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SVEN FRIEDRICH

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AN EINEM VERREGNETEN SOMMERTAG MACHE ICH MICH AUF DEN WEG ZU EINEM FREUNDLICHEN RESTAURANT AM BERLINER SÜDSTERN. DIE EINZIGE NAHRUNG, DIE ICH ALLERDINGS ZU MIR NEHMEN WILL, FÄLLT VERBAL AUS. ES GEHT HIERBEI UM DIE KOSTBAREN WORTE DES ZERAPHINE-FRONTMANNS SVEN FRIEDRICH. DIESEN SOMMER HAT ER MIT GLEICH DREI PROJEKTEN DIE FESTIVALBÜHNEN EROBERT, NAMENTLICH DIE DREADFUL SHADOWS, ZERAPHINE UND SOLAR FAKE. AUCH ANSONSTEN IST DER GUTE HERR FRIEDRICH EIN SEHR VIELBESCHÄFTIGTER MANN. UMSO ERFREULICHER WAR ES, DASS ER SICH FÜR DEN TERRORVERLAG DOCH RELATIV SPONTAN ZEIT NEHMEN KONNTE. IN DER GEMÜTLICHEN LOCATION IN DER NÄHE VON ZERAPHINES STAMMSTUDIO HABEN WIR UNS DANN EINE WEILE UNTERHALTEN, UND ICH DURFTE NICHT NUR ENTDECKEN WAS SO ALLES HINTER SEINEN PROJEKTEN STEHT. ICH DURFTE AUCH ERLEBEN, WIE BESCHEIDEN UND ZUVORKOMMEND EIN „GOTHICSTAR“ SEIN KANN. MIT VIEL OFFENHEIT GÖNNT UNS SVEN EINIGE EINBLICKE IN SEINE KUNST DES SONGWRITINGS UND NOCH EIN PAAR DINGE MEHR. UND GIBT UNS GANZ NEBENBEI NOCH EINEN GRUND, UNS ÜBER DEN FALL DER MAUER ZU FREUEN. ABER LEST SELBST! LASS UNS DOCH MAL MIT ETWAS GANZ ALLGEMEINMEN UND „UNGEFÄHRLICHEM“ ANFANGEN. WIE SIEHT ES DENN IN NAHER ZUKUNFT KONZERTTECHNISCH AUS? Na ja, es geht im Herbst erst wieder weiter mit Konzerten, und das mit beiden Projekten. Ein paar Termine stehen schon fest. Es gibt ein Fanclub-Konzert von den DREADFUL SHADOWS für Fanclub-Mitglieder, und auch für andere denke ich. Irgendwann gehen dann noch ein paar Tickets in den normalen Verkauf. Es ist ein kleiner Club, das wird bestimmt ganz nett. Mit SOLAR FAKE sind wir auch ein paar Tage vorher in Berlin, auf einem Festival auf der Popkomm. Wir wollen auch im Oktober noch ein paar Konzerte mit SOLAR FAKE geben. Eins steht schon fest, in Köln. Wir werden natürlich auch noch eins in Berlin geben, aber erst etwas später, vielleicht im November oder so. WIE FÜHLT ES SICH DENN AN, JETZT (WIEDER) MIT DEN DREADFUL SHADOWS AUFZUTRETEN? WIE REAGIEREN DIE FANS? ICH KANN MIR VORSTELLEN, DASS VIEL NOSTALGIE IM SPIEL IST. Ja, definitiv. Bei den Festivalauftritten merkt man es jetzt nicht so sehr, das ist immer ein bisschen abstrakter, aber bei den Clubkonzerten im letzten Jahr war das schon deutlich. Es waren sehr viele ältere Leute da die wir noch von früher kannten und die noch von damals dabei waren, aber auch einige ZERAPHINE-Fans, die über ZERAPHINE zu den DREADFUL SHADOWS gekommen sind. Es ist schon toll, auch innerhalb der Band klappt es wunderbar zurzeit. Ich finde es sehr schön, es macht Spaß. ABER ES BLEIBT WEITERHIN NUR BEI KONZERTEN? Vorerst ja. Ein weiteres Studioalbum wird es mit ziemlicher Sicherheit nicht geben, vielleicht eher eine Live-Sache. Das wissen wir aber noch nicht. Es ist auch mehr oder weniger eine Entscheidung der Plattenfirma, bei der wir immer noch unter Vertrag sind. Das ist ganz lustig, denn wir hatten ja eigentlich noch ein Album offen, haben das aber ja nie gemacht. Insofern müssen das so oder so sie entscheiden. Wenn sie der Meinung sind, wir sollten so etwas machen, dann werden wir das auch machen. WIE IST ES EIGENTLICH BANDINTERN BEI DEN DREADFUL SHADOWS MIT DER NOSTALGIE? WIE