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HURRICANE 2010 – TAG 2

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Ort: Scheeßel – Eichenring

Datum: 19.06.2010

Ok, ich gebe es zu. Ich bin ein Weichei. Ich dusche auf Festivals und lasse meine Haare aus Angst vor Erkältungen dann auch noch in geschlossenen Räumen trocknen. Bitte verzeiht mir meine Fehler und den Umstand, dass meinem Memmentum die beiden ersten Bands THE BLACKOUT und LOCAL NATIVES zum Opfer gefallen sind. Immerhin konnte ich dem Gebolze der erstgenannten Waliser akustisch folgen und auch die Kalifornier auf der Blue Stage schafften es mit ihrem Rock-Pop-Mix bis an mein Ohr. Ich war also nach wenig Schlaf bestens auf den HURRICANE-Samstag eingestimmt und so verzärtelt ist unsereins dann doch noch nicht, dass Wettervorhersagen mit 15 °C und Schauern für Nervenzusammenbrüche sorgen würden.

SKINDRED

Immerhin schien sogar die Sonne, als ich um 12.50 Uhr an der Hauptbühne meine Präsenz-Musikbeschallung mit den CrossoverPunks SKINDRED startete. Die Herrschaften um Sänger Benji Webbe würzten ihr wildes Geballer wie bei „Pressure“ vom 2002er Debüt „Babylon“ überdies noch mit einer guten Portion Reggae und auch Hip-Hop-Anleihen durften zur Mittagsstunde nicht am Eichenring fehlen. Wem THE BLACKOUT noch nicht den verkaterten Kopf frei gepustet hatten, erhielt bei dem englischen Quartett erneut Gelegenheit dazu – sofern es die müden Knochen denn schon bis zum Festival-Ground geschafft hatten. Trotz der frühen Stunde hatte Rastamann Benji sein Publikum bestens im Griff und so konnte nicht nur „Roots Rock Riot“ vom gleichnamigen Album aus 2007 mit fetten Gitarrenriffs und viel Zuspruch seitens des Auditoriums abgefeiert werden. Weshalb SKINDRED ihre Spielzeit um zehn Minuten verkürzten, vermag ich nicht zu sagen, die Zugaberufe waren jedoch ein deutliches Indiz, dass die Anwesenden gern noch ein wenig dem fesselnden Sound des Vierers gelauscht hätten.

WE ARE SCIENTISTS

Fliegender Wechsel zur Blue Stage, wo ein großes rotes Backdrop bereits ankündigte, welcher Act als nächstes auf dem Programm stand: WE ARE SCIENTISTS aus dem Big Apple. Die drei „Wissenschaftler“ hatten tags zuvor ihre vierte Langrille namens „Barbara“ in die Plattenläden gebracht und legten mit der ersten Singleauskopplung „Nice Guys“ auch gleich einen einnehmenden Start hin. Sie selbst sagen von ihrer Mucke, sie ähnele einem Rennwagen, der in eine riesige Torte rast: Sie sei aufregend, süß und etwas zermatscht. Dazu gehören zweifelsohne auch druckvolle Schlagzeuggewitter und überhaupt wurde bei den Amis selten Tempo rausgenommen. Weder bei weiterem neuen Stuff wie „Jack & Ginger“ oder „You Should Learn“ und schon gar nicht bei ihrem Indie-Hit „Nobody Move, Nobody Get Hurt“ So durfte ein halbes Stündchen zu den knackigen Schrammelsounds der drei Uni-Kumpels getanzt werden, die vor nunmehr zehn Jahren WE ARE SCIENTISTS aus der Taufe gehoben haben und mit so schrägen Ideen um die Ecke kommen, wie die Schweiz auszustanzen, in die Bahamas zu verlegen und den so entstandenen Hohlraum mit flüssiger Schokolade zu füllen, damit man dort dann Jetski fahren kann. Obwohl… Warum eigentlich nicht?

