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DIE ANGEFAHRENEN SCHULKINDER

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Ort: Osnabrück – Haus der Jugend

Datum: 12.12.2012

Der Mensch als solcher ist ja ein Gewohnheitstier und da ist es schön, wenn man verlässlich weiß, dass man am zweiten Mittwoch im Dezember ein Date im Osnabrücker Haus der Jugend hat. Dann steigt nämlich traditionell die große Weihnachtsshow der ANGEFAHRENEN SCHULKINDER, die in diesem Jahr (vielleicht anlässlich ihres 30-jährigen Bandjubiläums?) sogar noch einen drauf gelegt haben und auch noch am Donnerstag auf die besinnliche Vorweihnachtszeit gepfiffen und stattdessen ihre abstruse Anarcho-Show zum Besten gegeben haben. Wie bereits im vergangenen Jahr haben sich Heaven, Dr. Ignatz Ignaz, Charlie und Jo Granada dabei der Unterstützung der Allstars-Weihnachtsband versichert, die sich aus den alten Weggefährten Marcus Praed (Gitarre), Drummer Peng Peng Pellmann, Andreas „Helmet“ Müller am Bass und erstmals Jimmy Reiter am zweiten Sechssaiter rekrutierte.

Bevor das Quartett jedoch seinen ersten Auftritt hatte, eröffnete Jo Granada den Abend – wie es Tradition und Sitte ist – mit einem nicht wirklich erbaulichen, dafür aber umso derberen Gedicht, ehe sich der Vorhang lüftete und die gesamte Mannschaft eine sehr coole Version des Weihnachtsklassikers „Last Christmas“ zum Besten gab. Nahtlos schloss sich mit „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ Liedgut alter Schule an, das krachend zu Gehör gebracht wurde, um vom groovenden „Alle Jahre wieder“ abgelöst zu werden. So vorgetragen wusste die volkstümliche Musik den weitgehend voll besetzten Reihen zu gefallen und vielfach wurde bereits lauthals mitgesungen, um im Anschluss der Geschichte vom „lieben Rosenschein“ zuzuhören, die sich in irgendeiner katholischen Sakristei unter Zuhilfenahme des Internets abgespielt haben mag. A capella besangen die Schulkinder daraufhin zur Melodie von „Rote Lippen soll man küssen“ das Treiben von „Pastor Simoneit“ – womit man schon mitten im ersten großen Thema des Abends war: Religion! Das zweite Themenfeld befasste sich mit den unterschiedlichen Drogen-Facetten und was der teuflische Alkohol anrichten kann, zeigte sich schon bald als auf der Bühne die große Weihnachtsfeier der Eiweiß- und Fettverwertung Icker stieg. Beliebte Entertainer aus den Reihen der Belegschaft (ganz vorn der blinde Hansi Eidelmann von der Knochenpresse) bewiesen ihr Können, doch so richtig rund ging es erst mit dem Meppener Schlagergott Gerd Benties und seinen Kormoranen, der im roten Rüschenhemd die ersten Feuerzeuge zum Leuchten brachte, nachdem im Publikum eine Abordnung aus Rieste zuvor allein bei der Nennung des Ortsnamens bereits in wahre Verzückung geriet. Mit jeder getrunkenen Flasche Bier sollten die Begeisterungsstürme aus dieser Richtung noch zunehmen und bei Jo Granada für einiges Kopfschütteln sorgen. Der musste zuvor jedoch erst einmal im Auditorium nach dem Rechten sehen, die Damen (und Herren) für die Aftershow-Party klar machen und seine vergleichsweise moderat ausgefallenen Zuschauerbeschimpfungen loswerden. Ganz klar, nach diesem Part war Heaven dran, der sein Lametta-Lederjacken-Outfit vom Anfang gegen den weißen Zottelmantel getauscht hatte, um das beliebte „Gott“-Medley zu präsentieren, mit dem die hart gesottenen Osnabrücker nach einer knappen Stunde in die Pause geschickt wurden.

