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HALDERN POP 2012

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Ort: Rees-Haldern - Reitwiese

Datum: 09.08.2012 - 11.08.2012

Und wieder rückt dieser kleine Ort am unteren rechten Niederrhein ins Rampenlicht für Indiehörer, -kenner und –könner. Die haben sich wieder nach Rees-Haldern aufgemacht, um hier die (zum Teil noch verborgenen) Glanzlichter der Musikszenen live erleben zu können. Längst kein Geheimtipp mehr, längst nicht mehr ganz so familiär, wie es mal war. Dafür immer noch mit viel ländlich-freundschaftlichem Flair. „Ausverkauft!“ hieß es allerdings schon Ende 2011 – ein Schock für alle Langsamplaner. Und immer dann, wenn sich eine Veranstaltung zwischen den beiden Pfeilern gefühlter intimer Runde und Großveranstaltung bewegt, meckern die Stammgäste darüber, dass früher alles besser war. Man muss es den Veranstaltern aber lassen: Auch 2012 wird der spezielle Haldern-Pop-Charakter trotz des Rekord-Zuschauerinteresses mühelos beibehalten.

Donnerstag

Der erste Veranstaltungstag ist schon seit längerer Zeit das Sorgenkind für die Besucher des Festivals. Das Hauptgelände ist dann traditionell noch geschlossen. Mittlerweile zum fast vollwertigen Programmtag angewachsen, herrscht dadurch ein großes Gedrängel vor dem Eingang des Vorgeländes, des Spiegelzelts und der Biergarten-Stage. Letztere nimmt allerdings ein bisschen von der Anspannung aus der Warteschlange, denn zumindest kann auf den Leinwänden verfolgt werden, was da auf der Bühne passiert. Auch die Auslagerung kleinerer Konzerte in die Haldern-Pop-Bar und die Haldener Kirche entzerrt das Szenario etwas, auch wenn hier frühzeitig angestanden werden muss, um einen guten Platz in den kleinen Venues zu ergattern. Dafür erlebt man dann aber seine Indie-Lieblinge wirklich in einer Größenordnung, wie man sie sonst wohl selten findet: LONEY DEAR oder CHINAWOMAN seien hier exemplarisch vorangestellt. Auch die deutsche Indierap-Überflieger KRAFTKLUB wird man so schnell nicht wieder auf einer so kleinen Festivalbühne sehen wie an diesem Donnerstag, wo sie als Überraschungsgäste auftreten durften. THE WAR ON DRUGS stehen zur Primetime auf der Biergarten-Stage und beweisen, dass sie da auch zu Recht stehen: Ihr ursprünglicher Americana-Sound wird durch die vielen Popelemente aufgebrezelt und blankpoliert, sodass beim ersten Hinhören nicht sofort klar ist, wer da überhaupt spielt: „DAS sind THE WAR ON DRUGS?“ Tatsächlich klingt es zeitweilig als hätten U2 den Shoegaze für sich entdeckt: Breitflächig, verpoppt und voller Hall. Nur in gut. CHARLES BRADLEY setzt dann anschließend den Ton für die folgenden Tage. Die James-Brown-Reinkarnation liefert mit seiner Band eine fantastische Show aus Soul, Funk und Rhythm’n’Blues. BRADLEY hat so viel Energie und Liebe zu vergeben, dass das Publikum im übervollen Zelt gar nicht anders kann, als sich darauf einzulassen. Allerdings wird auch deutlich, dass es ein nicht unbedeutender Teil des Publikums nicht gewohnt ist, mit der emotionalen Direktheit von Soul umzugehen. Der Berliner APPARAT beschließt als eine der wenigen elektronisch geprägten Acts einen vielversprechenden ersten Festivaltag mit melancholischem Dreampop und schickt die Besucher stimmungsvoll in ihre Träume – trotz der nächtliche Kühle.

