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SPOCK’S BEARD – KINO

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Ort: Osnabrück - N8

Datum: 16.03.2005

Musikalisches Neuland zu betreten fand ich schon immer spannend. Obwohl, wenn ich es mir recht überlege, ist das Wort „Neuland“ im Falle von SPOCK’S BEARD und KINO nicht gerade passend. Als ich 1987 in Polen MARILLION zum ersten Mal live sah, war ich von der Musik der Band absolut fasziniert. Leider ging mit dem „Clutching at Straws“ Album damals gerade die FISH Ära zu Ende. Die „neuen“ MARILLION mit Steve Hogarth fand ich einige Jahre später zwar auch nett, aber bei weitem nicht so interessant wie „das Original“. Das erste, was nach über einer Dekade meine Aufmerksamkeit wieder erweckte, war ein Seitenprojekt des Bassisten Pete Trewavas namens TRANSATLANTIC. In dieser All Stars Formation spielte u.a. auch Neal Morse von SPOCK’S BEARD. Als er aber 2002 zu Gott fand, verlies er beide Bands, was für TRANSATLANTIC das Ende bedeutete und für SPOCK’S BEARD eine personelle Umbesetzung mit sich brachte. Das neue Seitenprojekt mit Mitwirkung von Pete Trewavas heißt KINO. MARILLION – TRANSATLANTIC – KINO -SPOCK’S BEARD. Diese Assoziationskette brachte mich dazu an einem frühlingshaften Mittwoch Abend die Reise Richtung Osnabrück vorzunehmen. Der Club N8 ist wirklich eine tolle Location mit zwei Bars und vielen Sitzgelegenheiten. Das soll vorweg gesagt werden.

Als wir allerdings dort kurz vor 20 Uhr ankamen, erwies es sich als verdammt schwierig, das Auto irgendwo in unmittelbarer Nähe des Ladens zu parken. Den Grund dafür fanden wir, als wir es uns nach längerem Fußmarsch endlich drinnen gemütlich machen konnten. Die Location war mit gut 300 Leuten zu ungefähr 2/3 gefüllt. Der durchschnittliche Prog Rock Fan ist bereits an seinem Äußeren leicht zu erkennen: Er ist männlich, etwa 29 bis 49 Jahre alt, trägt Kurzhaarschnitt, Kassenbrillengestell und ein kariertes Freizeithemd. Außerdem erweckt er den Eindruck, dass er ohne nennenswerten Widerstand stets den Müll nach unten tragen wird und an der sonntäglichen Kaffeetafel im Kreise der Familie zum zwanzigsten Mal die Geschichte von Tante Elses Nierensteinentfernung ohne mit der Wimper zu zucken über sich ergehen lässt. Kurzum: Irgendwie der Traum aller Schwiegermütter und wäre ich nicht vergeben, tja – wer weiß, wer weiß… ;-)

Aber im ernst, im Publikum waren die Männer tatsächlich deutlich in der Überzahl und als ich gerade das völlig menschenleere Frauenklo verlassen hatte, brach herzlicher Applaus herein. Der galt natürlich nicht mir, sondern der Vorband KINO, die gerade die angrenzende Bühne betrat. Los ging es dann mit ein paar technischen Pannen beim Keyboard Sound. Der Gitarrist und Sänger John Mitchell (ARENA, THE URBANE) kommentierte dies mit: „So klingt es nicht auf dem Album“. Unterdessen spielte Keyboarder John Beck (IT BITES, Chris Norman – jaaaa, DER Chris Norman, von irgendwas muss man ja leben) unbeeindruckt von der streikenden Technik souverän weiter und übernahm sogar bei einem Stück den Gesang. Das besagte Lied heißt übrigens „Swimming in Women“ und war bereits auf dem KINO Debütalbum „Picture“ einer meiner absoluten Favoriten. Von der Live-Version war ich erwartungsgemäß keinesfalls enttäuscht. An den Drums saß an dem Abend nicht der Ex- PORCUPINE TREE Mitarbeiter Chris Maitland, der auf der Scheibe zu hören ist, sondern der Kumpel von John Becks Bandkollegen: Bob Dalton.

Als Support Act kriegt man natürlich nicht so viel Zeit wie die Hauptattraktion des Abends, aber etwa 40 min und sieben von zehn Tracks des einzigen Albums fand ich objektiv gesehen angemessen. Mir bleibt es zu hoffen, dass KINO ein Langzeitprojekt wird, da ich an dem „mehr Rock als Prog Sound“ tatsächlich Gefallen gefunden habe. Ehrlich gesagt, klang die Band auf der Scheibe etwas besser als live, aber das ist nur auf die technischen Probleme und den schlechten Sound zurück zu führen. Irgendwie fällt es schon sehr oft auf, dass sich der Sound massiv verbessert, sobald der Main Act die Bühne betritt…