20 Minuten später standen wieder alle acht Protagonisten auf der Stage und zu rhythmusbetonten Calypsoklängen wurde das neu interpretierte „Kommet ihr Hirten“ unters Volk gebracht. Das großartige „Morgen, Kinder wird’s was geben“ ließ es ordentlich krachen, bevor das Böggemann-Beiderwellen-Busch-Terzett das Sagen übernahm und Zeit zum Mitgrölen und Schunkeln war. Wenig später diente Heavens Flokatimantel dem Mann mit dem imposanten Lockenkopf und seinem Kollegen Jo als Sitzgelegenheit, schickte man sich doch an, die ganz eigenen Variation des Volksliedes „Ein Jäger aus Kurpfalz“ mit der Bauchtrommel (Heaven) und Quombodo (Jo) zu performen, die im Übrigen bei den 2011er Weltmeisterschaften in Daressalam, Tanzania, einen vierten Platz wert war. Natürlich eskalierte erneut die Büttenrede von Werner „Tiptop“ Wevering und auch Mariannes & Michaels Auftritt konnte nur in einem nicht wirklich appetitlichen Wurstregen enden – nicht ohne Grund bleibt bei den SCHULKINDERn die erste Reihe meistens leer. Was wäre Weihnachten ohne das legendäre Duo Peter Maffay und Udo Lindenberg (komplettiert um Udo & Jürgens an den Tasten)? Undenkbar! Deshalb war „Lass es sein“ auch anno 2012 wieder der grandiose Höhepunkt des regulären Sets, dem mit „Pudel Rain“ und den Allstars eine fulminante Verlängerung folgte. Natürlich wie immer mit der Aufforderung, auf die Stühle zu steigen, der das Auditorium selbstverständlich fast geschlossen nachkam. Besucher von SCHULKINDER-Konzerten sind einfach überwiegend Wiederholungstäter, die sich bereits im Vorfeld auf die wüsten Beschimpfungen freuen und den Jungs auf der Bühne blind folgen. Als Belohnung bekamen die Anwesenden (immer noch auf den Sitzgelegenheiten stehend) mit dem skandalträchtigen „Tötet Onkel Dittmeyer“ noch einmal nach allen Regeln der Kunst die Ohren frei geblasen, ehe mit „Ein bisschen Freundlichkeit“ Swing nach Art der ANGEFAHRENEN SCHULKINDER auf dem Programm stand, mit dem sich die Truppe abermals kurz ins Off verabschiedete. Mit vereinten Kräften und Heaven an der Klarina ging man zu „Marina“ abermals steil, um den Abend nach zwei Stunden und 45 Minuten mit „Gestern“ nachdenklich (zumindest nach SCHULKINDER-Maßstäben) ausklingen zu lassen.

Ja, DIE ANGEFAHRENEN SCHULKINDER sind speziell. Ja, man muss ihren Humor mögen und ja, mit einer besinnlichen Adventszeit hat die Show der Anarcho-Musiker nichts zu tun. Warum auch? So macht’s doch viel mehr Spaß! Seit 22 Jahren soll die Weihnachtsshow angeblich im Haus der Jugend stattfinden; da habe ich jetzt zwar eine andere Erinnerung und bin mir sicher, dass ich beispielsweise 2000 die Weihnachtsshow in der Lagerhalle gesehen habe, aber das sind unwesentliche Details, denen keine weitere Beachtung geschenkt werden muss. Ein bisschen habe ich vielleicht Tiffy, Samson und Lilo vermisst, aber möglicherweise sind die drei und das verwichste Schnuffeltuch ja nächstes Jahr wieder mit von der Partie. Ich halte mir den zweiten Mittwoch im Dezember auf jeden Fall schon mal frei…

Copyright Fotos: Karsten Rzehak

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