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XOTOX – SCHATTENSCHLAG – VOX CELESTA – DIE IN WINTER

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Ort: Dortmund - Bonanza

Datum: 25.09.2004

Manchmal sind es die „kleinen“ Konzerte, die im Leben für Vorfreude sorgen. In diesem Fall ein von den Webseiten „Gothic Paradise“ und „Radio Electrowahn“ präsentiertes Event, das man schon fast als Festival bezeichnen könnte. 4 Electro Acts unterschiedlicher Schattierung, die man allesamt noch nicht so oft live erleben konnte, in einem kuscheligen, intimen Rahmen. Und dieser Rahmen hieß „Tanzcafé Bonanza“, ein recht bizarrer Ort für harsche synthetische Klänge. Die Zitat „älteste Diskothek Dortmunds“ liegt ungefähr 5 km von der A2 entfernt, in der Nähe von Dortmund-Nette und wurde von mir in einer knappen Stunde erreicht. Wobei es vorab gar nicht so einfach war, den Beginn der Veranstaltung zu eruieren. Die Webseite des Ladens wurde nämlich gerade von einem Hacker-Angriff lahmgelegt. Jedenfalls erreichte ich gegen 21 Uhr den Ort des angehenden Infernos, sogar ein Parkplatzanweiser war zugegen. Das Bonanza selbst entpuppte sich als überschaubarer Raum mit kleiner Bühne und allerlei Deko an der Decke, für die Menge an Elektro-Fans allerdings genau ausreichend (der Raum, nicht die Deko…). Es mögen so 100 Mann gewesen sein, welche den fairen Obulus von 7 Euro entrichtet hatten. Der erste Act war bereits mitten in seiner Darbietung.

DIE IN WINTER waren mir vorab überhaupt kein Begriff, was auch nicht weiter verwundert, denn das Trio existiert erst seit Oktober 2003 und hat bisher nur eine 3-Track Promo veröffentlicht. Um Anfänger handelt es sich allerdings nicht, da man schon vorher in anderen Formationen musizierte. Sven moderiert zudem eine Sendung bei Radio eWahn, so dass man hier augenscheinlich ein Heimspiel hatte. DIW agierten optisch etwas uneinheitlich, Sven stylish mit Anzug und Krawatte, die anderen 2 eher fluffig locker, hier gibt es sicher noch Verbesserungspotenzial. Beim Gesang wechselten sich Sven und Ralph ab, der wie eine etwas pummeligere Version vom MELOTRON-Sänger rüberkam. Musikalisch versuchte man sich an rhythmischem, nicht allzu hartem Elektro, mit Synthie, Wave und Futurepop-Einflüssen, was in der Runde richtig gut ankam. Und auch wenn ich hier keine Songtitel wiedergeben kann, so könnte aus den Dreien bei konsequenter Arbeit/ Weiterentwicklung etwas werden.

Danach war es Zeit für VOX CELESTA aus Hattingen, deren Banner schon unübersehbar im Hintergrund angebracht war. Ihre Debüt-CD „Mandorla“ erschien unlängst bei Infacted Recordings und konnte in Szenekreisen (auch auf unserer Seite) viel Lob einheimsen. Live hatte man bisher noch nicht oft praktiziert und besonders Sänger Dirk Dette (mit „Flat“, wie so viele im Bonanza) konnte eine gewisse Nervosität nicht leugnen. Aber eigentlich brauchte man sich keine Sorgen machen, denn auch VC hatten einen ordentlichen Fanclub dabei. Wie mir aus gut unterrichteter Quelle berichtet worden war, nehmen die beiden Tastenmänner Daniel und Thomas ihren Sänger gerne mal hoch, der noch nicht über so viel Erfahrung wie sie verfügt. Und genauso kam es: Während Dirk noch abwesend war, tauschte Thomas mal eben das Mikro gegen einen fleischfarbenen Dildo aus, dazu zeigte er in Stummfilm-Manier ein paar beschriftete Tafeln á la „Er ist völlig ahnungslos“ usw. Besagter Thomas ließ im weiteren Verlauf des Konzerts noch das ein oder andere Mal seine Entertainment-Qualitäten aufblitzen, ich würde ihm auch locker eine Komikerkarriere bei RTL zutrauen. So holte er schon gegen Ende seine sehr braungebrannte Schwester auf die Bühne – als Shirt-Model – oder flirtete mit den anwesenden Damen. Was die musikalische Seite des Spektakels angeht, war alles im grünen Bereich, Dirks Stimme hielt den Anforderungen stand und intonierte fast die komplette Debüt-Scheibe, die man in den Bereich Futurepop einordnen kann. „Elektromenschen“, „Die Zeit“ oder auch „Du allein“ gehörten zur Setlist, ebenso wie das interessante NICO-Cover „Mütterlein“. Nach der regulären Spielzeit wurde frenetisch nach einer Zugabe gebrüllt und den Gefallen taten die Mannen aus dem Ruhrgebiet ihren Fans auch. Für eine zweite Vorgruppe mehr als erstaunlich, denn man wollte sie letztendlich gar nicht mehr von der Bühne lassen! 4 weitere Songs wurden zum besten gegeben, besonders gut kam die BOYTRONIC-Eindeutschung „Du“ an, bevor das Samplerstück „Der Verführer“ im Infacted Mix einen sehr erfolgreichen Gig beendete.

