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COPPELIUS – UNZUCHT

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Ort: Osnabrück - Lagerhalle

Datum: 02.12.2010

Man muß schon wirklich bescheuert sein, um sich bei diesem Wetter auf den 50 Km langen Weg ins benachbarte Osnabrück zu machen, nur um der für mich zur Zeit interessantesten Liveband Deutschlands beizuwohnen. Der Wetterbericht vermeldete nichts Gutes für diesen Donnerstag. Vor heftigem Schneefall und dementsprechend glatte Straßen wurde gewarnt und das 3 Wochen vor dem kalendarischen Winteranfang. Egal, die Strecke ins niedersächsische Städtchen kenne ich wie meine Westentasche und falls es doch etwas kritisch wird auf den Straßen, drehe ich sofort um und mache mir einen “schönen” Abend vor der Glotze. Da es vor meiner Abfahrt noch immer nicht geschneit hatte und die Straßen einren recht ordentlichen Eindruck machten, begab ich mich versehen mit einem Zeitpuffer von ca. einer halben Stunde auf den Weg. Genau auf der Hälfte der Strecke kam der Verkehr zum erliegen und ich steckte fest, keine Frage es ging weder vor noch zurück, alles war dicht. Nach rund 20 min. setzte sich der LKW vor mir in Bewegung und überholte einen Unfall, der sich keine 10 Fahrzeuge vor mir ereignet hatte. Nur leichter Blechschaden und zum Glück hatte ich ja genügend Zeit eingeplant, doch jetzt kam auch noch leichter Schneefall dazu. Weiter das Tempo gedrosselt und jetzt lief mir die Zeit zum pünktlichen Beginn der Vorband UNZUCHT davon. Schnell noch einen Parkplatz gesucht und vorsichtig zu Fuß zur Lagerhalle. Geschafft, doch was ist das: Vor der Halle steht ein Transporter, aus der emsig Musikgeräte herausgeschaft wurden. Kaum zu glauben, aber die Herren COPPELIUS haben die Venue zum gleichen Zeitpunkt erreicht wie ich. An der Eingangstür pappte dann ein Schild, dass sich der Einlaß witterungsbedingt um eine halbe Stunde verzögern würde. Das kam mir einigermaßen knapp vor, denn ein Soundcheck stand ja noch an und gerade die sensiblen Musikinstrumente mußten sich ja den Temperaturen der Halle anpassen, sonst macht das alles keinen Sinn. Schon kurze Zeit später vernahm man im gemütlichen Vorraum der Lagerhalle die typischen Instrumente der Berliner. Und nach etwas mehr als einer halben Stunde gingen die Türen zum Saal auf und die Fans wurden Zeugen des UNZUCHT Soundchecks.

“Vom Soundcheck geht’s jetzt sofort in die Vollen” kündigte Daniel Schulz den Auftritt seiner Formation UNZUCHT an und die knüppelte auch gleich mit ihrem Gothic/ Industrial/ Rock los, um das Auditorium auf Betriebstemperatur zu bringen. Die Niedersachsen hatten die Ehre, das diesjährige M`era Luna Festival zu eröffnen und wussten schon dort mit ihren Songs zu begeistern. Auch diesmal schaute es nicht anders aus, denn ihre deutschen Songs wie “Schwarzes Blut”, “Der Letzte Tanz” oder “Todsünde 8″ trafen auch hier den Nerv des Auditoriums und so nebenbei berichtete Daniel von seiner fünfstündigen Odysse auf den Weg von Hannover nach Osnabrück, aber auch COPPELIUS brauchten von Berlin mehr als 8 !!! De Clercq (voc, git, electronics, programming), Schindler (bass, electronics, programming), Der Schulz (voc) und Fuhrmann (drums) haben mit “Engel Der Vernichtung” bis jetzt erst eine EP auf dem Markt, die von der Presse allserits hochgelobt wurde. Und ein ganz Unbekannter ist Herr Schulz auch nicht, denn im Sommer/ Herbst 2010 unternahm er als DER SCHULZ mit seinen Mitstreitern Richard Pappik (ELEMENT OF CRIME) und B.DEUTUNG (THE INCHTABOKATABLES) eine Akustik Tour durch Deutschland. Und hier schließt sich der Kreis, denn B.DEUTUNG spielte beim vorletzten COPPELIUS Album “Tumult” in einem Song ein Cello Solo und heute eröffneten die Mannen um DER SCHULZ die Show der Hauptstädter.

Setlist UNZUCHT (ohne Gewähr)
Sind Wir Allein?
Meine Liebe
Schwarzes Blut
Während Wir Uns Verlieren
Der Letzte Tanz
Todsünde 8
Engel Der Vernichtung