FÜHLT ES SICH AN, DAS WIEDER AUFLEBEN ZU LASSEN? Eigentlich ist es gar nicht so schlimm, wie man jetzt so denken mag. Klar, logisch, nach so einem Konzert kommen wieder die ganzen alten Geschichten zum Vorschein. Es war ja eine sehr prägende Zeit für uns damals. Sie dauerte ja auch ziemlich lange. Zumindest mit dem Schlagzeuger und dem Bassisten hab ich ja vorher schon in einer Band gespielt. Daher gibt es immer ziemlich viele lustige Anekdoten zu erzählen. Wir machen das jetzt einfach, weil es uns Spaß macht, wir sind nicht großartig wehmütig oder so. Jeder macht inzwischen was anderes, auch musikalisch, und das ist wunderbar so. Wir verstehen uns auch sehr gut, es ist ein sehr entspanntes Verhältnis, das wir gerade zueinander haben. Wir haben auch überhaupt keinen Druck, das ist total toll, wir müssen niemandem etwas beweisen. Wir müssen keine Platten mehr verkaufen, denn das haben wir alles schon gemacht. Es ist total entspannt, anders als wenn man mit einem neuen Album auf Tour geht. Damit sind dann hohe Erwartungen verknüpft, man muss die Leute von dem neuen Album überzeugen. Dieser Druck fehlt bei den SHADOWS komplett, und das macht es ganz entspannt und auch sehr angenehm. NOCH MAL KURZ ZURÜCK ZUM FANCLUB. IHR HABT JA EIN ZIEMLICH ENGES VERHÄLTNIS ZU EUREN FANS, GERADE ZU DENEN AUS DEM FANCLUB. IST DAS DANN AUCH WIRKLICH SO, DASS MAN EINEN TEIL DER LEUTE WIEDER ERKENNT WENN MAN SIE IMMER WIEDER SIEHT? Ja, na klar. Dazu müssen sie auch nicht zwingend im Fanclub sein. Klar, logisch, mit den Leuten hat man dann mehr zu tun. Es gibt ja den, sagen wir mal etwas elitäreren Fanclub, für den auch Veranstaltungen gemacht werden oder von dem wir zu Fantreffen eingeladen werden. Wer dort eintritt, interessiert sich sowieso mehr als der normale Mensch für uns und unsere Musik, dementsprechend sind sie auch bei sehr vielen Konzerten dabei. Manchmal arrangieren wir es so, dass Fanclubmitglieder eine Weile vor Konzertbeginn rein kommen, damit man vorher noch ein wenig mit ihnen quatschen kann. Die erkennt man wieder (lacht). Aber wie gesagt, das trifft auch für Leute zu, die nicht im Fanclub sind und trotzdem ganz viele Konzerte mitmachen. WIE SCHAFFT MAN ES, DREI PROJEKTE AUF EINMAL UNTER EINEN HUT ZU BRINGEN? Das ist eigentlich gar nicht so kompliziert, weil die nicht wirklich alle gleichzeitig stattfinden. Mit den DREADFUL SHADOWS arbeiten wir ja nicht wirklich außer bei den Proben vor den Konzerten. Das ist auch ein bisschen Arbeit, klar, aber das ist jetzt nicht so wirklich der Rede wert. Eigentlich wechselt sich das ab. Nach dem letzten ZERAPHINE-Album, „Still“, hab ich angefangen sporadisch und über einen ziemlich langen Zeitraum Songs zu schreiben, Elektrosachen. Das hab ich dann erstmal abgeschlossen, und jetzt geht es mit ZERAPHINE weiter, bis ZERAPHINE wieder ein neues Album hat, oder vielleicht entwickelt sich da auch was parallel, da muss man mal sehen. Danach geht es mit SOLAR FAKE wieder weiter. So wird sich das irgendwie abwechseln. DAS IST EINE SEHR BREIT GEFÄCHERTE UND GENERELLE FRAGE, ABER: WAS WÜRDEST DU SAGEN, IN WELCHEM DEINER PROJEKTE STECKT WELCHER TEIL VON DIR, WELCHES VERKÖRPERT DICH UND WIE? Das ist sehr schwierig zu beantworten. Bei den SHADOWS ist es aus heutiger Sicht eher so die