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ROCK’N ROLL OVERDOSE

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Ort: Nürnberg – Rockfabrik

Datum: 20.04.2013

Sieben Bands und ein Comedian

4+6+4+5+5+4+5+1 macht 34! Mit anderen Worten: Genug Pillenvorrat zum Einwerfen für die Rock’n Roll Overdose. In sieben Phasen einzunehmen, zwischendurch gibt es eine kurze Verschnaufpause, denn der Bembers ist mit am Start und sorgt – wenn man will – für Durchzug im Gehörgang. Wer so viel konsumieren möchte, braucht Übung. Früh übt sich, sagt der Volksmund, und den sollte man beim Wort nehmen. Start: 17:00!

Also los zur ersten vielversprechenden Mischung des Tages mit dem Namen ZODIAC. Inhalt: LONG DISTANCE CALLING-Drums (Janosch Rathmer) inkl. Klangwunder Nick van Delft und was wäre eine Rockband ohne Gitarre und Bass? Nix! Also gibt es noch Stefan Gall und Rubens Claro oben drauf. Mischverhältnis? 100 % Blues Rock vom Feinsten mit einem Schuss Stoner. Sechs Mal darf das Publikum kosten und die Münsteraner fackeln nicht lange. Schnell geht’s in medias res mit dem Opener “Diamond Shoes” und spätestens beim großartig gecoverten “Blue Jean Blues” sieht man in durchweg verzückt-entrückte Gesichter. Anerkennendes Brummen weicht schließlich Zugabe-Rufen beim leider letzten Song der Jungs für diesen Abend: “Coming Home” ist eben einer jener Übersongs, für die man Gott danken darf, diese einmal live gehört zu haben. ZODIAC-Drogen wirken hervorragend!

40 Minuten Spielzeit bleiben im Anschluss auch SUPERCHARGER, um süchtig zu machen. Denn so heißt nicht nur das 4. Studioalbum der US-amerikanischen Überhelden MACHINE HEAD. Auch eine talentierte Hardrock Band aus Skandinavien hört auf diesen Namen. Die sechs Dänen inklusive des auffällig bezopften Drummerersatz Dannie Mc Kenzie wirbeln unter dem Motto “Boogie Woogie from Denmark” über die Bühne und klingen dabei wie eine Mischung aus VOLBEAT, MUSTASCH und AUDREY HORNE. Zielgruppe getroffen: Dabei können vor allem die Songs der zweiten Platte “That’s how we roll” live viel besser überzeugen als aus dem heimischen Soundsystem. Weitere Highlights wie “Mrs. Ferguson” oder “Redemption Song” (zum Glück hier ohne CRUCIFIED BARBARA-Frontfrau Mia Coldheart) sorgen für ordentlich Blues und Country-Stimmung im Saal. Sänger Mikkel Neperus gibt zwischendurch kleine Anekdoten zur Bandgeschichte zum Besten und versucht damit, dem guten alten Motto “Sex, Drugs & Rock’n Roll” Leben einzuhauchen. Und irgendwo haben die Jungs im Tourbus unterwegs auf Deutschlands Straßen den Evergreen “Verdammt ich lieb Dich” von Matthias Reim aufgeschnappt, den sie schamlos als Lückenfüller missbrauchen. Alles in allem und trotz Boxendesaster kurzweilige 40 Minuten mit sechs sympathischen Superchargern in ihrem Element.

Mit den AC/DC Klonen ’77 geht die Rock’n Roll Überdosis in die dritte Runde. Schon ihr 2009er Debüt “21st Century Rock” sorgte für hitzige Diskussionen: innovationsloser, aber erfolgversprechender Sound mit Gelddruckgarantie oder eine moderne, spanische Neuinterpretation altbekannter Blues Rock Ingredienzien? Auch das Publikum ist sich in dieser Hinsicht nicht so ganz einig: Den Fuß im Takt wippen, die Hüfte locker mitschwingen und Haare schütteln oder pikiert die Augenbraue hochziehen? ’77 lassen sich davon wenig beeindrucken und bieten das gewohnte Bild. Nackte Oberkörper und Schlaghosen – die Valeta Brüder wissen, wie sie die Menge anheizen müssen und zeigen trotz oder gerade weil immer wiederkehrender Soundprobleme vollen Körpereinsatz. “Game over” heißt der Opener – ja, diese Ironie bemerkt man auch im Drogenrausch noch. Nach Songs vom zweiten Album wie “High Decibel” hält es Leadgitarrist LG Valeta beim eingängigen “This girl is on fire” nicht mehr auf der Bühne. Also runter vom Podest, rein ins Publikum und rauf auf die Bar. Das sorgt für Respekt und vor allem endlich auftauende Franken. Aber auch hier ist nach gut 40 Minuten Schluss mit lustig und die Jungs werden von der Bühne gefegt.

