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ALPHAVILLE

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Ort: Paderborn - Capitol

Datum: 28.10.2004

ALPHAVILLE und Paderborn? Noch vor kurzem hätte ich so eine Kombination für unmöglich gehalten. Die ehemaligen 80er Helden, die viele Jahre überhaupt nicht live aufgetreten sind, ausgerechnet in der erzkonservativen ostwestfälischen „Metropole“? Und dann noch mit Orchester? Da kann man dem Booker nur gratulieren, der eine von insgesamt 4 deutschen ALPHAVILLE-Shows erwischt hat. Jedenfalls machten wir uns früh genug auf den Weg an diesem angenehmen Herbstabend, denn eine Vorband war nicht zu erwarten. In Paderborn tobte erst mal der Bär, will sagen, die Herbstkirmes („Libori“ im Volksmund) war im vollen Gange, natürlich stilecht gegenüber dem Priesterkolleg. Irgendwo inmitten dieses fröhlichen Treibens liegt das Capitol, ein ehemaliges Kino, welches vor einigen Jahren anonymen Multiplexen weichen musste. Aus der Not eine Tugend gemacht werden dort nun Konzerte veranstaltet, dabei kann man auf die alten Ressourcen zurückgreifen. Z.B. wurde der Name „ALPHAVILLE“ wie ein Filmtitel draußen auf der altmodischen aber atmosphärischen Anzeige angebracht, im Stile der 50er Jahre Filmstätten. Der Saal selbst wirkt hell und aufgeräumt, im Hintergrund befindet sich natürlich immer noch die Leinwand, unter der hohen Decke ein riesiger Kronleuchter. Am Merchandising Stand wurden T-Shirts und neuere Werke der Wahlberliner bzw. von Golds Soloprojekt feilgeboten. Unter den ca. 300 Anwesenden (zum großen Teil mittelalte Normalos, ergänzt von 10 Grufties) herrschte eine Art gespannte Vorfreude, was sie denn nun erwarten würde. Die meisten waren sicherlich nur mit den ersten beiden Alben („Forever Young“ und „Afternoons in Utopia“) vertraut und noch mehr überrascht, dass auf der Bühne mehrere Sitzgelegenheiten mit Violinen platziert worden waren. Der Zeiger näherte sich der 8, die Hintergrundbeschallung (von der „Miami Vice“ bis zur „Na so was“-Titelmelodie) fadete aus und es wurde dunkel…

2 Personen betraten das Rampenlicht, von denen eine Marian Gold sein könnte. Ja tatsächlich, unter seinem schwarzen Vollbart war der gebürtige Herforder kaum zu erkennen, auch hat er ein wenig an Leibesfülle zugenommen. Vollkommen unglamourös in dunkler Jeans plus silbergrauem Hemd begann er sogleich mit der Vorstellung seines Keyboarders Martin Lister, der zunächst am elektronischen Roland-Piano Platz nahm. Vielleicht hätte er sich auch selbst vorstellen sollen, denn nicht jeder wusste, wer ihm/ ihr da eigentlich gegenüber stand. Aber als die Bemerkung fiel: „Wir sind genau 20 Jahre im Geschäft und fangen mal etwas anders an“, wurde es dann allen klar. Es folgte ein Einstieg mit einem Song, der nur von Golds Stimme plus Klavierbegleitung getragen wurde, ein sehr schöner stimmungsvoller Einstieg für das, was noch kommen sollte. Dann betraten die Herren plus eine Dame des Berliner Salonorchesters die Bühne. 3 mal Violine plus Kontrabass und 1 Dirigent in feinem Zwirn, die eine interessante neue Facette des ALPHAVILLE-Sounds darstellten, natürlich immer im Verbund mit Marians unverkennbarem Organ. Die Streicher des Berliner Salonorchesters verblieben dann für 3 Songs dort oben, die allesamt balladesk und sehr gefühlig ausfielen. Dann folgte so etwas wie ein Umbruch, ein Crossover-Moment, denn ein Gitarrist plus der etatmäßige Drummer Pierson Grange kündigten das Ende des orchestralen Parts an. Die Kammermusiker hatten dabei enorme Mühe sich gegen die sehr laut eingestellte Gitarre zu behaupten, auch war Golds Stimme kaum zu vernehmen. Danach verließen die Berliner die Bühne und eine kurze Umbaupause wurde angekündigt („We’re not finished yet“). Ein sehr schöner Beginn, der vielleicht nicht von allen erwartet aber von vielen geschätzt wurde.