Vergangenheit, das ist mit ganz vielen Erlebnissen verbunden. Ich meine, das ist eben meine Zeit von 20 bis 27 gewesen, das war eine extrem prägende Zeit, und damals hatte eigentlich alles, was ich erlebt habe, mit der Band zu tun. ZERAPHINE ist wirklich ein kompletter Neuanfang für mich, ein Aufräumen auch im Kopf und in mir selbst. Das ist inzwischen auch schon sieben Jahre her, sogar fast acht, und ebenfalls eine extrem prägende Phase. Das ist im Prinzip wie so eine Art… ZERAPHINE für mich selbst ist eine Fortsetzung meines musikalischen Lebens, also nicht der DREADFUL SHADOWS, sondern von mir. Bei SOLAR FAKE lebe ich mich aus. Da fröne ich meiner Electro-Leidenschaft, die ich irgendwie schon lange habe, und auch bei den Rockbands mit eingebaut habe. Es war ein Traum von mir, das einfach mal durchzuziehen, etwas ganz ohne Gitarren und so. Ich glaube ich könnte das nicht ausschließlich machen. Das habe ich ursprünglich mit ZERAPHINE schon probiert, habe dann aber gedacht „An der Stelle muss jetzt eine Gitarre kommen“, und dann war das wieder eine Rockband. Das ging relativ schnell. Ich habe angefangen, die ersten Songs dafür zu schreiben und wollte das eigentlich zu einem Electro-Projekt machen, und dann dachte ich „Nee, hier musst Du jetzt schon ein echtes Schlagzeug nehmen“ und so. WENN SCHON, DENN SCHON. Genau. Dann blieb das aber übrig, dieser Wunsch so was zu machen, und jetzt hatte ich mal die Zeit dafür. DAS IST DIR ALSO SCHON SO RICHTIG VIELE JAHRE IM KOPF HERUMGEGEISTERT? Ja, wirklich. Das ging eigentlich schon zu SHADOWS-Zeiten los, dass ich mich dafür interessiert habe. Ich hab ja immer die Keyboard-Sachen für die SHADOWS und ZERAPHINE gemacht, und da extrem viel rumgefriemelt und mich mit Synthesizern auseinandergesetzt. Ich hatte immer viel Spaß damit herumzubasteln. Insofern ist das schon eine Weile her dass das in mir aufkeimte. WOBEI MIR JA AUCH AUFFÄLLT, DASS DU NICHT WIRKLICH ZU DEN LEUTEN GEHÖRST DIE POLARISIEREN ZWISCHEN ELEKTRONISCHER UND GITARRENLASTIGER MUSIK. DU SCHEINST DIR DA EINE ZIEMLICHE OFFENHEIT BEWAHRT ZU HABEN. WAS BEDEUTET DIESE OFFENHEIT FÜR DICH? Extrem viel, denn es war ja eine Zeit lang so, dass das zwei verschiedene Lager waren. Sind es ja teilweise immer noch, irgendwie. Wobei ich finde, dass das deutlich besser geworden ist. In unserem Publikum, eigentlich egal von welcher Kapelle, wenn ich gucke, zum Beispiel auf einem ZERAPHINE-Konzert, sehe ich Leute mit VNV NATION-Shirts oder PROJECT PITCHFORK. Ich glaube, da gibt es ziemliche Überschneidungen. Ich denke mal so krasse Abtrennungen gibt es vielleicht eher bei den Industrial-Leuten. Generell kann man nicht sagen, wer Electro mag hört keine Gitarrenmusik, das ist nicht so. Es war aber wirklich mal ziemlich schlimm finde ich, gerade in den 90ern fand ich das extrem. Und ich hab das nicht verstanden. Gut, ich komme auch ursprünglich aus der Rock-Ecke, ich mochte früher auch keinen Electro (lacht). Aber ich hab mir das dann mal angehört und fand da total spannende Momente. Dementsprechend hab ich nicht verstanden, warum ich auf einmal blöd angeguckt wurde weil ich das jetzt höre. Wobei die Leute, die das auch gut fanden, mich andererseits dumm angeguckt haben, weil ich ja eigentlich auf Gitarrenmusik stehe, und wie kann man dann so was hören? Ist ja auch Quatsch. Ich dachte nur „Warum, dafür gibt es doch überhaupt keinen Grund?