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THE DILLINGER ESCAPE PLAN (GREG PUCIATO)

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„Für junge Leute ist es heutzutage schwierig etwas Aufregendes zu finden. Du kannst in jede amerikanische Kleinstadt gehen und findest 40 High-School-Bands, die alle gleich klingen und aussehen. Die heißen dann „October burns blabla“, haben schwarze Haare und singen drüber, wie scheiße doch die Liebe ist… Die haben sogar die gleichen Stage-Moves. Für mich ist das alles langweilig. Aber die Aufmerksamkeitsspanne reicht nicht lange und im Handumdrehen haben die Kids was anderes gefunden.“ WÄHREND DER REGEN AN DIE FENSTER DES TOURBUSSES PRASSELTE UND SICH DIE STOLEN BABIES GERADE FÜR IHREN AUFTRITT PRÄPARIERTEN, FANDEN SICH DILLINGER ESCAPE PLAN FRONTMANN GREG PUCIATO UND ICH IN EINEM ANGEREGTEN GESPRÄCH WIEDER. NACH DEM GREG ANFÄNGLICH EINE UNBEEINDRUCKTE, ABER FREUNDLICHE ERSCHEINUNG BOT, WAR ER NACH EINIGER ZEIT KAUM ZU BREMSEN. HIER IST DAS INTERVIEW: COMPLETE AND UNABRIDGED! ICH WEISS, ES MUSS DICH MITTLERWEILE SEHR NERVEN, ABER KANNST DU UNS NOCH EINMAL EINE KURZE ZUSAMMENFASSUNG DER LETZTEN SCHICKSALHAFTEN JAHRE GEBEN? Oh, Mann! Das ist definitiv eine lange Geschichte! Es ist schwer, das kurz zu fassen. Generell fing das Problem vor sechs Jahren an, als Ben und Chris begannen sich auseinander zu entwickeln. Und die Beziehung wurde nie repariert, die Probleme nie richtig aus der Welt geschafft. Es gab so viele ungeklärte Dinge zwischen den Beiden. Und immer wenn die Beiden wieder anfingen zu streiten, wurden die alten Sachen wieder aufgekocht. Das machte alles furchtbar stressig… So um 2006 herum wurde es wirklich schwer, mit den Beiden in einem Raum zu sein. Es wurde Nonstop gekämpft und genörgelt… ES LAG EINE GENERELLE ANSPANNUNG IN DER LUFT? Immer! Jedes Mal, wenn Du mit den Beiden zusammen warst, dachtest Du nur: „Fuck! This sucks!“. Es war einfach nicht mehr spaßig, in der Band zu sein. Während einer Tour, warst du nur damit beschäftigt, Männer zu beruhigen, die sich wie Babys aufführten. Etwas musste sich ändern, aber die Situation war ausweglos, denn Ben ist natürlich der Schöpfer der Band, aber Chris war ein Zauberer an den Drums. Er war unheimlich talentiert. Wir wussten nicht, was wir tun sollten. Er war ängstlich, Dillinger zu verlassen, und wir hatten ebenfalls Angst ihn zu verlieren. Aber es war auch klar, dass wir mit Beiden nicht so weitermachen konnten. Und dann im April krachte alles zusammen. Wir hatten einen großen Streit und jeder sagte nur: “Fuck you! Jeder hat jedem unschöne Dinge an den Kopf geschmissen. Und dann standen wir auf einmal ohne Drummer da, „just like that“ (schnippt mit den Fingern). Aber es war für alle in Ordnung, denn wir hatten von der Situation einfach die Schnauze voll. Viele Leute denken ja, er hätte die Band wegen COHEED AND CAMBRIA verlassen, aber sie waren nur die Nutznießer, da sie gerade zur richtigen Zeit zur Stelle waren… ES HÄTTE ALSO JEDE ANDERE BAND SEIN KÖNNEN? Ja, jede mögliche. Für uns war nur das Problem, dass das Ganze zwei Monate vor dem geplanten Beginn der Aufnahmen stattfand. Wir hatten keine Ahnung, wie wir damit umgehen sollten. Wir wussten, wir gehen in zwei Monaten nach Kalifornien, wir nehmen zwei Monate auf und kommen dann mit einer Platte zurück. Wir wussten bloß nicht, ob da ein Schlagzeug drauf zu finden wäre. Wenn ja, vielleicht programmierte, wenn wir keinen menschlichen Mitstreiter gefunden hätten. Wir wussten nur: Wir gehen dahin und kommen mit irgendetwas zurück. WAREN DIE SONGS DENN SCHON FERTIG GESCHRIEBEN? Ich würde sagen, 70% des Albums standen schon. Also kontaktierten wir jeden Schlagzeuger, den wir kannten und auch noch gut war: Dave Witte, Kenneth Chalk, sogar Leute wie Terry Bozzio. Und jeder konnte es aus dem einen oder anderen Grund nicht machen. Und wir nur so: „We are fucked! We’re up shits creek…“ Es ist lustig, ich war auf einem Auftritt von POISON THE WELL in D.C., mit denen ich schon lange befreundet bin, und deren Drummer Chris Hornbrook sagte nur: „Ich kenne diesen Typen namens Gil. Wenn einer es bringt, dann er. Ich meine sogar, dass er besser als Chris ist.