Nachdem ein wenig aufgeräumt worden war, ging es in klassischer Bandbesetzung Synthies, Gitarre, Drums und Gesang weiter. Dazu wurde jetzt auch die Rückprojektion eingesetzt, die aus interessanten geometrischen Figuren, Wassertropfen oder auch umblätternden digitalen Buchseiten bestand, immer dem jeweiligen Song angepasst. Ich stand direkt vor der Bühne und hatte den Eindruck, dass man Golds Stimme komplett in den Hintergrund gemischt hatte, aber das lag an der Akustik des Capitols, wie ich kurze Zeit später feststellte. Weiter hinten war nämlich alles optimal und man konnte der gut ausgewogenen Mischung aus alten Klassikern und jüngeren Kleinoden im besten Soundgewand folgen. ALPHAVILLE waren nie tot, haben all die Jahre immer wieder CDs und auch MP3’s herausgebracht, die man auf der Bandhomepage präsentiert. Die letzte VÖ war eine monumentale 4CD-Box, die auf den Namen „Crazy Show“ hört. Natürlich waren fast alle Besucher für die alten Hits gekommen, quittierten aber auch das ihnen unbekannte Songmaterial mit Wohlwollen. Dieses ist qualitativ nämlich keinen Deut schlechter, lediglich zumeist gitarrenorientierter. Wie man auch insgesamt konstatieren muss, dass ALPHAVILLE auf der Bühne eher wie eine Rockband rüberkommt, mit überraschend harten Gitarren. Lediglich bei den Klassikern werden diese etwas zurückgefahren, wenngleich auch die nicht mehr im Originalgewand präsentiert wurden. So hat man aus „Sounds like a melody“ eine Ragga-Version (!) gemacht und „Jet Set“ in einen richtigen Heavy-Kontext gesetzt. Dafür hat man mit „Jerusalem“ und „Summer in Berlin“ 2 wunderschöne ruhige Songs in die Setlist integriert. Die neueren Sachen wie „Monkey in the Moon“ (auf „Salvation“ – 1997) oder „Ways“ sowie „Shadows she said“ von eben jener brandaktuellen „Crazy Show“-Box beweisen, dass Marian über all die Jahre seine Songwriting-Fähigkeiten nicht verloren hat. Witzigerweise ist er seine Schüchternheit auch nicht losgeworden: Er vermeidet es ganz offensichtlich, direkt in die Zuschauer zu blicken, er weicht aus, blickt nach unten oder seine Musiker an. Erst, wenn er singen „darf“, ist er in seinem Element, verschmelzt mit den Stücken, geht völlig aus sich heraus. Das von allen erwartete „Big in Japan“ beendet den Set, von Marian mit „Back to the Future“ angekündigt. Wie viel Selbstironie er besitzt, zeigt die Videountermalung dieses 80er-Klassikers, denn nackte Mangamädchen zierten die Leinwand, irgendwie passend zur Textaussage.

Nach einer kurzen Pause wurde das Quartett noch einmal für 2 Zugaben nach oben geholt: „In the mood“ sowie natürlich „Forever Young“ (Gänsehautfeeling!) beendeten den Abend nach knapp 120 Minuten, obwohl mit „Apollo“ (von der „Prostitute“-Scheibe) noch ein Track vorgesehen war. Marian entschuldigte sich bei seinen Fans, man dürfe wegen eines Zeitlimits einfach nicht weiter spielen, obwohl man noch genügend Lust habe. Aber auch so waren die Anwesenden sehr zufrieden: Ein perfekter Spannungsbogen mit vielen Überraschungen und einer immer noch hungrigen Band, was will man mehr von einem Donnerstag Abend in Paderborn erwarten? Die hektische Spaßgesellschaft draußen auf der Kirmes sorgte dann noch für einige wehmütige Gedanken an die Zeit, als ALPHAVILLE noch omnipräsent in den Medien war, doch die Zeit lässt sich nie mehr zurückdrehen…

SETLIST ALPHAVILLE (ohne Berliner Salonorchester)
Hurricane
Victory of Love
Gallery
Shadows she said
Ways
Summer in Berlin
Sounds like a Melody
Sweet Dreams
Around the Universe
My very Blood
Jet Set
Monkey in the Moon
Jerusalem
I’ll die for you today
Big in Japan

In the Mood
Forever Young

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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