“ ES IST JA AUCH EINE ZIEMLICH SELBST EINSCHRÄNKENDE EINSTELLUNG. Ja na sicherlich, total. Das fand ich irgendwie unsinnig, und ich fand das auch total spannend die beiden Sachen miteinander zu kombinieren. Das war vielleicht auch eine Initialzündung dass ich angefangen habe Electro-Elemente in Rockmusik einzubauen. Ich dachte „Na klar, warum denn nicht, passt doch:“, und damals war das auch noch relativ revolutionär, heute machen das ja zum Glück Einige. SO GESEHEN, WER WEISS, VIELLEICHT VERDANKEN EUCH JA AUCH EINIGE LEUTE ETWAS. Nun ja, klar, es gibt immer auch andere Bands die so was schon mal früher gemacht haben, zum Beispiel DIE KRUPPS, aber das war ja auch ungefähr zeitgleich, nur dass die mehr Erfolg hatten als wir (lacht herzlich). UND WIE SIEHT JETZT SO DIE ZUKUNFT VON SOLAR FAKE AUS? Keine Ahnung, ich lass mich mal irgendwie überraschen. Also ich werde es auf jeden Fall weiterführen, denn es macht mir wirklich riesengroßen Spaß. Die Plattenfirma ist zufrieden, also insofern gehe ich mal davon aus, dass es ein neues Album geben wird, wann, weiß ich noch nicht so genau. Aber ich glaube, die sind da auch sehr zuversichtlich. Wie gesagt, läuft super, und es macht mir auch einfach Spaß. Ich finde es auch auf der einen Seite toll, sich so austoben zu können und niemandem außer sich selbst Rechenschaft ablegen zu müssen, oder überhaupt an jemand anderen denken zu müssen. Wenn ich für ZERAPHINE einen Song schreibe, habe ich irgendwie die Band im Hinterkopf. Ich schreibe relativ viele Songs alleine, die Kollegen packen dann ihren Anteil dazu oder arrangieren drum herum. Ich habe aber schon beim Songwriting die einzelnen Persönlichkeiten im Kopf und was für Vorlieben sie haben, wie sie spielen und so. So geht man dann ran, damit man weiß, wie der Song vielleicht am Ende mal klingen wird. Das baue ich alles schon mit in die Komposition ein. Das alles fällt bei SOLAR FAKE völlig weg. Das ist ganz interessant und auch mal gar nicht so schlecht, andererseits hast du natürlich auch niemanden, den du um Rat fragen kannst. Das ist dann der Nachteil. Wenn Du an einer Stelle nicht weiterkommst, und dann kannst Du den Song wie er bis dahin ist, in einem Bandgefüge jemand anderem geben, „Guck mal, ich find hier den Anschluss nicht, schau mal ob Dir was einfällt“, das fehlt dann natürlich wiederum bei einem Soloprojekt. Und wenn man dann bis zum Ende nicht weiterkommt, wirft man den Song weg, obwohl er vielleicht gut hätte werden können. Aber wenn einem kein Refrain dazu einfällt, ist da eben keiner, und das ist bei einer Band natürlich einfacher, weil man da Leute dabei hat. DAS IST INTERESSANT, MÖCHTEST DU MEHR DARÜBER SAGEN, WAS DIE VERSCHIEDENEN ARBEITSMETHODEN SO FÜR SICH HABEN? Ja gern, da gibt es ganz viele Sachen, die unterschiedlich sind in der Arbeitsweise. Bei ZERAPHINE beispielsweise ist es ja so, dass mehr oder weniger einer erstmal einen Song schreibt und ein ganz roughes Demo davon macht und das den Anderen gibt, damit sie sich einen Kopf machen können, was man dann wirklich spielt und wo man vielleicht auch etwas umbauen könnte. Wir nehmen Demos auf, arrangieren das erstmal als Band, und