“ Ich sagte nur: Was?! Ich hatte noch von diesem Typen gehört, der in dieser Band STOLEN BABIES spielt. Wenn er so gut ist, warum kennt man ihn dann nicht? Und Chris bestand darauf, dass dieser Typ unglaublich wäre. Also rief ich ihn einfach an, ohne dabei irgendeine Erwartung zu haben. Eigentlich dachte ich nur, dass das nichts werden könne. Ich habe ihm dann zwei Demos von Songs geschickt aus denen letztendlich „Lurch“ und „Fix your face“ wurden. Nach zwei Tagen rief er mich zurück: „Hey! Check this out!“ und knallte sich durch die beiden Songs über das Telefon. Ich versuchte so zu tun, als wenn ich total cool wäre und sagte: „Danke Mann, aber wir müssen noch mit ein paar anderen Leuten reden…“ Ich rief nur Ben an und sagte: „Dude, Du wirst das einfach nicht glauben!“ Und damit ist die Story um Chris eigentlich beendet. Bei Brian ist es die Hand, die ihn schon seit Jahren quälte. Er hatte einige Schäden an den Nervenbahnen. Wir dachten eigentlich immer, dass er zurückkommen würde, aber zu derselben Zeit als die „Chris-Sache“ passierte, realisierten wir, dass dem nicht so sein würde. Seine Hand ist im Eimer, er wird unglücklicherweise nie wieder Gitarre spielen können. Jeff wiederum war in einer Band die HEADS WILL ROLL hieß und in den Staaten einige Shows für uns eröffnete. Es ist lustig, weil Brian eigentlich noch in der Band war, als ich Jeff das erste Mal sah. Ich habe ihn live gesehen und nur gedacht, was für ein toller Typ er wäre. Er sang und spielte Gitarre und man merkte, dass er das richtige Feeling hatte. Total Punkrock! Er spielte die Gitarre über dem Kopf und machte diese coolen Sachen. „He just had the right attitude!“ Und als wir merkten, dass Brian nicht zurückkehren würde, war er der erste der mir in den Sinn kam. Er spielte uns vor und es war klar, dass er der Richtige für uns ist. Es ist lustig, wenn du mir vor vier, fünf Jahren gesagt hättest, dass wir unsere beste Platte ohne Brian und Chris machen würden, hätte ich dir gesagt, dass das nicht möglich wäre. Es ist verrückt, denn ich denke, dass es unsere beste Platte bisher ist. Es macht soviel mehr Spaß in der Band, wir kommen miteinander aus, es gibt keine Spannungen mehr, es macht endlich wieder Spaß auf Tour zu gehen. „It´s good, man!“ IHR SEID JA AUCH NOCH MIT EUREM ERSTEN SÄNGER, DIMITRI MINAKAKIS, BEFREUNDET, DENN ER HAT JA AUF „FIX YOUR FACE“ DIE BACKING VOCALS EINGESUNGEN… Jeder in dieser Band ist mit jedem befreundet, der jemals in der Band war. Ausgenommen Chris, er ist das schwarze Schaf und keiner redet mehr mit ihm. Dimitri und ich haben eine ganz interessante Beziehung, denn wir sind die Einzigen, die jemals in dieser Band (als festes Mitglied) gesungen haben und wir reden viel über unsere gegenseitigen Erfahrungen. Wie ist es jetzt? Wie war es damals? Wir haben schon immer darüber geredet, etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen, ein Side-Project oder irgendetwas anderes, nur um die Kids zu ärgern. Denn jeder versucht uns irgendeine Rivalität anzudichten, wo keine ist. Als wir die Platte fertig stellten, dachten wir uns, wie cool es wäre, den ersten Song mit Dimitri und mir fertig zu stellen. Damit sollte alles zu einem „Full Circle“ werden. Wir haben es gemacht, es war super und wir hatten dazu eine Menge Spaß! Und weißt Du, obwohl unsere Stimmen ähnlich klingen, klingt es trotzdem größer. Du kannst den Unterschied heraushören. IN EINEM DEUTSCHEN PRINT-MAGAZIN WAR FOLGENDES ZU „IRE WORKS“ ZU LESEN: „ALLE FEHLER, DIE HARDCORE, METAL, CROSSOVER UND “ALTERNATIVE” JE GEMACHT HABEN, FINDEN SICH IN DIESEM UNBESEELTEN GESCHEPPER POTENZIERT. MÄNNERLEIBER MÜHEN SICH ANGESTRENGT AN INSTRUMENTEN AB UND LIEFERN NICHTS ALS EINE PLACKEREI, DIE AN PORNOGRAFIE GEMAHNT.