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FURY IN THE SLAUGHTERHOUSE – JAN LÖCHEL

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Ort: Halle/ Westf. – Gerry Weber Stadion

Datum: 21.07.2017

Wenn es in der bundesdeutschen Musikszene so etwas wie ein Band-technisches Synonym für die Adjektive „bodenständig“, „ehrlich“ oder „unprätentiös gibt, dann sind das ganz sicher FURY IN THE SLAUGHTERHOUSE aus der niedersächsischen Landeshauptstadt. Seit Ende 1986 musiziert die Combo um die charismatischen Wingenfelder-Brüder Kai und Thorsten nun schon, und wenngleich man auch zwischendurch ein paar Jahre formal nicht existierte, darf man durchaus gerechtfertigt unter dem Banner „30 Years Live“ durch die Republik ziehen. Und das sehr erfolgreich, was die Zuschauerzahlen und enthusiastischen Berichte andernorts belegen. An diesem schönen Freitagabend war nun also Ostwestfalen dran, namentlich das Gerry Weber Stadion, was FURY später immer wieder zum Witzeln animierte, doch so weit sind wir noch nicht. Zunächst sollte noch ein Support Act auf der Bühne stehen, bzw. geplant waren eigentlich 2, doch ALEXANDER KNAPPE hatte seinen Auftritt kurzfristig abgesagt. Nicht ganz so dramatisch, wie ich finde, nicht weil der „deutsche Pop-Poet“ (Zitat aus dem Westfalenblatt) vollkommen uninteressant wäre, aber es wurde schon beim verbliebenen Opener mehr als deutlich, auf wen die insgesamt knapp 5000 Zuschauer warteten.

So hatte der Münsteraner Songwriter, Produzent, Multiinstrumentalist etc. JAN LÖCHEL einen schweren Stand, als er vor noch nicht mal halb vollem Haus seine kleinen kompositorischen Perlen zum besten gab. Und das ganz alleine auf der riesigen Bühne, ein Mann und seine Gitarre, den Rest gab es elektronisch vom Band. Nun mögen die meisten Anwesenden wenig mit dem Mann verbinden, doch ist der sympathische Kerl schon seit vielen Jahren ein interessanter Player im deutschen Musikzirkus. Schon mehrfach konnten wir ihn beispielsweise bei diversen Konzerten ablichten. Etwa beim H-BLOCKX-Auftritt in Gütersloh vor einigen Jahren oder als Teil der LES SAUVIGNONS-Kollektivs 2005 im Bielefelder Bunker Ulmenwall (damals am Flügel). Der Henning Wehland-Intimus ist ein wenig grau auf dem Kopf geworden, wer mag, darf gerne mal auf diesen Seiten in den alten Fotos stöbern. Als Musiker also über jeden Zweifel erhaben, zudem gut mit den Wingenfelders befreundet, betonte er mehrfach, wie dankbar er für die gemeinsame Konzertreise wäre und dass er mit seinen Idolen auf der Bühne stehen dürfe. Das wirkte auch alles sehr authentisch, wenngleich sein Sound natürlich eher in eine verruchte Pinte bzw. einen intimen Rahmen passt. In dieser riesigen Anlage zu Halle wirkte er etwas verloren, doch ist er Rampensau genug, um einige Zuschauer abzuholen. Noch besser wird er sicher zu den angekündigten-FURY-unplugged Konzerten Ende des Jahres passen. Heuer spielte er ein paar Songs von seinem aktuellen Output „III“, wie etwa „Your Silence“ oder das unter dem Banner JYLLAND entstandene „We are“. Für die stillen, ruhigen Momente des Lebens sehr zu empfehlen.

Es sollte nicht lange dauern – ein Umbau war eh nicht vonnöten – und der herbeigesehnte Auftritt der FURYs konnte beginnen, mittlerweile war es auch reichlich voll geworden. Bevor die Musiker sich in Fleisch und Blut sehen ließen, wurde auf der riesigen Leinwand im Hintergrund (übrigens das einzige „Gimmick“, was sich die Niedersachsen leisteten) eine Art Fotoalbum der letzten 30 Jahre aufgefahren. Ja in so einer langen Zeit hat man schon einiges erlebt und einige schräge Situationen und Outfits überstanden. Wer kennt das nicht aus seiner eigenen Vita? Die Band war nie mein absoluter Favourite, obschon einige Songs natürlich zu den gern gehörten Klassikern meiner Jugend gehört haben. Später habe ich sie, die sich nie richtig in Genres einordnen ließen, dann etwas aus den Augen verloren. Verwunderlich aber tatsächlich die Frage eines (älteren!) Kollegen im Fotograben, ob diese Band denn bekannte Songs hätte… was einige verwunderte Blicke erntete. Nun denne, los ging die Reise mit „Dance on the Frontline“, einem von 4 in die Setlist integrierten neuen Tracks der aktuellen und sehr üppig ausgestatteten Best of. Sicherlich dürften die meisten Anwesenden gerade auf die „Klassiker“ gewartet haben, es wurde aber auch schnell deutlich, dass es sich hier nicht um eine abgehalfterte Combo handelt, die für Kohle noch mal mühsam in ihrer musikalischen Schatztruhe gräbt. Nein, die 7 schon etwas angegrauten Herren wirkten spielfreudig wie eh und je, jederzeit authentisch (das Wort kann man hier nicht oft genug verwenden) und mit Begeisterung bei der Sache. So etwas spürt ein Publikum natürlich, alldieweil der Funken sehr schnell übersprang. Lediglich die Location schien den FURYs nicht so ganz geheuer, immer mal wieder gab es Tennis-Jokes („40-15“ anyone?), auch stellte man sich als Boris Becker (Christof Stein-Schneider), Jimmy Connors, Ilie Nastase und Co. vor. Drummer Rainer durfte mit seiner Lockenpracht natürlich die Steffi Graf geben, mich erinnerte er frisurentechnisch allerdings eher an den Werderaner Ex-Fussballer Michael Schulz…

