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FLIEHENDE STÜRME – SUBSTANCE OF DREAM

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Ort: Berlin - K17

Datum: 22.04.2005

„Und, gehst du heute Abend feiern?“ Bei dieser Frage musste ich erst einmal überlegen. Dass ein Konzert der FLIEHENDEn STÜRME einen interessanten Abend versprach, stand nicht zur Diskussion. Aber ist Depri-Punk Feiermucke im klassischen Sinne? Wohl eher nicht. Ich antwortete mit einem wohlüberlegten „Jein“, schnappte meine Kamera und machte mich auf ins K17, wo ich eine gute Stunde lang beobachten konnte, wie sich der Club nach und nach mit buntbehaarten, sicherheitsgenadelten und lederbejackten Gestalten schwarzbunt füllte. Seelisch und moralisch wappnete ich mich für Pogo und dergleichen – was man eben von punkiger Klientel klischeemäßig erwartet.

Erwartungen sind ja bekanntlich dazu da, sich nicht zu erfüllen. Und auch ein im Bewegungsradius eher ruhiges Publikum kann trotzdem überzeugt sein, wie es beim „Warmmacher“ SUBSTANCE OF DREAM bewies. Das Nebenprojekt des STÜRME-Drummers Andi Münch war – trotz seiner Doppelbelastung, bei beiden Bands zu trommeln – der passendste Support, den man an dem Abend haben konnte. Das weitgehend elektronische Drumkit nahm eine dementsprechend zentrale Position auf der Bühne ein. Viertel nach Neun legte das Trio dann los und zeigte sich musikalisch erstaunlich rockig. Vom Nostalgiegoth à la JOY DIVISION war nicht viel zu hören, im Gegensatz zum Album „Höllengott“ gab es hundertprozentigen Postpunk in die Ohren. Sänger Udo spielte mit einem Scheinwerfer herum, tigerte unruhig über die Bühne, stand kaum einen Moment still und legte alles an Emotionen in die Songs. Auch wenn bei „Satanskult“ zuerst die Technik streikte und einen Neuanfang nötig machte, das tat der Stimmung keinen Abbruch. Nach „Pink“ tauchte Udo ab in den Zuschauerraum und übte sich im direkten Kontakt zu Fans und Nichtfans. „Psycho“, oder der Singletrack „Gloria“ hinterließen einen runden Eindruck und die etwa 40 Minuten Spielzeit waren alles andere als vertane Zeit.

Nach einer nicht allzu langen Umbaupause – das Drumkit blieb ja an Ort und Stelle – war es Zeit für den Hauptact des Abends. Diesmal war Herr Münch dann in Begleitung der beiden glatzköpfigen Herren Löhr (voc & git.) und Kniel (bass). Und es stürmte! Die Bühnenshow geriet zwar deutlich statischer, da der Sänger quasi an den Mikroständer gefesselt war, aber die Songs mit ihren tiefsinnigen Texten entfachten trotzdem ein Feuerwerk und gingen unter die Haut. Ein perfekter Querschnitt durch die Jahre und Alben, man spannte die zugkräftigsten Pferde vor den Karren und die zogen großartig, das Publikum war von Hits wie „Tag der Armut“ oder „Himmel steht still“ hingerissen, sie wurden betanzt, bejohlt, freudig beklatscht. Indes, dem Trio selbst stand der rechte Enthusiasmus nicht gerade ins Gesicht geschrieben, man begnügte sich mit dem qualitativ hochwertigen Vortrag der Lieder aber verlor ansonsten wenig Worte. Anscheinend bedurfte es derer aber nicht. Die Songs waren Aussage genug, transportierten Wehmut, Bitterkeit, Zynismus und Kritik. Betroffenheit war aber fehl am Platze, gerade in den ersten, emotional wie körperlich bewegten Reihen (wo ich sogar ein auf den Arm tätowiertes stilisiertes „F“, das STÜRME-Logo, entdeckte). „Zerstörung“, „Wie sich Stunden drehen“, „An den Ufern“… eins ums andere gaben Löhr, Kniel und Münch zum Besten und fanden kein Ende. Natürlich musste es Zugaben geben, allerdings ließ meine Kondition doch etwas nach und ich fand im hinteren Teil der Location Gespräch und Ablenkung, so dass ich nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen kann, was nach den ersten vier Zugaben noch gespielt wurde.

Sicher war eins: kurz nach Mitternacht fiel (dank Anwohnern und dementsprechenden Lärmschutzbestimmungen) lautstark bejubelt der sprichwörtliche Vorhang, nachdem die STÜRME über anderthalb Stunden gespielt hatten. Und sicher war noch etwas: auch wenn ein FLIEHENDE-STÜRME-Konzert nicht zwingend zum Feiern taugt, eine lohnende Abendgestaltung ist es allemal!

Setlist FLIEHENDE STÜRME
Killerblau
Systemstörung
Das Chaos brütet
Maschinentrauma
Tag der Armut
Springen
Zwischen Liebe
Himmel steht still
Alles falsch
Zerstörung
Wie sich Stunden drehen
Gestern
Satellit
An den Ufern
Schlafwandel

Die aus den Schatten springen
Trümmergemüt
Mein langsamer Tod
Spieler

Copyright Fotos: Antje Wagler

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