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PARADISE LOST – ORPHANED LAND

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Ort: Bochum - Zeche

Datum: 10.05.2005

In den letzten Wochen hätten wir unser Terror-Hauptquartier eigentlich in Bochum aufschlagen können, so oft wie wir in dieser Zeit dort waren. An diesem Mai-Abend waren die Briten PARADISE LOST in der Zeche zu Gast, um ihr sehr gelungenes selbstbetiteltes Album nun auch live vorzustellen. Keine Frage, dass ich mir das nicht entgehen ließ, war ich doch mehr als gespannt, ob man nach den eher trostlosen Shows zu den Alben “Believe in Nothing” und “Host” (ich erinnere mich mit Grauen an die Konzerte im PC69/Bielefeld und Jovel/Münster) den deutlich nach oben zeigenden Trend der “Symbol of Life”-Tour vor 2 Jahren würde weiter verfolgen können.

Doch zuerst waren da ja noch die Support-Bands. SOCIETY 1 mussten wohl relativ überpünktlich auf die Bühne, machten sich doch kurz nach meinem Eintreffen schon die Israelis ORPHANED LAND daran ihre Show zu beginnen. Obwohl die Gothic-Metaller längst keine Neulinge mehr sind, besitzen sie in der Szene immer noch einen gewissen Ausnahmestatus. Oufit-technisch zeigte sich die Band allerdings kaum exotisch. Nur Sänger Kobi könnte mit seinem Aussehen und in seinem arabischen Gewand locker als Jesus Double durchgehen. Mehr Exotik findet sich dann aber im Sound wieder. So fügen ORPHANED LAND ihrem ansonsten typischen Gothic-Metal Sound Samples aus der Heimat bei, und auch der typisch arabische Gesang ist ein wichtiger Bestandteil der überlangen Stücke. Bei diesen besann man sich mit u.a. “Norra el Norra”, “The Kiss of Babylon” und dem fast epischen “Halo dies” zu einem Großteil auf Tracks vom “Mabool”-Album. Die oft doch sehr langen Tracks werden live allerdings doch etwas anstrengend, so dass die 45 Min. Spielzeit einem doch ne Ecke länger vorkamen. Stageacting war bei dem begrenzten Platzangebot vor der PL-Backline kaum möglich, dennoch boten die Israelis ein engagiertes Set und wurden dementsprechend auch vollkommen gerechtfertigt mit viel Applaus und sogar einigen Zugabe-Rufen von der Bühne entlassen.

Konnte man sich vorher relativ locker im Innenraum bewegen, so füllte es sich während der Umbaupause doch sichtlich. So konnte man froh sein, hatte man sich schon vorher einen Platz in vorderster Reihe oder an der seitlichen Treppe gesichert, von welcher wirklich einen super Ausblick auf die Bühne bestand. Geschätzte 600 Leutchens werden dann wohl anwesend gewesen sein, darunter doch wieder verstärkt Langhaarige mit Shirts aus der guten alten Zeit der Briten.