Denn des Bembers 1. Streich folgt. Jawohl richtig gehört. Tatsächlich hat sich zwischen der Überdosis an Rock’n Roll noch ein Comedian rein gemogelt. Als dem Frankenland per Zufall vorbeigespülter Fischkopp erschließt sich auf den ersten Blick nicht, was der gut beleibte Mensch mit den vielen schwarzen Locken da oben auf der Bühne treibt und vor allem warum. Nach den ersten Sätzen ist aber schnell klar: Roman Sörgel hat wohl Heimspiel hier. Aber wie konnte das passieren? Ganz einfach, man nehme eine durchzechte Nacht, eine kleine Kamera und einen langhaarigen Metal-Fan. Innerhalb weniger Wochen wurde Bembers so zum You Tube Star und verbreitet seither sein “Geschmarri” von Wacken bis zum Quatsch Comedy Club ziemlich erfolgreich schon längst jenseits der mundartlichen Grenze des Frankenlandes. Deshalb schmunzeln dann auch nicht wenige vor der Bühne zu traditionellem Kellerbier. So gehört sich das und ist eine willkommene Ablenkung zum nächsten Rockereignis, das seine Schatten bereits vorauswirft.

Denn Punkt 20:15 läuten THE NEW BLACK Teil IV des Überdosen-Selbstversuchs ein. Die sympathischen Heavy Rocker aus Würzburg rund um Ex-Metal Hammer-Chefredakteur Christof Leim und Sänger-Rampensau Fludid haben ihr gerade erschienenes Album “III: Cut Loose” im Gepäck und gelten als Hoffnungsträger der deutschen Rockszene. Dementsprechend ambitioniert geht es zur Sache, nur leider will da einer nicht so ganz mitspielen: Der Sound! Dieser miese kleine Bruder wirklich guter Konzerte hat es einfach nicht für nötig befunden, aufzutauchen. Hat sich einfach so vom Acker gemacht, oder liegt der etwa zugedröhnt hinter der Bühne? Egal. THE NEW BLACK als Profis vorm Herrn des Rock’n Roll lassen sich davon wenig beeindrucken und spielen vornehmlich Songs der neuen Langgrille wie “Cut Loose”, “Count me in” oder “Superhuman Mission”. Zu letzterem gesellt sich dann tatsächlich auch BULLETMONKS Sänger Tyler Voxx hinzu. Weil sich aber auch sein Mikro dem Sounddesaster anschließt, verpufft das gute Stück in den Tiefen der Boxen und zurück bleiben ratlose Fans vor der Bühne. Nach gut 35 Minuten beenden THE NEW BLACK mit dem Opener des neuen Albums “Innocence & Time” abrupt das Set. Schade schade, dass die Band gerade vor mehr oder weniger heimischem Publikum nicht zeigen konnte, was sie live wirklich drauf hat. Darauf erst mal ein Frustbier.

Nach einer kurzen fränkelnden Affäre mit Bembers Teil 2 wird’s dann komisch. 21:15 zeigt die Uhr. Gerüchteweise viel Bier spült die V8 WANKERS unter ihrem deutschen Pseudonym V8 WIXXXER auf die Bühne. Und der konservative Rock’n Roller schüttelt verwundert das haarige Haupt: Ihr Proll-Rock zieht sämtliche anwesenden Mitglieder des 2007 gegründeten„V8W Speedclub“ in den mittlerweile leeren Bühnenvorraum. Erkennungszeichen: Speedclublogo mit dem jeweiligen Chapternamen auf dem Rücken und einem Patch des jeweiligen Spitznamens auf der Brust – neben der frappierenden Ähnlichkeit sämtlicher „Fans“ zu ihren Idolen in zwei Metern Höhe on stage. Selten hat man eine derartige optische Übereinstimmung von Publikum und Band erlebt und fragt sich dann auch gleich, ob diese wohl dafür bezahlt wurden. Vom Sound erinnern die Offenbacher Jungs an die ONKELZ, STRASSENJUNGS oder PROLLHEAD. Die Tatsache, dass die Lautsprecherboxen des öfteren schlappmachen, macht Mikrofon-Röhre Lutz Vegas leicht in Form seiner Performance wieder wett. Die Vermutung liegt nahe: Ein Penis-Komplex aus jungen Jahren sorgt für Übersprungshandlungen, das ist die Wahrheit. Zu Songs wie „Nein, ich mach mir keine Sorgen“ oder „Wixxxer ohne Grund“ gibt’s ordentlich Bewegung vor der Bühne und nach 40 Minuten und einer Zugabe ist Schluss mit Asi-Gegröle.