BIGELF

Noch ist es allerdings nicht so weit und ob BIGELF ähnliche Projekte im Hinterkopf haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Auf jeden Fall fischen die vier Bandmember musikalisch in ganz anderen Gewässern. Die langhaarigen, bärtigen Zausel haben sich Progressive-Metal auf die Fahnen geschrieben, für den Sänger und Gründungsmitglied Damon Fox gleich zwei Orgeln mit Beschlag belegte. Vor der Bühne war zu diesem Zeitpunkt noch nicht viel los; diejenigen, die allerdings schon vor Ort waren, bekamen psychedelische Töne im Seventies-Gewand mit viel Wahnwitz und Spielfreude auf die Mütze. „Painkillers“ zeigte sich da mit viel Schmiss noch recht eingängig, während bei „Blackball“ die Siebziger voll durchschlugen und „Dissapear“ mit seinen eher ruhigen Klängen einen Moment des Durchatmens bot. Zu diesem Zeitpunkt hatte Damon, der nicht am schwarzen Augen-Make-up gespart hatte, sich bereits seines Mantels entledigt, um sich ohne hinderliche Textilien seinen sphärischen Orgelakkorden zu widmen, die auf brachiale Gitarrenfetzen trafen. Für das disharmonische Geschwurbel von „Madhatter“ musste dann allerdings ein feiner Zylinder ran, vielleicht hoffte Mr. Fox, dass die Hurricane-Besucher ihm dann eher verzeihen würden, dass BIGELF wie am Vortag beim Southside den Regen brachten. Noch hielten sich die Niederschläge jedoch im Rahmen, weshalb der letzte Track „Money Machine“ gebührend gewürdigt werden konnte. Die feinen Langäxte ließen Assoziationen zu PINK FLOYD wach werden und auch wenn der Abschluss deutlich gemächlicher als der Start ausfiel, haben BIGELF durchgängig druckvoll agiert und mit ihrem zweiten Festivalgig in Deutschland sicher neue Fans gewinnen können, wobei der eine oder andere auf Nachfrage Handzeichen gab, bereits auf einem Club-Konzert der Kalifornier gewesen zu sein.

FLORENCE AND THE MACHINE

Wer sich fragte, wo denn die Leute alle geblieben waren, wurde um kurz vor 15.00 Uhr an der blauen Bühne fündig. Offensichtlich sind FLORENCE AND THE MACHINE nicht nur daheim in Großbritannien mächtig angesagt. Immerhin hat es das 2009er Debüt von Miss Florence Welch auch bei uns bis auf # 55 gebracht und wer von seinen Kompositionen sagt, es sei „die Musik, die Lily [Allen] oder Kate [Nash] machen würden, wenn sie eingeschlossen in einem Käfig voller Schlangen im Keller eines Beerdigungsinstituts in Louisiana aufgewachsen wären („She makes the kind of music Lily or Kate would make if they’d grown up locked in a cage full of snakes in the basement of a Louisiana funeral home)“, darf mit Aufmerksamkeit rechnen. Der erste Song „Howl“, für den Florence auf eine große Trommel eindrosch, war zweifelsohne auch sehr vielversprechend, auf Dauer ist allerdings der bisweilen sehr verklärte Elfengesang wie bei „Cosmic Love“ nicht unbedingt meine Welt. Wie der Name schon versprach, wartete der „Drumming Song“ dafür mit sehr präsentem Schlagwerk auf und auch der Vorgeschmack „Strangeness & Charm“ aufs neue Album hatte seine schönen Indie-Pop-Seiten, was auch für das finale „Rabbit Heart (Raise It Up)“ galt, zu dem noch einmal getanzt werden konnte.

COHEED & CAMBRIA

Auf den Dancefloor gehört der Output von COHEED & CAMBRIA nun nicht unbedingt. Vielmehr machen die New Yorker Progressive Rock, der auch deutlich hörbare Anleihen im Metal und Indie-Rock macht. Erzählt wird die momentan vierteilige (weil es entsprechend auch vier Alben gibt) Science-Fiction-Geschichte um das Ehepaar Coheed und Cambria Killgannon, das der Band nicht nur den Namen verliehen hat, sondern auch auf dem großen Backdrop zu sehen war. Auf die Comics, die bei COHEED & CAMBRIA die Songs begleiten, musste am Eichenring zwar verzichtet werden, dafür gab es jedoch wirklich erstklassigen Prog Rock, der eine düstere Stimmung verbreitete, zu welcher der hohe Gesang von Sänger und Gitarrist Claudio Sanchez im spannenden Dialog stand. Es gab fette Gitarrenriffs auf die Ohren, während mit viel Tempo nach vorn gerockt wurde und Lockenkopf Claudio seine Langaxt auch schon mal mit dem Gitarrencase statt mit den Fingern bearbeitete.