Mit „Radio Orchid“ folgte schnell ein erstes großes Highlight, das darauffolgende „Words“ wurde von einem Akkordeon aufgewertet. „Dancing in the Sunshine of the dark“ präsentierte dann auch mal die etwas „härtere“ Seite der Band. Eine Band, die zwar vor allem „spielen“ möchte, aber auch auf politische Statements nicht verzichtet. So etwa Kritik am Bildungssystem („Warchild“) oder später die klare Ansage gegen AFD und Co. zu „Every Generation got its own diesease“ mit entsprechenden Bildern kleiner Möchtegerndikatoren unterlegt. Dazu gab es wohl nach einem Segeberg-Auftritt eine kritische Email, die Kai absolut passend (aber nicht jugendfrei) kommentierte. Wobei Jugendliche heuer eh so gut wie nicht zu finden waren, die allermeisten Fans sind in Würde mit ihren Heroen gealtert und lagen so zwischen 35 und 60. Es folgte im Mittelteil ein kleiner Block bestehend aus 3 Songs, der ganz vorne auf dem Steg performt wurde. Bzw. im Fall von „Bring me home“ auch IM Publikum, Rainer und Kai wanderten einmal komplett durchs Rund und gaben die sympathischen Stars zum Anfassen. Kurze Zeit später, dann MEIN ganz persönliches Lieblingsstück – „Trapped Today, Trapped Tomorrow“ ist eine wunderbar melancholische Perle, und da musste natürlich lauthals mitgesungen werden. Das einzige Manko dieses Titels: Er ist zu kurz, aber durch etwas Jamming wurde er immerhin deutlich gestreckt. Überhaupt sind viele Songs der Hannoveraner nicht gerade episch (was die Länge angeht), halt einfach präzise, erdig und auf den Punkt gespielt. Eine Besonderheit in der Setlist sollte nun bald folgen, in diesem Falle ein Cover des CURE-Klassikers „Boys don’t cry“, was man zusammen mit Kumpel Löchel zum Besten gab und welches man kaum wiederzuerkennen glaubte. Statt Wave-Tristesse nun also rockige Mannhaftigkeit. Übrigens hat der gute Jan auch für das Akustik-Live-Album „Little Big World“ (VÖ 1.9.2017) das SLAUGHTERHOUSE-Ausgangsmaterial neu arrangiert, hier ist also eine echte Freundschaft entstanden.

So langsam ging es dann auch schon in den sprichwörtlichen 5ten Satz des Abends, gegen 22 Uhr sollte ja dann Schluss sein, und so einige Über-Hits fehlten ja auch noch. „Won’t forget these days“ (natürlich mit Fussball-Fanansage, man ist ja wieder erstklassig), „Revelation“, „Time to wonder“, aber auch das neue und ein wenig prog-rockige „My personal Everest“ wurden in insgesamt 3 Zugabenblocks gepackt, abgerundet schlussendlich vom mehr als atmosphärischen „Seconds to fall“, das uns auf den Weg zum Parkplatz begleitete. FURY IN THE SLAUGHTERHOUSE wurden ihrem Ruf an diesem Abend wieder mehr als gerecht, „value for money“ mit Herzblut zu bieten, dabei mit ihrer Setlist einen echten Spannungsbogen zu erzeugen und immer fan-nah zu wirken. Das können anno 2017 nicht mehr viele Konkurrenten von sich behaupten, und so darf man sich schon auf das bereits angesprochene Wiedersehen in der Region im November freuen…

Setlist FURY IN THE SLAUGHTERHOUSE
Dance on the Frontline
Dead Before I Was Born
Jericho
Radio Orchid
Words
Warchild
Dancing in the Sunshine of the Dark
Things Like This
30 (It’s not easy)
Milk and Honey

When God Goes Home
Then She Said
Bring Me Home

Riding on a Dead Horse
Haunted Head and Heart
When I’m Dead and Gone (MCGUINNESS FLINT)
Trapped Today, Trapped Tomorrow
Cry It Out
In Your Room
Are You Real
Boys don’t cry (THE CURE) (with Jan Löchel)
Every Generation Got Its Own Disease
Won’t Forget These Days

Won’t Forget These Days Reprise
My Personal Everest
Down There

Revelation
Kick It Out
Time to Wonder

Seconds to Fall

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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