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PAWEL POPOLSKI

150419-Pavel-Popolski

Ort: Osnabrück – Rosenhof

Datum: 19.04.2015

„Wenn man nicht alles selbst macht!“ – hat sich wohl auch Pawel Popolski gedacht, als er die Biografie „Der Familie Popolski“ gelesen hat. Zwar war der Verfasser Achim Hagemann wochenlang zu Recherchezwecken in Zabrze, aber was kann man schon von einem Menschen erwarten, der nur wenig Wodka verträgt? Entsprechend steckt das Buch voller Irrtümer, die natürlich aufgeklärt werden müssen. War bislang DER FAMILIE POPOLSKI über Jahre gemeinsam auf Tour, um die wahre Geschichte der Pop-Musik zu erzählen, hat sich der älteste Engel von Piotrek Popolski dieser Tage auf eine beschwerliche Lesereise begeben, um erneut Fehler aufzudecken und Richtigstellungen vorzunehmen.

Die letzte Station seiner Frühjahrsrundfahrt führte Pawel gemeinsam mit seiner Cousineczka Dorota nach Osnabrück, wo die beiden ihre „Polka-Lesung“ in einem nahezu ausverkauften Rosenhof abhielten. Nur vereinzelt war ein Stuhl leer geblieben, was wohl den sommerlichen Temperaturen an diesem Sonntag geschuldet war. Der Familientradition folgend wurde der Abend mit einem gemeinsamen „Wudka“ eingeläutet, wobei Pawel gern noch mal die korrekte Vorgehensweise beim Trinken in der Theorie und Praxis erklärte. Wer zu spät kam, musste an dieser Stelle jedoch auch schon mal mit einem kleinen Rüffel rechnen. Und wer zu lange mit seiner Antwort wartete, wurde im Zweifel sogar auf die Bühne und ans Schlagzeug zitiert, doch dazu später mehr. Zunächst einmal erklärte das Familienoberhaupt, was ihn wieder auf die Bühne getrieben hatte, die im Übrigen mit einigen Instrumenten und bequemen Sitzmöbeln ausgestattet war. Außerdem kündigte er für die zweite Halbzeit die 14-malige Miss Zabrze an und insbesondere der männliche Teil des Auditoriums wusste sofort, dass die Rede von der heißblütigen Dorota war. Sogar Live-Schaltungen in die Plattenbausiedlung, genauer gesagt in den zwölften Stock in die Wohnung der Popolskis sollte es noch geben. Doch zunächst einmal nahm Pawel (der das Publikum genauso „chackedicht“ wie sich selbst wähnte) in Opas Sessel Platz und korrigierte die erste Geschichte, die bereits hinsichtlich der frühen Jahre, sogar in Bezug auf Piotreks Geburt Fehler enthielt. Einige Berichtigungen später gab es den ersten musikalischen Beitrag, der mit einer symphonischen Polka startete, in der sich Fragmente von Jacques Offenbachs „Cancan“ wiederfanden. Wer hätte gedacht, dass bereits 1858 beim Erfinder der Popmusik geklaut wurde, obwohl der Verfasser von mehr als 128.000 Top-Ten-Hits erst 1888 geboren wurde? Die Raps-Musik hat der Mann auch noch erdacht – Lieder ganz ohne Gesang, nur mit gesprochenen Worten. Was in der trockenen Theorie zunächst auch für Pawel (und erst recht für die Zuschauer) kompliziert klang, bekam beim erklärenden Live-Vortrag die nötige Sinnhaftigkeit und kam zudem bestens an. Vorsicht war allerdings beim Nachmachen des nächsten Programmpunktes geboten. Der Hauptprotagonist und Schnauzbartträger des Abends zeigte nämlich Bilder aus dem Karma Sutrek und ohne entsprechende akrobatische Vorkenntnisse sollte man nicht leichtfertig seine Gesundheit aufs Spiel setzen, indem man Stellungen wie den „Posener Propeller“ oder „Lubiner Knoten“ nachzubilden versucht. Größte Gefahr droht von der „Pyskowicer Schlittenfahrt“, die den Opa mehr als einmal bis zur völligen Verausgabung und Erschöpfung brachte. Aus gutem Grund gibt es hiervon auch keine Darstellungen, sondern nur mündlich überlieferte Schilderungen. Gewarnt wurde zudem vor dem „verschlagenen und hinterhältigen Fis“, das so ziemlich jeden Song kaputt machen kann, weshalb der musikalische Großvater bereits sprach: „Vorsicht vor der scheißen Fis!“. Mit diesen klugen Worten wurden die Osnabrücker zunächst in die Pause entlassen, um ihre Weizengläser wieder befüllen zu können. Pawel Popolski, der natürlich strengstens darauf geachtet hatte, die vom PÜV (Polka-Überwachungs-Verin) vorgeschriebenen Wodka-Pausen einzuhalten und sich darüber freute, dass die Hasestädter jeden gekippten Wudka mit Applaus bedachten, hatte hinsichtlich der Biergläser, die regelmäßig umfielen und klirrende Geräusche verursachten, seine ganz eigenen Theorien, doch das ist noch eine ganz andere Geschichte.

