPLE OF THOUGHT“ EURE ERSTE ALBUM-TRILOGIE ABGESCHLOSSEN, ZU DER „SIGNS OF LIFE“ UND „CARNIVAL OF RUST“ GEHÖRTEN. JETZT KOMMT MIT „JEALOUS GODS“ DAS FEHLENDE TRILOGIE-PUZZLETEIL ZU „REVOLUTION ROULETTE“ UND „TWILIGHT THEATER“. HABT IHR ALSO VON ANFANG AN, SEIT 2005, EINEN CLEVEREN PLAN VERFOLGT, DEM ALLE VERÖFFENTLICHUNGEN FOLGEN MUSSTEN? Hinter allem, was wir tun, stecken teuflische, clevere Pläne [lacht]. Aber es stimmt, die Grundzüge für dieses Album entstanden mit „Revolution Roulette, als sich darauf die Botschaft herauskristallisierte: „Sei vorsichtig mit dem, was du dir wünschst …“ Als wir dann „Twilight Theater“ schrieben, vervollständigten wir diesen Satz mit: „… denn es ist nicht alles so, wie es scheint.“ „Jealous Gods“ weist jetzt darauf hin, dass man sein Glas immer als halb voll oder halb leer betrachten kann: Entweder, man sieht auf dem Albumcover den herrlichen blauen Himmel eines schönen Tages, oder aber man konzentriert sich auf das Warnschild mit dem Blitz. Entweder, man geht voll Angst durchs Leben, oder aber man freut sich an dem, was man hat. EIN ANDERES THEMA, DAS DIESES ALBUM DURCHZIEHT, IST DAS KONZEPT DES PERFEKTEN MAKELS, „THE PERFECT FLAW“. BRAUCHT ES DEN MAKEL, DAMIT MAN PERFEKTION ÜBERHAUPT ERKENNT? Es geht mehr um das Oxymoron, dass etwas gleichzeitig perfekt und mit einem Makel behaftet sein kann. Das finde ich ausgesprochen interessant: Gerade, weil wir nicht perfekt sind, sind wir perfekt. Das ist ein sehr schräger Gedanke. So ähnlich wie die endlose Ausdehnung des Raumes. Wenn man anfängt, darüber nachzudenken, merkt man, dass man das mit dem Verstand nicht erfassen kann. Wie kann man begreifen, dass sich etwas ewig ausdehnt? Dass es kein Ende hat und dennoch immer größer wird? So ist das in etwa auch mit Oxymora. Aber die Idee dahinter ist auch, dass man sich so akzeptieren sollte, wie man ist, und dass man nicht mit dem hadern sollte, was man nicht ist: Raus dem alltäglichen Konkurrenzkampf, und Schluss mit dem Rennen im Hamsterrad, du bist doch schon längst angekommen. So sehe ich das jedenfalls. Aber ich bin mir sicher, dass es da draußen jede Menge viel schlauerer Leute gibt, die eine bessere Interpretation für das Album finden werden. WIE DENKST DU ÜBER MUSIKALISCHE FEHLER? WENN BEI DEN AUFNAHMEN ETWAS PASSIERT, WAS NICHT DEM URSPRÜNGLICHEN PERFEKTEN PLAN ENTSPRICHT, WIE FLEXIBEL GEHT IHR DANN DAMIT UM? Mir hat einmal jemand gesagt: Wenn dein Körper flexibel ist, wird dein Geist ihm folgen. Ich glaube, das war mein Yoga-Lehrer. Einer der Gründe, weshalb sich Yoga wirklich lohnt. [lacht] Also, wenn wir Songs schreiben, dann sind das stets [Gitarrist] Olli, [Keyboarder] Captain und ich, und wir streiten viel: Zu Beginn folgen wir der Vision, die einer von uns entwickelt hat, aber dann kommt jemand mit einer anderen Idee. Wie fließendes Wasser ändern wir ständig unseren Weg. Es entsteht ein neues Bachbett, aus dem vielleicht ein Fluss wird, der