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DRANGSAL – FABIAN

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Ort: Münster – Gleis 22

Datum: 03.11.2016

Da gehe ich seit mittlerweile 30 Jahren auf Konzerte und doch finde ich noch eine Location im näheren Umkreis, die für mich Neuland ist. Das Gleis 22 ist natürlich allen Musikbegeisterten in Westfalen (und darüber hinaus) ein Begriff, doch irgendwie hatte es mich noch nie dorthin verschlagen. Immerhin wurde der alternative Club, der auch einen vegetarischen/ veganen Mittagstisch anbietet, bereits 3-mal zum besten Deutschlands gewählt. Anlass für die konzerttechnische „Entjungferung“ war der Auftritt eines der größten Hopefuls der deutschen Indie Szene, man könnte auch sagen „Hype“ oder neudeutsch „Heißer Scheiß“. Max Gruber aus Herxheim bei Landau (mittlerweile allerdings Wahlberliner) mischt unter seinem Alter Ego DRANGSAL die Gazettenwelt gehörig auf. Sein Dark-Indie-Post-Punk-Wave-Rock mit ganz viel 80ies-Anleihen wird allerorten hochgejubelt, zudem ist der Künstler selbst nicht gerade uninteressant. Seine diversen Interviews zeugen von einem selbstbewussten aber zugleich zerrissenen jungen Mann, der seine Position im Leben erst noch finden muss. Das sollte auch dieser Abend zeigen, aber dazu kommen wir später. Zunächst mal einen Sekt ergattert, stellten wir fest, dass ein ausverkauftes Gleis (ca. 300 Zuschauer) nicht gerade optimales Sehvergnügen bietet, von den Fotobedingungen ganz zu schweigen. Die Bühne ist eng, klein und nicht besonders hoch, so dass größentechnisch Benachteiligte eher Hör- als Sehgenuss verspürt haben dürften. Aber im 22 kommt es glaube ich auch auf das Feeling an, die Nähe zur Band und zueinander, das überwiegend studentische Publikum war jedenfalls bestens gelaunt, als überaus pünktlich um 21 Uhr die Vorband die Bretter betrat…

Diese firmiert unter dem Namen FABIAN, stammt aus Leipzig und existiert seit anno 2013. Zugegebenermaßen hatte ich mich im Internet einlesen müssen, die 4er-Combo um Sängerin Vitiko Schell war mir vorab noch nicht untergekommen. Als Produzenten kann man immerhin Max Rieger (DIE NERVEN) vorweisen, und so ward auch schnell klar, dass es sich hier um komplexe, nicht einfach zu goutierende Musik handeln würde. Post Wave/ Post Rock steht in einer Rezension, aber das beschreibt lange nicht alle Facetten der Ostdeutschen, die auch unter Avantgarde Pop firmieren könnten, inklusive Jazziger Momente und dissonanten Rhythmuswechseln. Frau Schell am Mikro verfügt über eine eigenwillige, sehr interessante Stimme und kommt darüber hinaus recht lässig/ spröde rüber, die wenigen Ansagen versprühten rauen Charme. Eigenartig und hypnotisch sind weitere passende Adjektive, die zu den Songs des selbstbetitelten Debuts passen, das 2015 auf Treibender Teppich Records erschienen ist. Mangels Kenntnis und Ansagen kann ich auf keine konkreten Titel verweisen, aber hier zählt das Gesamtkunstwerk, das auch mal von Trompetenklängen veredelt wird (verantwortlich: Max Kraft). 35 Minuten lang ein mal treibendes mal anstrengendes Hörerlebnis, das im Großen und Ganzen recht positiv aufgenommen wurde. Das Ganze firmiert übrigens unter dem kryptischen Banner „Leihmütter-Tour“, irgendwie passend zum Sound der Leipziger.

