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KETTCAR – DAS PARADIES

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Ort: Bielefeld – Ringlokschuppen

Datum: 09.02.2018

achdem KETTCAR bereits im vergangenen November in kleinem Kreis in Lemgo gespielt hatten, kehrten die Hamburger Indie-Veteranen an diesem Freitag nach langer Zeit mal wieder in den Bielefelder Ringlokschuppen zurück. Waren die Herren bislang im kleineren Saal zu Gast, hatten sie für diese Gelegenheit das größte Etablissement in dem alten Industriegemäuer reserviert und konnten dort mehr als 2.000 Fans begrüßen. Im vergangenen Jahr hat das Quintett die fünfte Studioplatte „Ich vs. Wir“ veröffentlicht und mit der Position 4 den bisher größten Chart-Erfolg gefeiert (wenngleich die drei vorherigen Platten auch jeweils in der Top Five gelandet waren). Ein Blick in die Runde bewies dann auch, dass bereits die nächste Generation Fans am Start ist und DAS PARADIES auf Erden zeigte sich den nachwachsenden Anhängern nicht nur in Form eines wunderbaren KETTCAR-Konzertes, sondern auch in der Gestalt von drei Herrschaften, die den Abend eröffneten.

DAS PARADIES ist nämlich ein Trio, bestehend aus Gitarrist/ Sänger, Schlagzeuger und Keyboarder. Demzufolge war der Bühnenaufbau recht minimalistisch gestaltet. Musikalisch erinnerte die Indie-Pop-Band ein wenig an die ruhigen Momente von BOSSE oder VON WEGEN LISBETH. Insgesamt außergewöhnlich ruhiger Elektro-Pop mit einem Herrn an den Tasten, der den Kennern des Hauses Grand Hotel van Cleef nicht unbekannt gewesen sein dürfte. Handelte es sich doch um Simon „Sir Simon Battle“ Frontzek, der nicht nur mal Keyboarder bei TOMTE war, sondern in Berlin als sehr umtriebiger Produzent arbeitet.

