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CELAN – DŸSE – ULME – EXITS TO FREEWAYS

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Ort: Osnabrück - Bastard Club

Datum: 08.10.2009

Worship The Riff

Was haben Osnabrück, Eindhoven, Leipzig und Berlin gemeinsam? Alle Orte sind Stationen des Worship-The-Riff-Festivals, bei dem es – wie der Name schon sagt – darum geht, ausgiebige Lobpreisungen auf dreckige Gitarrenriffs auszusprechen. Zu diesem Zweck wurden vier Noiserock-Kapellen an den Start gebracht, um es auch wirklich ordentlich rumsen zu lassen. Austragungsort war in der Hasestadt der Bastard Club, wo es für die Location ungewöhnlich früh bereits kurz nach 20 Uhr losging. Allerdings dürfte für die meisten der rund 100 Zuschauer am darauffolgenden Freitag auch noch ein normaler Arbeitstag angestanden haben und bis die vier Bands gespielt hatten, war letztlich der Zeiger der Uhr bereits auf 0.30 Uhr vorgerückt, da war es definitiv nicht verkehrt, das EXITS TO FREEWAYS den krachenden Reigen zur besten Tagesschau-Zeit eröffneten.

Die Hamburger Dr. Oktimus Prime (Drums), Senior Operator Beaverchuck aka Don Chuck Monogatari (Bass) und General Woundsworth (Gesang & Gitarre) haben ganz offensichtlich einen Faible für nicht eben einfach zu merkende Namen. Auch ihrer Combo hat der Dreier eine ziemlich umfangreiche Bezeichnung verpasst: EXITS TO FREEWAYS SPREAD LIKE THE VEINS ON THE BACK OF MY HAND lautet der komplette Name, der aber kaum auf ein Tourplakat passt, geschweige denn auf eines, auf dem auch noch drei weitere Bands erwähnt werden wollen. Also bleiben auch wir bei EXITS TO FREEWAYS, die seit fünf Jahren einen kruden Mix aus Post Rock, Noise und Indie machen. Mit „Perfect Perverts (Taking Pictures)” vom letztjährigen Debüt „Spilling Drinks Spelling Names” gab das Trio auch gleich amtlich Gas und frickelte sich auf Speed durchs Set. Bei „Bliss Bluff“ stellten sich neben Stakkato-Sounds bisweilen auch eingängigere, ruhigere Passagen ein, ehe „Tourette Red (A Monster In My Language)“ mit jaulender Gitarre und einem tiefen Bass treibend weitermachte. Zu guter Letzt präsentierten ETF mit „12 x 12“ einen bisher unveröffentlichten Song, der langsam das Tempo im leicht abgehackten Rhythmus steigerte und nach einer guten halben Stunde den ersten Streich beendete. Vom wie üblich eher zurückhaltenden Publikum ernteten EXITS TO FREEWAYS freundlichen Applaus, auch wenn sich auf General Woundsworths Nachfrage hin niemand meldete, der die Hanseaten bereits kannte oder gar wegen ihnen da war.

Setlist EXITS TO FREEWAYS (ohne Gewähr für die richtige Reihenfolge)
Perfect Perverts (Taking Pictures)
Six Years After Glamorama
Biss Bluff
Tourette Red (A Monster In My Language)
Narcissus As A Fuckboy
Neocon Love Rites
12 x 12

