Terrorverlag > Blog > PRIVATE LINE > PRIVATE LINE

Interview Filter

PRIVATE LINE

Private-Line-1

VOR EINER HALBEN STUNDE HAT DIE AKUSTIKFRAKTION DER FINNISCHEN SLEAZE-ROCKER NOCH EINEN FULMINANTEN AUFTRITT HINGELEGT: PRIVATE LINE SIND SCHLIESSLICH DIE „HAUSBAND“ DES LEGENDÄREN TRASH FESTS, DAS ALLJÄHRLICH IN HELSINKI STATTFINDET, UND HATTEN DAHER AUCH DIE EHRE, DEN AKUSTISCHEN AUSKLANG AM FESTIVALSONNTAG ALS HEADLINER ZU BESCHLIESSEN. SÄNGER SAMMY AALTONEN UND DIE BEIDEN GITARRISTEN JACK SMACK UND ILARI HEINÄAHO SIND BESTER LAUNE, ALS WIR UNS IN DER GARDEROBE DES GLORIA-THEATERS ZU EINEM GESPRÄCH ZUSAMMENFINDEN.

PRIVATE LINE HABEN SICH INZWISCHEN AUF EINIGEN KURZTOURNEEN AUCH HIERZULANDE EINE FESTE FANGEMEINDE ERSPIELT UND WERDEN IM NOVEMBER 2013 WIEDER FÜR FÜNF KONZERTE NACH DEUTSCHLAND KOMMEN. GRUND GENUG FÜR EINEN CRASHKURS IN PRIVATE LINES BANDGESCHICHTE UND EINEM AUSBLICK AUF DIE ZUKUNFT.

Sammy: Angefangen hat alles 1995, als ich anfing, mit ein paar Kumpels Musik zu machen. Ein Jahr später kam ich mit [Drummer] Eliaz zusammen, aber so richtig ging es eigentlich erst los, als ich Ende der Neunziger von meiner Heimatstadt Jyväskylä in Mittelfinnland nach Helsinki zog. Dann stießen Ilari und [Bassist] Spit zu uns, und 2002 stieg unser damaliger Gitarrist aus, und für ihn spielte Jack ein paar Gigs mit uns und blieb schließlich.

DIE JETZIGE BESETZUNG HAT SEITDEM DREI ALBEN EINGESPIELT – „21ST CENTURY PIRATES“, „EVEL KNIEVEL FACTOR“ UND ZULETZT 2011 „DEAD DECADE“. WELCHE MUSIK HAT EUCH GANZ ZU ANFANG BEEINFLUSST?

Sammy: Wir standen ziemlich auf Street Rock und Punk, eben auf die Musik, mit der wir alle aufgewachsen waren. Aber uns war schnell klar, dass das nur eine Basis darstellte, die wir erweitern wollten.

Jack: Auf dem ersten Album „21st Century Pirates“ hört man zwar viel Achtziger-Rock und Neunziger-Grunge, aber auch eine Menge Industrial-Elemente. Unsere Musik hat sich seitdem zwar sicher verändert, klingt aber meiner Meinung nach immer noch typisch wie Private Line – mit Einflüssen aus Punk und Metal und Pop und Rock. Aber ich finde es schwer, mich auf irgendein Genre festzulegen.

DAS LETZTE ALBUM „DEAD DECADE“, DAS 2011 ERSCHIEN, KLINGT VERGLICHEN MIT DEN VORGÄNGERN EHER DÜSTER, MUSIKALISCH WIE AUCH IN DEN TEXTEN, IN DENEN IHR OFT GESELLSCHAFTSKRITISCHE THEMEN AUFGREIFT. WIE KAM DAS?

Sammy: Das war für uns persönlich eine ziemlich dunkle Zeit. Deswegen fühlte es sich für uns vermutlich einfach richtig an, und es fiel uns auch erst auf, dass sich die Richtung änderte, als die ersten Songs schon geschrieben waren. Außerdem haben wir mit mehr handgemachten Sounds gearbeitet, zum Beispiel mit Geigen oder Cello. Die ersten beiden Alben waren stärker elektronisch geprägt. Das ist vielleicht auch ein Grund für den eher melancholischen Sound.

DER TITELSONG „DEAD DECADE“ HAT AUCH EINE POLITISCHE BOTSCHAFT, GERADE WENN MAN SICH DAS DAZUGEHÖRIGE VIDEO ANSIEHT, DAS BILDER DER VERSCHIEDENSTEN UMWELTKATASTROPHEN ZEIGT. SEID IHR EUCH ALLE EINIG, WAS POLITIK BETRIFFT?

