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SEABOUND (FRANK)

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EURER ZWEITES ALBUM („BEYOND FLATLINE“) SCHLÄGT IN DEN MEDIEN EIN WIE EINE BOMBE, IHR WERDET MIT LOB ÜBERSCHÜTTET. HABT IHR SO EINE REAKTION IN IRGENDEINER ART UND WEISE VORHERSEHEN KÖNNEN? WIE GEHT IHR DAMIT UM? Als wir die Arbeit an „Beyond Flatline“ im Herbst vergangenen Jahres abgeschlossen hatten, wussten Martin und ich, dass wir ein Album gemacht hatten, das weder wir selbst noch die Presse oder Fans hätten vorhersagen können. Wir haben sehr viel Zeit in die Ausarbeitung jedes einzelnen Songs gesteckt – welche Gestalt das Gesamtwerk haben würde, war eine andere Frage. Was uns bei den Rückmeldungen zu „Beyond Flatline“ besonders freut, ist, dass Mails aus fast allen Teilen der Welt bekommen. Ein Teil des Erfolges von „Beyond Flatline“ geht vermutlich darauf zurück, dass „No Sleep Demon“ für ein Debütalbum bereits sehr positiv aufgenommen worden ist. Dadurch wird einerseits zwar die Messlatte für das Nachfolgealbum gleich höher gelegt, aber andererseits haben einige Leute sich doch mehr Zeit genommen, aufmerksam ins neue Album hinein zu hören. EIN INTERVIEW JAGT DAS NÄCHSTE, HABT IHR ÜBERHAUPT NOCH LUST AUF DAS FRAGE-/ANTWORTSPIEL ODER STÖRT EUCH DAS BEI EUREM WEITEREN KREATIVPROZESS? Wir freuen uns darüber, dass wir über Seabound mit Menschen sprechen können, die sich für unsere kreative Arbeit interessieren. Allerdings ist der „Dialog“ im Rahmen von E-Mail Interviews ein wenig hölzern, deshalb bevorzuge ich mittlerweile das persönliche Interview. Aber wir werden auch immer wieder positiv überrascht, vor allem, wenn von Interviewern interessante Fragen gestellt werden. DER TITEL EURES WERKS SPIELT IN GEWISSER WEISE AUF DAS LEBEN NACH DEM TOD AN. WAS ERWARTET IHR PERSÖNLICH VON EURER ABKEHR AUS DEM „DIESSEITS“? UND WIE KORRESPONDIERT DAS COVER MIT DEM ALBUMTITEL? Viele Stücke auf „Beyond Flatline“ berühren das Thema Tod und Vergänglichkeit, allerdings meist im übertragenen Sinne, z.B. das Ende einer Beziehung oder die Vergänglichkeit von Gefühlen. Ich habe eine Vorliebe für dramatische Momente und Grenzsituationen eignen sich hervorragend dazu, damit kreativ zu arbeiten. Jeder kennt die giftgrün schimmernde Nulllinie (Flatline) in Operationssälen, die signalisiert, dass ein Patient verstorben ist, wenn kein Puls/Herzschlag mehr aufgezeichnet wird. Dies ist ein eindeutiges Symbol für das Ende. Es ist faszinierend, darüber nachzudenken, was jenseits dieser Nulllinie passieren könnte. „Beyond Flatline“ bedeutet für mich allerdings auch im weiteren Sinne „jenseits der Vernunft bzw. jenseits des Vorhersehbaren“. Das trifft sowohl für die neuen Texte als auch für die Musik auf dem Album zu. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterben ist hingegen eine sehr intime Sache, die für jeden mit individuellen Gedanken und Gefühlen verbunden ist, die wir selten mit anderen teilen. Das Cover drückt für mich trotz seiner kühlen und technischen Grundstimmung auch etwas von „Mikrowelt“ und Biogeschehen jenseits des Sichtbaren aus. Ich mag vor allem auch den energiegeladenen Eindruck, den die Grafiken vermitteln. EURE SONGS HABE ICH MIT DEM ADJEKTIV „SPRÖDE“ BEZEICHNET, WEIL