“ „WOW! It´s funny…“ WIE REAGIERST DU DARAUF? Das ist interessant, denn diese Platte hat wirklich nur gute Kritiken bekommen… Eigentlich kümmere ich mich um so was nicht mehr. Die Sache mit dieser Platte ist einfach, dass wir unheimlich glücklich mit ihr sind. Und wir haben gesagt, egal ob die Leute sie scheiße finden, wir wissen, dass wir sie gut finden. Als wir “Miss Machine” fertig stellten, dachten wir schon, dass wir einige Dinge hätten anders machen können, aber dieses Mal wussten wir, egal was andere sagen, this is it. Wir konnten nichts mehr besser machen. So ein Statement zu hören ist schon lächerlich, denn was Seele betrifft und echte Gefühle betrifft, bietet diese Platte viel mehr als bisher. Aber manchmal triffst du einfach Leute, die dich einfach nicht mögen. Ich hatte ein Interview mit einem deutschen Magazin und das erste, was der Typ zu mir am Telefon sagte, war: “Ich sage euch gleich, dass ich eure Band nicht mag. Ich wurde ausgewählt, dieses Interview zu machen, also mache ich es.” Ich dachte nur: “Oh, cool…” ICH HABE SO WAS ÄHNLICHES VON DESPISED ICON GEHÖRT, DIE WAREN AUCH ALLES ANDERE ALS ANGETAN VON DER LEISTUNG DIVERSER MAGAZINE… Es ist sowieso komisch, denn vor Deutschland hatten wir… vielleicht nicht richtig Angst, aber es herrscht hier ein ganz anderer Vibe als in den anderen Teilen Europas. In England, Frankreich, Holland lief alles super und dann kamen wir nach Deutschland und dachten nur: “Urgh…” Hier gab es noch eine strikte Trennung zwischen Hardcore und Metal. In den Staaten ist diese Linie komplett verwischt. Ihr habt immer noch eine Trennung zwischen den beiden Gruppen, aber es wird langsam besser, schließlich ist es heute abend ja auch ausverkauft. Wir haben das hier aber sehr gespürt, so nach dem Motto: Ihr habt kurze Haare, ihr seid “Fags”. UND LEUTE DIE EUCH AUSVERKAUF VORWERFEN, WAS HÄLTST DU VON DENEN? Als wir „Miss Machine“ machten, stand diese Scheibe in dem großen Schatten von „Calculating Infinity“. Als wir dann solche Tracks wie „Unretrofied“ oder „Setting fire to sleeping giants“ machten, wussten wir, das es eine menge Leute geben würde, die denken: „What the fuck?“ Ihr seid Sell-Outs, blablabla… Mittlerweile sind diese Leute aber entweder alle an Bord oder nicht mehr dabei. Jetzt konnten wir machen, was wir wollten ohne daran denken zu müssen. Jetzt konnten wir einen Track wie „Black Bubblegum“ machen, denn die Leute waren dafür bereit. Fans, die „Miss Machine“ nicht mochten, sind nicht mehr dabei. Nun können wir einen sieben Minuten langen Jazz-Song machen, einen vier Minuten langen Pop-Song oder einen zwei Minuten langen, verrückten Song. Für einen Künstler ist es das beste Gefühl, welches man haben kann. WO DU GERADE DEN SIEBEN MINÜTER „MOUTH OF GHOSTS“ ANSPRICHST: ICH HÖRE DA JA EIN GEWISSES JANES ADDICTION FLAIR HERAUS. Das ist sehr lustig, denn ich kannte die Band vorher nicht richtig. In letzter Zeit höre ich aber gewisse Dinge aus diesem oder jenen Song heraus. Leute sagten zu mir: Oh, das klingt aber ein wenig nach Perry Farrell. Ich habe diese Band nie gehört, aber da ich nun davon weiß, gehe ich hin und höre mir die alten JANES ADDICTION Sachen an und denke: Wow, das stimmt