ELEMENT OF CRIME

Nach meiner gewerkschaftlich angeordneten Arbeitspause (inzwischen sind auf dem Hurricane nicht nur Viva Con Agua mit ihrem Pfandbecher-für-den-Brunnenbau-Projekt vertreten, sondern auch die Gewerkschaft verdi hatte neben zahlreichen anderen sozialen und gesellschaftlichen Institutionen sowie Shops wie H&M eine Dependance), kehrte ich um 17.30 Uhr zur Blue Stage zurück, wo die von mir über alles geschätzten ELEMENT OF CRIME ein Stelldichein gaben. So recht passten Sven Regener & Co. zwar nicht zum übrigen Line Up, aber wen interessiert das schon bei so wunderbarer Musik mit derart fantastischen Texten? Natürlich hatte der gebürtige Bremer Regener, der auch als Autor („Herr Lehmann“) erfolgreich ist, seine Trompete mitgebracht, die wesentlichen Anteil an der ganz besonderen Stimmung des EOC-Sounds hat. Seit dem letzten Jahr haben die vier Berliner live außerdem noch einen Violinisten dabei, der beim ruhigen Opener bereits gekonnt agierte und beim rhythmusbetonten „Immer unter Strom“ glänzen konnte, ehe „Kopf aus dem Fenster“ vom letztjährigen zwölften Studio-Longplayer mit fettem Gefrickel, das umgehend ins Bein ging, für Schwung sorgte. Altmeister Sven Regener gab sich gewohnt schnodderig und bewies mit dem melancholischen „Am Ende denk ich immer nur an dich“ oder auch „Im Himmel ist kein Platz mehr für uns zwei“, welche Güte seine Texte seit nunmehr 25 Jahren haben. Zu „Deborah Müller“ gesellte sich dann sogar die Sonne – perfektes Timing, denn bei aller Schwermut macht die Nummer einfach Spaß, was von Svens grandioser Trompeten-Einlage nur noch unterstrichen wurde. Ebenso wenig wie das blitzende Blechinstrument durften auch die „Romantik!“-Rufe des Frontmannes fehlen, dem zum eindringlichen „Death Kills“ auch noch entsprechende „Death“-Schreie entfuhren, womit er sich sicherlich in der Hardcore-Liga qualifizieren könnte. Mit Liedern wie „Bleib bei mir“ oder „Über dir der Mond“ sind ELEMENT OF CRIME allerdings schon geradezu überqualifiziert. Insbesondere die Slide-Guitar von Jakob Friderichs und die Geige bestachen hier, während Sven bei „Kaffee und Karin“ erneut zur Trompete griff und getrost ein wenig geschunkelt werden durfte, um auf der Zielgeraden mit „Immer da wo du bist bin ich nie“ und dem Track „Delmenhorst“ vom fünf Jahre alten „Mittelpunkt der Welt“ einen beschwingt-tanzbaren Abschluss der 55-minütigen Lehrstunde in Sachen guter deutscher Musik abzuliefern.

Setlist ELEMENT OF CRIME
?
Kopf aus dem Fenster
Am Ende denk ich immer nur an dich
Deborah Müller
Immer unter Strom
Im Himmel ist kein Platz mehr für uns zwei
Death Kills
Bitte bleib bei mir
Kaffee und Karin
Über dir der Mond
Immer da wo du bist bin ich nie