SIE SICH ERST LANGSAM INS OHR SCHLEICHEN UND NICHT SO PLAKATIV EINGÄNGIG WIE Z.B. BEIM FUTURE POP AUSFALLEN. WAR DAS BEI DEN AUFNAHMEN EINE GANZ BEWUSSTE ENTSCHEIDUNG ODER ENTSTEHT SO EIN SOUND ORGANISCH WÄHREND DES SONGWRITING PROZESSES? KÖNNT IHR EUCH PERSÖNLICH AUCH MIT DEM SOGENANNTEN „WEIBERELEKTRO“ ANFREUNDEN, SOZUSAGEN ZUR ENTSPANNUNG? Es gibt wunderbaren, simplen Electro. Nimm zum Beispiel „And One“. Das letzte Album ist nicht gerade ein Lehrstück in Sachen innovative Sounds oder Programmingkünste, sondern es besticht vielmehr durch gutes Songwriting, gute Vocals und wortgewandte Texte, die oft einen ironischen Unterton enthalten. Genau aus diesem Grund war es mein Lieblingsalbum des vergangenen Jahres. Seabound besetzen eine andere Nische, und der Mann fürs vielschichtige Sounddesign ist Martin. Wir haben den unausgesprochenen Anspruch, keinen ausgetretenen Klischees zu folgen, insofern fällt im Rahmen des Entstehungsprozesses der Songs manche Entscheidung gegen eine offensichtliche Stilfigur oder einen „verbrauchten“ Klang. Ich würde das Ganze aber eher als intuitives Vermeiden von kreativen Tretminen bezeichnen. KÖNNTE MAN SAGEN, DASS DIE SONGS IN IHRER WELLENBEWEGUNG VON INTIM/ INTROVERTIERT BIS AUFPEITSCHEND/ LAUT EURE EIGENEN VIELSCHICHTIGEN CHARAKTERE WIDERSPIEGELN? Die stilistische Bandbreite in den Songs ist sicherlich kein Zufall. Insofern liegt der Schluss, dass sich hier eigene Charakterzüge widerspiegeln, nahe. Zumal Verschiedenartigkeit und Facettenreichtum auch das ist, was Menschen interessant macht. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass manche Stücke aus einer eher abgehobenen Beobachterperspektive entstehen. Das gilt in erster Linie für die Texte, aber auch eine Option für die Musik. Mit anderen Worten: Manches Stilelement ist bewusst eingesetzt, um eine bestimmte Wirkung zu erzeugen oder zu verstärken – und hat relativ wenig mit uns als Personen zu tun. Die beabsichtigte Wirkung hat dann wiederum schon etwas mit den Personen zu tun. WIE KOMPONIERT IHR ÜBERHAUPT, WIE ENTSTEHT DER „TYPISCHE“ SEABOUND SONG? Martin und ich ergänzen uns in vielerlei Hinsicht: Martin ist hauptverantwortlich für Programming und den Sound von Seabound, ich bin verantwortlich für Lyrics und Vocals. Musikdemos von mir sind in der Regel weniger ausgefeilt und stärker songorientiert. Martins Demos sind klangtechnisch meist schon sehr viel stärker ausgefeilt. Wir tauschen Vorschläge über das Internet aus und entscheiden dann, ob eine Idee gemeinsam weiterverfolgt werden soll. Die Arbeitsteilung ist notwendig, weil wir beide nicht hauptberuflich Musiker sind und wir so die verfügbare Zeit optimal ausnutzen können FRANK, DU BIST BERUFLICH IM BEREICH PSYCHOLOGIE AN DER BIELEFELDER UNI TÄTIG. INWIEWEIT KANNST DU ENTSPRECHENDE ERFAHRUNGEN BZW. DEIN FACHWISSEN IN DIE LYRICS MIT EINFLIESSEN LASSEN? Ich sehe mich in erster Linie als aufmerksamer Beobachter. Mich interessieren Menschen und ihre Gedanken, Sehnsüchte und Abgründe. Natürlich liefert die Psychologie hier viel Stoff. Ich stoße aber auch in anderen Kontexten (z.B. in Neurowissenschaften, bei denen es um Struktur und Funktion des menschlichen Nervensystems und des Gehirns geht) auf interessante Bilder. Auf einer