wirklich. WER HAT DENN DIE IDEE ZU DEN FUNKY BLÄSERN AUF „MILK LIZARD“ GEHABT? Das war Bens Idee. Ich denke es funktioniert. Wenn es um die Instrumentierung geht, hat er wirklich gute Ideen. Als er das erste Mal mit dieser Idee ankam, war ich damit überhaupt nicht einverstanden. Klang irgendwie nach Dick Tracy, einem Agenten-Film oder so etwas. Ben sagte nur: Vertrau mir, das wird gut. Mittlerweile sehe ich diesen Part wie einen eigenen kleinen Hook. DEIN OHR HÄNGT SICH FÖRMLICH IN DEN PART HINEIN… Total, mittlerweile mag ich ihn wirklich. DER TRACK WURDE JA AUCH BEI CSI:NY BENUTZT… Das stimmt! Ich habe es bei Youtube gesehen. Das war lustig, denn meine Mutter sah CSI im Fernsehen und schickte mir eine SMS mit dem Inhalt, dass unser Song bei CSI wäre. Und ich nur so: Häh?! Wovon redest Du? NIEMAND SAGT EUCH VORHER, DASS EURE TRACKS FÜR SO ETWAS BENUTZT WERDEN? Manchmal, aber ich mag es so oder so. Ich bin nicht so einer, der sagt: „Fuck that! Don´t use our song!“. Du kannst unsere Songs in Shampoo-Werbung unterbringen und ich sag spitze, weiter so. ODER IN GUITAR HERO… „That´s the thing!“. Ich liebe es. In Japan gibt es eine Arcade-Version von dem Spiel, da kann man „Panasonic Youth“ vom letzten Album spielen. Der Song hat es aber leider nicht in die Konsolen-Version geschafft. Wäre cool, wenn es das nächste Mal klappen könnte. UM SICH DIE FINGER ZU BRECHEN… Die Kids kriegen Arthritis… ZEIGT „MOUTH OF DARKNESS“ DENN IN EINE MÖGLICHE, MUSIKALISCHE ZUKUNFT? Ich könnte dir jetzt nicht sagen, wie unsere nächste Platte klingen wird. Wenn du mich vor Beginn der Aufnahmen zu „Ire Works“ gefragt hättest, hätte ich etwas völlig anderes prophezeit, als das, was letztendlich draus geworden ist. Wir haben angefangen und vier verrückte Songs nacheinander geschrieben. Als die Leute mich 2006 fragten, wie das Album denn werden würde, sagte ich dementsprechend, dass sie richtig brutal werden würde. So sah es zu der Zeit ja auch aus. Aber kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, schrieben wir „Black Bubblegum“. Das hat natürlich die ganze Dynamik verändert. Der Song („Mouth of Darkness“) kam „out of nowhere“, aber er funktioniert und macht Spaß. Gerade als Schluss des Albums lässt er alle Möglichkeiten für uns offen. Wir können machen was wir wollen. Ich bin wirklich aufgeregt, eine neue Platte zu schreiben, denn mit dem ganzen frischen Blut in der Band wird es sehr aufregend werden. UND KEINER WIRD MEHR WAS ZU MECKERN HABEN… Nein, großartig! Ich, persönlich als Sänger, fühle mich unheimlich erleichtert. Die Patton EP ist sechs Jahre alt, „Calculating Infinity“ fast 10 Jahre. UND VOR 10 JAHREN HABE ICH EUCH DAS ERSTE MAL GESEHEN, ABER MITTLERWEILE IST JA NUR NOCH BEN AUS DIESER BESETZUNG ÜBRIG… Die Zeit ist so schnell vergangen. Vor kurzem war ich noch der Neue, jetzt bin ich nach Ben, derjenige der am zweitlängsten dabei ist. Dieses Jahr bin ich sieben Jahre dabei, das ist lächerlich… TIME FLIES… We are getting old…. HATTET IHR JEMALS DAS GEFÜHL, DAS RELAPSE NICHT MEHR DAS RICHTIGE LABEL FÜR EUCH SEI? Generell sind Plattenlabels eine sehr merkwürdige Angelegenheit, besonders zurzeit. Es fühlt sich sehr klaustrophobisch an, fast wie in einem Sarg… Als wäre man gefangen und könnte sich nicht befreien. Als wir mit „Miss Machine“ beschäftigt waren, gab es schon das Gefühl, dass wir mit dem Label nicht mehr kompatibel wären. All diese Songs, die vom bisherigen Schema abweichten, ließen uns denken, dass sie für die Platte nicht alles tun könnten, was getan werden musste. Über die Jahre kann man unsere Beziehung zu Relapse schon als tumultartig beschreiben. Aber zum Schluss beruhigte sich immer alles, da es im beiderseitigen Interesse war, im