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ZURÜCK ZUHAUSE FESTIVAL

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Ort: Bielefeld - Ringlokschuppen

Datum: 27.12.2013

Die Fortsetzung eines genialen Festivals, das im letzten Jahr aus der Taufe gehoben wurde, sollte wieder kurz nach Weihnachten über die Bühne gehen: Noch größer und noch multimedialer. Während es im letzten Jahr noch als Livestream an die Leute ging, die dem Event nicht beiwohnen konnten, setzte man heute aufs TV. Eins Plus sendete mehr als 7 Stunden live von allen vier Konzertstätten und setzte den Schwerpunkt nicht nur auf die jeweiligen Headliner, sondern zeigte auch kurze Ausschnitte von deren Gästen. Waren es im letzten Jahr noch 3 befreundete Bands, wurde auch hier um einen Künstler aufgestockt und so waren dieses Mal am Start: CRO in Schwäbisch Gmünd, MISS PLATNUM in Berlin, THEES UHLMANN in Hemmoor und eben CASPER hier in Bielefeld an seiner alter Wirkungsstätte im Ringlokschuppen. Eingeladen hatte er sich FEINE SAHNE FISCHFILET, DAGOBERT und ALLIGATOAH, also wieder eine musikalische Mischung, wie sie unterschiedlicher nicht hätte sein können.

Als Opener fungierte der Schweizer Schlagerpopbarde DAGOBERT, der mir im Laufe des letzten halben Jahres bei zwei meiner Lieblingssendungen im deutschen TV aufgefallen ist. Ich meine jetzt nicht den ZDF Fernsehgarten, wo er auch sein Unwesen trieb, sondern KRÖMERS Late Night Show und das ZDF Neo Magazin. Ob das das richtige für das junge Publikum ist, dachte ich mir, als das Line Up bekannt gegeben wurde. Seine Darbietung ist schon sehr speziell, das merkte man dann auch im großen Saal des Ringlokschuppens. Eine gefühlte Ewigkeit beim Intro dort auf der Bühne zu stehen und ins Publikum zu starren, während die Musik aus der Konserve durch den Raum schallt und der Künstler kaum eine Regung zeigt, da gehört schon was zu. Erst als jemand aus dem Publikum schrie: “Ich will ein Kind von dir!”, konnte auch er sich ein Grinsen nicht verkneifen. Doch dann überraschte der Wahlberliner mit seiner Sangeskunst, mit der er in der Hitparade von Dieter Thomas Heck in den 70`ern eine weit bessere Figur abgegeben hätte. Seine romantischen, gefühlvollen Liebeslieder wie “Hast Du Auch So Viel Spaß”, “Morgens Um Halb Vier” und “Ich Bin Zu Jung” vom aktuellen selbstbetitelten Longplayer animierten das Publikum zum mitklatschen, wobei letzterer Song schon richtig abgefeiert wurde. Auch große Rockstarposen hat DAGOBERT drauf: Da wird mal das Mikro in einem hohen Bogen auf den Boden geschleudert oder einige Hände im Publikum geschüttelt. Irgendwie erinnerte das Ganze auch an ALEXANDER MARCUS, der seit Jahren auf dieser Schiene fährt und damit recht erfolgreich ist, zumindest auf YouTube. Der hat es ja auch geschafft, getreu dem Motto “Akzeptanz durch Penetranz”.

Aus dem hohen Nordosten, genauer gesagt aus Vorpommern kommen FEINE SAHNE FISCHFILET, die mit ihrer Mischung aus Punk und Ska den Laden so richtig aufmischten. Mit 3 Alben im Rücken hat man schon eine gute Auswahl an Songs, die auf die Bühne gebracht wurden. Das Publikum feierte die Jungs gut ab, kein Vergleich zu SLIME im letzten Jahr, die mit ihren deutschlandkritischen Parolen nicht bei jedem gut ankamen. Und auch bei FSF gehen die Tendenzen in die gleiche Richtung, nur viel extremer. Das finde ich persönlich bedenklich, zumal die Band durch ihre „explizit anti-staatliche Haltung“ im Verfassungsschutzbericht des Landes Mecklenburg-Vorpommern 2011 erwähnt wird (laut Wikipedia). Weiter heißt es da: Laut Beschluss des Oberverwaltungsgerichtes Mecklenburg-Vorpommern vom 18. Juni 2013 darf die Band zunächst weiter im Verfassungsschutzbericht des Landes als linksextrem geführt werden. Dass „von der Band Bestrebungen ausgingen, die sich gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung richteten“, sah das Gericht als erwiesen an. Wenn man dann nach fast jedem Song “Nazis raus” skandiert, ist es von der Sache her absolut richtig, wirkt aber aufgesetzt. Da haben die Beiträge der TOTEN HOSEN, DIE ÄRZTE und DIE KRUPPS in Richtung rechte Szene viel mehr Sinn und Verstand!!!