Danach hatten SCHATTENSCHLAG einen schweren Stand, die als erste über keinen eigenen Clan verfügten, aber auch mit anderen Problemen zu kämpfen hatten. Bandkopf Joachim Sobczak passte optisch einfach nicht zu dem harten Songmaterial, zudem kommunizierte er fast gar nicht mit dem spärlicher werdenden Publikum. Neben ihm agierte noch ein Tastenmädel, damit es auf der Bühne nicht gar so leer wirkte. Das Material stammte von den beiden Scheiben „Flashback“ und „Gefühlskalt“ (bei Pandailectric erschienen), harter Elektro mit verzerrtem Gesang, der auch einer Black Metal Band gut zu Gesicht stehen würde. In den besten Momenten erinnerte man dabei ein wenig an eine „gesungene“ Version von FEINDFLUG, andere Tracks wirkten leider etwas eintönig und spannungslos. „Nekromantik“, „Gefühlskalt“ oder „Schlagabtausch“ waren nur einige Beispiele spätabendlicher Tonkunst. Bei SCHATTENSCHLAG forderte dann auch niemand ernsthaft nach einer Zugabe, wobei man den Auftritt letztendlich doch als solide bezeichnen kann, mit ein paar Highlights.

Es war schon fast Mitternacht, als sich die beiden Protagonisten von XOTOX daran machten, die Bühne für ihre Schlachtepen herzurichten. Den ganzen Abend konnte man die beiden nicht gerade schmächtigen Gestalten bereits beobachten, die sich wohlwollend ihre „Konkurrenz“ reingezogen hatten. Mit den beiden Veröffentlichungen „Lichtlos“ und „Die Unruhe“ avancierte Projektchef Andreas Davids aus seiner Wahlheimat Paderborn binnen kurzer Zeit zu einem Hoffnungsträger der heimischen Elektroszene, ein vielbeachteter Auftritt beim WGT 2004 inklusive. Auch damals war schon sein Live-Drummer dabei, der mit einer recht ausgefallenen Frisur glänzen konnte. Leider erlaubte die Location an diesem Abend keinen Einsatz von Videoprojektionen, so dass man sich auf das nötigste beschränkte. Der Drummer links an den E-Drums mit roten Sticks und Andreas rechts hinter allerlei Geräten machten sich nun daran, die verbliebenen Elektroheads endgültig ins Nirwana zu schicken. Zunächst war ich etwas verwundert ob der angebrachten Plastikfolie an einer Bühnenstange, bis klar wurde, dass der Bandleader damit per Schlagwerk interessante Töne hervorzaubern konnte. Im Gegensatz zu den 3 Supportacts verzichteten XOTOX bekanntermaßen auf Gesang, lediglich einige prägnante Samples durchbrachen die industriellen Rhythmen. Der Clubhit „Mechanische Unruhe“ wurde gleich als zweites gespielt und sorgte für zuckende Bewegungen unter den Anwesenden. Zwar waren kaum mehr als 50 Fans übrig, die aber feierten ihre Helden verdientermaßen ab. Etwas nervig nur ein ach so hippes Gothic-Pärchen, welches direkt vor der Bühne zum Schaulaufen ansetzte. Besoffenen Grufties haftet so etwas Unehrenhaftes an… Ich möchte aber auch nicht verheimlichen, dass ein paar andere der gestylten Damen sehr hübsch anzusehen waren, aber zurück zur Musik. Mit der hatte Andreas im folgenden nämlich ein paar kleinere Probleme, sie setzte einfach für Sekundenbruchteile aus, was nicht nur den Drummer aus dem Takt brachte. Schließlich war ganz Schicht im Schacht, aber mit ein wenig Fummelei an den Anschlüssen brachte man die Anlage wieder auf Vordermann, Knaller wie „Minuszeit“ oder „Pumpe/ Düse“ ließen die Betriebstemperatur wieder ansteigen. Gegen Ende des regulären Sets verzichtete man auf den obligatorischen Bühnenabgang, eine einfache Frage „Wollt ihr mehr?“ reichte auch aus (die Antwort war klar!). Mit „Nasse Wände“ stieg man in den Zugabenteil ein und ich stieg aus der Veranstaltung aus, es war mittlerweile sehr spät geworden und der Kopf brummte etwas.

Eine nette kleine Veranstaltung im familiären Rahmen, die sicher noch ein paar mehr Zuschauer vertragen hätte. So lautet mein Fazit und ich hoffe, dass die Veranstalter, die mit viel Herzblut dabei waren, ihren Idealismus behalten werden und derart Festival wiederholen. XOTOX werde ich mir mit Sicherheit noch mal reinziehen, und ich bin gespannt, ob sie auf einer größeren Bühne mit mehr Effekten die Spannungsschraube noch weiter anziehen können.

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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