selben Team zu sein. Aber es wurde viel gekämpft, sei es das Artwork oder die Videos. Über alles was man sich denken kann, gab es Unstimmigkeiten. Nun, mittlerweile sind wir aus dem Vertrag und rückblickend muss man sagen, dass sie einen guten Job gemacht haben. Alles was in ihrer Macht stand, haben sie auch getan. Aber im Moment kann ich mir nicht vorstellen noch mal unter Vertrag zu sein, ich sehe uns nicht noch mal einen Plattenvertrag unterschreiben. Guck dir an, was RADIOHEAD oder NINE INCH NAILS getan haben, das alte System scheint ausgedient zu haben. Ich strebe nicht nach einem Vertrag, der dich quasi wieder an einen Dinosaurier bindet. STIMMT DICH DAS TRAURIG? Die Dinge ändern sich. Du kannst nicht herumsitzen und hoffen, dass alles so bleibt wie es einmal war. Das ist nicht produktiv. Ich bin durch diese Phase durch: „Oh, man this fuckin sucks.“ Wäre es 1985 oder sogar 1995, würden wir die 10-fache Anzahl von Platten verkaufen. Wir hätten 10mal soviel Geld, über so was denkst du nach: Das ist nicht fair, dass wir gerade zur jetzigen Zeit in einer Band sind. Es ist immer eigenartig, eine ganze Industrie kollabierend zu sehen, aber es ist noch verrückter, wenn du ein Teil dieser Industrie bist. Wenn du in der Autoindustrie in Detroit wärst, denkst du auch: Was zum Teufel!? Aber wenn du darüber hinweg bist, fängst du an zu denken: Diesen Teil gibt es nicht mehr. Wie können wir aus einer anderen Perspektive an die Sache herangehen? Jetzt haben wir die Möglichkeiten, die Sachen selbst unter Kontrolle zu halten. Wir müssen wahrscheinlich mehr arbeiten und uns mehr ums Business kümmern. Aber für Bands, die vielleicht nicht so etabliert sind, wird es definitiv schwerer. Ohne massive Unterstützung wird es schwer für die Bands werden, ihren Namen bekannt zu machen. Wir sind zwar keine große Band, aber auch keine kleine. Für uns besteht durchaus die Möglichkeit, unter kompletter, künstlerischer Freiheit zu arbeiten. Niemals daran zu denken, dem einen oder anderen, dieses oder jenes zu schulden. Zu hören: Wir können euch nicht bezahlen, da wir unsere Verluste noch nicht wieder wettgemacht haben. Wie oft man das zu hören bekommt. Du bekommst nie irgendwelche Erlöse aus dem Albenverkauf, da sie sich immer irgendeinen „Bullshit“ ausdenken. Wenn wir uns jetzt entschließen, eine EP aufzunehmen, könnten wir damit machen, was wir wollten: Wir könnten sie umsonst verteilen, wir könnten sie verkaufen, wir könnten sie für vier, für fünf Dollar anbieten. Egal wie wir es machen würden, 100prozentige Einnahmen wären uns sicher. Das wäre besser als 2%, die wir sowieso nie bekommen… Das ist der Schlüssel: Nicht zu Hause zu sitzen und Vergangenen nachzuweinen. Vor 10 Jahren hätten wir einen Millionen Dollar Deal abgeschlossen, so darfst du einfach nicht denken. WÜRDEST DU ES TROTZDEM VERMISSEN, EINFACH IN EINEN LADEN ZU GEHEN UND DIR EIN ALBUM ZU KAUFEN? Für mich ist das nicht so kritisch, denn ich habe schon seit einer sehr langen Zeit keine Platte mehr gekauft. Natürlich erinnere ich mich daran, ein Kind zu sein und genau an dem Tag als eine Scheibe herauskam, in den Laden zu stürmen. Im Moment sehe ich aber noch nicht mal CDs, alles ist auf dem Ipod oder Computer. Einmal hing ich in Kalifornien mit unserem Produzenten herum und er war immer noch sehr an CDs interessiert. In seinem Auto hatte er die Klassiker, so wie das „Black Album“, und ich hörte mich sagen: “Holy Shit! Das ist ja die wirkliche CD! Das war komisch und brachte nostalgische Gefühle hoch. Mann muss sich vor Augen halten, dass dieses Gefühl bald verloren gehen wird. Das ist schon ein wenig traurig. Aber diese Industrie gibt es erst seit 60, 70 Jahren. Konservierte Musik gibt es erst