Tagung im vergangenen Jahr berichtete ein Neurowissenschaftler vom Phänomen der „White Matter Moths“; ein Bild, das beschreibt, wie sich die weiße Hirnmasse bei bestimmten krankhaften Prozessen verändert. Weil das Ergebnis so aussieht, als hätten Motten die weiße Hirnmasse weggefressen, wurde dieser bildhafte Begriff geprägt, den ich für den Trailer zu „Beyond Flatline“ verwendet habe (Download über www.dependent.de oder www.seabound.de). Prinzipiell vermische ich meine Eindrücke mit autobiographischen Elementen, Phantasien oder auch mit Anregungen aus der Literatur oder den Medien. WIE SIEHT ÜBERHAUPT EUER STUDIO AUS, MIT WELCHER TECHNIK ARBEITET IHR? Nach dem Erfolg von „Beyond Flatline“ bot sich für uns die Möglichkeit, eine zweite Single auszukoppeln. Wir wollten jedoch neben einer Neubearbeitung von „Poisonous Friend“ auch ausgesuchte Remixe des Titelstücks sowie weiterer Albumtracks plus unveröffentlichtes Material veröffentlichen, was eine Single überfrachtet hätte. So kam die Idee für die EP zustande. Wir waren Anfang des Monats zur Neubearbeitung von „Poisonous Friend“ im Studio von Olaf Wollschläger (In Strict Confidence, Melotron) und haben mit ihm gemeinsam 2 Tage lang an dem Stück gefeilt. Es war sehr interessant und wir haben für unsere Arbeit einiges mitnehmen können, mit einem Studioprofi zu arbeiten. Bislang haben wir sämtliche Aufnahmen im eigenen Studio bei Martin gemacht. KÖNNTET IHR EUCH VORSTELLEN, AUCH MAL GITARREN IN EUREM SOUND ZU INTEGRIEREN? Derzeit nicht. IHR SEID NICHT DIE REGELMÄSSIGSTEN CLUB/ SZENEGÄNGER. FÜHLT IHR EUCH DENNOCH IM WEITEREN SINNE DER GOTHIC-SZENE ZUGEHÖRIG? Ich fühle mich auf „schwarzen Parties“ oder den einschlägigen Konzerten in der Szene sehr wohl. Mein Eindruck ist auch, dass die Gothic-Szene (im weiteren Sinne) zum allergrößten Teil eine tolerante und angenehme Szene ist. WIE IST EUER KONTAKT ZU ANDEREN BIELEFELDER ELEKTROFORMATIONEN WIE Z.B. NCOR, SPIRITUAL CRAMP ODER HAUJOBB. TAUSCHT IHR EUCH REGELMÄSSIG AUS? Wir haben einigermaßen regelmäßigen Kontakt zu Daniel Myer von HAUJOBB. Das hat auch dazu geführt, dass es sowohl auf der „Contact“ Maxi einen Haujobb Mix gab und Daniel auch für die „Poisonous Friend EP“ einen Mix beitragen will. Im Gegenzug wird es einen Seabound Mix für die nächste Haujobb CD geben. UND WAS FÜR INTERESSEN PFLEGT IHR ABSEITS DER MUSIK, HABT IHR EUCH SCHON MAL AUF DER BIELEFELDER ALM SEHEN LASSEN? Neben dem Beruf und der Musik bleibt relativ wenig Zeit für weitere Hobbies. Wir wohnen zwar unweit der Bielefelder Alm, aber das ist auch so ziemlich die einzige Verbindung, die ich zum Fußball habe. Ich habe nie so recht verstanden, warum Menschen ihr Wohl und Wehe von etwas abhängig machen, was sie nicht beeinflussen können (z.B. Siege einer Fußballmannschaft, der man sich zugehörig fühlt). Ich sammle CDs und da ich etwa 1984 angefangen habe, ist mittlerweile eine recht ansehnliche Stückzahl und interessante Mischung zusammen gekommen. KOMMEN WIR ZU EUREN LIVE-AKTIVITÄTEN: IHR WART SUPPORT VON COVENANT, GIBT ES IRGENDWELCHE NETTEN ANEKDOTEN ÜBER DIE TOUR? MICH WÜRDE AUCH MAL INTERESSIEREN, OB IHR ETWAS ÜBER DUPONT (DER ZWEITEN SUPPORT BAND) ERZÄHLEN KÖNNT, DIE ICH PERSÖNLICH SEHR SCHÄTZE. Ich erinnere mich an eine Nacht, in