Meine Zweifel, ob die Stimme des EXITS-TO-FREEWAYS-Fronters für das Genre eine Spur zu dünn ausgefallen oder der Sound nicht ganz optimal abgemischt war, wurden eine viertel Stunde später von Arne Heesch nach einem langen Intro ausgeräumt. Der ULME-Sänger und Gitarrist überzeugte vom ersten Moment an mit seinen kraftvollen Vocals. Rausgehauen wurde als Opener „Rubber P.“ vom brandaktuellen Album „Tropic of Taurus“, das eine Woche zuvor das Licht der Plattenläden erblickt hatte. Bei der Langrille handelt es sich um die erste Studioscheibe, die Arne, Bassist Tim Liedtke und Drummer Lutz Möllmann gemeinsam eingespielt haben. Möllmann hatte an diesem Abend dann auch ein Heimspiel, denn der Barfuß-Player hat hier mit PENDIKEL so etwas lokale Musikgeschichte geschrieben. Passend zum ULME-Auftritt war auch Carsten Sandkämper, das einzige PENDIKEL-Urmitglied im Zuschauerraum mit von der Partie und ich gehe mal davon aus, dass ihm gefiel, was es zu hören und sehen gab. Zwar riss Tim beim Stomper „My Heart Stops Beating (When Yours Is Near)” der Gurt seines Stahlsaiters, ganz Profi spielte er jedoch einfach im Sitzen weiter und bediente übergangsweise die Effekte mit der Hand, ehe er im Anschluss an den Track Gelegenheit hatte, das Malheur zu beheben. Offensichtlich hat ihm die sitzende Tätigkeit jedoch ganz gut gefallen. Zumindest merkte er an, jetzt immer so spielen zu wollen und schimpfte über die „Scheiß Rumrockerei“. Wenn ich daran denke, wie stoisch das Ex-Sissies-Member vor drei Jahren als ULME-Neugzugang in der Kleinen Freiheit agiert hat, wäre das wohl im weitesten Sinne (und völlig wertungsfrei zu Papier gebracht) ein Schritt zurück, mit dem ich allerdings auch nicht wirklich rechne. Stattdessen bearbeitete er bei „Undergrounded Beauties“ von der 2006er EP „The Glowing“, mit der sich ULME damals nach rund sechs Jahren wieder zurückgemeldet haben, sein Instrument mit einer Bierflasche und ließ es auch ansonsten nicht eben gemächlich angehen. Laut und schmutzig ging es vielmehr bei ULME zur Sache; bei „Jewels“ kam zudem noch ein wenig Hollywood-Feeling auf, als mithilfe eines Einspieler dramatische Filmklassiker-Sequenzen akustischer Art in die Nummer einflossen. Eine gelungene Darbietung mit viel Biss, die leider vor einem vergleichsweise müden Auditorium stattfand. Die überwiegend männliche Zuschauerschaft war wohl von der langen Arbeitswoche schon ziemlich geschafft und musste deshalb mit den Kräften haushalten, immerhin war nach 45 Minuten großartiger ULME-Beschallung noch nicht mal Halbzeit in der Skate Hall.

Setlist ULME
Rubber P.
Brave Princess
My Heart Stops Beating (When Yours Is Near)
Undergrounded Beauties
Sisyphus, Crack The Stone
Plexus?
Jewels
Dreams of The Earth

Außerdem hatte es der nächste „Huldigungs“-Beitrag wirklich in sich. Während ich mich zunächst wunderte, warum gleichzeitig vor und auf der Stage umgebaut wurde, zeichnete sich langsam ab, dass auf der Bühne schon das CELAN-Equipment in Stellung gebracht wurde und das DŸSE-Duo Jari Rebelein (Schlagzeug) und André Dietrich (Gesang & Gitarre) „volksnah“ mehr oder weniger in Mitten des Publikums spielen würde. Der Einfachheit halber zogen die beiden ihre Bühnenshirts (zur einen Hälfte ein rotes T-Shirt, das zur anderen Hälfte aus einem Streifenhemd bestand) auch gleich vor Ort an und nach einem schnellen Eingrooven donnerte kurz nach 22 Uhr ein wirklich wilder Mix aus den Boxen. Die Jungs aus Chemnitz, die DŸSE 2003 in Amsterdam gegründet haben, nachdem sie sich dort vor dem „Dysecatmotel“ kennen gelernt hatten, schwankten eindeutig zwischen Genie und Wahnsinn und wussten damit ihr Publikum bestens zu unterhalten. Langsam kam sogar Schwung in die Osnabrücker, woran zu einem guten Teil die abstrusen Wortbeiträge der beiden Protagonisten schuld waren. Ob es Absicht war, dass Jari kein Mikro hatte, entzieht sich meiner Kenntnis. Auf jeden Fall hat er sich von diesem Umstand nicht beirren lassen und fast ohne Punkt und Komma gequatscht, wenn er sich wie bei „Monstermann“ von der selbstbetitelten Scheibe aus 2007 nicht gerade die Lunge aus dem Leib geschrieen hat. Dazu passte natürlich nur zu gut, dass DŸSE ihr letztes Stück „Sonne“ denjenigen gewidmet hatten, die sich ein Konzert anschauen können, ohne zu labern. Herr Rebelein erkannte gleich, dass sein Kollege und er zu dieser Gruppe nicht gehörten und schon legten die Herrschaften wieder fetten Noise vor, nachdem sie zuvor schon so ziemlich alles in Schutt und Asche gerockt hatten. Musikalisch lag das Hauptaugenmerk natürlich auf der neuen Langrille „Lieder sind Brüder der Revolution“, die offiziell erst am nächsten Tag erscheinen würde, am Merch jedoch schon zu haben war. Wie gut die Sachsen in Osnabrück ankamen, zeigte sich dann auch alsbald an den zahlreichen CDs und Vinyls, die käuflich erworben wurden. Der neue Longplayer, der als Silberling in einer Verpackung mit integriertem Griff (sehr tricky!) präsentiert wurde, dürfte an diesem Abend der Verkaufsschlager gewesen sein.

