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FRAKTUS

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Ort: Hannover – Faust

Datum: 16.02.2013

Manchmal geschehen Zeichen und Wunder, manchmal wird die Ungnade der späten Geburt im Nachhinein korrigiert. Ich darf FRAKTUS sehen. Ja genau DIE FRAKTUS, die in den 80ern mit ihrem Soundkonglomerat aus Krautrock, Techno und Avantgarde quasi die Urväter ganzer Heerscharen deutscher Musikschaffender waren. Ob SCOOTER, WESTBAM oder RAMMSTEIN – ohne die Herren Bage, Schubert und Wand wären die heute alle nur laue Fürze im Wind. Leider war es mir in den 80ern nicht möglich, eines ihrer legendären Konzerte zu besuchen, zwar war ich musikalisch zu Teeny-Zeiten durchaus schon sozialisiert, doch meine Eltern sahen ihre Live-Shows als zu gefährlich für ihren pubertierenden Sprössling an. So musste ich auf die wilden Happenings verzichten, die insbesondere bei der berühmten Ostwestfalen-Tour für orgiastische Verzückung unter den Anwesenden gesorgt hatte. In Kaunitz beispielweise entweihte man die dort ansässige Halle in solch grober Form, dass nur eine anschließende Segnung des katholischen Dorfpfarrers eine weitere Benutzung für Tier- und Landwirtschaftsmessen wieder moralisch vertretbar machte. Zumindest konnte man dies der BRAVO, dem Zentralorgan der deutschen Jugend, entnehmen, die fast im Wochenrhythmus über FRAKTUS berichtete. Themen wie „Frisurentipps mit Bernd Wand“, „Der fachgerechte Umbau von Haushaltsgeräten zu Percussion-Instrumenten“ oder „Songwriting per Autosuggestion“ prägten eine ganze Generation! Doch dann zerbrach man – am eigenen Anspruch, dem Spagat zwischen Kunst und Kommerz, innerbandlichen Eitelkeiten. Zurück blieben unsterbliche Klassiker, einige längst vergriffene Tonträger und ein Nebel der Erinnerung, der FRAKTUS immer mehr zu Ikonen ihrer Zeit stilisierte…

Doch 2012 das völlig unerwartete Comeback! Musikproduzent Roger Dettner (der kurioserweise im Saarland auch eine Planstelle als Chaos-Cop besetzt) lockt die drei Frührentner aus ihrer musikalischen Diaspora. Überwindet die menschlichen Differenzen, entfacht das innere Feuer neu und verpasst dem klassischen Sound des Trios einen behutsamen Neuanstrich. Mit „Affe sucht Liebe“ im Alex Christensen-Mix und der Veröffentlichung der „Millennium Edition“ wird der Zeitgeist wieder lebendig. Alte und neue FRAKTUS-Fans verbrüdern sich und dann die vorläufige Krönung: Die Jungs gehen wieder auf Tour! Keine Frage, der Terrorverlag muss dabei sein, wenn eine Legende wiederaufersteht. 2013 – The Return of FRAKTUS – stehen uns magische Nächte bevor? Ein Ausflug in die niedersächsische Landeshauptstadt soll und wird diese Frage beantworten…

Samstag Abend, die Stimmung im Faust ist zum Zerreißen gespannt, natürlich ist die Lokalität ausverkauft. Das Publikum eine Mischung aus Nerds und studentischer Intellektualität, halt Menschen, die avantgardistischen Sound zu schätzen wissen. Die Mehrheit in einem Alter, dass sie FRAKTUS zu ihren Glanzzeiten nicht live haben erleben können. Umso grösser ist die Vorfreude, die zunächst noch von einem schwarzen Vorhang ausgebremst wird. Eine Vorgruppe gibt es nicht, niemand traut sich vor einer Legende zu verglühen. Too large is life an diesem Abend. Und natürlich kann es sich das Trio leisten, mit einer ordentlichen Verspätung loszulegen, alles andere wäre der Veranstaltung auch nicht angemessen. Gegen 21 Uhr fällt der Sichtschutz, dahinter verbirgt sich eine spartanisch ausgestattete Bühne, passend zum Stripped To The Bone-Sound der Brunsbütteler Soundtüftler. Im Hintergrund befindet sich eine Leinwand, auf der zu Beginn ein kurzer Ausschnitt aus der gefeierten Doku gezeigt wird, die FRAKTUS erst wieder vereint hat. Diverse Künstler/ Journalisten mittelgroßer Bedeutung zollen der Band Tribut, Jan Delay oder Steve Blame wären hier zu nennen. Doch dann ist es endlich soweit und die Show kann beginnen. Bage, Schubert und Wand halten triumphalen Einzug hinter ihren Instrumenten. Streng choreographiert in Leder wird schon jetzt deutlich, dass dieser Abend die Geschichtsbücher füllen wird. Die Musiker sind top motiviert bis in die Haarspitzen, jeder Handgriff, jede Geste sitzt, die 3 harmonieren perfekt miteinander. Nun gut, letzteres ist ein wenig geflunkert, wie der weitere Verlauf der Show noch zeigen wird.

