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ALBERT MUDRIAN - Choosing Death (Buch)

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Artist ALBERT MUDRIAN
Title Choosing Death (Buch)
Homepage ALBERT MUDRIAN
Label IRON PAGES VERLAG
Leserbewertung
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9.0/10 (2 Bewertungen)

Spätestens seit Veröffentlichung der so charmanten “Todesblei salonfähig gemacht“-Vinylscheibe dürfte es auch dem letzten vors Auge geführt worden sein: Weite Teile der Szene von Neofolk-, Industrial- und Minimal Wave-Enthusiasten erlebten ihre erste Initiation in die Welten dunkler Subkultur durch das Death Metal-Genre. Death Metal, das ist die Metal-Musik der grunzenden Sänger, der heruntergestimmten Gitarren, der blutrünstigen Motive auf T-Shirts von Jugendlichen und das Genre der ungeheuer flinken Schlagzeuger (Blastbeats). Death Metal war aber auch eine einzigartige, wenn auch kurze Erfolgsgeschichte.

Für JOHN PEEL waren Death Metal und Grindcore „die Rückbesinnung auf eine extreme Punk-Attitüde“. Death Metal ist außerdem Geburtshelfer ganzer, davon losgelöster „Folge-Genre“, die ihrerseits wieder extrem erfolgreich waren und sind. Nehmen wir den Bereich „Gothic Metal“: Alle (bis auf TYPE O’ NEGATIVE) stilprägenden Bands dieses Bereiches, angefangen bei PARADISE LOST über TIAMAT bis hin zu MY DYING BRIDE starteten mit Death Metal. Ähnlich das schillernde Verhältnis zum Black Metal. Einerseits ist Black Metal der historische Vorgänger des Death Metals, andererseits aber auch wieder sein historischer Nachfolger. Die Übergänge sind ohnehin fließend. Death Metal kommt somit unter allen Genres mit intendierter Schockwirkung (also Punk, Industrial, Dark Wave) eine Sonderstellung zu, weil es – ohne in seiner Wirkung sonderlich zu verwässern – das kommerziell erfolgreichste war. Death Metal sollte also schon aus diesem Grund jeden, der sich in Subkulturen bewegt, die einst als mehr oder weniger anstößig empfunden wurden, interessieren.

Diesem so wichtigen Death Metal und seiner Geschichte ist nun endlich auch ein vernünftiges Buch gewidmet: „Choosing Death. Die unglaubliche Geschichte von Death Metal und Grindcore“. Autor ist ein ALBERT MUDRIAN. Eine Einleitung verfasste niemand geringeres als der kürzlich verstorbene JOHN PEEL. Das Buch erschien zuerst 2004 beim US-Verlag FERAL HOUSE, also dort wo auch u.a. schon ANTON LAVEY, MONTE CAZAZZA, MICHAEL MOYNIHAN („Lords Of Chaos“), BOYD RICE oder GERHARD (ALLERSEELEN) publiziert haben. Seit Juni 2006 liegt nun, besorgt vom verdienstvollen IRON PAGES Verlag aus Berlin, eine deutsche (unaktualisierte) Übersetzung vor.

Um es gleich zu sagen, dem Buch ist sowohl was die Faktensicherheit und den Unterhaltungswert angeht, als auch bezüglich des methodischen Vorgehens eine absolute Spitzenleistung zu bescheinigen. Der Autor traf offensichtlich beim Schreiben des Buches eine Grundsatzentscheidung: Er entscheidet sich, die Geschichte des Death Metals um 1983/1984 beginnen zu lassen. VENOM, SODOM, HELLHAMMER und Konsorten werden nicht behandelt und auch kaum erwähnt, vielmehr werden diese Vorreiter sozusagen vorausgesetzt. Mudrian wählt meist eine Art biographischen Zugang. Somit besteht „Choosing Death“ auch aus verschiedenen, kunstvoll miteinander verwobenen bandbiographischen Skizzen solch maßgeblicher Gruppen wie NAPALM DEATH, CARCASS oder MORBID ANGEL, daneben immer wieder Beschreibungen der Lebenseckpunkte wichtiger Musiker wie CHUCK SCHULDINER (DEATH), Labelbetreiber wie DIGBY PEARSON (EARACHE) oder Produzenten wie SCOTT BURNS (MORRISOUND Studio).

