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PARADISE – JOHN J PRESLEY

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Ort: Köln – Blue Shell

Datum: 19.04.2017

Zum Geburtstag lässt man sich ja gern ein Ständchen singen. Zu meinem diesjährigen Wiegenfeste wurde ich bereits morgens um Sieben von zwei lieben Kolleginnen, die sich Zugang zu meiner Küche verschafft hatten, mit einem Duett überrascht. Im Grunde wäre das nicht mehr zu toppen gewesen, gäbe es da nicht den Norweger Sivert Høyem, den der eine oder andere sicher noch von MADRUGADA und seinen Solo-LPs kennt und der jetzt auf Mini-Konzertreise mit seinem neuesten Projekt PARADISE ist. Also habe ich meine Geburtstagsfeierlichkeiten nach Köln verlegt, wo Sivert gemeinsam mit Simone Butler (Bass), Rob McVey (Gitarre und Piano) und Rob Ellis (Drums) auf der kleinen Bühne im Blue Shell erwartet wurde.

Zuvor agierte hier jedoch vor ausverkauftem Haus der Brite JOJN J PRESLEY, der sich der Unterstützung eines Schlagzeugers versichert hatte und eine überzeugende erste halbe Stunde ablieferte. Der Londoner nennt seinen Musikstil selbst „Blues Alt Noir“ und tatsächlich schwingt in seinen Songs jede Menge bluesgetränkte Schwermut mit, was insbesondere beim kraftvollen „Honey Bee“ (nicht zu verwechseln mit dem ebenfalls wunderbaren MADRUGADA-Song) zu hören war. Im Übrigen wusste aber auch dieses Duo zu beweisen, dass manchmal auch zwei Personen reichen, um mit Sechssaiter und Schießbude genau so viel Alarm zu machen wie die traditionelle Vierer-Rock-Besetzung. Im Zweifel wurde die Langaxt wie beim druckvollen „Country Line“ halt ordentlich runtergestimmt, den Rest erledigten Johns rauer Gesang und der Mann am Schlagzeug, der im Folgenden bei „On A Sunday“ nicht viel zu tun hatte, denn für das minimalistische Wüstenfeeling der Nummer trat die Rhythmusfraktion deutlich in den Hintergrund. Auf der Zielgeraden ließen es die Jungs dann noch mal amtlich krachen, wobei das finale „Riders“ zunächst als Slow-Motion-Grummler startete, um dann noch einmal mit Schmackes Fahrt aufzunehmen. Ein abwechslungsreicher Auftakt des Abends, der mit Überraschungen nicht geizte.

Setlist JOHN J PRESLEY
Shadow of Your Love
St. Louis
Dance With Me
County Line
On A Sunday
Honey Bee
Left
Riders

Schließlich wusste man von PARADISE noch nicht viel, ehe die vier Hauptprotagonisten des Abends die Stage enterten. Die Kurz-Tour ist zunächst einmal ein Versuchsballon, eine Platte gibt es noch nicht und auch das Internet geizt noch mit Informationen, was die Musik dieser neuen Supergroup angeht. Man weiß, dass sich Sivert Høyem, Rob Ellis und Rob McVey nach einer zufälligen Begegnung in Oslo zusammengeschlossen haben. Der Multiinstrumentalist, Komponist und Produzent Rob Ellis könnte einigen von seiner Zusammenarbeit mit PJ HARVEY schon seit Anfang der 90er bekannt sein. Rob McVey spielt Violine und Klavier, ist klassisch ausgebildeter Gitarrist, der genauso gut in den Bereichen Jazz und Rock unterwegs ist und in MARIANNE FAITHFULs Band spielt. Simone Butler ist seit 2012 Teil der Live-Band von PRIMAL SCREAM. Geballte Musik-Kompetenz stand da also pünktlich um 22 Uhr auf der Bühne, aber natürlich war es insbesondere der glatzköpfige Høyem, der das Publikum in Verzückung versetzte. Mit dieser sonoren und doch warmen Stimme kann man vermutlich einfach alles singen, aber auch die instrumentale Begleitung konnte sich hören lassen. Mr. McVey hätte möglicherweise etwas mehr Platz gebraucht, um seinen Bewegungsdrang auszuleben, die begrenzten Kapazitäten taten der Spielfreude jedoch keinen Abbruch. Es wurde mit viel Herzblut gerockt, manchmal auch etwas verquer, etwa beim zwingenden „Money“, gleichzeitig durfte auch getanzt werden: „Mary“ ging diesbezüglich ebenso ins Bein wie das finale „Goodbye 21st Century“, mit dem sich PARADISE nach einer knappen Stunde vom begeisterten Auditorium verabschiedeten.

Zugaben gab’s mit dem Hinweis, dass es noch nicht mehr Songs gäbe, keine; zweifellos hätten sich die Anwesenden aber auch über einen MADRUGADA-Song gefreut, aber Sivert legt wohl Wert darauf, dass PARADISE nichts mit seinen Solo- oder eben MADRUGADA-Tracks zu tun hat. Außerdem konzentrierte sich der 41-jährige voll auf den Gesang und verzichtet aufs Gitarrespielen, gelegentlich kamen drei zusammengetapte Rasseln zum Einsatz, die allerdings einmal etwas zu hart in die Ecke geworfen wurden, wodurch sich eine Rassel vom Griff verabschiedete. So durfte sich aber immerhin ein Fan in der ersten Reihe über den so nutzlos gewordenen Griff freuen und „Duchess“ rockte auch mit nur zwei Rasseln zur rhythmischen Unterstützung. Zuvor ging es bei „Ecstasy“ sehr getragen zu. Hier wechselte Gitarren-Rob ans E-Piano und Sivert sang sehr ausdrucksvoll, während Simone und Trommel-Rob eine Pause einlegten. Für „Call My Name“ waren wieder alle von der Partie und es blieb zunächst einmal hoch emotional, bevor es mit dem leicht abgedrehten Schrammelmonster „Head Wound“ abermals in die Vollen ging. Erwähnt sei außerdem noch das melancholische „Crying“, bei dem der Frontmann seine Vocals bisweilen in ungewohnte Höhen schraubte.

Man darf gespannt sein, was aus PARADISE noch wird. Die Herrschaften schreiben wohl eifrig an weiteren Songs, wann mit einem Album zu rechnen ist, steht allerdings noch in den Sternen. Ich würde auf jeden Fall zum Kauf des Silberlings raten, wenn dieser beizeiten in die Plattenläden käme und kann sagen, dass mir selten so viele großartige Lieder zum Geburtstag gespielt wurden. Wie? Die waren gar nicht alle für mich allein?

Setlist PARADISE
Humiliation
Living It Strange
Riding
Money
Mary
Crying
Ecstasy
Call My Name
Head Wound
Duchess
Goodbye 21st Century

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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