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UNHEILIG – DIARY OF DREAMS – ZEROMANCER

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Ort: Bochum – RuhrCongress-Hallen

Datum: 19.03.2010

Der Graf hat es geschafft. Mit seinem siebten Studio-Album „Große Freiheit“ ist der charismatische Musiker, der seit etwas mehr als einer Dekade unter dem Namen UNHEILIG firmiert, direkt bis an die Pole Position der deutschen Charts durchmarschiert und auch die erste Singleauskopplung „Geboren um zu leben“ schaffte es bis aufs Treppchen und sicherte sich dort einen fulminanten Platz 2. Zur neuen Platte gehört natürlich auch eine ausgedehnte Tour, denn gerade auf der Bühne vermag der glatzköpfige Anzugträger, der sein Privatleben und sogar seinen richtigen Namen gern im Verborgenen hält, besonders zu überzeugen. Wer UNHEILIG live erleben möchte, sollte sich allerdings beeilen, denn viele Konzerte sind bereits seit Wochen ausverkauft. So auch der Tourauftakt im großen Saal der Bochumer Ruhrcongress-Hallen, der immerhin 5.000 Personen fasst. Wie groß das Interesse an der Show war, zeigte sich bereits 90 Minuten vor dem eigentlichen Beginn in Form zweier stattlicher Menschenschlangen, die sich gedulden mussten, bis sich schließlich die Tore öffneten. Eine zweite Gelegenheit bot wenig später die Autogrammstunde des Grafen, bei der etwa 800 UNHEILIG-Anhänger ausharrten, um den Schriftzug oder ein Foto ihres Idols ihr Eigen nennen zu können.

Wer nicht ganz so versessen auf Fan-Devotionalien war, begab sich indes in die Halle, wo bereits um 19.30 Uhr ZEROMANCER die Gitarrenverstärker und Synthie-Regler auf „on“ stellten. Noch war die Venue nicht ganz voll, aber die Stimmung war bestens und sogar eine einzelne Norwegen-Flagge wurde zu Ehren der Skandinavier mit Wohnsitz in Los Angeles geschwenkt. Für diejenigen, die erst mit der CD „Große Freiheit“ auf UNHEILIG gestoßen sind, wird der treibende Synthie-Rock möglicherweise eine musikalische Herausforderung gewesen sein, doch auch das etwas „unbedarftere“ Publikum hielt sich tapfer und staunte, was der Graf Schönes im Schlepptau hatte. Zunächst war da mal das Intro „2.6.25“ vom jüngst erschienenden ZMR-Silberling „The Death of Romance“, bevor die fünf Herrschaften mit den krachenden Klängen von „Industrypeople“ des gleichen Longplayers loslegten. Vereinzelt juckte es den Schwarzkitteln bereits in den Beinen, ehe zum druckvollen „Clone Your Lover“ vom gleichnamigen 2000er Debüt weitergetanzt werden konnte. Viel Nebel und zwingende Keyboard-Flächen begleiteten die rauen Vocals von Mr. Waschbrettbauch Alex Moklebust bei „Sinners International“, das im vergangenen Jahr den Namen für die damalige VÖ stellte. Selbiger Langrille war auch „It Sounds Like Love (But It Looks Like Sex)” entnommen, mit dem ZEROMANCER endgültig in die Vollen gingen. Alex ließ seine Bauchmuskeln spielen, weshalb ihm sicherlich zumindest die weiblichen Anwesenden die minimalen Unsauberkeiten im Gesang verziehen und sich gern vom straighten „The Hate Alphabet“ vom jüngsten Output beschallen ließen. Inzwischen war das Auditorium auf Betriebstemperatur vorgeglüht, so dass im Finale „Doctor Online“ (2001 auf „Eurotrash“ erschienen) schon mal feste abgefeiert werden konnte. Als Dankeschön gab’s von Bassist Kim Ljung noch ein wenig Lob in deutscher Sprache, bevor sich das energiegeladene Quintett nach einer halben Stunde Spielzeit unter freundlichem Applaus verabschiedete.

Setlist ZEROMANCER
2.6.25
Industrypeople
Clone Your Lover
?
Sinners International
It Sounds Like Love (But It Looks Like Sex)
The Hate Alphabet
?
Doctor Online

