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KETTCAR – TORPUS & THE ART DIRECTORS

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Ort: Bielefeld – Ringlokschuppen

Datum: 10.03.2012

“KETTCAR – Hamburg” waren die lapidaren Worte, mit denen Marcus Wiebusch seine Kapelle dem nahezu vollbesetzten großen Saal des Bielefelder Ringlokschuppens vorstellte. Viel mehr Informationen brauchte es allem Anschein nach aber auch gar nicht, denn nach eigenem Bekunden war die Band, die sich Anfang 2001 in der Hansestadt gegründet hat und aus der auch das Kult-Label Grand Hotel van Cleef hervorgegangen ist, weil ein Jahr später niemand das Debüt „Du und wie viel von deinen Freunden“ veröffentlichen wollte, bereits zum geschätzten achten Mal in Bielefeld und konnte auch deshalb nicht wenige Wiederholungstäter im Auditorium zählen. Seit einem Monat ist der vierte KETTCAR-Longplayer „Zwischen den Runden“ in den Plattenläden, der wie seine beiden Vorgänger „Sylt“ aus 2008 und das sieben Jahre alte „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“ bis auf Platz 5 der Charts vorrücken konnte. Man durfte also gespannt sein, wie sich die neuen Songs live machen würden und hatte zuvor noch das Vergnügen mit einem weiteren Vertreter hanseatischer Musik, der auf den Namen TORPUS & THE ART DIRECTORS hörte.

Nun standen bei den fünf Herren und der Dame keine Waterkant-Shanties auf dem Programm, sondern moderner Folk, den es übrigens im letzten Herbst bereits als Support für das YOUNG REBEL SET auf der Bühne zu sehen und zu hören gab. Heuer hatten Bandleader Sönke Torpus (Songs, Gitarre, Gesang, Mundharmonika) und seine ART DIRECTORS ihren zehnten und letzten Abend mit KETTCAR und starteten selbigen pünktlich um 20.00 Uhr mit ihren Tracks „Known, Seen, Jugded“ #2 und #1. Geboten wurde mehrstimmiger Gesang, bei dem auch schon mal die gesamte Truppe involviert sein konnte (nur Drummer Felix Roll hielt sich ein bisschen zurück) und die Stage in stimmungsvolles Licht getaucht wurde, was hervorragend zum Style der Mucke passte. Ove Thomsen wechselte munter zwischen Harmonium, Banjo und Trompete, während Kollegin Jenny Apelmo für das flotte „Noise Is The Honesty“ ihren Kontrabass zur Seite legte und den E-Bass zupfte. Die Nummer war eine Vorschau auf das kommende Album, für das man die letzten zwei Monate im Studio war und von dem es am Merch auch so etwas wie eine Vorab-EP zu kaufen gab. „On The Roundabout“ war hingegen dem Silberling „Dancing Kids & Summers Laughter” entnommen und kam mit viel Schmackes daher, ehe „Fall In Love“ erneut Appetit auf die neue Langrille machte. Hier durfte Jenny ihre Stimme im Alleingang erheben, während der Kollege außen links ein Xylofon bearbeitete und das Publikum sich über handgemachte Musik mit viel Herzblut und Emotion freuen konnte, bei der auch noch einmal das Blechinstrument zum Einsatz kam. Nach diesem positiven Liebeslied (O-Ton Sönke) war es Zeit für einen bösen Song namens „Howl“ (ebenfalls O-Ton Sönke). Tatsächlich war die Nummer nicht ganz so eingängig und melodiös, dabei aber nicht weniger hörenswert und zum Schluss gab der Sechser mit „Bring You Home“ noch einmal richtig Gas und versprach zudem wiederzukommen. Eine Gelegenheit, die man sich tatsächlich nicht entgehen lassen sollte und auch wenn die Ostwestfalen mal wieder ein wenig mehr Empathie hätten zeigen können, wurden TORPUS & THE ART DIRECTORS mit freundlichem Applaus und vereinzelten Zugaberufen für ihren gelungenen 40-minütigen Einstand belohnt.

Setlist TORPUS & THE ART DIRECTORS
Known, Seen, Jugded #2
Known, Seen, Jugded #1
The Leaving
Noise Is The Honesty
On The Roundabout
Fall In Love
Howl
Bring You Home

