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EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN

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Ort: Bielefeld - Ringlokschuppen

Datum: 27.03.2004

Es ist die Zeit der Legenden! Nur wenige Wochen nachdem ich das erste Mal DAF live erleben durfte, kamen die EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN in den Bielefelder Ringlokschuppen. Und wie viele darauf gewartet hatten! An diesem kalten März Abend war der große Saal des PC69-Nachfolgers proppevoll, den Zuschauerzahlen bei SCOOTER bzw. THE RASMUS mindestens ebenbürtig, was so um die 1000 Besucher bedeuten dürfte. Leider verpassten wir aufgrund widersprüchlicher Zeitangaben die Vorgruppe, in diesem Fall den DISSIDENTENCLUB, der mich durchaus interessiert hätte.

Nun gut, wir betraten jedenfalls pünktlich gegen 20 15 Uhr zur besten Spielfilmzeit den Saal, in dem sich bereits ein breitgefächertes Auditorium befand. Von Gothics über Metaller (SEPULTURA-Shirt) bis hin zu einigen in die Jahre gekommenen Revoluzzern war alles zugegen, also keineswegs nur ein Publikum mit (drohendem) Haarausfall. Während unser Fotograph sich den Weg zum Graben bahnte, bestaunte ich schon einmal die bunt gefüllte Bühne. Noch nie hatte ich Blixa und Co. live gesehen, ich hatte nur allerlei Geschichten von brennenden Mülltonnen im Hinterkopf und war dementsprechend gespannt, was da kommen würde. Zunächst betraten nur vier Musiker die Bühne, das erste Stück „Ein leichtes leises Säuseln“ wurde dem Titel gemäß nur von Blixas Stimme und Alexander Hackes Bass getragen, plus ein paar Keyboards des Australiers Ash Wednesday. Und was machte der vierte, werden aufmerksame Leser fragen. N.U. Unruh hielt eine große Alufolie vor sich, die er „Hui Buh“-like vor sich wabern ließ. Bitte nicht fragen, welche Zweck dies verfolgte, ich weiß es auch nicht…

Danach traten dann Gitarrist Jochen Arbeit und Schlagwerker Rudi Moser auf den Plan, die vorher dezent im Hintergrund ein Zigarettchen zu sich nahmen. Alle Musiker waren in feinen, schwarz-dunkelgrauen Zwirn gekleidet, was ihr Alter zwar nicht verbergen konnte, aber ein wenig die lässige Elder Statesman-Attitüde unterstrich. Es folgte ein spannender Set, der vor allem Wert auf das aktuelle „Perpetuum Mobile“-Material legte und zudem aufzeigte, mit welch’ verrückten Materialien sich anspruchsvoll destruktive Musik zimmern lässt. Dabei tat sich besonders der Mann mit dem lichter werdenden Haar hervor, Mr. Unruh, der u.a. folgende Aktionskunst bot: Trommeln auf einer Mülltonne, „Peitschen“ der Bühne mit Ölkanistern, die an einem Band befestigt waren, Erzeugen von Klängen mittels Druckluft an Plastikmüll/ PET-Flaschen sowie ebensolches Traktieren von abgesägten Plastikrohren. Letztere verwendete auch der leicht psychabilly-mäßige Moser als eine Art alternatives Xylophon. Blixa hingegen benutzte das Mikrophon wie ein Schamane, der das Publikum mit Sprechgesang, lässiger Coolness und einigen markerschütternden, spitzen Schreien locker im Griff hatte. D.h. bis auf einen grenzdebilen Wurzelzwerg, der ständig nach dem Klassiker „Z.N.S.“ verlangte. Im Verlauf des Sets wurde das kleine, nach Anerkennung strebende Menschlein besonders für die Umherstehenden immer untragbarer. Blixa versuchte es zunächst diplomatisch: „Ich bin für die Selbstorganisation des Publikums, das kriegt ihr schon in den Griff“. Wenn der Mann mit den Zuschauern kommunizierte, wurde es meist lakonisch witzig. Er wies z.B. auch daraufhin, dass das Konzert mitgeschnitten würde und dass man die Doppel-CD nachher käuflich erwerben könne, sehr geschäftstüchtig das Ganze und auch innovativ. Zudem gab es das erste mal auf der Tour ein sogenanntes Webcasting, somit konnten sich NEUBAUTEN-Supporter auf der ganzen Welt Bielefeld ins Wohnzimmer holen!