Delmenhorst

SKUNK ANANSIE

Nebenan auf der Green Stage hatten sich seit einer halben Stunde SKUNK ANANSIE zurück gemeldet, die im letzten Jahr anlässlich ihrer Wiedervereinigung das Best-Of „Smashes And Trashes“ rausgebracht hatten, auf dem auch drei neue Songs der britischen Alternative-Rocker zu hören sind. Als ich die Bühne erreichte, crowdsurfte die glatzköpfige Skin zu den Klängen des SA-Hits „Weak“ gerade über den Köpfen der Menge, um wieder auf der Bühne angekommen gleich den nächsten Smasher „Hedonism (Just Because You Feel Good)“ hinterher zu schicken. Da machte es auch nichts, dass es ein wenig nieselte. Zum druckvollen „Cheap Honesty“ wird Skin ihr metallisch glänzendes Oberteil, das eine Mixtur aus Pharanonen- und Grace-Jones-Look war, vermutlich nicht wegen der nassen Witterung ausgezogen haben, sondern weil es der stimmgewaltigen Fronterin bei ihrer Bühnenshow ganz einfach warm geworden ist. SKUNK ANANSIE ließen es tatsächlich amtlich krachen, selbst bei ruhigeren Stücken wie „Brazen (Weep)“. Miss Deborah Anne Dyer hatte eh Hummeln im Hintern, so wie die Dame über die Bühne fegte und sich am Ende noch einmal erfolgreich im Crowdsurfen versuchte.

PORCUPINE TREE

Der nächste Act auf der Hauptbühne war Steve Wilson mit seiner 1987 gegründeten Band PORCUPINE TREE. Der „Stachelschweinbaum“ steht seit mehr als zwei Jahrzehnten für feinsten Prog Rock mit einem Hang zu psychedelischem Trip-Hop und progressivem Metal, dem eine starke Melodiearbeit bei hoher Detailverliebtheit einhergeht. Dazu passend gab es auf den Videowalls bezugnehmende Einspieler und Installationen zu sehen, die unter anderem auch die frickeligen Bassläufe des „Hatesongs“ begleiteten. Zu den Explosionen auf den Leinwänden gesellten sich wahre Instrumentalgewitter und ein absolut fesselnder Sound, der unter die Haut ging. Schnelle und langsame Passagen wechselten sich ab und mit „Lazarus“ wurde es sogar ein bisschen poppig, um wenig später wieder in Stakkatoklänge zu versinken, die es beim abschließenden „Blackest Eyes“ noch einmal wie der Teufel krachen ließen. Sogar das JACK JOHNSON-Publikum schien Gefallen an dieser Prog-Rock-Perle gefunden zu haben, denn nach anfangs eher leeren Rängen, hatten sich an der Green Stage doch deutlich mehr Zuschauer eingefunden, die mit wirklich erstklassiger Musik in bester Akustik belohnt wurden.

ARCHIVE

Schnell wieder rüber zum zweiten Außenposten, wo mich erneut gähnende Leere erwartete. Während zeitgleich bei FRITTENBUDE das neu hinzugekommene (und von mir sträflich vernachlässigte) zweite „weiße“ Zelt von den unzähligen Fans auseinander genommen zu werden drohte und das Programm deshalb dort für den Rest des Abends abgesagt werden musste (FRITTENBUDE, EROL ALKAN und BOYS NOIZE haben aber schon zugesagt, die verpassten Auftritte 2011 nachzuholen), hielt sich die Begeisterung für ARCHIVE zur besten Prime Time in überschaubaren Grenzen. Vielleicht hatten die Festivalbesucher die Engländer ähnlich wie ich fälschlicherweise ins weite Feld der britischen Indie-Bands verortet, die zwar ganz nett, aber nicht unbedingt besonders spannend sind. Ein böser Fehler, wie sich alsbald herausstellen sollte, denn ARCHIVE ließen es richtig krachen! Die Briten haben sich nämlich zwischen Elektronik und progressivem Rock, Hip-Hop und akustischen Songwriting
ein ganz eigenes musikalisches Universum geschaffen, welches besonderen Gesetzmäßigkeiten gehorcht. Im Spannungsfeld zwischen Melodie und Noise schufen ARCHIVE eindrucksvoll Platz für Rockgitarren und Rap, sorgten Synthesizer für vertrackte Beats und Sechssaiter für kompromisslose Geradlinigkeit. Mit neun Mitgliedern können ARCHIVE fast eine Fußballmannschaft stellen und wer gleich vier Sangeskünstler in seinen Reihen hat, beweist schon auf den ersten Blick, dass nichts Alltägliches zu erwarten ist. Was als hypnotischer Stakkatosound begann, wandelte sich mit „Pills“ alsbald Richtung Eighties-Electro, um beim frickeligen „Sane“ auch noch die Sechziger mit viel Drive und Klasse aufleben zu lassen. Während reihum ein anderer Sänger bzw. eine andere Sängerin das Mikro übernahm, krochen die Lieder mal sich langsam windend, dann wieder sehr treibend ins Hirn, um sich dort fest zusetzen. Titel wie „You Make Me Feel“ und „Kings of Speed“ durften in diesem Zusammenhang wörtlich genommen werden – zweifellos meine Entdeckung des Hurricanes 2010!