Sammy: Nein, da haben wir alle sehr unterschiedliche Auffassungen. Aber ist der Song wirklich politisch? – Na ja, schon, es geht aber auch um Kultur und darum, wie wir die Welt heute betrachten. Aber wir haben grundsätzlich zu vielen Dingen unterschiedliche Meinungen.

Jack: Und dann gibt’s immer wieder Streit. [lacht] Aber ich denke, der Song hat viele Ebenen – man kann ihn politisch interpretieren oder als Song über die Umwelt oder auch über eine Beziehung. Es ist aber auch gut, wenn jeder ein anderes Bild zu den Texten im Kopf hat. Die Platte sollte zuerst in Japan erscheinen, im Frühjahr 2011, und dann geschah die Atomkatastrophe von Fukushima. Zuerst dachten wir, verdammt, wegen des Themas können wir „Dead Decade“ jetzt gar nicht veröffentlichen, das ist ein richtig schlechter Moment. Aber die Fans in Japan haben verstanden, worum es uns ging. Das Video entstand genau zur Zeit des Reaktorunfalls, deswegen beschlossen wir dann, das in dem Clip noch direkt aufzugreifen.

GIBT ES BEI EUCH DANN AUCH ÜBERS SONGWRITING VIELE DISKUSSIONEN? WIE ENTSTEHEN EURE SONGS?

Sammy: Jeder bringt Ideen mit, die wir ausprobieren. Aber damit ein Song wirklich fertig wird, braucht er ein richtiges Thema, ein Motiv. Ich bin da dann manchmal auch ein bisschen neurotisch, ich brauche eine Vision für einen Song, bevor ich ihn wirklich schreiben kann …

Jack [liebevoll]: Manchmal müssen wir dich ein bisschen in den Arsch treten, damit die verdammten Texte auch mal fertig werden!

Sammy: Jedenfalls stammen die Ideen nicht immer nur von mir. Okay, die Melodien schon, weil ich sie schließlich singen muss. Aber auch Eliaz, Jack, Spit und Ilari bringen Melodie-Ideen ein. Vielleicht wäre es einfacher, wenn wir ein Mastermind hätten, der alle Songs schreibt, aber dann würden wir uns auch ganz anders anhören. Wir spielen jetzt schon so lange miteinander, dass wir unsere Stärken sehr gut kennen.

AUF DEN ERSTEN ALBEN HABT IHR NOCH MIT EXTERNEN PRODUZENTEN WIE PETRI MAJURI GEARBEITET, BEI „DEAD DECADE“ ABER ALLES SELBST GEMACHT. WER HAT IM STUDIO DAS LETZTE WORT?

Sammy: Das bin wohl ich, auch deshalb, weil ich so viel im Studio arbeite [als Produzent und Tontechniker in den East Sound Studios in Helsinki]. Irgendeiner muss die Entscheidungen treffen. Aber es ist nicht so, dass wir niemanden von außen wollten, das hat auch finanzielle Gründe. Natürlich wollen wir immer das Beste, aber das ist dann leider oft auch teuer.

Jack: Wir versuchen natürlich, Sammy zu beeinflussen.

Sammy: Ich bin ja auch gar nicht immer stur, aber wenn ich eine bestimmte Vision habe, dann kämpfe ich auch dafür. Oft können mich die anderen aber auch umstimmen.

IST DAS SCHWIERIG?

Ilari: Manchmal muss man es schon ein bisschen taktisch angehen.

Jack: Wenn er aufs Klo geht, machen wir uns über ProTools her.

DIE TEXTE SCHREIBT IHR INZWISCHEN ZUSAMMEN MIT DEM AMERIKANISCHEN AUTOR RORY WINSTON. WIE HAT SICH DIESE ZUSAMMENARBEIT ENTWICKELT?

Sammy: Ich kannte Rory um ein paar Ecken, und als wir für „Evel Knievel Factor“ ins Studio gingen und noch nicht alle Texte fertig waren, bat ich ihn, ein paar Zeilen zu checken, ob das auch alles korrektes Englisch war. Daraus entwickelte sich mehr, mir gefiel sein Stil, und so arbeiteten wir später gemeinsam an meinen Entwürfen. Englisch ist nun mal nicht meine Muttersprache, und wenn man Dinge ausdrücken will, die tiefer gehen, dann braucht man dazu die richtigen Worte. Ich wollte die Songs vom Anspruch her auf eine neue Ebene führen.

WOHER STAMMEN DIE IDEEN FÜR DIE SONGS?

Sammy: Manchmal entdeckt man eine packende Zeile in einem Buch oder einem Film, und wenn man sie in einen anderen Zusammenhang stellt, entwickelt sie plötzlich ein Eigenleben. So war das mit „Black Swan“ – das hatte nichts mit dem gleichnamigen Film zu tun, sondern leitet sich von einer Theorie aus der Mathematik ab, der Black Swan Theorie, die ich aber auch aus dem Zusammenhang gelöst und auf Beziehungen angewandt habe.