Nach einer erfreulich kurzen Umbaupause und dem leider etwas gekürzten Set des Supportes beschritt Diener Bastille die Bühne und entstaubte erst einmal die Geräte, ehe er sich an dem alten Röhrenradio zu schaffen machte und einen vernünftigen Sender suchte. Nacheinander füllte sich mit Nobusama (Schlagzeug), Graf Lindorf (Cello, voc), Comte Caspar (Klarinette,voc), Sissy Voss (Kontrabass) und Max Coppella (Klarinette, voc) die Stage und allesamt gingen sie trotz der Anreisestrapazen gutgelaunt zu ihrem Spielbetrieb über. Auf dem riesigen Backdrop im Hintergrund schaute Klein Zaches, der Typ vom Cover des aktuellen Longplayer “Zinnober”, mit weit aufgerissenen Augen ins Publikum und COPPELIUS begannen ihr Set mit “Der Handschuh” vom besagten Album. Während Herr Coppella diesen Song performte, übernahm Graf Lindorf diesen Part bei “Risiko” und damit hatten wir auch schon die Hälfte der Stimmen von COPPELIUS gehört, denn auch Comte Caspar und Bastille steuern bei “Nachtwache” und “Der Advokat” ihren Gesang bei, während die anderen Musiker aus ihren Instrumenten das Letzte herausholten. Es ist schon imposant zu sehen und zu hören, wie die Berliner Klarinetten, Cello und Kontrabass einsetzen, damit daraus eine Rockshow wird. Den richtigen Druck bekommt der von ihnen zelebrierte Heavy Wood vom japanischen Drummer Nobusama, der während seiner “Arbeit” nur am Lachen ist. Und wäre das halbe Dutzend auf der Bühne nicht schon genug, bekommen die Coppelianer noch Verstärkung in Form des Tasteninstrumente amplifizierenden Physikers Professor Mosch Terpin, der bei einigen Titeln das Cembalo bediente. Während die anderen Herren mit Gehrock, gestärkten Hemden und den obligatorischen Zylindern am musizieren waren, wuselte der Professor mit seinem grünlichgrauen Overall und einer Kopfbedeckung aus Leder, wie man sie von Fliegern vor 100 Jahren kennt, über die Bühne. Jemand Langhaariges aus dem Auditorium wurde auf die Stage gebeten, um mit Bastille seine Mähne zu schütteln. Ja, es war sogar der gleiche Fan, der beim letztjährigen Aufspiel des Sextetts an gleicher Stelle vollen Einsatz zeigte, nur heute holte er sich Verstärkung mit auf die Bühne und zu zweit gab man alles. Auch die Musiker selbst stiegen mit vollem Körpereinsatz ein. Im Gegensatz zu früheren Konzertreisen können COPPELIUS mittlerweile auf einem respektablen Backkatalog von 3 Alben mit eigenem Liedgut zurückgreifen. Natürlich gab es auch wieder das obligatorische IRON MAIDEN Cover “Murder In The Rue Morgue” und mit den beiden Stücken “Coppelius Hilft !” und “Time-Zeit” verabschiedeten sich die Herren nach ca. 90 powervollen Minuten freundlich und überschwenglich von ihren Fans, die sofort lautstark “Da Capo” forderten.

Und dies sollten sie auch bekommen, denn jetzt beschrieb Bastille in “Diener 5er Herren” seinen Tagesablauf auf dem Landsitz von COPPELIUS. Jemand aus dem Publikum schrie nach diesem Song “Absinth” in Richtung Bühne und nach einer kurzen Debatte stimmten die Berliner spontan das a capella Stück an. Spontan deshalb, weil dieser Song wirklich nicht auf der Setlist stand. Auch Nobusama machte sich für dieses Stück stark, denn für ihn bedeutete das ja eine weitere Pause. Von einem weiblichen Fan bekam das Ensemble noch Rosen geschenkt und Bastille bedankte sich ergriffen beim Osnabrücker Publikum. Zum endgültigen Finale gab es die Dauerbrenner “Transylvania” und “I Get Used To It” auf die Ohren und auch heute markierte das MOTÖRHEAD Cover “1916″ den Schlußpunkt dieses herrlichen Abends.

Ich hätte mich geärgert, wäre ich zu Hause geblieben, denn ich hätte eine verdammt geile Show verpaßt. Man muß COPPELIUS als Gesamtkunstwerk sehen, die ihren Stil leben – bis ins kleinste Detail. So konnte ich einen kurzen Blick auf die Setlist werfen, die vor Herrn Coppella auf den Boden getapet war. Diese war in altdeutscher Schrift verfasst und sicher nicht für jeden zu entschlüsseln. Humor haben die Jungs. Da ich in den letzten Jahren schon einige COPPELIUS Gigs gesehen habe, konnte ich eine stetige Entwicklung mitverfolgen. Sie werden live immer besser und auch ihre Hörerschar vergrößert sich ständig. Nur dieses Mal hatte ich den Eindruck, dass nur minimal mehr Zuschauer vor Ort waren als bei ihrem Auftritt im letzten Jahr. Das ist denke ich dem Wetter zuzuschreiben, denn viele haben sich erst gar nicht auf dem Weg nach Osnabrück gemacht, sonst wäre die Lagerhalle fast ausverkauft gewesen. Und Hut ab – ich meine Zylinder ab – vor der Leistung des gesamten COPPELIUS Teams, dass sie dieses Konzert trotz der Widrigkeiten so routiniert über die Bühne gebracht haben. COPPELIUS sind immer eine Reise wert.

Setlist COPPELIUS (ohne Gewähr)
Der Handschuh
Risiko
Nachtwache
Der Advokat
Schöne Augen
Ein Automat
Olimpia
I Told You So
Ouvertüre
Gumbagubanga
Damen
Murder In The Rue Morgue (IRON MAIDEN)
To My Creator
Klein Zaches
Zu Dir
Habgier
Coppelius Hilft !
Time-Zeit

Diener 5er Herren
Absinth
Transylvania
I Get Used To It
1916 (MOTÖRHEAD)

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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