der wir nach den Auftritten vor einer Venue Fußball gespielt haben und mein Team Eskils Team besiegt hat (lacht). Ja, das steht jetzt in gewissem Widerspruch zu meiner vorherigen Antwort, ich weiß. Die Tour war wirklich großartig, weil Covenant nicht nur außergewöhnliche Musiker sind, sondern auch gute Freunde. Außerdem hatten wir durch sie die einmalige Gelegenheit, vor größerem Publikum aufzutreten und unsere Musik vorzustellen. Dupont waren eine hervorragende Ergänzung, weil sie mit ihrem Oldskool-Set ein gutes Kontrastprogramm zum Sound der anderen beiden Bands geboten haben. Dupont hatten zwei neue Tracks mit dabei, die sehr gut angekommen sind – ich weiß aber nicht, ob davon schon etwas veröffentlicht ist. Ich hörte, Eskil oder Joakim wollten einen Mix für Dupont machen… und natürlich ist zu sagen, dass Schweden wirklich gut zu feiern wissen. MIT STROMKERN HABT IHR AUCH BEREITS DIE USA BEREIST, HABT IHR EINEN UNTERSCHIED IM FANVERHALTEN ZWISCHEN AMERIKANERN UND DEUTSCHEN FESTGESTELLT? VIELLEICHT SOGAR ETWAS MEHR OFFENHEIT? MAN KENNT JA DEN SPRUCH MIT DEM „PROPHETEN IM EIGENEN LAND“. Ja, über alle Gigs hinweg betrachtet, war die Offenheit in den USA größer als hier. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass die Leute dort eher wegen uns und Stromkern zu den Konzerten kamen, als das auf der Europatour mit Covenant der Fall war, wo doch die überwiegende Mehrzahl der Besucher in erster Linie Covenant sehen wollten. Sicher gab es auch in den USA bessere und schwächere Gigs, aber wenn ich die Top-3-Gigs unserer Live-Historie benennen müsste, dann wären mindestens zwei davon von der US-Tour. Am „Propheten“-Problem ist was dran, aber vielleicht lässt sich das Ganze auch rumdrehen und mit „Exoten“-Bonus beschreiben. WERDET IHR EVENTUELL NOCH AUF DEM WGT 2004 AUFTRETEN UND WAS SIND EURE WEITEREN LIVEPLÄNE? Derzeit werden sehr verschiedene Optionen diskutiert. Wir sind im Gespräch mit Rotersand, deren Musik wir sehr schätzen. Eventuell wird es zunächst einige einzelne Gigs an Wochenenden geben. Vielleicht wird es aber auch direkt eine Tour. Noch ist alles offen, aber wir werden neue Informationen immer auf www.seabound.de mitteilen. UND WIE SEHT IHR SELBER DIE MOMENTANE LAGE DER ELEKTRO-SZENE, STAGNATION ODER AUFBRUCH, INNOVATION ODER WIEDERHOLUNG, WAS SIND FÜR EUCH DIE AKTUELLEN CHARAKTERISTIKA? Glücklicherweise ist die Szene und auch das musikalische Angebot innerhalb der Szene groß und vielfältig. Selbst wenn ich der Meinung wäre, dass es zuwenig eigenständige Musik gibt und mir ein Großteil der Musik nicht gefällt, habe ich genügend Alternativen. Gute Labels, die sich trauen, auch mal eine ungewöhnliche bzw. nicht so ganz stromlinienförmige Band herauszubringen, leisten dazu auch einen großen Beitrag. Nimm Dependent (lacht)! Im Ernst: Wie viele Leute, glaubst Du, kannten die Band US-Band „Babyland“, bevor Stefan (Herwig) die CD hier herausgebracht hat. Oder auch „Dismantled“. Es gibt eine Menge gute Musik, und wenn man ein bisschen über den eigenen Tellerrand hinaus blickt, findet man sie auch. VIELEN DANK FÜR DAS GESPRÄCH UND ICH WÜNSCHE EUCH WEITER VIEL ERFOLG IM BERUFLICHEN WIE PRIVATEN BEREICH. Vielen Dank an Dich

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