Setlist FEINE SAHNE FISCHFILET (ohne Gewähr)
Brennen
Dorffeste Im Herbst
Geschichten Aus Jarmen
In Unseren Augen
Mit Dir
Stumme Menschen
Dienstag Nacht
Komplett Im Arsch
Weit Hinaus

ALLIGATOAH ist ein Künstler, der dieses Jahr einen richtigen Karriereschub bekommen hat. Sein Album “Triebwerke” landete auf Platz 1 der deutschen Charts und genau wie bei CASPER war das Bielefelder FORUM bei seinem Auftritt im Herbst in Nullkommanix ausverkauft. Gespannt war ich auf den Auftritt des Lukas Strobel, so der bürgerliche Name des Künstlers und schon beim Intro fiel ich vom Glauben ab: da ist doch tatsächlich auf der Bühne ein Butler unterwegs, der all die Gegenstände wie Jackenständer, Stühle und Kinderwagen (!) mit einem bunten Staubwedel entstaubt. Momentmal, das ist aber sehr gut geklaut, nur wirkt das bei Bastille von COPPELIUS weitaus besser. Auch dass sich der Diener bei dieser Band zum Sänger entwickelt, wurde übernommen. Mit einem Trenchcoat und Hut bekleidet stieg Lukas rappend und in schauspielerischer Manier die eigens für ihn aufgestellten Showbühne herab und auch wieder hinauf. Das Ganze erinnerte irgendwie an die alten Pink Panther Filme mit Peter Sellers. Wie schon bei DAGOBERT kam hier die Musik aus der Konserve, nur bei “Amnesie” wurde die Gitarre umgeschnallt und das Publikum aufgefordert, den Refrain zu übernehmen. Gerade bei diesem Song merkt man, wie schräg die Texte von ALLIGATOAH sind. Jetzt sind auch wieder die Qualitäten eines Butlers gefragt, denn es wird Zeit sich des Mantels und Hutes zu entledigen, um sich im Anschluss gleich wieder beleidigen zu lassen: “Na freuste dich schon auf CASPER? Dann Fick Ihn Doch”. Verstärkung bekamen die beiden beim Titel “Trostpreis” von TIMI HENDRIX, eine Hälfte des ehemaligen Bielefelder Duos PIMPULSIV und zum Abschluss gibt`s mit “Trauerfeierlied” den bekanntesten und auch radiotauglichsten Song des gebürtigen Niedersachsen. Sehr souveräner Auftritt von ALLIGATOAH, der zwar viele Elemente von anderen Künstlern dreist abgekupfert, aber mit sehr viel schwarzem Humor umgesetzt hat.

Setlist ALLIGATOAH (ohne Gewähr)
Hört, Hört (Intro)
Wer Weiß
Amnesie
Fick ihn Doch
Narben
Trostpreis feat. TIMI HENDRIX
Trauerfeierlied
Willst Du