Nach dem halbstündigen Break, in dem sich Pawel mit Wodka-Gürkchen gestärkt hatte (seine eigene Züchtung: Gewürzgurken mit mehr als 98% Wodka-Anteil – praktisch hat Kollege Popolski den Wasseranteil der Gurken durch Wodka ersetzt, wodurch man jetzt bei einer Verkehrskontrolle ganz beruhigt der Frage „Haben Sie etwas getrunken?“ entgegen sehen kann, denn im Zweifel hat man ja nur einen Gurkensalat zu sich genommen!), wurde erneut im Familienalbum geblättert und man stieß auf Opas Lieblingscousin Igor Popolski, der vor vielen Jahren in die USA ausgewandert war. Dessen Sohn ist übrigens Iggy Pop, der eine oder andere wird ihn vielleicht kennen. Nun, Igor hatte in Tupelo eine Musikschule, in der Piotrek die Polka unterrichtete. Unter anderem war da ein siebenjähriger Junge mit Frisurproblemen und Schmelz in der Stimme. Die Frisur bekam er mit Struwko (ein Bartpflegemittel aus Polen) in den Griff und mit seinem Gesang machte er als Elvis Presley Karriere. Aus der Schüler-Lehrer-Beziehung hatte sich im Laufe der Jahre eine tiefe Freundschaft entwickelt und so kam es, dass Elvis bei Piotreks 88.Geburtstag plötzlich mit seinem roten Cadillac in der Plattenbausiedlung auftauchte. Wer’s nicht glauben wollte, bekam zum Beweis entsprechendes Filmmaterial zu sehen und letztlich blieb die Begegnung von Elvis und Elvira, der platinblonden Enkelin von Piotreks ältesten Bruder Wojciech, nicht ohne Folgen. Rund neun Monate später wurde Elvek geboren – gesegnet mit der Tolle und dem Hüftschwung seines Vaters. Davon konnte man sich später mit einer weiteren Live-Schalte nach Polen überzeugen, doch zuvor enterte Dorata – wie immer im hotten roten Outfit – die Stage. Die Gute ist nach wie vor solo und auf der Suche nach dem Mann fürs Leben. Sogar eine Partnerschaftsvermittlung hat sie für diesen Zweck gegründet: „Nur die Liebe zahlt“ heißt sie und kümmert sich ausschließlich um ihre eigenen Belange. Wer Interesse hat, möge seinen Kontoauszug einreichen – ein Foto kann im Zweifel später noch nachgereicht werden. Nicht ohne Grund ist „Kontovollmacht“ Dorotas Lieblingswort und sie will „Zloty“ haben und zählen, wie sie das Auditorium singend wissen ließ. Das macht sie absolut tiefenentspannt, wovon auch ihr nächster Song „Enjoy The Silence“ handelte. Diese von DEPECHE MODE geklaute Nummer wurde verdient mit reichlich Beifall bedacht, bevor Pawels favorisiertes Stück über Gefühle intoniert werden konnte. Dafür kam jedoch noch ein Gast auf die Bühne, denn Adam, der von seiner weiblichen Begleitung im Vorfeld als Schlagzeuger geoutet worden war und zur Erheiterung der Zuschauerschaft immer ein wenig zeitverzögert antwortete, sah ein, dass der Moment gekommen war, die Schießbude mit Beschlag zu belegen und zeigte bei „I Got A Feeling“ sein rhythmischen Können. Der Blues hatte den Rosenhof erfasst und zum großen Polka-Finale riss es das Auditorium von den Stühlen und es wurde kräftig mitgeklatscht. Wie im Fluge war die Zeit vergangen; auf 22.30 Uhr waren die Zeiger vorgerückt, Pawel und Dorota wollten sich schon verabschieden, kamen jedoch noch einmal an ihre Wirkungsstätte zurück und auch die Popolski-Wohnung in Zabrze wurde abermals zugeschaltet. „I’ve Got The Polka“ hieß es da mit vereinten Kräften. Elvek und Janusz gingen in der Platte steil und im ehemaligen Kino am Rosenplatz der gesamte Saal. Es gab kein Halten mehr, frenetische Akklamationen wollten gar nicht mehr enden und nicht wenige Männer versuchten mit skandierten „Bausparvertrag“-Rufen die rote Dorota auf die Bühne zurückzubewegen.

Ich weiß nicht, ob es ihnen noch gelungen ist, nach ein paar Minuten war es für mich an der Zeit zu gehen und „ich luge nicht, wenn ich sage, da ging der Post ab durch der Decke!“. So sehen also polnische Wodka-Lesungen aus. Viel Wodka, wenig gelesenes Wort und ganz viel Musik und Heiterkeit. Im Herbst gibt es mehr davon und vielleicht sehen wir irgendwann ja auch mal wieder die gesamte Familie Popolski auf der Bühne.

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