seit einer relativ kurzen Zeit. Und das Konzept des Artworks ist doch sowieso eher absurd… wir sind nur daran gewöhnt. Das Konzept, dass man für Klang ein Artwork hat, ist komisch. Wenn du in ein Museum gehst, hast du doch auch keinen Klang für die Bilder. Kein Lied, das dir hilft, das Bild zu verstehen. Alles wird sich ändern und in 20, 30 Jahren wird wieder alles ganz anders sein. Es gibt nichts, was du dagegen machen kannst. Es ist wie das Internet, du wirst es einfach nicht stoppen können. ABER DURCH DAS INTERNET LERNT MAN NATÜRLICH VIELE BANDS KENNEN… Das ist eben die andere Seite. Die Leute schimpfen gerne auf das Internet… aber ehrlich gesagt ist es für uns ein fantastisches Werkzeug! Du musst nicht unbedingt auf Tour gehen und eine Szene bilden. Bands, die noch nie vorher in Europa waren, können einfach kommen und die Kids wissen schon Bescheid. Für solche Sachen ist es cool. IHR WART JA SELBST MIT VIELEN SO GENANNTEN „MAINSTREAM-BANDS“ AUF TOUR. WIE HABEN DIE BESUCHER DENN AUF EUREN SOUND AUS EINER ANDEREN WELT REAGIERT? Es ist niemals toll, aber auch nie richtiger Horror. Wir haben kein Ziel-Publikum, wir sind hart zu verkaufen. Wir werden niemals die beste Band für alle auf einer Tour sein. Wir spielen nicht auf dem Ozzfest und werden alles killen. Wir sind nun mal brutal, aber auch poppig. Da stehen die Chancen schlecht, dass jemand uns komplett mag. Wir nehmen ein paar Leute von hier, einige von da. Bands wie TOOL sind groß geworden, weil sie Leute aus allen Szenen vereinen konnten. Komisch ist aber, dass wir bei Konzerten mit Bands, von denen ich dachte, dass wir gut ankommen würden, ausgebuht worden sind. Eigentlich dachte ich, dass SYSTEM OF A DOWN Fans ein wenig mehr open-minded wären. Diese Tour war richtig schlecht. Trotzdem sind wir dadurch doppelt so groß geworden… Verrückt. WESSEN IDEE WAR ES DENN, ZU JEDEM SONG DER NEUEN PLATTE EIN SHIRT HERAUS ZU BRINGEN? Das war meine Idee. Eben ein erster positiver Aspekt, dass wir aus unserem Vertrag raus sind und totale Kontrolle haben. Zur selben Zeit wurde nämlich unser alter Merch-Vertrag hinfällig. Und wenn man sieht, wie erfolgreich wir damit waren, nach zwei Tagen war das erste Design ausverkauft, ist es für uns ein guter Indikator, wie erfolgreich wir mit zukünftigen Tonträgern sein können. Wenn wir das mit Shirts schaffen, schaffen wir das auch mit Platten. Natürlich ist es manchmal nervig, die ganzen Shirts zu versenden, aber am Ende des Tages habe ich lieber alles selbst unter Kontrolle. Und das Geld muss ich keinen anderen Leuten in die Tasche stecken. KENNST DU THE OCEAN? Totally! Um die dreht sich hier ja einiges. DIE MACHEN DAS GENAUSO. ZUMINDEST BETREIBEN SIE IHREN EIGENEN ONLINE-SHOP. UND MAN KAUFT GERNE VON DER BAND SELBER… Das ist die andere Sache! Es ist viel persönlicher, als in irgendeinem Online-Shop die Sachen in einen kleinen Einkaufswagen zu legen. Du weißt, die Band hat die Designs selbst ausgewählt und sie stammen nicht von irgendjemand, der nichts mit der Band zu tun hat. Es ist nicht „Punkmetalshirt.com“, du bekommst es von uns. Ich packe es in einem Umschlag und kann „suck my dick“ vorne drauf schreiben, wenn ich will. WENN DU DIR ALL DIE SÜSSEN MYSPACE-BANDS ANSCHAUST, MEINST DU DASS DIE LEUTE HEUTZUTAGE NOCH MUSIKALISCH HERAUSGEFORDERT WERDEN WOLLEN? ICH MEINE, NEHME 5 JUNGS MIT SCHWARZEN HAAREN UND LASS SIE BEI TRUSTKILL UNTERSCHREIBEN… Da stimme ich total mit überein, aber ich glaube, dass die Formel langsam schwächelt. „It´s the new Nu-Metal“. Die Death-Core-Szene ist der neue Nu-Metal und das passierte ziemlich schnell. Das ganze Zeug hat einen faden Beigeschmack, alles klingt gleich, die Leute sehen alle gleich aus. Eigentlich glaube