Nur 20 Minuten später schloss sich ein weiterer Fünfer an, auf den ich mich ganz besonders gefreut hatte: DIARY OF DREAMS! Leider teilten meine Begeisterung nicht alle Anwesenden, insbesondere unter den eher genrefremden Damen mittleren Alters in meiner näheren Umgebung machte sich eine gewisse Ratlosigkeit breit, da es sich doch wohl gar nicht um UNHEILIG handelte. Richtig erkannt! Zwar verfügen sowohl der Graf als auch DIARY OF DREAMS-Fronter Adrian Hates um ganz wunderbare und sehr sonore Stimmen, musikalisch liegen jedoch kleine Electrowelten zwischen dem Sound der beiden Kapellen. Über eine Dreiviertel Stunde gab es in den RuhrCongress-Hallen jede Menge Gänsehaut-Momente, denen ich seitens des Auditoriums ein wenig mehr Aufmerksamkeit gewünscht hätte. Sollte eine zweite „schwarze“ Support-Band für die neuen Mainstream-Fans des Grafen schon zu viel gewesen sein? Dafür wurde der überwiegende Teil der Zuschauer bestens unterhalten und durfte sich u.a. über eine Perle wie das wunderbare „Traumtänzer“ freuen, die dann auch mit Begeisterung aufgenommen wurde. Den Anfang machte jedoch das mystische „The Wedding“ vom letzten Silberling „If“, bevor es mit dem eindringlichen „The Plague“ (2007 auf „Nekrolog 43“ in die Plattenläden gekommen) weiterging. Nicht nur Adrians Stimme barg jede Menge Emotionen, auch die Pianoklänge, für die seit diesem Jahr Leandra Ophelia Dax (JESUS ON EXTASY) verantwortlich zeichnet, wussten wie bei „She And Her Darkness“ auf ganzer Front zu überzeugen. Ab dem 2009 als Single ausgekoppelten „King of Nowhere“ hatte sich Herr Hates seines Sechssaiters entledigt und kümmerte sich ausschließlich um den Gesang. Hier gewann der Sound an Tempo, ehe sich „Requiem 4.21“ und „AmoK“ abermals betont gefühlvoll und melancholisch zeigte. Für den Schluss hatten sich DIARY OF DREAMS, die bereits seit 1989 im Dark-Wave-Umfeld unterwegs sind, das druckvolle „Kindrom“ ausgeguckt – mir hätte zu meinem Glück nur noch „MenschFeind“ gefehlt, aber das Leben ist halt kein Deckchen sticken…

Setlist DIARY OF DREAMS
Intro
The Wedding
The Plague
She And Her Darkness
King of Nowhere
Requiem 4.21
Traumtänzer
AmoK
Kindrom

Um mit dem sehnsüchtig erwarteten Headliner weitermachen zu können, waren zunächst einige Umbauten nötig. Die beliebten Altarkerzen wurden auf drei Metallbögen in Position gebracht und nachdem der schwarze Vorhang gefallen war, an dem zuvor die Backdrops der beiden Vorbands gehangen hatten, kam zusätzlich noch ein roter Schiffsrumpf zum Vorschein, der natürlich stark an das „Große Freiheit“-Cover erinnerte. Offensichtlich hatte Universal seinem erfolgreichen Schützling ordentlich Kohle in die Hand gedrückt, denn auch drei Videoleinwände zeugten davon, dass die kommenden zwei Stunden multimedial werden sollten. Bevor die ungeduldige Menge endlich des Grafen ansichtig wurde, musste sie jedoch noch eine kleine Geduldprobe überstehen. Zwar dauerte auch der Umbau ebenfalls nur schlanke 20 Minuten, doch als nach dem französischen Chanson eine Schiffshupe ertönte, war dies keineswegs das von der CD bekannte Signal, das den Showstart ankündigte. Jedenfalls nicht in Form leibhaftiger Musiker. Vielmehr erklang zunächst noch HILDEGARD KNEFs „Für mich soll’s rote Rosen regnen“, das auch durchaus mitgesungen wurde, während „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ einige ungeduldige Pfiffe erntete. Aber dann sollte sich das Rätsel endlich Stück für Stück lüften, was sich UNHEILIG heuer für ihre Fans ausgedacht hatten. Die wurden per Videoanimation erst einmal in Kenntnis gesetzt, mit wem und was es die geschätzten Damen und Herren denn überhaupt zu tun hatten. Derweil fand sich auch die dreiköpfige Band (Licky – Gitarre/ Henning – Keys/ Potti – Drums) ein und es konnte mit „Das Meer“ und viel Bombast losgehen. Bei „Seenot“ hatte auch der uneingeschränkte Star des Abends die Stage geentert und für den Fall, dass die neuen Songs textlich noch nicht säßen, gab’s auf den Videowalls karaokemäßig die wesentlichen Zeilen zum Mitsingen, wenn nicht wie bei „Schenk mir ein Wunder“ die Kameras ins Publikum hielten oder ihre Sucher auf den Grafen einstellten. Der hatte zum gefühlvollen „Unter deiner Flagge“ bereits seinen Gehrock ausgezogen und zelebrierte den „Feuerengel“ gewohnt dramatisch. Bei dieser Nummer der letzten Full Length „Puppenspiel“ aus 2008 zeigten sich die neuen Fans dann auch schon nicht mehr textsicher und „Abwärts“ könnte für die ein oder andere Hausfrau und Mutter vielleicht etwas zu rockig gewesen sein. Dafür liebten die Damen allesamt den lasziven Hüftschwung des Zeremonienmeisters, der seine Gemeinde zweifelsohne völlig unter Kontrolle hatte, wie auch das kleine Bewegungsspielchen bewies, bei dem sich alle in die Hocke begeben sollten, um dann auf sein Zeichen aufzuspringen. Gut, Bochum war ein wenig zu schnell wieder auf den Beinen, aber das kann während der Tour ja noch ausführlich geübt werden. In den kommenden Wochen und Monaten wird der Shooting Star der schwarzen Szene wohl auch noch so manchen Kilometer auf seiner Bühnenkonstruktion zurücklegen. Nicht nur, dass es im Fotograben Kästen gibt, auf denen die Musiker die Kluft zum Publikum überbrücken können. Nein, für das gut sichtbare Bad in der Masse wurde auch ein Steg gebaut, auf dem sich der Graf viel aufhielt, wenngleich er bei „Halt mich“ jedoch eine Position auf dem Schiffsrumpf wählte. Mit viel Applaus wurden seine Dankesworte an die langjährigen Fans quittiert, die ihm über die Jahre stets die Treue gehalten haben und für die er – wie bei der Autogrammstunde – immer ein offenes Ohr hatte und hat. Deshalb entschuldigte er sich auch im Laufe des Abends noch dafür, nicht alle Autogrammwünsche erfüllt haben zu können, aber bei dem Ansturm hätte er vermutlich auch bis Mitternacht schreiben müssen. Stattdessen ließ er das Auditorium wissen, dass das Lied „An deiner Seite“ für ihn stets ein sehr bewegender Konzert-Moment sei, bevor er „Leise sein!“ raunte. Man muss kein besonderer Kenner der UNHEILIG-Discografie sein, um zu wissen, dass „Freiheit“ vom 2004er „Zelluloid“ auf der Setlist stehen musste und so kam es dann auch: ein liebgewonnener Klassiker, der immer wieder Spaß macht. Genau wie „Astronaut“ („Moderne Zeiten“ – 2006); eine Nummer, die jedes Mal wohlige Schauer verbreitet und auf den Leinwänden erstmals keine Meeres- sondern Weltraumansichten präsentierte. Der Stadt Hamburg ist der Titeltrack „Große Freiheit“ gewidmet und da ziemte es sich natürlich, auch bewegte Bilder der Hansestadt zum Besten zu geben. Die Stakkatosounds wurden dann auch umgehend mit Stakkatoakklamationen bedacht, während beim anschließenden „Kleine Puppe“ die „Lalala“-Gesänge der Zuschauer gar nicht enden wollten. Zu „Unter Feuer“ und Maschine („Das 2. Gebot“ – 2003) war Party angesagt, ehe „Für immer“ wieder etwas fürs Herz bot und die Fans bei der Textzeile „ich springe mit“ zum gemeinsamen Hüpfen aufgefordert wurden. Inzwischen war es fast 23.00 Uhr geworden und der Graf erklärte den regulären Part für beendet.

