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IN EXTREMO (“STERNENEISEN” LISTENING SESSION)

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Ort: Hamburg – King Cavalera

Datum: 20.01.2011

IN EXTREMO haben zum Musikhören geladen: Rund einen Monat vor der offiziellen Veröffentlichung stellen sie im King Cavalera auf St. Pauli schon einmal das neue Album „Sterneneisen“ vor, das am 25. Februar in den Läden stehen wird. Die Band gibt sich alle Mühe, das Date mit den verschiedenen Medienvertretern zu einem gemütlichen Abend werden zu lassen – Sänger Michael Rhein, auch bekannt als „Das letzte Einhorn“, ist mit einem Tablett voll großzügig eingeschenkter Wodka-Gläser unterwegs. Also erstmal anstoßen. Und dann: Platte hören.

IN EXTREMOS letzter Streich, „Sængerkrieg“, erschien 2008 und brachte der Band das erste Nummer-1-Album ihrer inzwischen über fünfzehnjährigen Geschichte. Keine Frage, es hat sich für sie ausgezahlt, sich vom Mittelaltersound zu lösen und mehr in Richtung Metal zu gehen. Schon „Mein rasend Herz“ von 2005 vertraute mehr auf straighten Rock als auf die früher so stilprägenden Dudelsäcke, Drehleiern und Trumscheite. Wenn man den Internet-Kommentaren trauen kann, wünscht sich ein großer Teil der langjährigen Fans den vertrauten Sound zurück. Aber einmal davon abgesehen, dass man als Musiker in seiner Entwicklung ja nicht stehen bleiben will – angesichts des Erfolgs von „Sængerkrieg“ besteht für IN EXTREMO kein Anlass, den einmal eingeschlagenen Weg wieder zu verlassen.

Und das haben die glorreichen Sieben auch nicht getan. „Sterneneisen“ beginnt mit einem Schlachtruf: „Freiheit ist, was wir lieben“ skandiert das Einhorn in „Zigeunerskat“, und passend dazu ist das Musikbett hymnisch, mächtig, aufrüttelnd. Ein perfekter Start. „Gold“, der zweite Song, schlägt in dieselbe Dynamikkerbe, wenngleich der solide Metal zwar kraftvoll, aber doch eher unauffällig gerät. „Viva la vida“ beginnt eher untypisch, kommt aber beim melodiösen Refrain hübsch in Fahrt; mit rauer Stimme blickt das Einhorn zum „Säufermond“ empor und feiert die irdischen Freuden. Dann zur Abwechslung mal eine Ballade: „Siehst du das Licht“ kommt mit einem echten Powerrefrain daher, und in dem langen, hypnotischen Zwischenspiel treten endlich auch die Dudelsäcke mal wieder ein bisschen mehr in den Vordergrund. Das ist auch gut so – denn auch wenn die großartig kratzige Einhorn-Stimme einen gewissen Wiedererkennungswert garantiert, ist IN-EX-Metal ohne Mittelalterelemente zwar kraftvoll, energiegeladen und handwerklich hervorragend gemacht, unterscheidet sich aber doch nicht gravierend vom Sound zahlreicher anderer Bands, die im gleichen Revier wildern.