Jack: Was ist denn das für eine Theorie, das wusste ich noch gar nicht?

Sammy: Ich habe dazu ein ganzes Buch …

Jack: Nee nee, es reicht, wenn du das kurz zusammenfasst.

Sammy: Das ist jetzt nicht so einfach, aber sagen wir mal: Wenn ein Metzger eine Gans tötet, dann ist das für die Gans ein völlig anderes Erlebnis als für den Metzger. Grundsätzlich geht es auch darum, dass alles, was geschieht, mit allen anderen Dingen in Zusammenhang steht. Die Theorie hat ein Typ namens Nassim Taleb entwickelt, musst du mal googeln. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich das bis ins letzte Detail verstanden habe, aber ich habe es für mich auf Beziehungen angewandt. Dass es da noch so einen Ballett-Film gibt, habe ich erst später mitbekommen. Damit hat der Song nichts zu tun.

MICH HAT AUF DEM LETZTEN ALBUM VOR ALLEM „MELTDOWN TOWN“ BEWEGT, INDEM IHR DAVON SINGT, WIE ES IST, IN SEINE HEIMATSTADT ZURÜCKZUKEHREN UND AUF DIE ALTEN BEKANNTEN VON FRÜHER ZU STOSSEN …

Sammy: Das ist ein moderner Bruce-Springsteen-Text. Der schreibt oft über Heimatstädte. Tatsächlich habe ich auch viel Springsteen gehört, als die Platte entstand, obwohl man das musikalisch wohl nicht so merkt. Wir haben aber auch …

Jack: … eine Coverversion von „Dancing In The Dark aufgenommen. Die ist aber noch nicht raus.

Sammy: Mir gefällt jedenfalls sein Stil; die Art, wie er von solchen Orten singt, kann ich nachfühlen. Vielleicht, weil ich in Jyväskylä aufgewachsen bin, aber nie wieder dort leben möchte. Zwei Tage ist okay, bei dreien … na ja. Da wird’s dann irgendwie stressig. Irgendwas verändert sich, wenn wir dorthin zurückkehren.

ES IST SCHON SELTSAM, DASS IHR ALLE AUS JYVÄSKYLÄ STAMMT, ABER ERST HIER IN HELSINKI SO RICHTIG ZUSAMMENGEFUNDEN HABT.

Sammy: Wir kannten uns aber alle schon von damals. Abgesehen von Jack, der uns vorher nur gelegentlich mal über den Weg gelaufen war.

Jack: Ich stieß dann in einer Bar in Helsinki zufällig auf Eliaz, der mir sagte, dass in seiner Band der Gitarrist ausgestiegen sei und sie jemand Neues bräuchten. Ich war total besoffen und schlug prompt vor, ach, dann komm ich mal vorbei und mach das. Sammy hat mich dann mal angerufen, und ein paar Wochen lang haben die sich dann überlegt, ob ich zu ihnen passe oder nicht [grinst]. Als ich das erste Mal mit der Band auftreten sollte, bin ich im falschen Moment über die Bühne gelaufen und unabsichtlich auf den Knopf getreten, der das Intro-Band startete. [Alles lacht.]

DIE MEISTEN VON EUCH SIND NEBENBEI NOCH IN ANDEREN BANDS AKTIV. BEEINFLUSST DAS AUCH EURE ARBEIT MIT PRIVATE LINE? ILARI SPIELT JA ZUM BEISPIEL NOCH IN EINER SWING-BAND, UND BEI EUREN AKUSTIK-GIGS HABEN EINIGE DER SONGS DURCHAUS AUCH EINEN JAZZIGEN TOUCH …

Ilari: Bei den Akustikshows kann man das gut einfließen lassen, aber bei der Band als Ganzes eher nicht.

Jack [flüstert]: Noch nicht!

Sammy: Private Line goes Swiiing!!!

Jack [schnippt mit den Fingern und singt]: The E-vel Knie-vel fac-toooor! – Meine eigenen Sachen gehen ja mehr in Richtung Rock und Punk. Das ist es aber auch, was ich bei Private Line einbringe.

ALS PRIVATE LINE ACOUSTIC TRIO WART IHR DREI ZULETZT IM MAI IN DEUTSCHLAND, JETZT GEHT IHR IM NOVEMBER NOCH EINMAL MIT DER KOMPLETTEN BAND AUF TOUR. WAS IST EUER EINDRUCK VON DEUTSCHLAND?