STONE TEMPLE PILOTS

Währenddessen zählen die STONE TEMPLE PILOTS aus San Diego zu den Begleitern meiner Jugend und dürfen sich mit weltweit mehr als 40 Millionen Langrillen als eine der erfolgreichsten Rockbands der Neunziger betrachten. Nach der Band-Auflösung im Jahr 2003 haben die Brüder Dean (Gitarre) und Robert (Bass) De Leo sowie Scott Weiland (Vocals) und Drummer Eric Kretz vor zwei Jahren wieder zusammengefunden. Jüngst hat der Vierer auch eine selbstbetitelte neue Platte in die Läden gebracht, die viel Lob geerntet hat und auch live konnte die kalifornische Antwort auf den Seattle-Grunge zeigen, dass sie nichts verlernt hat. Dem 42-jährige Scott Weiland sah man seine (überwundenen) Heroin-Eskapaden in seinem chicen Anzug nicht an und wie er da mit seinem Megaphon am Bühnenrand poste, war klar, dass er seine Rampensau-Qualitäten auch bei seinem Ausflug zu VELVET REVOLVER nicht verloren hat. 2010 ist bei den STONE TEMPLE PILOTS mehr denn je Oldschool Rock’N’Roll angesagt, hier und da blitzte gelegentlich der gute alte Grunge durch – schlicht und ergreifend wohlschmeckende Hausmannskost ohne unnötiges Beiwerk oder anders gesagt: zeitlose Musik, der man so schnell nicht überdrüssig wird, auch wenn Scotts Bühnenshow ein wenig beim Kollegen Mike Patton geklaut wirkte, der ein Jahr zuvor mit FAITH NO MORE an gleicher Stelle alle Register gezogen hatte.

THE XX

Die Mitglieder von THE XX, die jetzt auf der Blue Stage antraten, sind allesamt noch so jung, dass sie die Kinder der STONE TEMPLE PILOTS sein könnten. Allerdings eher im biologischen denn im musikalischen Sinne, denn stilistisch sind die Londoner dem Indie-Pop-Rock zuzuorten, der irgendwo zwischen MAZZY STAR, THE CURE und MY BLOODY VALENTINE zuhause ist. Vor fünf Jahren gegründet, sind die Jungs im letzten Jahr mit ihrem Debüt „XX“ groß rausgekommen, wobei allerdings Keyboarderin und Gitarristin Baria Qureshi im harten Show-Biz auf der Strecke blieb und schließlich ihren Austritt aus der Band erklärte. Jetzt sind die Herrschaften also zu dritt unterwegs und enterten in dieser Formation auch zu einem sphärischen Intro ihren X-förmig gestalteten Arbeitsplatz für die nächste Stunde, um alsbald „Crystalised“ unter die Haut kriechen zu lassen. Auch „Heart Skipping A Beat“ zauberte eine melancholisch-mystische Stimmung. Für das gleichförmige „VCR“ werden sich THE XX bei DAVID BOWIEs „Heroes“ bedient haben, was jedoch nicht weiter schlimm wäre, wenn der Songaufbau bei THE XX nicht grundsätzlich immer gleich wäre. Deshalb klang nicht nur das KYLA-Cover „Do You Mind?“ irgendwie ganz ähnlich. Möglicherweise war es im einstelligen Celsius-Bereich auch schlicht und ergreifend zu kalt für diese getragene Art der Musik. Nach einer Stunde des Stillstehens und bedächtigen Zuhörens war deshalb erst einmal wieder Bewegung angesagt.

