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ALPHAVILLE

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Ort: Sehnde – Gutshof Rethmar

Datum: 18.03.2011

Wo zum Teufel liegt eigentlich der Gutshof Rethmar zu Sehnde und warum machen ALPHAVILLE dort auf ihrer „Catching Rays On Giant“-Gastspielreise Station? Das mag sich so mancher Fan der wiedererstarkten Electro Pop-Legende gefragt haben, als die Tourdaten öffentlich wurden. Neugierig wie der typische Terrorverleger nun mal ist, machten wir uns mit einer kleinen Abordnung auf in Richtung Hannover, denn in der Nähe der Niedersachsen-Metropole ist das kleine Örtchen Sehnde zu finden. Der Gutshof Rethmar ist ein durchaus schönes, ländliches und weitläufiges Anwesen, in dem sonst Tagungen, Seminare oder Veranstaltungen wie das örtliche Erdbeerfest stattfinden. Auch lässt sich dort ordentlich schmausen, die Köchin wurde gar im Schlemmeratlas schon mehrfach positiv erwähnt! Wir aber wollten uns an der Musik unserer Jugendhelden delektieren, die mit ihrer aktuellen Scheibe (aka Namensgeber der Tour) immerhin die Top 10-Album Charts knacken konnten. Was im übrigen nicht nur am Nostalgie-Bonus liegt, die neuen Nummern können auch qualitativ sehr überzeugen. Der Auftritt bei der Geissen-Best of-Synthie Pop-Show sollte also kein Massstab für die Leistungsfähigkeit ALPHAVILLEs anno 2011 sein. Und so erreichten wir die gediegene Konzertstätte dank moderner Navi-Geräte ohne Probleme und musterten zunächst einmal die Co-Anwesenden. Sehr überwiegend ab Ende 30 aufwärts und zum Teil offensichtlich auch einfach mal neugierig auf DAS kulturelle Highlight in Sehnde – die Ü30 Party konnte also beginnen…

Zum Glück waren Bühne und Beleuchtung absolut professionell gehalten, die gut 500 Anwesenden sorgten zudem für ein fast volles Haus, kuschelige Tribüne inklusive. Das Schlagzeug hatte man erhöht auf einer 2ten Ebene positioniert, etwas schwindelfrei musste Jakob Kiersch also schon sein und er liess sich diesbezüglich auch nichts anmerken. Doch das Hauptaugenmerk lag natürlich auf Sänger Marian Gold, der ein wenig Leibesfülle verloren zu haben schien, jedenfalls agierte er von Beginn an hellwach, charismatisch, geradezu aufgedreht. An seiner Seite die beiden bekannten Haudegen David Goodes an der Gitarre und Martin Lister (Keys), doch es gab auch noch ein Leckerli für die männlichen Augenpaare. Eine mir namentlich nicht bekannte junge Dame mit Kurzhaarschnitt und asiatischem Einschlag zupfte den Bass und bediente hier und da auch mal ein Tasteninstrument, noch Ende Februar hatte man in den einschlägigen Foren nach einer entsprechenden Person gesucht. Eine schöne Überraschung. Musikalisch ging es dann los mit den beiden neuen Tracks „End of the World“/ „Call me“, die sofort klarmachten: Hier und heute würde kein lauwarmer Retro-Abend stattfinden, die Band agierte druckvoll und auf den Punkt, Herr Golds Stimme war ebenfalls über jeden Zweifel erhaben. Der Fanclub direkt vor der Bühne ging dementsprechend gleich heftig ab, während die übrigen Besucher etwas länger brauchten, um heiß zu laufen. Spätestens beim ersten Klassiker „Dance with me“ brachen aber die Dämme und die Zuschauer kamen der Aufforderung gerne nach. Marian strahlte über beide Backen, hüpfte umher wie ein Jungspund, animierte seine Mitstreiter immer wieder zu Höchstleistungen. Der Mix aus alten und neuen Songs funktionierte perfekt, die beiden aktuellen Singles „Song for No One“ sowie das wunderbar treibende „I die for you today“ konnten genauso gut unterhalten wie die uralten Prachtschinken „Jet Set“ oder das neu arrangierte „A Victory of Love“. Und selbst für eingefleischte Fans hatte man noch ein paar Überraschungen parat: das martialisch angehauchte „Iron John“ vom untergegangen „Prostitute“-Album etwa in einer speziellen Bearbeitung oder die Single B-Seite „Seeds“, die man heuer in der deutschen Version „Leben ohne Ende“ präsentierte. Entstanden 1982 (als die meisten Besucher noch gar nicht geboren wären, frotzelte Herr Gold) ist dieses Stück noch Synthie Pop pur, gewisse Parallelen zu KRAFTWERK oder auch DEPECHE MODE in deren Anfangstagen waren nicht zu überhören.

Zu diesem Zeitpunkt waren wir bereits in der Zugabe angelangt, die für unseren charmanten Gastgeber noch einen schweren Gang bereit hielt. Natürlich wurde DER grosse ALPHAVILLE-Klassiker von den Fans erwartet, doch in der aktuellen Weltpolitischen Lage besitzt der Titel „Big in Japan“ leider einen sehr bitteren Beigeschmack. Man machte das beste daraus, Marian sprach den Atom-geplagten Menschen sein Mitgefühl aus und performte den Track mit einem völlig neuen Text. Die Besucher in Sehnde hielten sich auch merklich zurück, was sicherlich nicht die schlechteste Geste war. „Apollo“ zum Abschluss der Verlängerung ließ es dann aber noch mal richtig rocken, ein schweisstreibender Abend neigte sich dem Ende zu (eine Vorband hatte übrigens Keiner vermisst), doch noch wollte die Meute das Quintett nicht ziehen lassen. Nach längeren Ovationen begaben sich zumindest der agile Mit-50er und sein Keyboarder noch mal zurück nach oben und performten „Dance with me“ abermals, diesmal allerdings in einer quasi akustischen Version. Marian zeigte dabei einen Einblick in sein Seelenleben und ergänzte den Originaltext immer wieder mit kleinen, melancholischen Lebensweisheiten, die einen eh schon perfekten Abend gefühlvoll abrundeten. Die Messe war gelesen, die Gemeinde zog sich zurück, enttäuscht dürfte Niemand gewesen sein. ALPHAVILLE präsentieren sich in absoluter Bestform und dürften so noch für einige Jahre eine Konstante in der deutschen, wenn nicht gar internationalen Musiklandschaft bleiben. Wir machten uns ebenfalls von dannen mit der Gewissheit – Sehnde ist eine Reise wert!

End of the World
Call me
Dance with me
Gravitation Breakdown
Heaven on Earth…
Carry your Flag
Call me down
I die for you today
Jet Set
Song for No One
Guardian Angel
Golden Feeling
Monkey in the Moon
The Deep
Iron John
A Victory of Love
Sounds like a Melody
Forever Young

Leben ohne Ende
Big in Japan
Apollo

Dance with me (akustisch)

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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