Womit wir auch gleich wieder bei Marcus (Gesang & Gitarre) und Lars (Keys & Gesang) Wiebusch, Christian Hake (Drums), Erik Langer (Gesang & Gitarre) und Reimer Bustorff (Bass & Gesang) sind. Die haben ihren aktuellen Silberling nämlich u.a. im Sir Simon Studio aufgenommen und die Idee zum letzten Song auf diesem Album, „Den Revolver entsichern“, hatten sie auf Simons Sofa. Heute war es dann auch genau dieses Stück, das den grandiosen Konzertabend beendete, doch zuvor erlebten die Anwesenden rund 100 energiegeladene Minuten. Gleich zu Beginn nahmen die Hanseaten das Auditorium mit auf eine Rundfahrt durch Hamburg, denn „Trostbrücke Süd“ eröffnete die Setlist und wurde von einer Bustour durch die Stadt an der Elbe begleitet, die auf den sieben Video Panels im Hintergrund zu sehen war. Nach diesem Auftakt mit neuem Material, folgte ein abwechslungsreicher Ausflug in ältere KETTCAR-Gefilde, ehe das viel diskutierte „Sommer’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ ins Hier und Jetzt (oder eben ins Jahr 1989) zurückkehrte. Dieser Track passte auch deshalb so gut, weil gerade vier Tage zuvor die Mauer genauso lang weg war, wie sie Deutschland geteilt hat. Die Teilung in den Köpfen scheint allerdings nicht so schnell zu beseitigen zu sein wie Beton und Stacheldraht. Das Video zu diesem eindrucksvollen Lied ist im Übrigen in Ostwestfalen-Lippe entstanden. Genauer gesagt mit Studierenden der Fachhochschule OWL, weshalb es auch als kleines Dankeschön den bereits erwähnten intimen Gig in Lemgo gegeben hatte. Nicht ganz so privat ging es in der großen Halle des Ringlokschuppens zu, aber natürlich durfte hier der Emo-Block nicht fehlen, der aus drei Liebesliedern am Stück bestand. Den Anfang machte das „gute“ Liebeslied „Rettung“ vom 2012er „Zwischen den Runden“, bei dem Marcus anfangs Texthänger hatte, aber der Song lehrt ja, des man jemanden nicht nur bei Sonnenschein liebt, sondern auch, wenn er seinen Text vergisst oder betrunken nach Hause geschleppt werden muss. Das „böse“ Liebeslied schloss sich mit dem immer noch fantastischen Klassiker „48 Stunden“ vom zweiten Album „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“ aus 2005 an, bevor mit „Balu“ der große Mitsing-Moment gekommen war. Im Hintergrund funkelten Sterne auf den Leinwänden und die Musiker wurden mit reichlich Beifall belohnt, bevor selbige mit „Benzin und Kartoffelchips“ wieder Gas gaben. Für die Wiederholungstäter im Publikum stand mit „Tränengas im High-End-Leben“ ein hymnischer Stomper auf dem Programm, während „Kein Außen mehr“ (2005 auf „Sylt“ veröffentlicht) auf den Indie-Dancefloor bat und es mit „Im Taxi weinen“ bis an die Anfänge der Band zurückging. 2002 erschien dieser Song auf dem Debüt „Du und wieviel von deinen Freunden“, von dem auch die Evergreens „Ich danke der Acedemy“ und die Hamburg-Hymne „Landungsbrücken raus“ im ersten Zugabenblock stammten. Hier gab es auch „Der Tag wird kommen“ zu hören, das Marcus Wiebusch als Zeichen gegen Homophobie im Fußball für seine 2014er Solo-Langrille „Konfetti“ geschrieben hat. Traditionell ist Fußball bei GHvC, jenem Label, das Marcus, Reimer und Thees Uhlmann 2002 zum Zwecke der Veröffentlichung von „Du und wieviel von deinen Freunden“ und TOMTEs drittem Longplayer „Hinter all diesen Fenstern“ gegründet haben, ein großes Thema, weshalb es auch nicht wundert, dass „Mannschaftsaufstellung“ Nationalismus im Fußball anprangert bzw. entsprechende Allegorien zum Verhalten von AfD-Spacken und ähnlichen Dumpfbirnen findet. Damit konnten KETTCAR auch die Reporterlegende Manni Breuckmann überzeugen, der dem Intro seine Stimme leiht. Durchdrehen für „Deiche“ verlangten die Hauptprotagonisten des Abends schließlich am Ende des regulären Sets und natürlich wurde dieser Klassiker und Bewegungsgarant ausgiebig abgefeiert.

So verging die Zeit wie im Flug, auch wenn es nicht ganz die dreieinhalb Stunden waren, von denen Herr Wiebusch sprach. Man ließ sich aber nicht lumpen, legte noch ein ordentliches Zugabenpaket oben drauf und so gab es dank einer ausgeklügelten Songauswahl –fast- (ein paar Spezialwünsche hat vermutlich jeder) nichts zu vermissen, wofür auch die zufriedenen Gesichter der zahlreichen Fans sprachen, die kurz vor 23 Uhr in die kalte Nacht strömten, so sie denn nicht mehr die Indie-Disco im Ringlokschuppen mitnehmen wollten. Ein gelungener Start ins Wochenende, die auch noch 17 Jahren keinerlei Alterungserscheinungen zeigt!

Setlist KETTCAR
Trostbrücke Süd
Balkon gegenüber
Graceland
Money Left To Burn
Sommer’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)
Wagenburg
Rettung
48 Stunden
Balu
Benzin und Kartoffelchips
Tränengas im High-End-Leben
Kein Außen mehr
Im Taxi weinen
Mannschaftsaufstellung
Ankunftshalle
Deiche

Auf den billigen Plätzen
Der Tag wird kommen (MARCUS-WIEBUSCH-Song)
Ich danke der Academy
Landungsbrücken raus

Den Revolver entsichern

Copyright Fotos: Sascha Uding

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