Andererseits haben Songs wie „Stalker“ auch beste Wacköööön-Qualitäten: Auf einen schönen, druckvollen Anfang folgt noch einmal eine kräftige Temposteigerung im Refrain. Das rockt. Wesentlich mehr als die nächste Nummer jedenfalls, die aber dessen ungeachtet garantiert für Schlagzeilen sorgen wird: Bei „Hol die Sterne“ singt „Der Graf“ mit. Dieser Unheiligen Allianz entsprechend wurde der ganze Track ein bisschen mehr in Weichspüler getaucht, und man fragt sich natürlich schon, ob IN EXTREMO damit die Hoffnung verbinden, demnächst auch wie kürzlich der Herr Graf bei Carmen Nebel im Fernsehen auftreten zu dürfen. „Hol die Sterne – aus der Ferne“ reimen Graf und Einhorn, ohne rot zu werden … immerhin, generell liegen die Texte des neuen Albums auf einem etwas höheren Niveau als zuletzt auf „Sængerkrieg“. IN EXTREMO waren noch nie die größten Lyriker vor dem Herrn und sich nie zu schade, im Zweifelsfall ungehemmt auf „Herz-Schmerz“- und „Sonne-Wonne“-Reime zurückzugreifen, eine Schwäche, die nach einem recht gut gelungenen Einstieg in der Albummitte nun doch wieder durchschlägt. Das zeigt sich auch beim Titelsong „Sterneneisen“. „Wenn wir auf den Sternen reisen“, tönen IN EXTREMO, und der Hörer ahnt schon, die nächste Zeile wird auf „beweisen“ enden – was sie prompt auch tut.

Andererseits: Das ist hier ja kein Lyrik-Wettbewerb, sondern ein Metal-Album, und wenn sich die sieben Herren ähnliche Plattitüden auf Englisch erlaubten, würde das niemanden stören. Außerdem hätte man die ganze „Sterneneisen“-Geschichte, die unter anderem auch auf die Schwerter Bezug nimmt, die den alten Legenden nach aus Meteoritenmetall geschmiedet wurden, auch richtig bombastisch nach MANOWAR-Manier aufarbeiten können, und da halten sich IN EXTREMO dann doch angenehm zurück. Also lieber mal wieder auf die Musik konzentrieren, denn die Mischung aus hart und melodiös ist gut gelungen, und der Titel wartet zudem mit einem schönen Percussion-Interlude auf.

„Zauberspruch No. VII“ knüpft, wie der Titel schon erwarten lässt, tatsächlich wieder etwas an alte Traditionen an – Dr. Pymontes Harfe setzt Einhorns gequälten Gesang perfekt in Szene. Und bei „Auge und Auge“ ertönen wieder mehr Dudelsäcke: Beklemmend rahmen sie die Gedanken eines zum Tode Verurteilten ein, der zum Ticken einer Uhr über den Mord nachgrübelt, den er begangen hat – ein eindrucksvoller, gelungener Song, der ebenso wie das folgende „Schau zum Mond“ durch ein differenziertes, gutes Arrangement besticht. Für „Unsichtbar“ hat die Band dann den KREATOR-Sänger Mille Petrozza mit ins Boot geholt, und entsprechend kracht es nun wieder ordentlich. Was hier aber vor allem auffällt, ist das ausgezeichnet tight gespielte Schlagzeug von Specki T.D., ehemals bei der LETZTEn INSTANZ, der für den Morgenstern zu den Extremen gewechselt ist, und der an der Power und Energie der gesamten Platte einen ganz entscheidenden Anteil hat. Eine letzte Feuerzeug-Ballade noch: In „Ich vermiss dich“ gibt das Einhorn überzeugend den einsamen Wolf. Und dann ist „Sterneneisen“ unvermittelt zu Ende. Und auch wenn es schwer fällt, nach einmaligem Hören ein vernünftiges Fazit zu ziehen, so lässt sich zumindest das Eine sagen: Sie so angenehm abwechslungsreich ausgefallen, dass man durchaus Lust gehabt hätte, noch ein paar mehr Stücke zu hören.

Nach dem offiziellen Teil ist noch Zeit für ein bisschen Party und Gespräche. Schlagzeuger Specki zeigt sich ausgesprochen gut gelaunt, Basser Lutter eher zurückgezogen und ruhig. Einhorn Michael plaudert einen Augenblick über Hamburg, eine Stadt, die ihm gut gefällt, bevor er ein wenig von der Fotosession fürs Albumcover erzählt: Es habe großen Spaß gemacht, in die Fliegerklamotten der Zwanzigerjahre zu steigen und das Konzept mit dem historischen Flugzeug zu entwickeln. Auch eine Art, nach den Sternen zu greifen.

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