ich, dass es schon wieder vorbei ist. Der Höhepunkt ist überschritten, auch wenn es noch so viele von ihnen gibt. Für junge Leute ist es heutzutage schwierig etwas Aufregendes zu finden. Du kannst in jede amerikanische Kleinstadt gehen und findest 40 High-School-Bands die alle gleich klingen und aussehen. Die heißen dann „October burns blabla“, haben schwarze Haare und singen drüber wie scheiße doch die Liebe ist… Die haben sogar die gleichen Stage-Moves. Für mich ist das alles langweilig. Aber die Aufmerksamkeitsspanne reicht nicht lange und im Handumdrehen haben die Kids was anderes gefunden. Aber ich gebe dieser Welt keine besondere Beachtung, weil ich mich zu weit davon entfernt fühle. ICH MEINE, SIE KOMMEN NUR UM DABEI ZU SEIN, ABER WERTSCHÄTZEN DIE MUSIK NICHT MEHR… Da gibt es ja auch nicht viel zu wertschätzen… Aber gerade dadurch, dass sie alle gleich klingen, scheinen die Bands, die anders sind, viel mehr hervor. Es macht sie einzigartiger. GIBT ES DENN NOCH BANDS, DIE DU FÜR IHRE STANDHAFTIGKEIT UND PRINZIPIENTREUE BEWUNDERST? Die einzige Band, die es komplett richtig macht, ist CONVERGE. Sie halten ihren Weg bei, was Ehrlichkeit angeht. Es gibt eine Kontinuität in dieser Gruppe und es bleibt alles in der Band. Jake Bannon macht die Designs, Kurt produziert die Platten. Und wenn du sie siehst, merkst du das auch. Es ist eine Einheit, die nicht von äußeren Entwicklungen beeinträchtigt wird. Die haben einen tollen Job gemacht… FÜR MICH IST ES IMMER NOCH FUGAZI… Total! Ich komme aus D.C. und FUGAZI sind dort Legenden. Die spielen immer noch Shows für acht Dollar… Mann, die hab ich total vergessen! WER WÄRE DENN IN DEINER TRAUM-BAND? „Oh, shit!“ Cliff Burton, Jimi Hendrix, mehr weiß ich nicht. Die Sache mit solchen „All-Star-Anythings“ ist, dass, wenn sie zusammenspielen würden, nichts Gutes dabei herauskommen muss. Das wäre, als wenn man sagen würde, Les Claypool sollte bei METALLICA Bass spielen. Totale Verschwendung für beide Bands! Ich könnte stundenlang irgendwelche Leute auflisten… VIELE MUSIKFANS BEKLAGEN SICH, DASS MAN DIE MUSIKER NICHT MEHR UNTERSCHEIDEN KANN. SCHULD DARAN SEIEN DIE MODERNEN PRODUKTIONSWEISEN MIT PRO-TOOLS USW. JEDER KLINGT GLEICH, ES GIBT KEINEN BONHAM MEHR… Das ist wahr, es saugt die Seele aus der Musik. Pro-Tools ist super, wenn du es als „Werkzeug“ benutzt, aber wenn Du es als Farbe für Deine Aufnahme benutzt, als eigenes Mittel des Songwritings, wird es gefährlich. Die Gefahr bei Pro-Tools ist, dass die Leute die Musik nur noch anschauen und nicht mehr hören. Diese Produzenten hören nicht mehr, die schauen nur auf ihren Bildschirm. Sie schauen sich die Waves an und sehen: O.K. hier ist ein Zacken, der da nicht hingehört, und dann wird komprimiert bis alles in einem homogenen Bereich ist. Aber „looking perfect“ und „sounding good“ sind zwei verschiedene Dinge! Wenn du dir eine alte Aufnahme anhörst, die toll klingt, die viel Seele und Charakter hat, und diese Dir dann in Pro-Tools anschauen würdest, könntest du sehen, wie der Sänger ungefähr hundertmal daneben liegen würde. Die Drums wären dort out-of-tune, hier sind die Gitarren zu laut usw. Aber diese „Fehler“ verleihen einer Aufnahme erst Charakter. Und Menschen verlernen dies gerade. Diese ganzen neuen Produzenten, die nicht hören oder fühlen können, sondern nur sehen… DER GITARRENSOUND KLINGT AUF FAST JEDER CD GLEICH… Jede Band… du stöpselst sie ein, schaust auf den Bildschirm, fertig. TRIGGERED DRUMS… Ja, du kannst alles machen. Unser Produzent ist auch ein Pro-Tools Zauberer, aber er ist nicht damit aufgewachsen. Er hat es erst später gelernt und benutzt es deswegen zum Guten. Nur zu sehen, was er macht und sich vorstellen, dass er seine Fähigkeiten der dunklen Seite verleihen würde… Scheiße, Du musst noch nicht mal singen können! Aber willst du dir wirklich Aufnahmen anhören, die so klingen? Die sind komplett wegwerfbar. Sie klingen perfekt, sind aber nicht perfekt. Perfekt ist so ein willkürlicher Begriff. Hast du diesen Vocal-Track von David Lee Roth gehört, über den sich im Moment jeder lustig macht? Hier singt er schief, da trifft er die Töne nicht, er kann nicht singen… „Dude, that´s why this sounds fuckin´ awesome!