dann geht es ins Studio, wo noch mal richtig an dem Song gearbeitet wird. Da nehmen wir uns die Zeit, alles ordentlich zu machen, so dass es am Ende für alle ein tolles Ergebnis wird. Das ist so der Arbeitsweg bei ZERAPHINE. Bei SOLAR FAKE ist das grundsätzlich anders. Ich arbeite eigentlich alles am Rechner aus. Ich schreibe sowohl auf echten Synthesizern als auch auf virtuellen Synthesizern. Da schraube ich schon beim Komponieren eines Songs, und das bleibt dann auch so stehen wenn es gut ist. Wenn ich Electro-Songs mache, dann habe ich bestimmte Sounds schon im Kopf. Und die baue ich dann natürlich auch gleich, damit ich weiß wie es klingt, und ob es passt oder nicht. Und das bleibt dann auch übrig, das heißt, ich gehe nicht noch mal damit ins Studio außer höchstens zum Mischen und zu Mastern, aber ansonsten… Im Prinzip produziere ich schon während des Songwritings. Das ist natürlich ganz cool, weil du gleich weißt, wie es am Ende klingen wird. Der Vorteil ist natürlich auch: Du bist nicht unter irgendeinem Zeitstress. Du bist Zuhause, es kostet kein Geld pro Stunde oder pro Tag. Insofern ist es auch gut, du kannst so lange schrauben wie du willst. Im Studio… Wir waren auch noch sehr luxuriös ausgestattet mit Zeit im Studio, mit ZERAPHINE haben wir immer etwa drei Monate im Studio gesessen. Das ist natürlich extrem luxuriös muss ich sagen. Zumal es auch ein sehr tolles Studio ist, das wir da gemietet haben. Aber das ist natürlich ein Punkt: Du schraubst so lange, bis du es genau so hast wie du es willst. Das ist natürlich auch ganz angenehm. UND WIE WIRKT SICH ZEITDRUCK AUF DEIN SONGWRITING AUS? Für das Songwriting nehme ich mir die, Zeit die ich brauche, ansonsten hat das keinen Sinn. Das Ergebnis wird nicht besonders prickelnd und du wirfst die Songs danach sowieso wieder weg. Wenn ich jetzt sage „Ich muss heute einen Song schaffen, denn morgen habe ich keine Zeit mehr“, das hat überhaupt keinen Sinn. Sich Deadlines beim Songwriting zu setzen, ist zwecklos. Zumindest bei mir ist das so. Dabei käme nur etwas heraus, das mir spätestens nach einer Woche nicht mehr gefällt. Dann kann ich es auch gleich sein lassen. Also das funktioniert so schon ganz gut muss ich sagen, ich nehme mir oft die Abendstunden dafür, so dass es egal ist, ob man erst um vier im Bett ist oder nicht, und dann ist das ok so. KOMMUNIKATION SCHEINT DIR JA AUCH SEHR WICHTIG ZU SEIN. DENN WENN MAN DEINE TEXTE LIEST MERKT MAN DASS DU DEINE GEFÜHLE KOMMUNIZIERST, ABER ES GEHT DIR NICHT DARUM RECHT ZU HABEN ODER SO. Nein, auf gar keinen Fall. Ich bin kein Thesenaufsteller oder so, ich hab meine eigenen Erfahrungen gemacht und hatte dabei bestimmte Emotionen, und die versuche ich zu sortieren. Ich erzähle ja auch nicht die Geschichten, die dazu gehören, sondern verpacke das so dass wirklich nur die Essenz transportiert wird. Das ist eine total intensive Verbindung zum Hörer. Es klappt nicht immer, aber doch häufiger. Wenn diese Verbindung entsteht, ist das schon ganz angenehm. UND WIE ENTSTEHT DIE SYMBIOSE ZWISCHEN LYRICS UND MUSIK BEI DIR? Es gibt bei mir wirklich immer zuerst die Musik. Das ist dann auch größtenteils die Hauptinspiration für den Text. Das ist eine bestimmte Atmosphäre, und je länger ich dann an der Musik arbeite, desto klarer