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MATTHAU MIKOJAN – DAMIAN CULLEN BAND

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Ort: Bochum – Kulturzentrum Bahnhof Langendreer

Datum: 21.10.2011

Zum zweiten Mal schon veranstaltet der ansonsten eher etwas bieder orientierte Kulturverein Deutsch-Finnische Gesellschaft ein Konzert finnischer Rockbands in Bochum. In diesem Jahr ist es allerdings eine kleine Mogelpackung: DAMIAN CULLEN, der Frontmann der gleichnamigen Band, ist unüberhörbar Ire, aber einer, der vor einigen Jahren vor lauter Frust über den Weichspülpop der Britischen Inseln nach Helsinki ausgewandert ist, wo man Punk und Rock in bester Seventies-Tradition bekanntermaßen mehr zu schätzen weiß. MATTHAU MIKOJAN hingegen war auch letztes Jahr schon mit von der Partie, und sein Trio hat in Deutschland eine große Fangemeinde, die an diesem Abend dafür sorgt, dass es der Club, wenn auch vielleicht nicht ganz ausverkauft, so doch ziemlich voll ist.

Den Support der Kollegen aus dem Ausland übernehmen die Darmstädter Rocker ROYAL DECADENCE, die hinsichtlich Frisur, Make-up und letztlich auch mit ihrem melodiösen Heavy-Sound durchaus als Finnenrocker durchgehen könnten. Leider sind wir zu spät dran, um ihren ganzen Set zu erleben und wirklich was über die Jungs sagen zu können – die letzten beiden Songs klingen ganz ordentlich, wenn vielleicht auch nicht übertrieben originell.

Zugegebenermaßen hat auch DAMIAN CULLEN, der ein bisschen später mit seiner Band die Bühne betritt, so ungefähr alles inhaliert, was mal den CBGB’s gerockt hat. Allerdings hat er daraus einen ziemlich eigenen Stil geschmiedet, der elegant den melodiösen Punk der RAMONES und NEW YORK DOLLS etc. mit einem ganz leichten Hauch finnischer Düsternis kombiniert, die besonders in seinen Vocals steckt. Vor allem aber schreibt er phantastische Punkpop-Songs wie „Supersonic“, „You’re An Angel“, das mitreißende „Popcorn Girl“ mit seinem göttlichen, hellen Gitarrenriff oder das etwas dunklere „Turn The Lights Down Low“, das zu meinen absoluten Favoriten zählt, seit ich im Frühjahr in Helsinki die erste Single-CD der Band in die Hände bekam. Und dann hat er noch Heidi Meri am Bass, die neben Gitarrist Misty Fingez für den perfekten Rhythmus sorgt und dabei schlicht umwerfend aussieht.

Damian ist nicht unbedingt der beste Sänger vor dem Herrn, hat aber ein angenehm tiefes Timbre, und was an Technik zumindest live hin und wieder fehlt, gleicht er durch das richtige Maß an attitude wieder aus – genau darum geht es doch schließlich beim Punk. Und falls es im Publikum jemanden gibt, der nach den vierzig Minuten Show nicht überzeugt ist, dann kriegt Damian diese Zweifler spätestens rum, als er am Schluss seines Sets MATTHAU MIKOJAN auf die Bühne holt, um mit ihm gemeinsam den finnischen Punkklassiker „Tahdon rakastella sinua“ zu singen – Matthau auf finnisch, Damian auf englisch. Spätestens da sind alle Hände oben.

Setlist DAMIAN CULLEN BAND
Supersonic
I’m OK
I Don’t Wanna Play House
You’re An Angel
Popcorn Girl
Shangrila America
Turn The Lights Down Low
Wonderland

Poison Heart (RAMONES-Cover)
Tahdon rakastella sinua (mit MATTHAU MIKOJAN)

Trotzdem ist spätestens, als Matthau etwas später mit Simo Stenman (Schlagzeug) und Janne Sundvall (Bass) die Bühne betritt, deutlich klar, wegen wem die Zuschauer heute Abend gekommen sind. Die Band präsentiert sich zwar inzwischen lässiger als früher – statt schwarzem Leder sind jetzt eher Jeans und weiße STONES-Promoshirts angesagt – aber sie rockt noch ebenso hart und gut. Im Gegenteil, nachdem Matthau sich auf dem letzten Album „Hell And High Water“ an der Sologitarre sehr zurückgenommen hatte, dominiert die live jetzt wieder richtig, und das kommt hervorragend. Überhaupt sind die drei Finnen enorm gut drauf: „We really feel like playing tonight“, erklärt Matthau schon zu Anfang. „Is it okay if we play longer than usual?“ Dagegen hat nun wirklich niemand etwas.

Tatsächlich wird es ein richtig schöner, langer, Gig. Außer den Songs der „Hell Or High Water“ gibt es einen Querschnitt der anderen beiden Alben „Matthau Mikojan“ und „Mania For Life“, ergänzt um ein paar Cover – unter anderem eine sehr gelungene Fassung des alten Stones-Heulers „Happy“, den Matthau wesentlich besser rüberbringt als weiland Keith Richards. Nach dem knackig-harten Anfang wird es nach dem Stones-Cover und dem kantigen „Blind Arrows“ dann etwas ruhiger: „Goldmine“, eine der wenigen Balladen auf dem neuen Album, bekommt ein perfektes Hendrix-Arrangement verpasst. Schwingende Gitarrentöne tropfen aus den Verstärkern und verbinden sich mit dem sauber auf den Punkt gespielten Schlagzeug und dem knackigen Bass. Normalerweise punktet die Band eher bei den krachigen, kraftvollen Songs; jetzt zeigt sie, dass sie es ebenso beherrscht, mit einem reduzierten, kargen Sound große Emotion zu wecken. Es ist – zusammen mit dem träumerischen Intro zu „A Girl On Her Own“ – der vielleicht berührendste Augenblick an diesem Abend.

Matthau, der sonst vor allem als Sänger und weniger als Gitarrist Beachtung findet (vielleicht, weil er auf diesem Gebiet immer ein wenig im Schatten seines Bruders Sir Christus, dem Ex-Gitarristen von NEGATIVE, gestanden hat), brilliert heute auf der Sechssaitigen, ist aber auch extrem spielfreudig. „And Then She Cried“ bekommt ein wunderbar leichtfüßiges, fließendes Solo, während sich beim AEROSMITH-Cover „Mama Kin“ – dem letzten Song an diesem Abend – noch einmal aggressive Energie Bahn bricht. Und deswegen wirkt es auch kein Bisschen überzogen, wie Matthau zum Schluss die Gitarre in die Luft wirft, beim Wiederauffangen gekonnt zu Boden geht und im Liegen weiterspielt. Ein fulminanter Schlussakkord, und dann geht das Licht wieder an. Trotz aller Länge viel zu früh.

Setlist MATTHAU MIKOJAN
Chasing Ghosts
Elegantly Wasted
Hell Or High Water
Ditch
Stiletto Heels
What Would You Do?
Hearsay Factory
Gambling Girl
Mania For Life
Times To Be Remembered
Plastic Trays
Happy (ROLLING STONES cover)
Blind Arrows
Orange Moon
Slow Down
Goldmine
Got No Face
A Girl On Her Own
Too Fortunate To Cry
Candy Wraps
Gypsy Eyes

And Then She Cried
Shine A Light
Mama Kin (AEROSMITH-Cover)

Copyright Fotos: Kirsten Borchardt

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