Punkt 21 30 Uhr ging es dann auch schon mit einem der besten Songs des neuen Albums “Don’t belong” los. Doch, für mich absolut unverständlich, wirklich euphorisch reagierte das Publikum nicht. Es dauerte bis zum dritten Lied “Erased”, bevor dies etwas besser wurde. Sicherlich sind PL-Konzerte noch nie Abfeier-Orgien gewesen, doch etwas mehr Stimmung hätte ich schon erwartet. Immerhin wurde diese von Song zu Song besser. Die Setlist bestand aus satten 9 (!) Songs vom neuen Album und 4 vom Vorgänger “Symbol of Life”. Die ersten vier Alben ließ man (bis auf das obligatorische “As I die”) leider völlig außen vor, ebenso das unsägliche “Believe in Nothing”. Auch wenn sich die Fans heute als etwas schwerfällig erwiesen, ließ die Band sich davon nicht beirren und spielte den besten Gig, den ich seit der “Draconian Times”-Tour 1995 im PC69 gesehen habe. Der Sound war laut und fett und vor allem war er Metal! Lange habe ich die Gitarren bei PL live nicht mehr so knallen gehört. Auch Aaron, dessen Gitarre früher oft sehr in den Hintergrund gemischt war, konnte sein Instrument voll ausreizen. Die Show an sich war PL-typisch relativ unspektakulär. Basser Stephen wirkte wie immer unscheinbar, Aaron schüttelte fast durchgehend seine Glatze und Sänger Nick hatte schon immer den Radius eines Bierdeckels. Doch das glich der kühle Brite diesmal mit seiner Vocal-Performance mehr als aus. War diese in den letzten Jahren oft ein großer Schwachpunkt, so saß diesmal jede Strophe ohne Makel. Besonders beim anspruchsvollen “For all you leave behind” und dem energischen “The Last Time” passte jede Passage. Da hat wohl jemand viel geübt. Im ganzen sah der nun wieder langhaarige Fronter um einiges gesünder und entspannter aus, als in den Jahren zuvor, in denen er doch meist etwas krank und aufgedunsen wirkte. Sogar etwas Humor zeigte der Sänger. Auf “Do you have Fun?”, (Jubel), folgt ein trockenes “Mhm, Cool” und weiter ging’s. Hauptblickfang war an diesem Abend allerdings jemand anderes. Hatte Songwriter/ Leadgitarrist Greg schon auf Platte hörbar den Spaß an seinem Instrument wiedergefunden, so sah man dies nun auch live mehr als deutlich. Lange habe ich den charismatischen Engländer nicht mehr so auf der Bühne abgehen sehen. Ob bei neuen Krachern wie “Shine” oder dem Übersong “One Second”, der Mann lebt jeden Anschlag auf seiner Gitarre mit, wie kaum ein anderer. Dies schlug sich auch auf seine spielerische Performance nieder, die zwar auch sonst immer oberste Kajüte war, aber selten so gefühlvoll und energiegeladen wie heute. Nicht ohne Grund ist Mr. Mackintosh einer der besten Gitarristen der Szene. Als sich bei “Say just Words” die Stimmung endlich auf dem würdigen Höhepunkt ankam und sich sogar ein kleiner Pogo-Pit bildete (ja richtig, bei “Say just Words”), konnte man unter seiner langen schwarzen Mähne sogar ein kurzes Lächeln entdecken. Hat da etwa jemand Spaß?

Einen ungewöhnlichen Abschluss hatte man sich für diese Tour ausgedacht. So bildeten nicht der Übersong “As I die” oder der Klassiker “One Second” das Ende des Gigs, sondern das doomige “Over the Madness”. An dieser Stelle wunderte ich mich ernsthaft, wieso man nicht einen Song von “Gothic” oder “Icon” zum Besten gab, würde ein solcher doch ideal zur Atmosphäre des neuen Werkes passen. Zuvor hatte man in Köln immerhin mal wieder das großartige “True Belief” ausgepackt, dieses in Bochum dann doch gegen “Enchantment” ausgetauscht. Ganz typisch für PARADISE LOST war dann wieder der Abgang. So verschwand Nick wort- und vor allem grußlos von der Bühne, während Neu-Drummer Jeff Singer (welcher im übrigen auch eine Top-Leistung ablieferte) und Gitarrist Greg noch kurz den Fans zu winkten, welche noch über Minuten nach weiteren Zugaben verlangten. Doch mehr als die gespielten 80 Min. gab es an diesem Abend leider nicht auf die Ohren.

Wie schon erwähnt hatte ich zwar einen soliden Gig, aber sicherlich nicht so einen fetten erwartet. Seit gut 10 Jahren habe PARADISE LOST nicht mehr so motiviert und in solch spielerischer Top-Form gesehen. Eine Band mit großartigen Show-Einlagen waren sie nie, und das will man bei ihnen auch gar nicht, würde auch nicht so zu Setlist und Atmosphäre passen. Doch in dieser Live-Verfassung und mit diesem Hammer-Album in der Hinterhand sind die Briten endlich wieder dort, wo sie eigentlich auch hingehören: ganz oben im Gothic Metal!

Setlist PARADISE LOST
Don’t belong
Grey
Erased
Redshift
Mystify
So much is lost
Symbol of Life
The Last Time
Accept the Pain
No Celebration
For all you leave behind
As I die
Shine
Enchantment
Close your Eyes
One Second

Forever After
Say just Words
Over the Madness

Copyright Fotos: Michael Werneke

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