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SOL INVICTUS

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Ort: Rostock - MS Stubnitz

Datum: 25.02.2005

Wenn der Veranstaltungsort allein schon ein Grund zur Freude ist, dann findet das Konzert auf der MS STUBNITZ im Rostocker Osthafen statt. Seitdem ich vor ein paar Jahren die Gelegenheit hatte, auf dem ehemaligen, mittlerweile in eine Kultur-Plattform umgewandelten, Kühl- und Transportschiff eine Performance der britischen Extreme-Electronics-Band WHITEHOUSE zu erleben, habe ich den grauen Stahlrumpf aus der DDR-Ära mit seinem unnachahmlichen Industrial-Kitsch-Flair (Blechskulpturen neben Diskoball) in mein Herz geschlossen, und freue mich immer wieder, die eigentlich noch recht gut erhaltene alte Dame besuchen zu dürfen.

An dieser Stelle muss ich mich recht herzlich bei den Leuten vom KATO-Club in Berlin bedanken, die, durch ihre extreme Bereitwilligkeit, den aktuellen deutschen Zensurwahn und die dazugehörigen faschistoiden Spitzel- und Einschüchterungsmethoden zu unterstützen, das gestrige Wiedersehen mit meiner geliebten Stubnitz ermöglicht haben… Oder war es ein reiner Mangel an Einsicht und Mut, der zur Absage des schon längst geplanten SOL INVICTUS Konzertes führte? Glücklicherweise scheint alter DDR-Stahl für die heutige Torheit undurchlässig zu sein: zu meiner größten Freude wurde die Veranstaltung nach Rostock verlegt, und die Norddeutschen Fans des Projekts um den legendären TONY WAKEFORD durften gestern Abend, als es draußen nur Schneeregen und beißende Kälte gab, im gemütlichen, runden Bauch des Hochseeschiffes das fast geplatzte Konzert in aller Gemütlichkeit genießen…

Das große Wiedersehen fing mit einer heißen Tasse Kaffee (und für meinen Mitfahrer und Fotografen mit einem lang ersehnten Rostocker Pils) an einem der massiven Stahltische im dezent beleuchteten Bardeck an, als die Trompeten-Solos, einzelne Basslines und Geigenproben des unter uns stattfindenden Sound-Checks einen anmutigen Vorgeschmack der kommenden Festlichkeiten anbot. Natürlich war ich gespannt zu sehen, wie eine “traditionelle”, fast rein akustische Formation in dieses Decor passen würde, und als wir gegen halb elf die schmale Wendeltreppe zum Kielraum hinuntergingen und endlich die Bühne zu sehen bekamen, wartete eine doppelt kontrastierte Inszenierung auf uns… An der Wand hinter der Gruppe in Fünfer-Besatzung hing nämlich ein Triptychon etwa im italienischen Renaissance-Stil, dessen eindeutig religiösen Motive (in der Mitte hinter WAKEFORD eine christliche Figur, links und rechts Szenen, die ich jeweils als Abendmahl und Geburt Christi bezeichnen würde) einen nicht zu übersehenden Gegensatz zu den heidnischen Namen und favorisierten Themen der Gruppe bildeten. Sie schienen christliches und heidnisches Gedankengut, sowie ihre jeweiligen Hauptfiguren, der leidende Christus und der unbesiegte Sonnengott, abermals (aber humorvoll) konfrontieren (oder gleichsetzen) zu wollen. Einen besonders köstlichen Anblick bot der auf einem niedrigen Hocker am Fuß Christi zusammengesunkenen KARL BLAKE, Mütze bis zu den Augen heruntergezogen und bösen Blickes, der wie ein Straßenmusikant im Vatikan lässig an seiner Bassgitarre zupfte. Im Vordergrund stand würdevoll und unerschütterlich die vertraute Figur TONY WAKEFORDs als einziger Gitarrist, mit RENEE ROSEN an der Geige an seiner Seite. Die zweite Violinistin MARIA VELLANZ hatte auf einem der Seitenflügel der Bühne Platz genommen, während auf der anderen Seite ERIC ROGER (Mastermind von SEVEN PINES und dem genialen GAË BOLG AND THE CHURCH OF FAND) Trompete, Flöte und Glockenspiel (das einzige Schlaginstrument an jenem Abend) bediente. Der für sein exzentrisches Wesen bereits bekannte Franzose hatte ein schwarzes T-Shirt mit blau und rot leuchtendem Kruzifix an, welches natürlich zum gesamten Erscheinungsbild blendend beitrug… Das Ganze muss man sich von gusseisernen Rohrleitungen und Mannsengen Fußgängerbrücken umgeben vorstellen… Insgesamt also ein etwas anachronistischer aber sofort verlockender Anblick!

Auf dem Programm standen sowohl aktuelle Lieder (aus dem im Januar auf TURSA/ DARK VINYL erschienenen neuen Album THE DEVIL’S STEED) als auch Klassiker wie “Believe Me” und “In a Garden Green”. Die Show wurde wortkarg mit gewohnter Professionalität und Nüchternheit abgeliefert, wie man es nicht anders von SOL INVICTUS erwartet. Mir gefiel am besten die einzigartigen Trompeten-Solos ERIC ROGERs, aber interessant war auch das ungewöhnliche duellierende Zusammenspiel der zwei Geigen, die eine naturell, die andere in Effekten versunken. So manches mal hatte man das Gefühl, in einer neuzeitigen Arche Noah auf der Überfahrt zu ungeahnten Ufern zu sein, mit den melancholischen Balladen TONY WAKEFORDs als einzigem Trost und Hoffnung. Angesicht der aktuellen Verleumdungskampagne gegen mehrere Neofolkbands, war es gestern Abend auch unvermeidbar, in WAKEFORD eine Art Märtyrerfigur zu sehen, welche man sich mit allen Mitteln bemüht, miss zu verstehen, wie einst der Christus, der hinter ihm auf der Bühne stand. Und wenn eine so makellose Gruppe wie SOL INVICTUS angegriffen wird, dann scheint es tatsächlich für die Liebhaber dieser Musik auf den zukünftigen Ufern nur wenig Hoffnung zu geben… Gestern lief die Veranstaltung allerdings einwandfrei, und es hat meines Wissens, wie übrigens bei allen anderen Neofolk-Konzerten auch, keine Konfrontation zwischen dem Publikum und den gescheiterten anwesenden Zensoren gegeben, wahrscheinlich weil die Letzteren vor Ort nicht mal die Spur eines Nachweises für ihre lächerlichen Beschuldigungen finden konnten…

Aber zurück zum Konzert. Nach ungefähr einer Stunde Spielzeit verließen SOL INVICTUS die Bühne, und kehrten nur für eine kurze Zugabe zweier Lieder zurück. Die Wünsche des Publikums nach “Death of the West” und “Kneel To The Cross” blieben unbefriedigt, und auch eine zweite Zugabe wurde trotz dem zehn Minuten langen Jubeln der Fans, die teilweise von Berlin und Hamburg angereist waren, um ihr Idol zu sehen, nicht gewährt. Kurz vor Mitternacht waren also die Festlichkeiten beendet. Uns blieb dann noch ein bisschen Zeit, am immer gut bevorrateten Plattenstand des Rostocker Shops und Mailorders ARS MACABRE stöbern zu können, und unvermeidlich den Geldbeutel um ein paar Euros zu erleichtern. Wie Aschenputtel machten wir uns noch rechtzeitig auf den langen Weg nach Hause, rundum glücklich und hoffend, solche perfekten Abende in der dunklen Zukunft Norddeutschlands wieder erleben zu dürfen…

Copyright Fotos: Naka

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