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PHILIPP POISEL – KENAY

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Ort: Bielefeld - Seidensticker Halle

Datum: 09.04.2017

Das (vor)letzte Album von PHILIPP POISEL ist knapp 7 Jahre alt. 2010 kam „Bis nach Toulouse“ heraus, welches gleichzeitig den kommerziellen Durchbruch des Singer-Songwriters bedeutete. Im Februar erschien nun mit „mein Amerika“ endlich das dritte Studioalbum des Tübingers. Und nun ist er mit diesem auf Tour und machte an diesem Sonntag auch in der Bielefelder Seidensticker Halle halt. Nach einer so langen Abstinenz ist es in der heutigen Musiklandschaft nicht selbstverständlich, dass das Publikum sich an einen erinnert. Schließlich ist nicht nur unsere Gesellschaft, sondern auch die Musikindustrie so schnelllebig wie niemals zuvor. Gerade Künstler mit vorwiegend jüngerem Publikum haben mit diesem Phänomen zu kämpfen. Bei PHILIPP POISEL aber brauchte man sich keine Sorgen machen, dass die die größte Bielefelder Veranstaltungshalle nicht voll sein würde. Und so war diese auch bereits um 19.15 Uhr annähernd komplett gefüllt, als der 27 Jahre junge KENAY die Bühne betrat. Der aufstrebende Singer-/ Songwriter aus der pfälzischen Provinz hat seine Wurzeln im HipHop. Darauf wies er bei seinem knapp 30-minütigen Auftritt mehrfach hin – sowohl musikalisch als auch in Form seiner Ansagen. Ansonsten hat seine heutige Musik aber nicht mehr viel mit dem Genre zu tun. Die Zuschauer huldigten beiden Stilen und ließen sich schnell von der Energie des Wahl-Hamburgers anstecken.

Nur knapp 20 Minuten später ging das Licht in der Halle aus, es folgte ein langes Intro gepaart mit einem imposanten Hochhaus-Bühnenbild, bevor der Stargast des Abends auf die Bühne trat und das Konzert ganz minimalistisch mit dem Titeltrack seines neuen Albums eröffnete. Beim folgenden „geh nicht“ füllte sich die Bühne beachtlich, da neben den üblichen Instrumenten auch ein Streicher-Ensemble aufspielte. Von der riesigen Hauptbühne führte ein etwa 30 Meter langer Weg mitten ins Publikum, an dessen Ende eine kleine zweite Bühne aufgebaut war. PHILIPP POISEL sprintete an diesem Abend für seinen dritten Titel „froh dabei zu sein“ das erste Mal dorthin und zelebrierte auch diesen Song wieder ganz minimalistisch mit seiner Akustik-Gitarre. Im krassen Gegensatz zu diesen eingeschobenen „sparsam“ dargebotenen Nummern standen die imposanten Bühnenbilder auf der Hauptbühne, welche ständig wechselten und dabei ein regelrechtes Feuerwerk abbrannten. Diese waren vorwiegend bei den neuen Songs zu sehen. Ein Highlight war hier sicherlich die Show zu „Nintendo“, bei welchem menschliche Tetris-Steine die Bühne zierten und im Hintergrund Mario, Luigi und co. die retro-Optik abrundeten, während derweil fleißig Wassereis in die Menge geworfen wurde.

