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MANDO DIAO – SUGARPLUM FAIRY

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Ort: Bielefeld - Ringlokschuppen

Datum: 05.03.2005

Der Winter scheint noch kein Ende zu nehmen. Wenn ich jetzt zuviel Düstermucke höre, fang ich mir schnell mal ’ne handfeste Depression ein. Aber nicht erst seit der Gesundheitsreform greife ich in so einem Fall gerne zur Selbstmedikamentation. Das Kontrastprogramm bietet heute Abend der Ringlokschuppen mit MANDO DIAO. Die Schweden machen 60er Garagen-Rock mit Brit-Pop-Einflüssen der härteren Art (also bitte mal nicht an OASIS gedacht), wie ihn schon mein Vater liebte, als er mich noch als Idee in seiner viel zu engen Jeans spazieren führte. Schon auf dem Parkplatz sah ich, dass in einigen Autos wohl aus Sorge um taschengeld-inkompatible Discothekenpreise eifrig dem Alkohol zugesprochen wurde. Auch im kleinen Saal, mit vielleicht 600 Leuten ausverkauft, war die Stimmung bereits ausgelassen. An meinem Timing muss ich weiterhin arbeiten, trotz mehr als pünktlichem Erscheinen hatte die Vorband mal wieder ohne mich angefangen.

SUGARPLUM FAIRY sind musikalisch wie optisch die Juniorausgabe von MANDO DIAO. Carl und Victor (beide singen und spielen Gitarre) sind die jüngeren Brüder von MANDO DIAOs Sänger Gustaf. Da weiß Mama Norén doch immer, wo ihre Jungs gerade alle so abhängen. Mit dabei noch Jonas an der Gitarre, David an Bass und Orgel und Kristian an den Drums, keiner älter als 21. Ähnlich gelagert auch das Publikum. Die ersten drei Reihen fest in Händen von OWLs Girlie-Liga, dahinter ein Pulk pogender Twenty-Somethings. Am Rand eher die älteren Semester und Leute, die einen individuell-obskuren Tanzstil pflegen wollten. Man war bereits beim dritten Lied, ein paar Fotos waren gerade noch zu erhaschen, eine Setlist leider nicht. Bei „Sweet Jackie“, der aktuellen Single der Jungs, hieß es dann auch schon Ende-Aus für den ersten Fan, der durch unangekündigten Bröckelhusten auf sich aufmerksam machte. Derweil rockte das Quintett rotzig weiter mit „Sensation“ von ihrer EP „Stay young“, sowie „The Restless Breakout“ und „Coming home“ von ihrer aktuellen LP ‚Young & Armed’ um nach insgesamt 8 Songs und 30 Minuten die Bühne für den Hauptact zu räumen. Insgesamt etwas bodenständiger, rauer und unpolierter als der große Bruder konnten SUGARPLUM FAIRY der Meute schon gehörig einheizen – Mission erfüllt.

Einen Soundcheck und eine gute halbe Stunde später eröffneten dann ohne jede Zurückhaltung MANDO DIAO ihren Gig und hauten mit „Cut the rope“ und „The Band“ gleich feinstes Bandmaterial raus. So hatte die Security von Anfang an alle Händen voll zu tun mit Crowdsurfern und hyperventilierenden Mädchen. Man ist ebenfalls mit 2 Sängern am Start (Björn und Gustaf, beide auch Gitarre), Samuel an den Drums und Carl-Johan am Bass und einem fünften Mann an Keys/ Orgel, der vielleicht von SUGARPLUM FAIRY war, keine Ahnung, die Jungs sahen mit ihren Haarmatten im Mod-Style, Jeans und Lederjacke irgendwie alle geklont aus. Der Altersdurchschnitt liegt jetzt auf der Bühne bei Mitte Zwanzig und alle agieren selbstsicher und extrovertiert. „We honestly believe our record is better than anything by THE WHO (…) it is more even than many of the STONES’ or BEATLES’ records” schreiben sie auf ihrer Homepage. Diesen juvenilen Hochmut verzeiht man ihnen, Understatement und Rock ´n´ Roll, wie passt denn das zusammen? Es macht einfach Spaß und vernünftig kann man ja auch in 10 Jahren noch sein. So hält denn auch Gustaf mitten in einem Stück großkotzig inne und lässt sich lautstark zum Weiterspielen auffordern. Gelassen nölt er: „You gotta have your fun“ – kreischendes Publikum – „But first I’ll have MY fun“, um zu seinem und unserem Vergnügen weiter in die Saiten zu hauen. Anschließen zelebriert er in Zeitlupe das Ausziehen seiner Lederjacke, die Groupies sind der Ohnmacht nahe und Gustaf fühlt sich wohl wie der junge Mick Jagger als er anschließend für „Motown Blood“ zur Mundharmonika greift. Ohne Verschnaufpause folgen etliche knallig-griffigen Songs ihrer LPs „Bring `em in“ und „Hurricane Bar“, und man braucht kein eingefleischter Fan sein, um das Gefühl zu haben, das alles schon mal gehört zu haben. „Mr. Moon“ markiert den ersten Höhenpunkt, doch die Jungs halten den Pegel und lassen sich noch 3 weitere Nummern feiern, bringen noch einen Verstärker durch, um mit dem zweiten Höhenpunkt „Sheepdog“ und 600 Yeah! Yeah! Yeah! grölenden Fans den regulären Teil zu beenden. So einfach geht Rock `n` Roll! Im ersten Zugabenblock betritt man zu zweit die Bühne, um mit Mundharmonika und Akustik-Gitarre „Next to be Lowered“ zu spielen, da bekommen die Girlies Glitzern in den Augen und zücken schnell noch mal ihre Foto-Handys. Nach „Ringing bells“ bekommet das Publikum noch die eingeforderte Single „Down in the past“. „This is your last chance to dance“ animiert Gustaf noch einmal die verschwitzten Leiber und mit „Clean town“ wird ein wunderschöner ruhiger Abschluss nach 80 Minuten geboten. Die Jungs sind noch weiter auf Clubtour und im Sommer für Rock am Ring/ im Park gebucht.

Im Anschluss wurde ich dann auf der Damentoilette noch Zeuge, wie eine bestimmt langjährige Mädchenfreundschaft keifend und handgreiflich an einem von den Jungs durchgeschwitzten Handtuch zerbrach und auf dem Parkplatz gab es bei klirrender Kälte noch einige Hühnerbrüstchen beim Wechsel des Oberteils zu bewundern. Boah, alter Schwede, was für eine Party. Jetzt halte ich gemütsmäßig sicher bis zum ersten warmen Frühlingswind durch.

Setlist MANDO DIAO
Cut the rope
The band
Paralyzed
If I leave you
All my senses
Annies Angle
Motown Blood
Mr. Moon
You can’t steal my love
Sweetride
God Knows
Sheepdog

Next to be lowered
Ringing bells
Down in the past

Clean town

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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