Kaum jemand verließ seinen bereits erkämpften Platz, ganz im Gegenteil, dementsprechend stiegen die Temperaturen immer weiter an. Nach einer kurzen Umbauphase starteten, wiederum extrem pünktlich, gegen 22 Uhr DRANGSAL mit einem Sample über die „neuen Künstler“, was ja durchaus programmatisch zu nennen ist. Beim Namen Gruber muss ich ja immer an den kopflosen Doktor aus dem Horrorkulthit „Re-Animator“ denken, aber dieser Gruber mit seinem zackigen Haarschnitt steht problemlos für sich allein. Bzw. live natürlich mit seiner Band, bestehend aus Tim Roth (Tarantino anyone?), Christoph Kuhn am Schlagzeug und dem Nesthäkchen Sam Segarra, der später noch seinen großen Auftritt haben sollte. Bereits die erste Ansage war ansatzweise kurios, der Maxe erklärte, dass der Opener „Der Ingrimm“ das anstrengendste Stück in der Setlist wäre und man es darum als erstes spiele. Sie wären ja schließlich Profis. Und das spiegelt schon ein wenig den Charakter des Künstlers wider, der von Gegensätzlichkeit geprägt ist. Ist das noch Ironie oder schon Selbstgefälligkeit? Meine These ist ja, dass der Mann nicht gerade selbstsicher ist, Unsicherheit und Arroganz liegen ja bekanntlich eng beieinander. Auf jeden Fall eine spannende Sache, natürlich auch musikalisch, wo DRANGSAL das bekannte „Problem“ von „Ein-Album-Headlinern“ haben. Nicht viel Material vorhanden aber begeisterungswillige Fans. Noch dazu sind die Songs des wirklich sehr geglückten „Harieschaim“ nicht gerade ausufernde Epen. Sei’s drum, Stücke wie „Do the Dominance“ oder das mit einem Video beglückte „Will ich nur dich“ machen mit ihren treibenden Sounds ganz einfach Spaß und gehen fürchterlich gut in die Beine. Da machen auch kleinere Soundprobleme (Stichwort: Profi Kuhn am Schlagzeug und das Hi-Hat-Mic) nicht viel aus, ganz im Gegenteil sorgt das irgendwie für einen rauen Charme. Nach dem bekannten/ sehnsüchtigen „Love me or leave me alone“ (wer hat diesen Satz nicht schon mal geäußert?) gab es 2 Non-Album-Tracks auf die Ohren. „Und du? (10.000 Volt)“ ist ein Stück vom gerade in der Mache befindlichen DRANGSAL-Zweitling, das mich allerdings nicht gleich einfangen konnte. „Zur blauen Stunde“ hingegen befindet sich auf einer 7inch, die zum Record Store Day das Licht der Welt erblickte. Mit dem sagenumwobenen „Wolpertinger“ war dann allerdings auch schon wieder Schluss mit dem Hauptteil, was im Auditorium aber mit einem „Das Album ist ja auch kurz“ problemlos akzeptiert wurde.

Kurze Zeit später konnten sich auch Max und Co. dem „von-der-Bühne-runter-und-wieder-raus-Spiel“ nicht entziehen und starteten alsbald quasi in Neubesetzung wieder durch. Instrumenten-Autodidakt Gruber am Schlagwerk, Kuhn am Bass und dafür der bis dato eher etwas reserviert wirkende Segarra als Frontsau. Und das war wörtlich zu nehmen, denn als Sänger des MISFITS-Covers „Some Kinda Hate“ wirbelte er wie ein Derwisch über die Bühne, wäre auch was für den Soundtrack von „El Mariachi“ gewesen. Natürlich durfte DER Übersong der DRANGSALen nicht fehlen, „Allan Align“ bildete den vielumjubelten Abschluss des Gigs, der mit gestoppten 47 Minuten zu den kürzesten Headliner-Auftritten meiner langen Konzerthistorie gehörte. Aber so kamen wir immerhin noch vor Mitternacht wieder zuhause an und der Gig hatte in seiner Kompaktheit auch seinen Reiz. Und, um es noch mal zu wiederholen, Album und auch die Songs sind halt eher kurzgehalten. Mal sehen, wohin der Weg den streitbaren Wahl-Hauptstädter noch führt, grundsätzlich halte ich hier von „großer Durchbruch“ (so denn er das überhaupt will) bis zu „One-Album-Wonder“ alles für möglich. Ich für meinen Teil freue mich, noch relativ am Anfang Teil des DRANGSAL-Phänomens geworden zu sein. Verbunden mit der eigenwilligen Vorband und der „Old School-Location“ ein irgendwie unvergesslicher Abend…

Setlist DRANGSAL
Der Ingrimm
Hinterkaifeck
Do The Dominance
Will Ich Nur Dich
Moritzzwinger
Love Me Or Leave Me Alone
Und Du? (10.000 Volt)
Zur blauen Stunde
Wolpertinger

Some Kinda Hate (MISFITS Cover)
Allan Align

Copyright Fotos: Daniela Vorndran (DRANGSAL)/ Karsten Thurau (FABIAN)

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