Terrorverlag > Blog > AND ONE, CAMOUFLAGE, DE/VISION, MINERVE > AND ONE – CAMOUFLAGE – DE/VISION – MINERVE

Konzert Filter

AND ONE – CAMOUFLAGE – DE/VISION – MINERVE

111001-And-One-0.jpg

Ort: Hamburg – Große Freiheit 36

Datum: 01.10.2011

Heute stand der zweite Teil meines „schwarzen“ Hamburg-Wochenendes auf dem Programm. Bereits tags zuvor war die Große Freiheit 36 meine Zieladresse und nach dem großartigen VNV-NATION-Konzert am Freitag erwartete mich an diesem wunderbaren spätsommerlichen Samstag ein kleines, ausverkauftes Synthie-Pop-Festival, zu dem AND-ONE-Chef Steve Naghavi geladen hatte. Eigentlich war der Anlass ja seine „Sextron“-Tour, die in Hamburg startete und in insgesamt acht deutschen Städten gastierte, aber dann hat der gebürtige Iraner wohl entschieden, dass die vier Bands auch schon Festival-Ausmaße mitbringen. Egal wie wir es nennen, das Ganze hatte fast etwas von einem Tanztee, denn der Einlass war bereits auf 16.30 Uhr terminiert und während draußen die Sonne dermaßen strahlte, dass es fast eine Sünde war, die Bands nicht open air spielen zu lassen, sammelte sich langsam die schwarze Gemeinde im Inneren der Großen Freiheit 36. Als erstes fielen mir hier die Absperrgitter auf und für einen kurzen Moment überlegte ich, ob es jetzt bei Synthie-Pop-Konzerten schon Wellenbrecher braucht, doch dann fiel mir wieder ein, dass Herr Naghavi ja diese seltsame Idee mit den unterschiedlichen Preiskategorien und der damit verbundenen „2-Klassen-Gesellschaft“ bei seinen Gigs hatte. Wer mehr bezahlt hatte, durfte entweder ganz vorn stehen oder es sich auf dem Balkon gemütlich machen. Inzwischen hat der AND-ONE-Häuptling aber wohl eingesehen, dass die Nummer irgendwie doch nicht so cool ist. Außerdem gibt’s keine exklusiven Hotel-Aftershow-Partys mehr. Darauf hatten seine neuen (und ganz alten) Mitstreiter Rick Schah (Keys) und Joke Jay (Drums) anscheinend keinen Bock und da AND ONE jetzt eine basisdemokratische Kapelle ist, in der die Jungs hinter den Synthies auch musizieren können und was zu melden haben, sind die Partys jetzt im Rahmen der platztechnischen Möglichkeiten auch für alle zugänglich. Soweit der Stand der Dinge, widmen wir uns also den musikalischen Darbietungen…

MINERVE

Den Anfang machten um 17.10 Uhr MINERVE, die ganz in weiß gekleidet ein ungewohntes Bild für einen Gothic-Gig abgaben. Mit ihrem tanzbaren Electro-Pop lag der Dreier jedoch genau im Trend und so wurden die Herrschaften nicht nur freundlich aufgenommen, sondern schon bald wurde zumindest vereinzelt getanzt. Sänger Daniel Wollatz hatte sich so richtig in Schale geschmissen und seinen strahlend-weißen Ausgehanzug aus dem Schrank geholt, während sich die Kollegen Andreas Wollatz und Mathias Thuerk an den Tasten und Backing Vocals etwas legerer präsentierten. Musikalisch lag das Hauptaugenmerk auf Songs vom letztjährigen dritten Album „Please“, von dem „Don’t Ask Me Why“, „Down To The Ground“ und „Forbidden Love“ gespielt wurden. „Take Me Higher“ vom 2006er Vorgänger „Sensefiction“ und das druckvolle „High Pitched Emotions“ vom Debüt „Breathing Avenue“ aus 2004 komplettierten die Setlist und waren wie die übrigen Nummern über 25 Minuten gefällige Apetizer.