BILLY TALENT

Wobei diese zunächst so aussah, dass ich mir einen Weg durch die Menge „schlagen“ musste. So ziemlich jeder der 70.000 Festivalbesucher schien sich vor der Hauptbühne eingefunden zu haben und ich hatte mir in den Kopf gesetzt, einmal quer durch die Masse ans andere Ende zum Pressezelt zu gelangen. Kein leichtes Unterfangen, aber langjährige Übung macht sich einfach irgendwann bezahlt. Dieses Unterfangen ging natürlich eindeutig zu Lasten meiner Aufmerksamkeit Richtung Stage, wo sich die Kanadier von BILLY TALENT einmal durch ihre Alternative-Rock-Discografie spielten. Die ist der Einfachheit halber ja mit I bis III durchnummeriert, was möglicherweise auch schon mal zu kleinen Patzern führen kann. Oder sollte es Absicht gewesen sein, dass als Zugabe noch einmal „Devil On My Shoulder“ und „Red Flag“ gespielt wurden? Ok, Fronter Ben Kowalewicz trug in der Verlängerung ein Fußball-Trikot, das er vorher noch nicht anhatte, aber das änderte nichts daran, dass BILLY TALENT eigentlich genug Songs haben, um auf Wiederholungen verzichten zu können. Vielleicht habe ich mir das aber auch nur eingebildet, da meine Aufmerksamkeit von der exekutiven Staatsmacht beansprucht wurde, die später noch ins Discozelt ausgeführt werden wollte und zudem als obdachloser und schlüsselloser Nachbar um Asyl bat.

MASSIVE ATTACK

Zuvor galt es jedoch MASSIVE ATTACK zu huldigen, die seit mehr als 20 Jahren als Trip-Hop-Pioniere das gesamte Genre beeinflussen. Der passende Ort für dergleichen ist beim Hurricane die Blue Stage, wo es zur beeindruckenden Lightshow mit zehnminütiger Verspätung auch gleich in die Vollen ging. Für „Babel“ vom brandaktuellen fünften Studio-Langspieler „Heligoland“ wurde Martina Topley-Bird, die auch bei den Plattenaufnahmen dabei war, hinzugeholt, um dann mit dem sphärischen „Risington“ zu kühlem, blauem Licht jene verwobenen Songstrukturen zu schaffen, die zu den Spezialitäten von MASSIVE ATTACK zählen. Anders als auf dem Silberling gab’s für das fette „Girl I Love You“ in der Live-Variante männliche Vocals, die mir auch mehr zusagen als der manchmal zu zuckrige Gesang der guten Martina Topley-Bird, die beim extrem entschleunigten „Psyche“ wieder an der Reihe war. Mit „Future Proof“ vom 2003er „100th Windows“ änderte sich dies wieder, bevor „Teardrop“ für wohlige Schauer sorgte. Mit dieser Nummer vom 1998 erschienenen „Mezzanine“ haben sich MASSIVE ATTACK ihr eigenes Denkmal gesetzt und dieses Lied hätten die Engländer meinetwegen auch zweimal zum Besten geben können. Stattdessen legten die Trip-Hopper jedoch mit „Safe From Harm“ einen weiteren Gänsehaut-Hit nach, dem das orientalisch anmutende „Inertia Creeps“ folgte. Mit dem feinen „Unfinished Sympathy“ vom ersten Longplayer „Blue Lines“ aus 1991 ging es noch einmal ganz weit zurück in die MA-Discografie, ehe „Atlas Air“ das einnehmende Konzert mit frischer Ware um kurz nach zwei Uhr beendete.

Setlist MASSIVE ATTACK
United Snakes
Babel
Risingson
Girl I Love You
Psyche
Future Proof
Teardrop
Mezzanine
Angel
Safe From Harm
Inertia Creeps
Splitting The Atom
Unfinished Sympathy
Atlas Air

An Schlaf war längst noch nicht zu denken und so ging’s noch auf ein Feierabend-Bierchen und etliche Tänze ins rappelvolle Discozelt. Um kurz nach fünf wurde es dort jedoch auch langsam leerer und da plötzlich das Problem eines verlorenen Schlüssels zu klären war, wurde die Veranstaltung Richtung Auto und Zelt verlegt, schließlich stand ja noch der Sonntag mit allerhand Bands vor der Tür bzw. bat er mehr oder weniger schon um Einlass, denn die Dunkelheit der Nacht war schon längst passé.

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