“ Wenn er das heute eingesungen hätte, wäre es perfekt geworden, aber es hätte wie ein verdammter BRITNEY SPEARS Song geklungen! HÖR DIR LEUTE WIE NEIL YOUNG AN… (ALLE ANWESENDEN NICKEN ANDÄCHTIG…) Yeah! BOB DYLAN! Können nicht singen? Es ist die Seele, Mann! O.K. KOMMEN WIR LANGSAM ZUM ENDE. WENN BEN DIE BAND VERLASSEN WÜRDE, WÜRDE ES DILLINGER WEITERHIN GEBEN? Nein! Ich würde sofort etwas anderes machen. Ich könnte mir nicht vorstellen, in dieser Band ohne Ben zu sein, das wäre nicht richtig. Auch wenn viele junge Menschen DILLINGER nie ohne mich gesehen haben und mich genauso wie Ben akzeptieren, wüsste ich nicht, warum ich das machen sollte. Er ist die Seele dieser Band, niemand spielt Gitarre wie er. Er ist der Kern von dem alles kommt, es wäre nicht dasselbe. WIRST DU AUF DER BÜHNE STEHEN, BIS DU TOT UMFÄLLST? Würde ich schon gerne. Wenn es nicht würdelos wäre. Wenn es im Alter einen Weg gibt, das Ganze in Würde zu gestalten, ich möchte mir bloß selbst nicht untreu werden. Wenn ich auf der Bühne merken würde, dass ich mich wie ein Trottel benähme oder Theater spielen würde, wäre es vorbei. Jetzt mit 27 fühle ich mich schon anders als mit 21. Emotionen ändern sich…ich bin schon lange nicht mehr so angepisst wie vor 10 Jahren. Aber auf der Bühne fühle ich immer noch die Energie, die Schreie, das Chaos. Während des Auftritts bin das ich. Aber wenn eine Zeit kommt, in der ich das nicht mehr fühle, ist das vorbei. Ich will nicht fühlen, wie ich mein Leben versaut habe und deswegen nichts anderes mehr machen kann. Auf Tour gehen zu müssen, und so zu tun, als wäre ich jemand, der ich vor 10 Jahren war. Wenn Du es aber richtig machst und wie wir es, wie gesagt, zurzeit mit unserer kreativen Freiheit machen, kann es passieren, dass ich auf den nächsten zwei, drei Alben nicht mehr die ganze Zeit schreien muss und wir keinen Grind-Stuff mehr spielen. Es sich also natürlich entwickelt hat. Wenn ich in eine Kristallkugel gucken könnte und mich in 20 Jahren sehen würde und wir immer noch den gleichen Sound spielen würden, dann hat es sich so entwickelt und wir fühlen auch noch so. Wenn wir wie SIMON AND GARFUNKEL klingen würden und dabei erfolgreich wären, würde ich gerne glauben wollen, dass sich dieser Prozess natürlich entwickelt hat. Ich treibe es so weit, wie unser kreatives Potential es erlaubt. Besonders mit dem neuen Line-Up glaube ich, dass wir noch viel beizutragen haben. Das wird noch einige Alben dauern, bis unsere Kreativität komplett aufgebraucht ist. Solange wir wie Erwachsene handeln können. Ich muss nicht Unmengen an Geld verdienen, solange wir einen Platz zum schlafen haben und wir nicht verhungern, ist es in Ordnung. O.K. DANKE! Das war gut! Danke, Mann! Das war 99% besser als die ganzen Interviews, die ich sonst gemacht habe… DARF ICH DAS SCHREIBEN? Yeah. Es macht Spaß, mit jemandem zu reden, der offensichtlich weiß, wovon er redet. So viele Interviews, die wir in letzter Zeit machen mussten, sind meist Auftragsarbeiten und der Interviewer stellt Fragen wie: Wie fing die Band an, was bedeutet der Name… nach der Hälfte des Interviews nennen sie mich Ben und so weiter. Es ist lächerlich…

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