Hurra, da ist der dritte Teil der Bembers Show Balsam für Augen und Ohren. Darauf noch ein Keller-Bierchen. Das ist schnell getrunken, denn um 22:40 geht es in die nächste Rock-Runde mit Überdosis-Garantie. PSYCHOPUNCH sind im Vergleich zur Vorgruppe in ihren manierlichen weißen Hemden geradezu eine Augenweide. Die Punk’n Roller füllen vom Fleck weg den eben noch leeren Raum vor der Bühne und überzeugen durch eine Mischung aus MOTÖRHEAD, den SEX PISTOLS, ordentlich SOCIAL DISTORTION und irgendwie auch ein bisschen Blues. Dabei profitieren sie vom umfangreichen Backkatalog aus mittlerweile bereits 10 Alben. Songs der neuen Platte wie „Smakk Valley“, „Last Night“ oder „Emelie“ ergänzen etablierte Hits wie „The way she’s kissing“ oder die Zugabe „Overrating“. Die vier Schweden rund um Sänger JM verbreiten punkig, angerotzten Rock mit eingängigen Refrains und Melodien – keine Überdosis, aber immerhin genug, um leicht über dem Boden zu schweben. Applaus und definitiv audiovisuell etwas für die vielen anwesenden Rockabilly-Ladies im Saal.

Spät ist es geworden, die Ohren müde und die Haare schwer. Aber der Headliner des Abends steht noch aus und die Erwartung ist groß, haben die SPIRITUAL BEGGARS ihren Fans doch einige Jahre Live-Entzug zugemutet. Also heißt es, den Rausch noch einmal anzupeitschen, um die letzten überaus felsigen Pillen des Abends hinunterzuspülen. Mit leichter Verspätung entern die 5 Stoner dann um 0:05 die Bühne. Wenige Tage erst ist die Veröffentlichung des neuen Albums “Earth Blues” her und ganze 5 erdige Songs schaffen es tatsächlich auf die Setlist. Genug Platz also auch für die Lieblingsstücke der Die-Hard Fans. Und die sind mit “Wonderful”, “Blind Mountain”, “Sedated” oder “Young Man, Old Soul” ausreichend vertreten. Trotzdem dürfte der Band rum um ARCH ENEMY Gitarrist Michael Amott die Auswahl bei mittlerweile zehn Studioalben extrem schwer gefallen sein. Umso mehr genießen sie nach der langen Bühnenabstinenz jetzt live jeden einzelnen Song. Besonders “Neuzugang” und Sänger Apollo Papathanasio schafft es mit viel Charme, noch mehr Stimme und den Qualitäten eines Club-Animateurs auch den letzten sturen Franken von der Theke vor die Bühne zu dirigieren. Wer hier Spice oder JB vermisst, ist blind, taub und ignorant. Selbst als beim zweiten Song des Abends das Mikro ausfällt, und Keyboarder Per Wiberg kurzfristig die Vocals übernehmen muss, wirbelt der kleine Frontmann mit neuem Mikro und Kabelsalat über die Bühne und bringt damit fast Basser Sharlee D’Angelo zu Fall. Wie David und Goliath wirken die zwei da oben, während Michael Amott völlig Klampfen-fokussiert seinen Ruf als einer der besten Metalgitarristen aller Zeiten lässigst verteidigt.

Auch mit den neuen Songs, darunter vor allem “Kingmaker” überzeugen die Beggars, Publikum und Band grooven sich trotz des anfänglichen Sound-Desasters ordentlich zusammen. Nach mittlerweile 8 Stunden Marathon-Fels-Gerolle will man eine so spielfreudige Band um halb zwei nachts nicht ohne weiteres ziehen lassen. Mit der passenden Zugabe “Euphoria” endet die Stoner-Dosis nach 90 Minuten Spielzeit und hinterlässt eine müde und überdrehte Schar betäubter Rock’n Roller in die wohlverdiente Erholungsphase.

Setlist SPIRITUAL BEGGARS
Inner Strength
Beneath The Skin
Wise As A Serpent*
Left Brain Ambassadors
Young Man, Old Soul
Turn The Tide*
Wonderful World
Fools Gold
Dreamer*
Lost In Yesterday
One Man Army
One Man’s Curse*
Sedated
Kingmaker*
Throwing Your Life Away
Mantra
Blind Mountain
Euphoria

Sound: mies bis nicht vorhanden, Glück gehabt in der Soundkatastrophe: ZODIAC, SUPERCHARGER, PSYCHOPUNCH
Publikum: wenn vorhanden: 35% Metalheads, 35% Rock’n Roller, 20 % Rockabellas, Rest: Klone der V8 WIXXXER
Vom Konzert gelernt: Schweinerocker sehen angezogen besser aus…

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