Wie gesagt, der erste Part des Abends erfüllte meine Erwartungen, und nach einer guten halben Stunde Umbaupause konnte es losgehen mit SPOCK’S BEARD. Mit einer Gitarre bewaffnet betrat zu den Klängen vom „Listening to the Sky“ Intro der „alte“ Drummer und seit 2003 neue Frontmann Nick D’Virgilio die Bühne. Der „hauptberufliche“ Gitarrist Alan Morse platzierte sich in der Ecke und ich tauschte mit meiner Begleitung unruhige Blicke aus. Hat er wohl, oder sieht er nur so aus? Die Gerüchte über seine Vorliebe von, na ja, nennen wir es „Bewusstseinerweiternden Substanzen“ machen schon seit Jahren die Runde. Ich muss sagen, der gute Alan sah tatsächlich etwas… seltsam aus. Sein Gesichtsausdruck und die große schwarze Sonnenbrille schienen wohl ein weiteres Indiz zu sein. Ab und an während des Konzerts konnten sogar meine ungeschulten Ohren ein paar wenige Missklänge seiner Gitarre registrieren, aber, wie gesagt nur in ganz seltenen Momenten. Der Bassist Dave Meros, mit neuer Kurzhaarfrisur, fungierte dafür den ganzen Abend praktisch unsichtbar aber perfekt wie immer im Hintergrund. Leichte Probleme zeigte dagegen am Anfang der japanische Keyboarder Ryo Okumoto, der sich im ersten Übergang von „A Flash Before My Eyes“ komplett verhauen hat! Eine laaange peinliche Pause und ganz böse Blicke von der restlichen Band folgten. Die Abwesenheit von Neal Morse machte sich im Laufe des Abends schon an manchen Stellen bemerkbar. Insbesondere die älteren Stücke der „Bärte“ sind für zwei Keyboards geschrieben und klingen in abgespeckter Version definitiv weniger fulminant. Meiner Meinung nach kommt aber Nicks Stimme live besser rüber als die von Neal, obwohl er an dem Abend erkältungsbedingt etwas schwächelte. „Ich kann nicht auf Tour gehen ohne krank zu werden!“ witzelte er ins Mikro und machte für seine Kumpels von KINO die übliche Verkaufsveranstaltung: „Tolle Jungs, tolles Album – ihr könnt es beim Merchandise Stand kaufen!“. Die Vorband selbst hat letzteren Spruch nicht gebracht, was ich ihnen sehr hoch anrechne. Es gibt wahrhaftig zur genüge Musiker, die nach jedem Lied das Publikum darauf hinweisen, dass man die Musik gleich in der Halle käuflich erwerben kann, was ich sehr nervig und etwas peinlich finde.

Musikalisch ging es SPOCK’S BEARD an dem Abend natürlich auch darum, das neue Album „Octane“ zu promoten, so sind die Gesetze des Showbiz eben, aber erfreulicher Weise sah die Setlist NICHT 100 % dementsprechend aus, was andererseits wiederum nicht anders zu erwarten war. Vorbildlich moderierte Nick D’Virgilio ältere Stücke mit Songtitel und dazugehöriger Albumangabe an, teilweise sogar samt Erscheinungsjahr. Für alle „bärtigen“ Neueinsteiger eine tolle Orientierungshilfe. Überhaupt, im Laufe des Abends schien die Band immer mehr aufzutauen und das Konzert wurde zum Hörgenuss der Extraklasse. An den Drums saß, der „Stamm“- Tourtrommler Jimmy Keegan und machte seine Arbeit verdammt gut. Einer der Höherpunkte des Abends war das Stück „NWC“ vom neuen Album, währenddessen sich Nick und Jimmy ein „Drumbattle“ geliefert haben (der eindeutige Sieger übrigens hieß, meiner Meinung nach, Jimmy Keegan), doch dann erwartete die Fans noch das grandiose Keyboardsolo von Ryo – vorgetragen, pardon vorgeposed, auf einem Umhängeinstrument und jeder konnte sehen, wie viel Spaß der gebürtige Japaner an seinem Gerät hat. Überhaupt schien in der Band der Fun Faktor die alte Perfektion der Neal Ära abzulösen. Die (seltenen) kleinen Pannen und Missgeschicke wurden locker überspielt und die Band schien sich auch miteinander zu amüsieren. Und das Publikum natürlich auch, aber anscheinend nicht gut genug für Nick, der sich scherzhaft beklagte: „Mann, ihr seit mir zu leise!“. Dass die Fans auf ältere Stücke besser reagieren als auf das neue Material, ist ein allgemeines Problem aller Bands nach Personalwechsel, aber da müssen auch die „Bärte“ durch. Zwei Stunden haben sie gespielt, bis sie sich fürs erste verabschiedeten, aber nach frenetischem Applaus ließen sie sich natürlich eine Zugabe nicht nehmen. Eine nur, aber welche! Das Stück, was anno 1995 SPOCK’S BEARD zum Ruhm verhalf, das etwa 20 minutige „The Light“.

Ein wunderschöner Abend fand einen perfekten Ausklang. Als wir kurz nach Mitternacht Richtung Bielefeld fuhren, waren wir uns sicher: Es hatte sich definitiv gelohnt heute Abend nach Osnabrück zu kommen und falls KINO irgendwann mal eine Solotour starten, sind wir auf jeden Fall dabei.

Setlist KINO
Leave A Light On
People
Letting Go
Perfect Tense
Swimming In Women
Losers’ Day Parade

Setlist SPOCK’S BEARD
Listening To The Sky (Intro)
A Flash Before My Eyes
Harm’s Way
NWC
At The End Of The Day
The Bottom Line
Gibberish
Ghosts Of Autumn
As Long As We Ride

The Light

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