wird dann auch das Thema. So entsteht das dann irgendwie, und bis ich mit der Musik fertig bin, habe ich meistens schon eine Gesangsmelodie im Kopf. Und dann gehe ich eben los und schreibe den Text irgendwo im Wald (lacht). IM WALD? Meistens, ja. Ich kann dazu nicht Zuhause am Schreibtisch sitzen. Ich krieg dort den Kopf nicht frei, um wirklich in eine andere Welt abzutauchen. Das kann ich nicht Zuhause am Computer machen oder so, das geht nicht. Schaffe ich nicht, dort wo ständig das Telefon klingelt und solche Sachen. NA JA, EIN WALD HAT DA SCHON EINE ANDERE ATMOSPHÄRE. Ja, definitiv. Zumindest die Ruhe. Ich versuche dann auch wirklich abzuschalten und an nichts anderes zu denken, als an die Geschichte die ich gerade schreibe. Anders funktioniert das bei mir gar nicht. ICH FRAGE MAL LIEBER NICHT NACH WO IM WALD, DENN SONST IST DER FLECK BALD VON FANS ÜBERLAUFEN. :-) Ich würde den natürlich auch nicht verraten, aber das wechselt auch ständig. Ich könnte auch nicht immer an denselben Ort gehen, dann fallen einem ja auch immer nur dieselben Sachen ein. Ok, das stimmt natürlich auch nicht. Aber ich wechsele da lieber, ich kenne so viele schöne Ecken, auch außerhalb von Berlin. DU PERSÖNLICH ERWECKST JA DEN EINDRUCK DASS DU ZWAR SEHR WOHL DEINE ARBEIT ERNST GENUG NIMMST, ABER DICH SELBST NICHT ZU SEHR. WIE KRIEGST DU DIE BALANCE HIN? Ich glaube das kommt aus einem gesunden Umfeld. Ich nehme mich nicht so wichtig, weil ich mir bewusst bin, dass ich nicht wichtig bin. Für den Fortgang dieser Welt bin ich unwichtig. Letztendlich bin ich nichts, und das weiß ich. Deswegen kann ich mich auch selbst nicht zu ernst nehmen. Ich bin mir einfach selbst nicht so wichtig. Das kommt aber denke ich wirklich daher, dass ich ein gutes Umfeld habe, wo auch glaube ich so was gar nicht passieren kann, dass man aufgrund irgendwelcher Erfolge abhebt. Ich habe mich eigentlich schon immer von solchen Leuten mehr oder weniger ferngehalten. Also was das nähere Umfeld und auch Bandkollegen und Firmen, mit denen man arbeitet, angeht, da gibt es immer Leute, die einen in den Himmel heben, die einem die ganze Zeit erzählen wie toll man ist. Das bringt aber nichts, denn irgendwann fängst du an das zu glauben, wenn man es dir die ganze Zeit erzählt. Das ist wirklich eine Gefahr bei vielen Musikern. Und die werden dann einfach lächerlich. Ich kenne ja einige, die so drauf sind, und es tut mir leid, aber die finde ich lächerlich. Ich glaube, es dauert auch einfach eine ganze Weile, bis man das so einschätzen kann. Aber ich glaube wirklich, wie bereits gesagt, aus einem gesunden Umfeld heraus gibt es eigentlich nur diesen Weg, Ich mache meine Arbeit, und mache auch meine Musik, denke aber deshalb nicht dass ich wer bin. DU HAST JA AUCH SCHON WIRKLICH WAHNSINNIG FRÜH ANGEFANGEN INSTRUMENTE ZU SPIELEN UND MUSIK ZU MACHEN. WEISST DU NOCH IN ETWA, WANN DU GEMERKT HAST „DAS IST MEHR ALS EIN HOBBY, DAS WILL ICH WIRKLICH MACHEN“? Das war schon extrem früh klar. Ich hab ja mit sechs Jahren angefangen, klassische Gitarre zu lernen, das war eine sechsjährige Ausbildung sozusagen, und schon während dieser Zeit war mir einfach klar, dass ich später irgendetwas mit Musik machen will. Ich bin in Ostberlin groß geworden, da war die Sache ein bisschen