Direkt im Anschluss wurde auf der Bühne zu „das kalte Herz“ sinnbildlich im Schwarzwald geheiratet. Dabei konnte man schon ein bisschen den Blick für das Wesentliche verlieren, musste man doch diese ganzen Bilder erst einmal verarbeiten. Das Wesentliche – die Musik – blieb natürlich keinesfalls auf der Strecke. Allerdings hat mich persönlich sehr gestört, dass viele (vor allem alte) Nummern nicht in ihrer bekannten Version vorgetragen wurden. PHILPP POISEL interpretierte Highlights wie „bis nach Toulouse“ oftmals auffällig anders als auf dem jeweiligen Studiowerk. Oftmals durch musikalische Veränderungen, fast immer aber durch etwas eigenwillige gesangliche Interpretationen, die mir persönlich leider nicht sonderlich zusagten. Generell bin ich kein Freund davon, dass bekannte Songs auf Konzerten neu interpretiert vorgetragen werden. Schließlich hat es ja in der Regel einen Grund, warum bestimmte Nummern Anklang finden und ich bin der Meinung, dass die Fans diese dann auch genauso zu hören bekommen sollten, wie sie sie erwarten. Andererseits kann ich aber dennoch die künstlerische Herangehensweise hierbei auch nachvollziehen. Einen optischen Leckerbissen bekamen die Zuschauer noch einmal bei „San Franciso Nights“ zu sehen, als die Golden Gate Bridge im Hintergrund erstrahlte, während der Steg im Publikum als „Straße“ für einen VW-T1-Bulli im Mini-Format diente, der wahrhaftig bemannt dort lang fuhr. Ein emotionales Highlight war sicherlich das folgende „ich will nur“, was ganz sicher bei vielen Fans für Gänsehaut sorgte und gleichzeitig den letzten Song des regulären Sets darstellte. Die Zugaben wurden mit dem bekannten „wie soll ein Mensch das ertragen“ eröffnet, bevor mit „als gäb’s kein Morgen mehr“ das Highlight des Abends folgte. Das sah nicht nur ich so, denn hier stand die komplette Halle zum ersten Mal bei diesem Konzert, nachdem es vorher noch handgreifliche Diskussionen in den Reihen vor uns gab, um diese Frage zu klären… Wir ließen den Abend mit diesem positiven Ende ausklingen und verabschiedeten uns, während die Fans sich noch über vier weitere Songs freuen durften.

Unter dem Strich bleibt ein etwas zwiespältiger Eindruck. Einerseits bot der Abend einige Highlights mit imposanten Bühnenbildern, die man in dieser Form von deutschen Künstlern kaum zu sehen bekommt und emotionalen Höhepunkten. Andererseits zerstörten die eigenwilligen Interpretationen von POISEL aus meiner Sicht einige seine besten und bekanntesten Hits, was mich persönlich etwas enttäuschte. Aus fotografischer Sicht muss man sich zudem berechtigterweise die Frage stellen, ob es einem PHILIPP POISEL überhaupt wichtig ist, in „gutem Licht“ in den Medien aufzutauchen. Denn wir Fotografen mussten mit fast durchgehendem blauen Licht und nicht gerade foto-freundlichen Regeln Vorlieb nehmen. So durften wir POISEL bei seinem dritten Song auf der Zweitbühne nur noch von hinten fotografieren und zu dem Zeitpunkt, als die Musical-artigen Bühnenbilder hervorgezaubert wurden, mussten die Kameras längst die Halle verlassen haben oder eben abgegeben worden sein. Die einzig wirklich guten Fotos auf der Tour macht daher wohl auch nur der mitreisende Tour-Fotograf, der die Möglichkeit bekommt, das komplette Konzert über zu fotografieren und wesentlich bessere Standorte nutzen zu können. Das ist leider heutzutage nichts Ungewöhnliches mehr, aber mich erstaunt es doch immer wieder, dass es Künstlern in Zeiten von selbst zu gestaltenden sozialen Medien scheinbar so egal ist, wie sie in den konservativen (in Bezug auf den Terrorverlag sicher eine etwas kuriose Bezeichnung) Medien erscheinen.

Setlist PHILIPP POISEL
Intro
Mein Amerika
Geh nicht
Froh dabei zu sein
Im Garten von Gettis
Roman
Wo fängt Dein Himmel an
Halt mich
Erkläre mir die Liebe
Zünde alle Feuer
Bis nach Toulouse
Nintendo
Das kalte Herz
Mit jedem deiner Fehler
Eiserner Steg
San Franciso Nights
Ich will nur

Wie soll ein Mensch das ertragen
Als gäb’s kein Morgen mehr
Für immer gut
Wenn die Tage am dunkelsten sind
Liebe meines Lebens
Pferd im Ozean

Copyright Fotos: Sascha Uding

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