Setlist MINERVE
Intro
Don’t Ask Me Why
Down To The Ground
Take Me Higher
Forbidden Love
High Pitched Emotions

DE/VISION

Das Schöne an diesen Electro-Combos ist ja, dass meist die Umbaupausen wenig Zeit in Anspruch nehmen. So war auch der Change-Over für DE/VISION in übersichtlichen zehn Minuten vonstatten gegangen und schon konnte es mit Steffen Keth (Gesang) und Thomas Adam (Tasten und Programming) weitergehen. Auch hier war die Optik der Künstler wenig gotisch. Steffen wirkte eher als habe er sich bei MOBY ein paar Klamotten ausgeliehen und irgendwie erinnerte mich der Fronter mit dem markanten Schädel auch optisch ein bisschen an den Kollegen Richard Melville Hall aka MOBY. Stilistisch gab’s allerdings weniger Gemeinsamkeiten, sieht man mal davon ab, dass in beiden Fällen viel Electro zur Musik gehört und der Sound durchaus zum Tanzen animiert. So wurde bereits der zweite Song „Try To Forget“ (1993 zunächst als Single erschienen und 1994 auf dem Debüt-Longplayer „Word Without End“ veröffentlicht) amtlich abgefeiert. „Ready To Die“ war etwas ruhiger ausgefallen, doch bereits das folgende „What’s Love All About“ vom Silberling „Popgefahr“ (2010) ließ es wieder krachen. „Your Hands On My Skin“ vom 1998er „Zehn“ zählt zu den Klassikern der 1988 gegründeten Synthie-Veteranen und wurde eifrig mitgesungen, ehe es mit „Rage“ aktuelles Material und wummernde Bässe auf die Ohren gab. Auch das knackige „Time To Believe“, das mit Begeisterung aufgenommen wurde, stammt von der letzten VÖ, während „Flavour of The Week“ 2007 auf „Noob“ in die Plattenläden gekommen ist und Herrn Keth zum wiederholten Male in ekstatische Verzückungen brachte. Zwischenzeitlich war Thomas an seinen Tasten und Reglern anscheinend so warm geworden, dass er seine Baseball-Cap abgenommen hatte und offenbarte, dass er auch kaum mehr Haare hat als sein Kumpel, mit dem er DE/VISION vor nunmehr 23 Jahren auf der Taufe gehoben hat. Dass die beiden, die ursprünglich als Quartett gestartet waren, auf eine solide Fanbase zählen dürfen, zeigte sich bei den lautstarken Zugaberufen, denen mit dem emotionalen „I Regret“ entsprochen wurde. Mit einem imposanten Finale, das ein ziemliches abruptes Ende innehatte, zogen DE/VISION schließlich um 18.30 Uhr von dannen und hinterließen ein begeistertes Auditorium, das sich zugleich schon auf den nächsten Act freute.

Setlist DE/VISION
Twisted Story
Try To Forget
Ready To Die
What’s Love All About
Your Hands On My Sky
Rage
Time To Be Alive
Flavour of The Week

I Regret

CAMOUFLAGE

Auch hier hatten wir es mit altgedienten Recken zu tun, die um 18.45 Uhr die Stage enterten. Bereits 1983 ins Leben gerufen, haben uns CAMOUFLAGE so schöne Hits wie „The Great Commandment“ und „Love Is A Shield“ geschenkt, die auf keiner Achtziger-Party fehlen dürfen. Natürlich waren diese Stücke auch im Hamburg vertreten, daneben gab es aber auch einen kleinen Ausblick auf den kommenden Longplayer, der „Reyscal“ heißen soll, wie es auch auf dem großen Backdrop zu lesen stand. Der Opener „Misery“ war so ein Vertreter, der ohne Zweifel Lust machte auf das, was der Vierer momentan noch ausbrütet. Fronter Markus Meyn war in seinem Bewegungsdrang kaum zu stoppen und steckte damit bei „We Are Lovers“ auch seine Zuhörer an, während er überlegte, wann CAMOUFLAGE zuletzt an der Alster auf der Bühne gestanden haben dürften. Er terminierte irgendwo auf 1989/1991 – da wurde es allerdings Zeit, dass die Truppe mal wieder ein Gastspiel gab. Mit viel Spielfreude und dem einzigen „echten“ Drumkit des Abends agierten CAMOUFLAGE sehr zum Gefallen der Hanseaten, die eifrig bei der Sache waren, auch wenn der Bass manchmal ein bisschen des Guten zu viel war. Etwa beim eigentlich sehr coolen „Confusion“, das von Keyboarder Oliver Kreyssig performt wurde. Und erst recht bei „The Great Commandment“, das etwas später auf dem Programm stand und zu Beginn wirklich für ein fast schon schmerzhaftes Grummeln sorgte. Trotzdem wurde die Nummer natürlich nach allen Regeln der Kunst abgefeiert und mit jeder Menge Beifall bedacht. Viel Zustimmung fand auch das DEPECHE-MODE-lastige „Me And You“, bei dem zum kollektiven Arme schwenken aufgefordert wurde, nachdem zuvor zu „Suspicious Love“ und „That Smiling Face“ ausgiebig getanzt werden konnte. Gleiches galt natürlich für die Hymne „Love Is A Shield“, bei der auch das Publikum seinen Sangesbeitrag leistete. Markus’ Hemd klebte schweißnass am Körper und vielleicht hätte Gast-Drummer Jochen im auch ein Bier mitbringen sollen, als er sich zwischenzeitlich mal eins geholt hatte. Mit ihrem letzten Track „Shine“ verabschiedeten sich CAMOUFLAGE mit einem weiteren neuen Lied, das vielversprechend klang und eine Band präsentierte, die nach 65 Minuten Spielzeit gar nicht von der Stage gehen wollte und offensichtlich nach längerer Bühnenabstinenz wieder Blut geleckt hat. Wir freuen uns auf die neue Langrille und die damit verbundenen Gigs!