Mit „Lampenfieber“ kehrte er mitsamt seiner Mannen im Hintergrund alsbald wieder zurück, um die Gefühle mit „Geboren um zu leben“ endgültig zum Überkochen zu bringen. Den Kinderchor der Konserve übernahmen an diesem Abend ca. 5.000 Besucher der RuhrCongress-Hallen, um im Anschluss auch der an den Bühnenrand getretenen Band tosenden Applaus zu spenden. Derart beflügelt, haute das Quartett bei „Ich gehöre mir“ noch einmal amtlich rein, selbst wenn der Graf nach zwei Stunden Non-Stop-Power ein wenig geschafft wirkte. Deshalb wurde eine klitzekleine Pause eingelegt, auf dass sich das Auditorium mit Leuchtmitteln bewaffnete, die beim finalen „Mein Stern“ für die richtige Kuschel-Atmosphäre sorgen sollten. Den Rest erledigte selbstverständlich gewohnt routiniert der Chef höchstpersönlich, der gegen Ende auf dem Schiffsrumpf stehend noch eine UNHEILIG-Fahne schwenkte, um sich dann um 23.20 Uhr überschwänglich von seinen neuen und alten Fans zu verabschieden.

Setlist UNHEILIG
Das Meer
Seenot
Schenk mir ein Wunder
Unter deiner Flagge
Feuerengel
Abwärts
Halt mich
An deiner Seite
Freiheit
Astronaut
Große Freiheit
Kleine Puppe
Unter Feuer
Maschine
Für immer

Lampenfieber
Geboren um zu leben
Ich gehöre mir
Mein Stern

Zweifelsohne ein sehr gelungener Auftakt der neuen Live-Runde! Wer sich noch nicht mit Tickets für einen der rund 25 Gigs eingedeckt hat, sollte sich schleunigst informieren, ob es für den gewünschten Ort überhaupt noch Karten gibt. Zusätzlich werden UNHEILIG in diesem Jahr jedoch auch noch einige Festivals spielen und wie es aussieht, hat der Graf zur Freude seiner Anhängerschaft trotz des Erfolges der letzten Wochen nichts von seiner Fannähe verloren, weshalb er sich weiterhin vor jedem Konzert etwa 90 Minuten Zeit für Autogramme und Fotos nehmen wird. Und natürlich wird auch der Terrorverlag weiter berichten!

Copyright Fotos: Uli Klenk

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