Sammy: Alles funktioniert! Und damit ist es das genaue Gegenteil von Italien!

Jack: Genau, es ist noch nicht ganz Japan, aber immerhin …

Sammy: Es ist jedenfalls immer toll, da zu spielen. Wenn jemand sagt, das läuft jetzt so und so, dann kann man sich auch darauf verlassen. Für uns ist es eine gute Option, weil Finnland so klein ist. In Deutschland kann man öfter hintereinander in einer Stadt auftreten, und überhaupt auch in mehreren größeren Orten. In Finnland beschränkt sich das immer wieder auf die vier größten Städte, und das war’s dann.

Jack: Ich war schon als Kind oft in Deutschland, in München und in Mainz, da lebt eine Cousine von mir. In letzter Zeit bin ich auch oft in Hamburg, die Rotlichtmeile ist natürlich toll. Und die Bars sind rund um die Uhr offen und das Bier ist super!

Sammy: Genau, das ist natürlich das Wichtigste!

IHR WART IN INZWISCHEN SCHON IN VIELEN LÄNDERN AUF TOUR, IN JAPAN, ITALIEN, SPANIEN, DEN USA UND VOR ZWEI JAHREN AUCH IN CHINA …

Ilari: Über die Konzerte in China könnten wir ein kleines Buch schreiben.

Jack: Wir haben unserer Soundmixer vor dem Hotel in Shanghai vergessen, aber das ist vielleicht keine so gute Geschichte.

Sammy: Wir sind mit dem Bullet Train von Shanghai nach Peking gereist, der fährt die 1200 Kilometer in fünf Stunden. Da sitzt du drin und es wird schneller und schneller und schneller und schneller wie auf einer verdammten Achterbahn! Die Züge halten an jeder Station für ungefähr eine Minute …

Jack: Für genau eine Minute.

Sammy: … und wir waren mit elf Leuten, Instrumenten und Gepäck, da war Aussteigen allein schon eine logistische Meisterleistung. Hatten wir nachher aber richtig gut drauf.

Jack: Außerdem haben wir gelernt, wie man in einer Minute eine Zigarette raucht.

Ilari: Und es war verdammt heiß. Im Wetterbericht hieß es immer, heute werden es 35 Grad, aber ich fand es irgendwann komisch, dass das für jeden Ort vorhergesagt wurde. Und außerdem hatten wir in Shanghai mindestens 43 Grad oder sowas, jedenfalls viel zu viel …

Jack: Ich glaube, es waren 50.

Ilari: Jedenfalls habe ich dann mal jemanden vor Ort gefragt, wieso die Vorhersage immer so völlig daneben liegt, und der meinte: Jetzt im Augenblick haben wir 35 Grad. Auch, wenn das Thermometer was anderes sagt. Denn per Gesetz braucht man in China nicht zur Arbeit gehen, wenn es wärmer ist. Also wird es in China nie heißer als 35 Grad!

Jack: Am zweiten Tag hatten wir dann auch keinen Smog, da habe ich einen richtig heftigen Sonnenbrand bekommen.

WAS STEHT BEI EUCH ALS NÄCHSTES AN, VON DER DEUTSCHLANDTOUR EINMAL ABGESEHEN? ARBEITET IHR AN EINEM NEUEN ALBUM?

Sammy: Wir haben im Juli ein paar Tracks aufgenommen, die sind aber noch nicht fertig.

Jack: Das ist der Klassiker bei Private Line: Wann kommt die nächste Platte? – Nächstes Jahr? [Im Verschwörerton:] Übernächstes Jahr?

ZWISCHEN EVEL KNIEVEL FACTOR UND DEAD DECADE LAGEN IMMERHIN FÜNF JAHRE, UND SELBST TREUE FANS ZWEIFELTEN ALLMÄHLICH, OB ES DIE BAND ÜBERHAUPT NOCH GAB. DIESES MAL SOLL ES DANN WOHL NICHT SO LANGE DAUERN?

Sammy: Dieses Mal ist die ganze Band viel enger zusammen, und ich bin sicher, dass es bald weitergehen wird. Ich würde mir wünschen, dass wir noch intensiver zusammen spielen. „Dead Decade“ war zu großen Teilen im Studio konstruiert. Jetzt möchte ich uns mehr gemeinsam arbeiten sehen.

Jack: Wir haben schon jede Menge Ideen und Grundlagen für Songs, aber man weiß nie, wie sie sich entwickeln werden. Das ist bei Private Line auch immer so: Wenn wir dir jetzt sagen, wir machen eine Klassikplatte, dann kommt hinterher bestimmt Death Metal raus.

Kommentare sind geschlossen.

Mehr zu PRIVATE LINE auf terrorverlag.com