komplizierter. Da gab es ja eigentlich nur die Möglichkeit, klassisch was zu machen oder eben Musiklehrer zu werden. Oder eben auch Rockmusiker zu werden, aber das empfand ich im Osten nicht als große Herausforderung, denn da wurdest du so derartig beschnitten in allem, was kreativ war. In der DDR wäre ich mit Sicherheit kein Rockmusiker geworden, zumindest kein Textschreiber. Vielleicht eher Gitarrist oder so. Aber das war schon extrem früh klar dass ich irgendetwas mit Musik machen will, das war von Anfang an einfach die Leidenschaft für mich. DU WIRST ALSO AUCH MIT ZIEMLICHER SICHERHEIT BEI DER MUSIK BLEIBEN? Ja, auf jeden Fall. Ich werde immer etwas in der Art machen. So lange ich kann eben. Man muss ja auch nicht immer vorne stehen um Musik zu machen, das ist ja auch noch mal eine Grundlage. DAS BRINGT MICH AUF ETWAS. NÄMLICH DEINE MITARBEIT BEI IMATEM. WIE IST DIESE ZUSAMMENARBEIT DENN ZUSTANDE GEKOMMEN? Das war eigentlich ganz spontan. Ich kenne ja PROJECT PITCHFORK und auch Peter schon ziemlich lange. Die sind ja auch schon ewig dabei und wir haben uns oft auf diversen Festivals getroffen. Ich mag sie und schätze PITCHFORK extrem, weil ich finde, dass sie großartige Songs gemacht haben und auch sehr innovativ waren. Sind sie auch immer noch. Es gibt auch nichts wirklich Vergleichbares. Das schaffen nicht viele. Wir haben zusammen gespielt in Hamburg, im März, auf dem Gothic Aid-Festival. Da waren PITCHFORK Headliner und wir haben da auch mitgespielt. Da kam Peter an und gefragt „Wie sieht es aus, ich hab da mein Projekt IMATEM, hast Du Lust da was zu machen?“ und ich meinte „Na klar!“. Ich war ja auch sehr geehrt, denn ich habe wie gesagt extrem großen Respekt vor ihnen, weil ich einfach sehr sehr schätze, was sie machen. Das war für mich schon eine ziemliche Ehre, dass er mich fragt. Dann hat er mir die Musik geschickt. Es ist ja bei diesem Projekt so, ich glaube zumindest, dass es bei allen so ist, dass Peter die Musik macht und der jeweilige Sänger dann den Text und die Gesangsmelodie dazu schreibt. Das habe ich auch gemacht, habe es ihm zurückgeschickt, und er war total begeistert. Alles super, jetzt klingt der Song richtig gut. JA, ICH FINDE ER IST SEHR HOMOGEN GEWORDEN. Ja, ich finde auch. Er klingt genau nach dem, was nicht passiert ist, nämlich als ob wir gemeinsam am Rechner oder im Studio gesessen und den Song geschrieben hätten. Haben wir aber nicht, und insofern passt das alles ziemlich gut zusammen. So sollte es am Ende ja auch sein. GIBT ES DENN ANDERE ZUSAMMENARBEITEN, ÜBER DIE DU SCHON ETWAS SAGEN KANNST? Nein, bisher noch nicht. Also ich hab schon ein paar Sachen im Kopf, die mich selbst betreffen, für das nächste SOLAR FAKE-Album zum Beispiel, aber dazu kann ich noch nichts sagen, denn ich habe die ganzen Leute noch gar nicht gefragt. KLAR, DIE SOLLTEN DAS SCHON VON DIR PERSÖNLICH ERFAHREN! :-) WAS MICH NOCH INTERESSIERT: ICH FINDE MAN HÖRT BEI DEINER MUSIK DIESE GANZEN ALTEN EINFLÜSSE, ZUM BEISPIEL VON KILLING JOKE, THE CURE ODER FIELDS OF THE NEPHILIM, UND MICH WÜRDE INTERESSIEREN OB DAS DAHER RÜHRT, DASS DU SELBST IMMER NOCH EIN FAN BIST? Ja, definitiv. Also gerade die genannten Bands haben mich so derartig geprägt. KILLING JOKE vielleicht etwas weniger als THE CURE, weil mit THE