Nun wurde in Windeseile die Stage für KETTCAR präpariert und schon konnte es kurz nach 21.00 Uhr weitergehen. Zu einem Intro fand sich die Band auf der noch dunklen Bühne ein, ehe ein Spot auf Sänger Marcus Wiebusch gerichtet wurde und „Rettung“ nahte. Dieser Track vom neuen Silberling startete mit typischen KETTCAR-Sounds und fand seine Fortsetzung im wunderbaren Klassiker „48 Stunden“ von der zweiten LP. Bereits an dieser Stelle bewiesen die Ostwestfalen ihre Textsicherheit, bevor sie zum ruhigen „Schwebend“ in einen Handclap-Modus wechselten. Beim treibenden und mit Begeisterung aufgenommenen „Graceland“ von der letzten VÖ „Sylt“ stand das Thema „Jugendlichkeit“ auf dem Programm und da man bekanntlich immer so alt ist wie man sich fühlt, kam Marcus W. auch gut damit klar, dass seine Fans im Ringlokschuppen vielfach deutlich jünger waren als der Banddurchschnitt. Lichtblitze zuckten derweil bei „Kein Außen mehr“ durch die Halle, während im Hintergrund angebrachte vertikale Lampenleisten den „Balkon gegenüber“ (vom 2002er Debüt) illuminierten. Diesen Song haben KETTCAR bei jedem ihrer Konzerte gespielt; egal ob im AJZ, im Kamp oder auch im Ringlokschuppen und so durfte er auch in der großen Halle nicht fehlen, wo er mit reichlich Applaus bedacht wurde, was Bassist Reimer Bustorff zu einem „Oh mein Ostwestfalen“ verleitete, ehe man sich mit „Kommt ein Mann in die Bar“ vor PETER ALEXANDERs „Die kleine Kneipe“ mithilfe von Akustikgitarren und viel Rhythmus verneigte. Eigentlich gehörte „Balu“ ja über viele Jahre ans Ende des Setlist, aber KETTCAR war aufgefallen, dass die Machomänner dann ihre Freundinnen immer allein gelassen haben und schon mal nach draußen gegangen sind, weshalb das Mädchenlied (Marcus Wiebusch über „Balu“) jetzt bereits im Mittelteil gegeben wird. In dieser Zeit können die harten Kerle sich ein neues Bier holen und auch die Kapelle hat bis auf die Wiebusch-Brüder einen Moment Pause. An der Gestaltung hat sich nämlich nichts geändert, auch 2012 tragen Keyboarder Lars und Marcus die Nummer alleine vor – natürlich mit der Unterstützung ihrer Zuschauerschaft, die teilweise sogar alleine gesungen hat und auch nicht am Beifall sparte. Mit der gesamten Mannschaft ging es im sich anschließenden „Nach Süden“ ebenfalls melancholisch weiter. Der Song ist zwei Jahre alt und in einer Zeit geschrieben worden, als sich jeder und alle fragten, was eigentlich Glück sei. Für KETTCAR lieferte ein Uebel & Gefährlich-Newsletter die Antwort: „Glück ist, keinen Krebs zu kriegen“ und so entstand das Lied über einem Menschen, der nach 1 ½ Jahren Krankenhausaufenthalt nach einer Krebserkrankung endlich wieder nach Hause darf. Nach so viel Wehmut stand mit „Money Left To Burn“ dann aber auch wieder fröhliches Liedgut auf dem Zettel oder wie Reimer es ausdrückte: „Samstagabend, Bielfeld, Hully Gully, hoch die Tassen!“. In diesem Sinne folgten auch „Stockhausen, Bill Gates und ich“ und „R.I.P.“. Dem berüchtigten Tourkoller war es zu verdanken, dass mit „Wäre er echt“ ein Track auf die Setlist gelangt ist, der seit sieben Jahren nicht mehr gespielt wurde und für Drummer Christian Hake deshalb auch eine Premiere war, da er erst 2010 zu den Wiebuschs, Reimer Burstorff und Erik Langer (Gitarre) gestoßen ist, nachdem Gründungsschlagzeuger Frank Tirado-Rosale die Band verlassen hatte. Dass ihre Musik gern als „befindlichkeitsorientierter Kumpelrock“ tituliert wird, sind KETTCAR gewohnt; als das Berliner Szenemagazin Zitty im Zusammenhang mit seinem etwas tiefer gelegten Gesang bei „In deinen Armen“ Marcus Wiebusch zum „Barry White des Indie-Rocks“ machte, erstaunte dies die Hamburger dann doch ein wenig und auch mir blieb diese Assoziation bei der gefühlvollen Nummer eher verborgen. Mit „Ausgezogen“ ging es dann temporeich und mit viel Licht weiter (so wie überhaupt auf vielfältiger Weise und gekonnt mit der Illumination der Stage gespielt wurde), um schließlich mit Vollgas „Im Club“ und auf der Zielgeraden anzukommen.

Hier endete das reguläre Set nach 70 Minuten, aber natürlich gab es für Bielefeld noch einen Nachschlag, bei dem ein Highlight auf das nächste folgte: „Deiche“, „Ich danke der Academy“ und „Im Taxi weinen“ bedürfen keiner weiteren Vorstellung und wurden natürlich in der gebotenen Intensität abgefeiert, ehe sich im zweiten Zugabenblock noch eine Art „Hamburg-Special“ anschloss. Wummernde Bässe brachten das Disco-Club-Feeling in den Ringlokschuppen, das es dort zu späterer Stunde sicher auch noch ausgiebig zu erleben gab – schließlich war ja Samstagabend – doch gehörten diese Klänge jetzt zunächst einmal zu „Schrilles, buntes Hamburg“ und zeigten das Tor zur Welt von einer ganz anderen Seite als der Evergreen „Landungsbrücken raus“, mit dem der Gig nach rund 90 Minuten seinen fulminanten Höhepunkt und Abschluss fand. Es war einmal mehr einfach eine große Freude, KETTCAR von Angesicht zu Angesicht lauschen zu können und ohne Zweifel dürfen die Jungs auch ein neuntes und zehntes Mal in die Puddingstadt zurückkehren.

Setlist KETTCAR
Rettung
48 Stunden
Schwebend
Graceland
Kein Außen mehr
Balkon gegenüber
Kommt ein Mann in die Bar
Balu
Nach Süden
Money Left To Burn
Stockhausen, Bill Gates und ich
R.I.P.
Wäre er echt
In deinen Armen
Ausgezogen
Im Club

Deiche
Ich danke der Academy
Im Taxi weinen

Schrilles, buntes Hamburg
Landungsbrücken raus

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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