Mit dem programmatischen „Untergrund“ steigt man ins Set ein, das etwas komplexere „Kleidersammlung“ schließt sich an. Bage hält sich größtenteils rechts auf, neben seinem Keyboard setzt er immer wieder zu frenetisch bejubelten Flötensoli an, die obschon musikalisch nicht immer passend doch vor allem leidenschaftlich vorgetragen werden. Schubert in der Mitte ist das Kraftzentrum des Trios. Ein altersloser Mann, voller Virilität und mit einem unglaublichen Sexappeal ausgestattet. Dagegen fällt Wand zunächst etwas ab, dessen perfekt sitzende Frisur ein wenig von seiner Kopfbedeckung in den Hintergrund gedrängt wird. Er ist dennoch das musikalische Rückgrat, sorgt für die Percussion und schlichtet zudem immer wieder aufkommende Differenzen zwischen den Antipoden Bage/ Schubert, die sich offensichtlich auseinander gelebt haben. Kein Wunder, betrachtet man ihre Biographien. Torsten hat sich auf Ibiza einen leicht großkotzigen Habitus angewöhnt, „Dickie“ hingegen ist bodenständig geblieben. Vielleicht kann man so aber die Energie erklären, die FRAKTUS freisetzt. Auch nachdem es fast zu Handgreiflichkeiten kommt, sitzt ein Track wie „Jag den Fuchs“ auf den Punkt genau, hier wird erstmals auch das Publikum geschickt miteinbezogen, das bereits jetzt immer wieder „Oweio“ skandiert, doch das dadaistische „Bombenalarm“ wird vorgezogen. Hier beziehen die Norddeutschen mutig Stellung wider den Krieg, aber pro Atomkraft. Beeindruckend wie sie ihre eigene Philosophie entwickelt haben. Das hier sind Vorbilder und keine Epigonen. Dann folgt das großartige „Affe sucht Liebe“ in der Originalversion, das Publikum gerät fast in Ekstase. Immer wieder muss der Sicherheitsdienst verschwitzte Leiber voneinander trennen. „Pogomania“ reißt dann endgültig die letzten moralischen Schranken ein, diese Blaupause für den EBM (who remembers D.A.F.?!) setzt auf harte Beats und ebenso unmissverständliche Lyrik.

Die Herren Musiker, die längst in ihren typischen Band-Overalls schwitzen, untermalen sämtliche Songs perfekt. Mal führen sie asynchrone Bewegungschoreographien auf, dann werden skurrile Instrumente vorgeführt (die „Sackkarre“ – das männlichste Instrument überhaupt), um schlussendlich immer wieder mit tiefgründigen Ansagen zu begeistern. So erfahren wir beispielsweise, dass Bernd Wand von seinem Vater geschlagen wurde, aber immer nur unten! Verständlich, dass keiner der Anwesenden von dem eigens von Bage organisierten Shuttle Bus Gebrauch machen will, alle möchten das Treiben bis zum letzten Ton aufsaugen. Neben dem Material der „Millennium“-Edition begeistert auch ein mir bis dato unbekanntes Stück namens „Vieles Nasses“, bei dem Hannover im Refrain jedes Mal frenetisch „Saug auf“ skandiert. Eine Hommage an die ersten Nasswischtücher der 80er. Ein weiterer Megahit beendet dann das reguläre Set, der „Supergau“ dreht noch mal ordentlich an der Stimmungsschraube.

Das kann es natürlich noch nicht gewesen sein, gleich 2 Zugaben verlängern die Performance auf stattliche 90 Minuten, was beweist, dass FRAKTUS auch konditionell noch lange nicht zum alten Eisen gehören. „Stop den Wahnsinn“ läutet den ersten Block ein, mit wahnsinnigen 170 BPM damals die Blaupause für den „modernen“ Techno. Zuckende Leiber durchfluten das Faust, Menschen reißen sich die Kleider vom Leib. Danach hat es Wand schwer, einen Witz zu erzählen, ein fiktives Telefonat mit Ex-Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann, das gleichsam den nächsten Track „1 2 3 4“ einläutet. Gesellschaftskritisch über alle Maßen mutig, wie Torsten hier einer ganzen „Generation Wirtschaftskrise“ aus dem Herzen spricht! Das prophetisch angelegte „Wir sind dabei“, bei dem Schubert wieder zum Megaphon greift, rundet Zugabenblock 1 ab. Was nun nach einer weiteren kurzen Pause folgt, scheint mir improvisiert zu sein, erst werden die Protagonisten noch einmal blumig vorgestellt, dann folgt das sogenannte „Battle of the Sirens“. Schubert vs. Wand, Theremin vs. mutierte Oberlippe Nimmersatt. Wer erzeugt die höheren Töne? Atemlos vor Spannung verfolgt Hannover die Anstrengungen der Beiden, die zu einer Zerreißprobe der Nerven (und der Ohren) werden. Bage wird hier ein wenig zum Außenseiter, aber da er nach diesem Gig sowieso kaltgestellt werden soll, wird ihn das nicht weiter gestört haben. Den Abschluss bildet eine dadaistische Soundcollage ohne richtigen Namen, die sich nur ein Act wie FRAKTUS erlauben kann. 90 Minuten Unterhaltung auf höchstem Niveau, mit Tiefgang, Message und einer Setlist voller Klassiker. Was bleibt haften? Von Hannover darf nie wieder ein Krieg ausgehen!

Dank an die Herren Strunk, Schamoni und Palminger. Dank an das Studio Braun! Es lebe FRAKTUS!

Setlist
Untergrund
Kleidersammlung
A.D.A.M.
Jag Den Fuchs
Bombenalarm
Affe Sucht Liebe
Pogomania
Computerliebe
Mann
Vieles Nasses (Saug auf)
Supergau

Stop den Wahnsinn
1 2 3 4 (Der Ackermann Song)
Wir sind dabei

Battle of the Sirens
„Computer Jam“

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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