schließlich ins Meer mündet. Von daher würde ich sagen: Musikalische Fehler und musikalische Flexibilität sind unbedingt nötig. Sonst fährt man sich fest. AUF „JEALOUS GODS“ BEFINDET SICH MIT „CHOICE MILLIONAIRE“ EIN SONG, DER SICH IN SEINER SYNTHPOP-AUSRICHTUNG STARK VON DEN ANDEREN TITELN UNTERSCHEIDET. WELCHER EINFLUSS KAM BEI DIESEM TRACK ZUM TRAGEN? Die Grundidee für „Choice Millionaire“ kam von Captain, der dabei jede Menge verschiedene Plug-Ins und andere Spielzeuge ausprobieren wollte. Er brachte uns den Titel mit, als er erst halb fertig war, und ich muss zugeben, dass ich am Anfang ziemlich verwirrt war und nicht wusste, was wir mit einem solchen Song anfangen sollten. Aber Captain arbeitete weiter daran, und eines Tages probierte ich im Studio verschiedene Gesangsideen dazu aus: Plötzlich kristallisierte sich heraus, wie der Titel klingen musste. Der Text dazu entstand in ein oder zwei Tagen, dann war die Idee zum „Choice Millionaire“ fertig. Es war aber ein langer Prozess. ALS WIR VOR ZWEI JAHREN ÜBER DAS LETZTE ALBUM SPRACHEN, SAGTEST DU, DASS IHR IMMER EINEN SONG PRO ALBUM ODER EINE ZEILE PRO SONG HABT, DIE ALLEM ANDEREN DEN BODEN UNTER DEN FÜSSEN WEGZIEHT UND DEM GANZEN GEFÜGE EINE ANDERE AUSRICHTUNG GIBT. IST DAS AUF „JEALOUS GODS“ DIESMAL „CHOICE MILLIONAIRE“? Hm, es könnte auch „Rogue“ sein. Wir wollten diesmal ganz bewusst ein Instrumental machen, um unseren beiden Gitarristen und den anderen Instrumentalisten der Band die Möglichkeit zu geben, richtig im Mittelpunkt zu stehen. Außerdem könnte ich dann für eine Weile mal die Klappe halten und gar nichts sagen; im Booklet der Platte steht zu diesem Song … … „SILENCE IS THE MESSAGE“. Ja. Genau. Aber trotzdem ist „Choice Millionaire“ auch ein sehr genau durchdachter Song, der dazu dient, uns ein wenig von dem wegzuführen, was wir normalerweise machen. Wir springen gern zwischen verschiedenen Genres hin und her. DEUTET SICH DAMIT AUCH EIN MUSIKALISCHER RICHTUNGSWECHSEL AN? Absolut nicht. Ich meine, man weiß natürlich nie, was die Zukunft bringt… vielleicht könnte ich auch einfach Ja sagen, schließlich hat man uns immer dafür gelobt – beziehungsweise uns vorgeworfen –, dass wir in kein Genre passen. Wir sind sehr schwer einzuordnen, und jetzt haben wir es noch schwerer gemacht. Aber für uns ist Musik eine Kunstform, und wir wollen uns nicht selbst beschränken, indem wir uns auf eine bestimmte Kategorie festlegen. Wir wollen einfach nur das tun, was uns im betreffenden Augenblick gut erscheint. AUF „JEALOUS GODS“ GIBT ES VIELE ROMANTISCHE BEKENNTNISSE; VOR ALLEM AUF „REBIRTH“ FORMULIERST DU AUSGESPROCHEN ROMANTISCHE VERSPRECHUNGEN. WIE VIEL MUT BRAUCHT ES HEUTE IN DIESEN MATERIALISTISCHEN, AUF WIRTSCHAFTLICHE OPTIMIERUNG AUSGERICHTETEN ZEITEN, UM AN ROMANTISCHEN IDEALEN FESTZUHALTEN? Ziemlich viel, würde ich sagen. Das ist eine gute Frage und ein sehr gutes Gesprächsthema … Wir sind wohl immer schon die Fackelträger der Hoffnung