Freitag

Das amerikanische Duo WYE OAK macht nachmittags organisch da weiter, wo am Vortag elektronisch aufgehört wurde: Pop, Folk, Indie wie aus dem Gemischtwarenladen für Verliebte. OTHER LIVES sind definitiv ein früher Höhepunkt des ganzen Festivals. Sie schaffen es, das Publikum bereits am Nachmittag in eine komplett andere, multiinstrumental-verträumte Welt zu befördern. DAN MANGAN hat kurze Zeit später dann das gesamte Gelände routiniert im Griff. Der Kanadier ist ja schon so etwas wie ein Dauergast in Deutschland. Von allen Seiten geliebt, sorgte er erst letztes Jahr für eine weitgehend ausverkaufte Clubtour und abgefeierte Festivalauftritte, bei denen lauthals mitgesungen und gefeiert wurde. MANGAN schafft es immer wieder ohne Larmoyanz zu berühren und das ist auf dem weiten Singer/Songwriter-Feld durchaus keine Selbstverständlichkeit. THEES UHLMANN & BAND ist einfach nur THEES UHLMANN mit Band. Gern gesehen, aber überraschend unspektakulär. Steht ihm gut. TWO DOOR CINEMA CLUB sind die Headliner auf der Hauptbühne an diesem Abend und machen ihre Sache überzeugend. Nur ist da diese Sache, wie BLOC PARTY zu klingen. Daher bleibt die Frage im Kopf, wie viele zackige Indiepop-Bands es noch braucht, bis diese Sparte endlich gesättigt ist. Unverwechselbar sind die Nordiren jedenfalls nicht. JAGA JAZZIST erfüllen dieses Attribut dafür umso mehr. Nach einiger Verzögerung steht das vielköpfige Ensemble zu später Stunde auf Bühne und beeindruckt mit ihrer ungewöhnlichen Mischung aus Krautrock, Instrumental-Elektronik und Jazz. Besonders die Instrumentierung sticht hier hervor: Holz- und Blechbläser dürfen hier Sachen machen, die man so sonst nicht jeden Tag zu hören bekommt.

Samstag

Der letzte Tag steht vor allem im Zeichen der alten Helden: GRANT LEE BUFFALO begeistern mit ihrem altbewährten Grunge-Folk. Sie stachen bereits in den Neunziger Jahren mit Melancholie und der einzigartigen Stimme Grant-Lee Phillips aus der Masse hervor. Schön zu hören, dass neben Phillips‘ Balladen-Könnerschaft (zum Beispiel auch mit Serienbeiträgen für u.a. „How I Met Your Mother“) der letzten Jahre auch noch ein großes Maß an Energie möglich ist. Überraschend frisch und abwechslungsreich gibt es am späten Nachmittag Songs aus allen Schaffensphasen der Band, von denen die vom Debütalbum „Fuzzy“ erwartungsgemäß am meisten abgefeiert werden. Gelungene Reunion Nummer eins. THE AFGHAN WHIGS lassen das Publikum dann mit offenen Mündern zurück. Greg Dully ist auch jenseits seiner Urband als unglaublich intensiver Entertainer bekannt, aber mit seinem Haldern-Set liefert er einen mehr als denkwürdigen Auftritt ab. Bereits beim ersten Song „Crime Scene Part 1“ wird deutlich, dass dieser Abend etwas ganz Besonderes werden wird. Über eine Stunde lang gibt es soulgetränkten Rock, bei dem man sich reihenweise die Rotweinflaschen an den Kopf setzen möchte. In diesem Fall reicht aber auch Festivalbier aus Plastikbechern: Gelungene Reunion Nummer zwei. Außerweltlich! WILCO halten das Niveau formbedingt nicht ganz, aber erfüllen ihre Reputation als eine der besten Livebands dieser Zeit. Eingerahmt werden diese Auftritte von so unterschiedlichen Acts wie der von der Weltmusik-Sensation TUNE-YARDS, die das Publikum mit ungewöhnlichen Sample-Sounds zum Tanzen bringt oder der Psychedelic-Pop-Lieblinge THE MACCABEES.

Mehr noch als in den letzten Jahren war 2012 Abwechslung angesagt. Dieses Potpourri aus den unterschiedlichsten Spielarten steht dem Festival immer noch am besten. Auch die Einbindung mehrerer kleiner Bühnen außerhalb des Geländes macht das Festival zu etwas ganz Besonderem. Auch wenn es organisatorisch noch den ein oder anderen Punkt zu verbessern gibt, gilt das HALDERN-POP zu Recht als eine der besten Indie-Festivals Europas. Rechtzeitig an Tickets für 2013 denken, denn die meisten kommen wieder!

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