Damit während der Umbaupausen bei den Fans keine Langeweile aufkam, konnte man sich auf einer Leinwand, die auf der linken Seite des Saales platziert war, die Konzerte der anderen Acts in ihren jeweiligen Heimatorten anschauen. Natürlich war der Kreisch-Alarm bei CRO am größten, der hatte seinen Auftritt ca. 20 min. vor CASPER begonnen. Punkt 21.50 wurde die Übertragung beendet, das Licht erlosch und ein startender Düsenjet hätte keinen größeren Krach machen können als die anwesenden 2700 Fans. Als Opener erklang “Im Ascheregen”, die erste Single vom aktuellen Album, dessen Cover auch als riesiges Backdrop fungiert. Während die Bandmitglieder schon auf der in blaues Licht getauchten Stage musizierten, ließ sich Benjamin Griffey, so der bürgerlicher Name CASPERs, noch ein bisschen Zeit, um dann wie ein Beserker die Bretter zu stürmen. Die Energie, die von der ersten Sekunde an auf der Bühne freigesetzt wurde, übertrug sich sofort auf die Fans. Kein Wunder also, dass die Security und Sanis jetzt alle Hände voll zu tun bekamen, um die erschöpften Mädchen zu bergen und zu versorgen. Mit “Alles Endet (Aber Nie Die Musik)”, “Auf Und Davon” und “Casper Bumayè” ging es kraftvoll weiter und Benjamin konnte sich noch genau daran erinnern, wie er im Schrank eines Freundes in der Stapenhorststrasse letztgenannten Song aufgenommen hat. Bevor es mit “Ariel” etwas ruhiger wurde, gab es noch “Die Letzte Gang Der Stadt” und “Ganz Schön Okay” auf die Ohren, dieser wurde ja für das Album mit den befreundeten KRAFTKLUB eingespielt. Nun musste Casper ihn ohne die Chemnitzer stemmen. Die zweite Hälfte des Gigs ließ dem Publikum keine Zeit mehr, ausruhen, im Gegenteil: CASPER forderte immer wieder: “Ich will euch durchdrehen sehen”, das brauchte er gar nicht, denn die Stimmung konnte nicht mehr gesteigert werden, jeder gab alles. Wie schon bei der kleinen Clubtour im Herbst überraschte die Band mit einer etwas gewöhnungsbedürftigen Kurzversion von “So Perfekt”, die soundmäßig von MARTERIA hätte stammen können. 2011 kam bei “XOXO” THEES UHLMANN, seiner Zeit noch Ausrichter des Fest Van Cleef Festivals hier im Ringlokschuppen, auf die Bühne, um den Refrain zu singen. Das ging logischerwesie heute nicht, da er ja zur gleichen Zeit seinen Gig im norddeutschen Hemmoor hatte, also übernahm das Publikum lautstark seinen Part. Mit “Hinterland” endete das reguläre Set und Benjamin sprang in den Graben und nahm dort Kontakt zu den Fans auf.

Zum Crowdsurfen reichte es dennoch nicht, höchstwahrscheinlich hätten sie ihn gar nicht mehr aus dem Zuschauerraum entlassen. Auf die Zugabe brauchte auch nicht lange gewartet werden, denn mit “Der Druck steigt (Die Vergessenen Pt.1)” wurde das Finale eingeläutet und bei “Jambalaya”, der aktuellen Single wurde, wie von der Bühne noch einmal gefordert, durchgedreht. Nach 70 Minuten endete ein fantastisches, aber leider viel zu kurzes Konzert und wie Benjamin während des Sets erwähnte, war auch seine Mutter im Publikum. Er hätte sie an diesem Abend zwar noch nicht gesehen, aber im Moshpit war sie heute mal nicht. Aber auch Prominenz fand sich an diesem Abend im Ringlokschuppen ein, so wurden der Trainer von CASPERs Lieblingsclub DSC Arminia Stefan Krämer und der ehemalige Spieler Ansgar Brinkmann, besser bekannt als „weißer Brasilianer“ gesichtet. Dieser erstand vor dem Gig am Merchandise erst einmal ein Shirt und musste unzähligen Fotowünschen nachkommen.

Setlist CASPER (ohne Gewähr)
Im Ascheregen
Alles Endet (Aber Nie Die Musik)
Auf Und Davon
Casper Bumayè
Die Letzte Gang Der Stadt
Ganz Schön Okay
Ariel
Blut Sehen (Die Vergessenen Pt. 2)
Medley (Halbe Mille, So Perfekt, Mittelfinger Hoch)
Lilablau
XOXO
20 qm
Hinterland

Der Druck steigt (Die Vergessenen Pt.1)
Jambalaya

Für CASPER selbst war es ein großartiges Jahr: Ein fantastisches Album veröffentlicht, das in Deutschland und Österreich auf 1 ging, bei Rock am Ring und Rock im Park die Massen begeistert, die 1Live Krone als bester Künstler und für das beste Album eingesackt und eine in wenigen Stunden ausverkaufte Clubtour. Auch für 2014 stehen die Sterne nicht schlecht für ihn, denn es wurden für den deutschsprachigen Raum die großen Hallen gebucht und die meisten davon sind zu diesem Zeitpunkt schon ausverkauft. Auch einige Festivalauftritte sind bereits bestätigt und da wäre es doch super, wenn sie im Sommer wieder “Zuhause” spielen könnten. Ist Bösingfeld nicht noch dichter an Schloß Holte – Stukenbrock dran als Bielefeld? Dann ist doch auch das Serengeti Festival ein Heimspiel im “Hinterland”, die Veranstalter waren ja beim heutigen ZZF schon vor Ort.

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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