Setlist DŸSE
Baubaubau
Zebramann
Festung
Rhythmus
Treppe
Monstermann
Doccode
Supermachineeyeon
Underlaydisk
Polster
Sonne

Inzwischen war es fast 23.00 Uhr und CELAN aus Berlin hantierten immer noch emsig an ihren Instrumenten herum. Die Headliner bilden ein internationales Trüppchen, an deren Front der UNSANE-Sänger Chris Spencer steht. Mit Hornbrille in der Crowd stehend, sah der glatzköpfige Ami den Abend über eigentlich ganz freundlich aus, als um 23.30 Uhr jedoch endlich die ersten Töne zu vernehmen waren, stand außer Frage, die letzte Stunde würde böse werden. Chris startete mit heftigem Gegrowle und „All This And Everything“ vom diesjährigen Debüt „Halo“ und auch der Kinderchor, der „A Thousand Charms“ einläutete, konnte nicht darüber hinweg täuschen, dass brachiales Geknüppel wie bei „Weigh Tag“ und „Wait And See“ im Vordergrund stand. Wenngleich das Allstar-Quintett auch Samples, Piano-Klänge und instrumentale Dampframmen im Programm hatte. Gern mischte sich Mr. Spencer mit seinem Sechssaiter auch mal unters Volk, wenn er nicht gerade zur Mundharmonika griff oder eben mit seiner düsteren Stimme zu fesseln wusste. An sich hatte ich mir eine Deadline um Mitternacht gesetzt, die für mich das Ende des Gigs markieren sollte, schließlich blieb ich von CELAN angefixt doch bis zum Schluss und kam so beim Finale noch in den Genuss von „Lunchbox“, bei dem Ari Benjamin Meyers (REDUX ORCHESTRA, EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN) seinem Keyboard ruhige Klavierakkorde entlockte, bevor die Kollegen Niko Wenner (OXBOW – Gitarre & Gesang), Roeder (FLU.ID – Bass & Gesang) und Xavi (FLU.ID – Drums) für ein letztes Donnergrollen sorgten. Xavi war übrigens nicht nur mit einem fiesen Oberlippenbärtchen angetan, er trug auch noch ein wenig ansprechendes „Sport“-Outfit mit knapper kurzer Hose zu seiner strengen Seitenscheitel-Frisur. Davon abgesehen: Alles in allem sehr hypnotisch, krachend und düster, ganz so wie man sich Noiserock wünscht, auch wenn der Fünfer am Ende ziemlich sang- und klanglos von der Stage verschwand.

Setlist CELAN (ohne Gewähr für die Reihenfolge)
All This And Everything
A Thousand Charms
Sinking
Weigh Tag
Wait And See
It’s Low
One Minute
Train of Though
Safety Recall Notice
Lunchbox

Im Grunde genommen war’s aber auch ganz gut so, sonst wäre ich noch später ins Bett gekommen. Und auch so war es ein rundum gelungenes Worship The Riff Festival mit vier sehr unterschiedlichen Bands, welche die Vielfältigkeit des Noiserocks gekonnt unter Beweis gestellt haben.

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