und vielleicht auch der Romantik gewesen. Ich weiß, wir zählen damit zu einer aussterbenden Gattung… aber andererseits, vielleicht auch nicht. Vielleicht schwingt das Pendel jetzt gerade in diese Richtung, und es ist, wie du sagst, alles nur auf Geld und Sex ausgerichtet, aber vielleicht schwingt es auch bald wieder zurück, und die Menschen werden sich wieder zu anderen Werten bekennen. Keine Ahnung. Ich denke, wir machen einfach nur, was sich für uns richtig anfühlt. Wir schreiben über Dinge, die wir selbst erlebt haben, und manchmal bedeutet das eben auch, dass wir uns mit sehr romantischen Dingen auseinandersetzen. IM VIDEO ZU „DAZE“ SPIELST DU DIE ROLLE DES HOFNARREN, DER ALLERDINGS DURCHAUS SELBST ÜBER MACHT UND EINFLUSS ZU GEBIETEN SCHEINT. WIESO HAST DU DIESE FIGUR GEWÄHLT? Das ist wieder ein Rückgriff auf „Twilight Theater“, bei dem Hamartia, der Narr, auf dem Cover zu sehen war. Dieses Mal wollten wir ihn lebendig werden lassen und eine richtige Figur daraus entwickeln… irgendwie brauche ich bei Sachen wie Videos immer eine bestimmte Rolle, das macht einfach Spaß. Du hast völlig recht, dieser Hofnarr ist nicht das, was er im ersten Augenblick zu sein scheint, sondern viel mehr. Es ist sicher auch kein Zufall, dass er auf einem Album lebendig wird, dass den Titel „Jealous Gods“ trägt – das nur so als Hinweis. AUF DIESEM ALBUM SCHEINT SICH IN DEN TEXTEN EIN GRUNDLEGENDER WECHSEL DER METAPHERN ABZUZEICHNEN. BEI „TEMPLE OF THOUGHT“ BEZOGEN SICH VIELE BILDER AUF DAS WASSER, DAS MEER, DIE GEZEITEN, UND JETZT DOMINIEREN – WIE AUCH IM VIDEO ZU „DAZE“ – FEUERBILDER. WAR DAS EINE BEWUSSTE ENTSCHEIDUNG? Vielleicht halb und halb. „Signs Of Life“, „Carnival Of Rust“ und „Temple Of Thought“ haben vielleicht mehr Wasser in sich, „Twilight Theater“, „Revolution Roulette“ und „Jealous Gods“ mehr Feuer … interessant, dass du das erwähnst. [Pause] Ich denke, es ist halb unbewusst und halb bewusst; als ich die Texte schrieb, wollte ich mich wieder mit den Elementen beschäftigen. Das Konzept der Elemente, Wasser, Feuer, Luft und Erde interessiert mich sehr. ES GIBT EINE REIHE VON VERWEISEN AUF DIE GRIECHISCHEN TRAGÖDIEN AUF „JEALOUS GODS“, ANGEFANGEN MIT DEM TITEL, DEM HAMARTIA-KONZEPT ODER AUCH DER NEMESIS. WAS WAR DER GRUND DAFÜR? Ich habe früher viele klassische Tragödien gelesen. Und als ich klein war, hat meine Mutter mir die griechischen Sagen vorgelesen; vor dem Einschlafen habe ich alles über Perseus, Medusa und Andromeda gehört. Diese Geschichten sind mir sehr vertraut, und es macht Spaß, auf diese alten Mythen und Legenden zurückzugreifen. Manchmal bremse ich mich und denke, das geht nicht, das ist zu archaisch, das ich kann nicht verwenden, ich muss mich moderner ausdrücken … WÜRDEST DU DICH ALS EINEN MODERNEN MENSCHEN BEZEICHNEN? Oh ja, unbedingt. Sehr modern. Du solltest mein Haus sehen. Minimalistischer geht nicht. POETS OF THE FALL

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