Bei „Neun Arme“ erläuterte der Frontmann, dass hier sein Herzschlag das Grundgerüst des Songs bilde und da er damals erst 24 gewesen sei, wäre es halt ein Uptempo-Stück, herrlicher Humor das! Allerdings gefallen mir persönlich die Lieder am besten, die irgendwo noch eine klare Struktur haben, wie etwa das Titelstück der aktuellen CD oder auch „Selbstportrait mit Kater“, welches den ersten Teil des Auftritts beendet und im übrigen nichts mit Vierbeinern zu tun hat. Allerdings erlebte unser „Störenfried“ diese Stelle nicht mehr. Es begab sich nämlich, dass Blixa an einer Stelle auf das verbrecherische Handeln seiner alten Plattenfirma „Some Bizarre“ hinwies. Stevo, damaliger Labelchef, hatte wohl in den 80ern diverse bekannte Acts einfach so abgezockt. Da helfen ihm auch nicht die Meriten dafür, dass er DEPECHE MODE entdeckt hat. Ein Glück für Gahans Bande: Stevo erkannte deren Potenzial nicht und tauschte DEPECHE MODE für SOFT CELL ein (mit dem damals unabhängigen Mute Label). Es hätte also alles anders kommen können… Na jedenfalls wurde dem Mann zu „Ehren“ ein kleines rituelles Stück („Hex“) zum besten gegeben, alle NEUBAUTEN sitzend vorne auf der Bühne. In dieser gewollten Ruhe fing der Anarcho vorne rechts nun besonders auf, der sich gar nicht mehr beruhigen wollte. Konsequenz: Jochen Arbeit brüllte: „Halt endlich das Maul“ und die Umstehenden wurden handgreiflich. Obwohl die Reaktion – „Ihr seid Spießer und ich habe auch bezahlt“ – einer gewissen Komik nicht entbehrte, wurde der Mann nun vom Personal entfernt. O.K., ein wenig mehr Bewegung im Publikum hätte nicht geschadet, aber zumeist wurde das Treiben der Herren Musiker nur bewundert und danach frenetisch beklatscht. Dann war also irgendwann das erste mal Feierabend, da waren schon fast 2 Stunden um!

Und mit dem Klassiker „Haus der Lüge“ wurde die erste Zugabe fürstlich eingeläutet, es kam sogar Bewegung in die Reihen. Danach folgten das ruhige „Sabrina“ und das passend betitelte „Ich gehe jetzt“ – übrigens auch das angekündigte Ende der CD-Aufnahme. Während nämlich die zweite Zugabe eingeläutet wurde, mussten ja mit der bandeigenen Vervielfältigungsmaschine schon die CDs für den Merchandising Stand gebrannt werden. „Ende Neu“ und „Alles“ rundeten einen außerordentlich interessanten Konzertabend ab. Es möge noch die Flexibilität der Musiker erwähnt werden, die oft rochierten, räumlich wie auch an den Instrumenten. Oder dass Hacke, der nachher nur noch ein Muscle-Shirt trug, manchmal wie ein Metaller bangte. Was wohl Meret Becker dazu sagen würde, seine ehemalige Angetraute? Schön auch Blixas 2 kleine Spielgeräte: Eine Art roter Plastikhandschuh, mit dem er drückender Weise Geräusche erzeugen konnte, und ein Transistor-Radio (?), welches merkwürdige Samples von sich gab, die jeden Tag neu generiert werden.

Wie man sieht, kann man hier 1000 kleine Details erwähnen, welche die NEUBAUTEN von vielen, wenn nicht allen anderen Bands unterscheidet. Zwar agiert man mittlerweile nicht mehr mit Presslufthämmern auf der Bühne, aber manchmal lässt man es dennoch so richtig krachen. Kein Wunder, dass EN besonders im Ausland zur Legende geworden sind, ausverkaufte Locations der aktuellen Tour belegen dies. Wie sagte ein Bekannter so schön: „Der Bohlen ärgert sich zu Tode, dass DAF oder die NEUBAUTEN im Ausland geliebt werden, während ihn dort (zum Glück) niemand wahrnimmt.“ Und geschäftstüchtig ist das Quintett auch, denn die Idee mit dem Konzertmitschnitt wurde super angenommen. Eine lange Schlange bildete sich am Stand, um immerhin 25 Euro für über 2 Stunden selbst miterlebtes Leben zu berappen, wohl wissend an etwas Besonderem teilgenommen zu haben…

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