CURE hat alles angefangen. Wegen ihnen habe ich angefangen schwarze Klamotten zu tragen und mir die Haare zu färben. Es hat mich seit etwa meinem 12. Lebensjahr extrem fasziniert, wie man solche Musik überhaupt machen kann, wie man auf so etwas kommen kann. Das war ja wirklich revolutionär damals, finde ich zumindest. Oder auch die FIELDS, das gab es ja bis dahin auch noch nicht, so eine Musik hatte es vorher nie gegeben. Heute ist das schon ein bisschen schwieriger, ich habe die FIELDS ja auf dem WGT gesehen, und es war toll. Aber ich habe auch versucht, mich in die Lage von Leuten zu versetzen, die erst 20 sind und nicht mitbekommen haben, wie das damals war, und wie es auf sie wirken muss, wenn da ein paar ältere Typen auf der Bühne stehen und komische Musik machen. Für mich ist das toll, denn gerade bei den FIELDS habe ich noch all diese Erinnerungen an früher. Ich habe sie ja damals in ihrer Urbesetzung zwei-drei Mal gesehen, und das war so faszinierend für mich… Das waren einfach auch Momente, die werde ich nie vergessen. Ich hatte vorher noch nie eine Band mit so einer Ausstrahlung gesehen wie die FIELDS. Das hat mich unglaublich fasziniert, und so ist es auch geblieben. Zumindest McCoy hat für mich immer noch diese hypnotische Aura. Wenn er auf der Bühne steht, dann ist alles ringsherum überhaupt nicht mehr da, es ist einfach unglaublich. Aber ich denke, wenn man sie heute sieht, liegt das auch größtenteils an der Erinnerung an früher, sozusagen. Ich höre das auch nach wie vor, nur nicht mehr so häufig, ist ja klar. Oder auch THE CURE beispielsweise. Wir haben THE CURE 2005 supported, in der Wuhlheide. Als die Nachricht kam, dass wir da spielen dürfen, ich war völlig fertig. Die Agentur rief an und meinten „Wir haben Robert eure Musik geschickt und er hat sich Eure Homepage angesehen“ und ich dachte mir wird schlecht, und sie meinten „Er findet das gut und ihr könnt dort spielen“. Ich dachte nur „Oh Gott“. Ich konnte gar nicht verstehen, was los ist, echt schlimm. Denn er hat mich ja echt komplett begleitet so vom 12. bis zum 20. Lebensjahr. Alles was von ersten Jugenderlebnissen und zum Teil auch Kindheitserlebnissen da ist, ist komplett mit THE CURE verknüpft. Deswegen war das ein total extremer Moment. Sie waren ja auch dieses Jahr wieder auf Tour, und ich war da und hab das gesehen, diese dreistündige Show, es war einfach nur toll. THE CURE sind nach wie vor klasse, auch wenn ich mit den neueren Sachen nicht viel anfangen kann, da das nicht ganz meinen Musikgeschmack trifft. Aber die erfinden sich immer wieder neu und wenn man sich die ersten fünf Alben von ihnen anhört, denkt man jedes Mal es wäre eine andere Band, und trotzdem ist da immer ein roter Faden, der das alles miteinander verbindet. Und das ist nicht nur die Stimme, das ist irgendwie ein bisschen mehr, das ist unsichtbare Ebene Atmosphäre. Vor denen muss ich echt den Hut ziehen, wie sie es jedes Mal schaffen etwas zu tun, was sie vorher nicht getan haben. Das finde ich ganz großartig. UND DAMIT BEDANKE ICH MICH FÜR EIN SEHR SCHÖNES INTERVIEW. ICH HABE KEINEN ZWEIFEL DARAN, DASS AUCH SVEN FRIEDRICH ES NOCH GENAUSO OFT SCHAFFEN WIRD SICH SELBST NEU ZU ERFINDEN. ICH FREUE MICH SCHON.

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