Setlist CAMOUFLAGE
Misery
I Can’t Feel You
Neighbours
We Are Lovers
Dreaming
Confusion
That Smiling Face
Suspicious Love
The Great Commandment
Me And You
Love Is A Shield
Shine

AND ONE

20 Minuten später war es soweit: „Großmaul“ Steve Naghavi zeigte sich seinen Fans und brachte gleich drei Leute mit auf die Bühne. An den Synthesizern und den elektrischen Drums nahmen Rick Schah und Joke Jay Aufstellung, die nach zehn Jahren wieder bei AND ONE eingestiegen sind und live erstmals von Herrn Wiedlitz komplettiert wurden. Es hatte im Vorfeld viele Diskussionen und ellenlange offene Briefe von und über Steve Naghavi, AND ONE und insbesondere den Weggang von Chris Ruiz und Gio van Oli gegeben. Dann auch noch der Abbruch der Tour mit UNHEILIG – Herr Naghavi hat wirklich von sich reden gemacht und natürlich hat er auch an diesem Abend noch einige Andeutungen, Seitenhiebe und Statements von sich gegeben. Das gehört zum Kopf der 1989 entstandenen Synthie-Pop-Institution einfach dazu und lieben wir Herrn Naghavi nicht irgendwie auch für seine leicht arrogante Persönlichkeit und die Art und Weise, wie er schon in großer Pose auf die Bühne kommt? Nach dem Intro ging es schließlich mit „Techno Man“ vom 1992er „Flop!“ auch gleich in die Vollen. Wie nicht anders zu erwarten, hatte der Gute außerdem wieder Hummeln im Hintern und konnte wirklich kaum einen Moment still stehen. Also ließ man es mit „Love And Fingers“ oder auch „Love You To The End“ ordentlich krachen, ehe es mit „Memory” und „Shining Star“ zwei Weltpremieren gab. Beide Tracks wurden noch nie live vorgetragen und sind noch so neu, dass sich Steve die Texte für alle Fälle als Spickzettel mitgebracht hatte. Irgendwann soll es dann auch eine neue Platte geben – Termine wurden diesbezüglich noch nicht genannt, die schwarze Gemeinde darf sich jedoch schon einmal auf das nächste Frühjahr freuen, dann gibt es eine „The Cover For The Masses“-Tour von AND ONE, auf der zur Hälfte AND-ONE-Songs und zur anderen Hälfte DEPECHE-MODE-Covers zu hören geben wird. Die Hamburger Schwarzkittel werden übrigens am 14. April 2012 in der Markthalle versorgt und Steve hat großspurig von jeweils 20 Titeln gesprochen! Ein Cover stand auch in der ehrwürdigen Großen Freiheit 36 als nächstes auf dem Programm: „Sometimes“ wurde kräftig abgefeiert und abgelöst von knackigen Drums, die zu „Seven“ vom diesjährigen „Tanzomat“ (#23 der Charts) gehörten. „Wound“ war erneut ein unbekannter Track, der mit ruhigen Klängen auch ein bisschen Schlager-Feeling mitbrachte. Quittiert wurde die Nummer vom Chef am Ende mit einem „RTL II und UNHEILIG – ich hab euch lieb!“. Könnte es sein, dass Herr Naghavi sich als kommenden Werbeträger des Privatfernsehens andient? „Für den Klassiker „High“ gab er zumindest erst einmal den Gesang ab und ließ Joke Jay den Vortritt, um selbst eine kleine Pause einzulegen, während er beim mit Jubel aufgenommenen „Traumfrau“ dann wieder die Vocals übernahm. Rote Nebelschwaden lagen derweil über der Stage, auf der es äußerst druckvoll zur Sache ging, bevor zu zuckenden Lichtblitzen die „Deutschmaschine“ zum Tanz bat. Mit dem hypnotischen „The Aim Is In Your Head” gab’s einen zweiten Stellungswechsel, bei dem Joke erneut zum Mikro griff und Steve ein wenig die Drumkits bearbeitete, um schließlich gesanglich gemeinsame Sache zu machen. „Für“ setzte das synthetische Tanzvergnügen gekonnt fort und auch die Zuschauerschaft bekam mit „Ohoho“-Gesängen gut zu tun. Mit „Stand The Pain“, „Zerstörer“ und „Steine sind Steine“ reihte sich Kracher an Kracher und auch die „Men In Uniform“ wussten mit knackigen Sounds zu gefallen. Waren die uniformierten Männer ein bisschen vom Gas gegangen, legte „Get You Closer“ wieder Geschwindigkeit vor, um schließlich mit dem dramatischen „Playing Dead“ das reguläre Set um 21.40 Uhr enden zu lassen.

