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PYOGENESIS – SINCERE

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Ort: Gütersloh - Weberei

Datum: 22.11.2003

Achtung, der Rock-Opa war wieder unterwegs! So musste ich mich zumindest zum zweiten Mal diese Woche fühlen, als ich nach THE RASMUS am Montag 5 Tage später die Gütersloher Weberei betrat. Hier veranstaltete der Jugendkulturring einen Abend mit drei Bands aus dem Rock/ Punk-Umfeld. Mein besonderer Augenmerk galt natürlich PYOGENESIS aus Hamburg, deren Karriere ich schon seit den frühern 90ern beobachte. Leider war der größte PYO-Experte vom Terrorverlag verhindert, so dass ich mich alleine unter die Anwesenden mischte. Und die waren zum einen zahlreich (ca. 300, lag bestimmt auch an den 5 Euro Eintrittspreis), zum anderen recht jugendlich. So zwischen 16 und 20 dürften die meisten Nu Metal/ Rock-Heranwachsenden gewesen sein, die zum Teil auch ihre Freundinnen mitgebracht hatten…

Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass ich die erste Band STONEBLIND verpasste, was mir aber keine schlaflosen Nächte bereiten dürfte. Stattdessen betraten die Belgier SINCERE in Quartett-Stärke die Bühne. Von denen wusste ich nur so viel, als dass sie auf dem Soundtrack von Anatomie 2 vertreten waren („Killerboys on Acid“) und aus Antwerpen stammen. Auch die meisten anderen Anwesenden dürften noch nie von den Jungs gehört haben, dafür schlugen sie sich aber recht wacker. Ihre Musik würde ich mal ganz vorsichtig als Mischung aus Noise und Nu Rock bezeichnen, sie selber sehen die FOO FIGHTERS als Vorbilder. Der Sänger Robin Fitters interagierte sehr viel mit dem Publikum und mischte sich schon beim dritten Stück unter die Anwesenden, um unten weiter zu klampfen. Ansonsten scheint der Mann eine gewisse Obsession zur Vagina seiner Großmutter zu besitzen, mit dieser Metapher beschimpfte der Mann das recht steife Publikum das eine oder andere mal. Gegen Ende spielten sie auch mal ein Zitat: „Sehr sehr langsames Stück“, bevor der Spuk dann nach 45 Minuten vorbei war, gar nicht so schlecht das Ganze!

Aber jetzt sollte es interessant werden. PYOGENESIS hatte ich vorher noch nie live gesehen, aber einiges von ihren verrückten Bühnenshows gehört. Das Quartett um Aushängeschild Flo v. Schwarz ist bekannt für seine Fannähe, so organisiert man einmal im Jahr mit den Mitgliedern des Fanclubs eine Butterfahrt! Auch dieses mal war eine beinharte Fan-Abordnung im Auditorium, wie man unschwer an den T-Shirts und am Gestus erkennen konnte. Eigentlich ganz witzig darüber nachzudenken, dass viele der Leute noch im Kleinkind-Alter waren, als die Hamburger ihr erstes Album herausbrachten (1993). Auch dürfte nicht jeder wissen, dass man mal im Death Metal Umfeld begann, bevor die Punk-Wurzeln entdeckt wurden, aber das ist ja keine Voraussetzung, um ordentlich Spaß zu haben. Im Hintergrund hing ein riesiges Plakat mit einem Ghettoblaster und dem Bandlogo drauf, mehr Schmonzes haben PYOGENESIS auch nicht nötig. Wie nicht anders zu erwarten waren die 4 wieder mit ihren schwarzen Dickies-Hemden plus rote Krawatten gekleidet, was ihnen einen gewissen Hauch von Eleganz verleiht. Shouter Flo könnte durchaus als Model sein Geld verdienen, sieht ein wenig wie die Light-Version von Ralph Möller aus. Jedenfalls weiß er nach unzähligen Konzerten genau, wie er das Publikum im Würgegriff hält, ein nicht alltägliches Konzert sollte seinen Anfang nehmen. Während man musikalisch mit dem Opener des aktuellen Albums startete („I don’t know“), begannen auch schnell die Spielereien mit dem Publikum. So wurde ein unschuldiger Teenie mit längeren Haaren – genannt Viete aus dem Sauerland – zum Bier auf Ex Aussaufen auf die Bühne geholt, bevor er diese dann nur stage-divend wieder verlassen durfte. Später wiederholte sich das Spiel, aber der Bursche blieb standhaft, auch wenn er wohl lieber Krombacher als Warsteiner getrunken hätte. Dann sinnierte Flo über Fußball, St. Pauli und Beckenbauer und erwies dem „Kaiser“ seine Referenz mit mehreren La Ola-Wellen… Immer wieder beschwerte er sich auch über seine Rhythmus-Fraktion, die ihm zu unbeweglich war, folglich sollte sich also das Publikum bewegen, welches mittlerweile schon einen ganz netten Moshpit gebildet hatte. Für echte Gütersloher natürlich eine schwere Beleidigung „verwechselte“ er mal ganz „zufällig“ „Weberei-Town“ mit dem großen Bruder aus Bielefeld. Die Setlist bestand aus den bekannten Hits von den letzten Alben „Mono“, „Unpop“ und „She makes me wish I had a Gun“. Z.B. „Separate the boys from men“, “I feel sexy”, “Fake it”, “Just ironic”, “Love Nation Sugarhead” oder “Blue Smiley’s Plan”. Aber auch das ältere Stück „Twinaleblood“ kam gut bei den Zuschauern an. Der Überknaller „Don’t you say maybe“ beendete den regulären Teil, aber es war klar, dass es dabei nicht bleiben durfte.

Und so wurde ich noch Zeuge einer vollkommen überraschenden Aktion. Nach einer kurzen Pause stand man wieder auf den Brettern und als das Stück „Drive me Down“ beendet war, wurde ein gewisser Olaf auf die Bühne gerufen. Der gute Mann war mir schon vorher aufgefallen, da er a) einer der wenigen älteren Fans war und b) jeden PYO-Text inbrünstig mitsingen konnte. Jetzt stand er da oben etwas schüchtern vor dem Mikro und bat zur Überraschung aller seine Freundin auf die Bühne. Die schwarzhaarige Kurzhaar-Maus mag einige Jahre jünger als er gewesen sein, jedenfalls hielt er ganz salbungsvoll um ihre Hand an, kniete vor ihr nieder und überreichte einen Ring. Die Angebetete erwiderte natürlich mit einem deutlichem „Ja“ und so konnten Flo Pflaume und Co. zu einem Hochzeitsständchen ansetzen. Zusätzlich wurden dem angehenden Paar 2 Tüten Chips und 2 Bananen zur Stärkung überreicht (Zitat Flo: „Noch nicht verheiratet aber schon 2 Phallus-Symbole in der Hand…“). Nach diesen Minuten der Rührung rockte man sich noch durch die Coverversion „Africa“, „I thought“, „Sleep all day… Rock the night“ und das 58sekündige Schlaflied „Punk Rock is her life“. Das war es dann, ohne dass die Band vergaß, alle Zuschauer noch zum gemeinsamen Saufen in das Cafe der Weberei einzuladen. Und wer PYOGENESIS und ihre natürliche Art an diesem Abend gesehen hatte, wusste das dies bei den Elbestädtern kein Lippenbekenntnis war…

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