Der erste Zugabenblock begann mit einen Lied, von dem Naghavi behauptete, es eben erst geschrieben zu haben. Eine dreiste Lüge, denn ein jeder weiß ja wohl, dass „The Sun Shines On TV“ aus der Feder von AHA stammt. Schön war’s trotzdem – genau wie die „Military Fashion Show“ und die Stakkatosounds von „Bodynerv“. Nach einem weiteren kurzen Abgang und von Steve inszenierten Begeisterungsstürmen (er will halt einfach immer abgefeiert werden) sorgte die Akustik-Version von „So klingt Liebe“ mitsamt Pianoeinsatz für ein gerüttelt Maß an Emotionen, bevor DEPECHE MODE auf dem Programm standen. Und zwar in Gestalt der Songs „Wasted“/“Personal Jesus“ und zu guter Letzt auch noch „Enjoy The Silence“, mit dem das Konzert seinen absoluten Höhepunkt erlebte. Es wurde lauthals mitgesungen und getanzt – in der Großen Freiheit 36 war schlicht und ergreifend der Teufel los! Dennoch konnte Steve Naghavi seine Fans nach allerlei Zugaberufen und Akklamationen dazu bewegen, still zu sein, um mit einem einzelnen Schlag an eine Triangel den Gig um 22.15 Uhr zu beenden.

Setlist AND ONE
Intro (ICE)
Techno Man
Love And Fingers
Love You To The End
Memory
Shining Star
Sometimes
Seven
Wound
High
Traumfrau
Electrocution
Deutschmaschine
The Aim Is In Your Head
Für
Stand The Pain
Zerstörer
Steine sind Steine
Men In Uniform
Get You Closer
Playing Dead

The Sun Always Shines On TV (AHA-Cover)
Military Fashion Show
Bodynerv

So klingt Liebe (Akustik)
Wasted/ Personal Jesus (DEPECHE-MODE-Cover)
Enjoy The Silence (DEPECHE-MODE-Cover)

Für mich war es an der Zeit, mit jeder Menge tollen Eindrücken eines hervorragenden Mini-Festivals den Nachhauseweg anzutreten, während die übrigen Besucher sich noch den Verlockungen der Großstadt hingeben konnten. Auf dem Kiez steckte der Samstagabend praktisch noch in der Aufwärmphase; wer wollte konnte die Nacht zum Tag machen und vielleicht auch noch ein Plätzchen im nahen Darkside One in der Talstraße ergattern, wo die AND-ONE-Aftershow-Party steigen sollte.

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Alle markierten Felder (*) müssen ausgefüllt werden.

Mehr zu AND ONE auf terrorverlag.com

Mehr zu CAMOUFLAGE auf terrorverlag.com

Mehr zu DE/VISION auf terrorverlag.com

Mehr zu MINERVE auf terrorverlag.com