Der Autor lässt die Geschichte des Death Metals in den USA beginnen und zwar relativ zeitgleich an zwei Orten: 1. 1982 in Kalifornien, als die etwa 15 und 16-jährigen High School Kids und VENOM-Fans JEFF BECCERA, MIKE TORRAO und MIKE SUS beschließen mit POSSESSED eine Band zu gründen, die “noch brutaler” klingen soll als ihre Vorbilder. 2. In Orlando, Florida. Dort freunden sich 1983 an der Schule die ebenfalls 15-jährigen VENOM-Fans Barney Lee (KAM LEE), Frederick DeLillo (RICK ROZZ) und CHUCK SCHULDINER an und beschließen ebenfalls, eine Band zu gründen, die sie nach dem VENOM -Gitarristen MANTAS nennen. POSSESSED folgen dem “Satanismus” ihrer VENOM-Vorbilder. Im Buch wird die “Urszene” so geschildert: “Mike Torrao schlug vor, ich solle wie CRONOS von VENOM oder SLAYERs TOM ARAYA singen…also habe ich mir einfach die Eingeweide rausgebrüllt.” (Zitat: JEFF BECCERA). 1983 erscheint ihre Demokassette “Death Metal”, darauf auch ein gleichnamiger Song. Beccera: “Der Titel ist mir während des Englischunterrichts…eingefallen. Speed Metal und Black Metal gab es ja schon.”
Ähnlich die Geschichte von MANTAS, trotz ihres Namens wollten sie jedoch den “Satanismus” VENOMs nicht so konsequent übernehmen, sondern beschäftigen sich lieber mit Zombies aller Art und besuddelen sich mit Kunstblut. Ihr Demo nannten sie 1983 in Unkenntnis des POSSESSED Demos “Death by Metal”, kurz darauf folgte die Bandumbenennung in DEATH. So also der Ursprung des Genres oder besser des Genre-Namens, denn natürlich entstanden zu der Zeit auch in Europa oder sonstwo Bands, die erfolgreich versuchten, die musikalische Brutalität VENOMs noch einmal zu übertreffen, nur blieben sie bei bereits geläufigen Bezeichnungen wie “Black Metal” oder “Thrash Metal”. Der Autor unterstreicht das aufgrund seiner Entscheidung, den Black Metal zu umschiffen, oft nicht deutlich genug. Ebenso erwähnt er nicht, dass auch 1984 in Deutschland ein Sampler namens “Death Metal” mit zwei HELLHAMMER-Songs erschienen ist, die langsame Etablierung des Namens also nicht nur allein von der Szene in den USA ausging.

Etwas komplizierter ist laut Mudrian der Ursprung des Grindcores. Im Grindcore vermischen sich Attitüde und Stil des Hardcore- Punks mit Metal, dementsprechend waren die ersten Grindcore-Gruppen meist Bands aus dem Hardcore-Bereich, die ihren Musikststil immer weiter “brutalisierten”. Mudrian schildert die Frühzeit der englischen NAPALM DEATH, die sich 1982 in Birmingham gründeten. Bandgründer NIK BULLEN ist Metal- und Punkfan, vor allem begeistert ihn der apokalyptische, rohe Hardcoresound von DISCHARGE, die 1982 mit “Hear Nothing See Nothing Say Nothing” gerade einen absoluten Meilenstein des noch jungen Genres veröffentlicht hatten. Mit den autonom in einer Kommune lebenden Linksanarchisten CRASS (von denen bekanntlich auch CURRENT 93 wichtige Impulse erhielten) teilten er und seine Mitstreiter das politische Bewusstsein, auf dem CRASS-eigenem Label CRASS RECORDS erschien auch einer der ersten NAPALM DEATH Songs, wütender Hardcore-Punk im DISCHARGE-Stil. Unter vielen ähnlich ausgerichteten Bands (Die Mitglieder sind immer so zwischen 14 und 17 Jahren), unter ihnen HERESY und EXTREME NOISE TERROR, beginnt nun eine Art Wettkampf – wer schafft es den schnellsten und aggressivsten Punk zu spielen. NAPALM DEATH gönnen sich derweil, aufgrund einiger Wechsel im Bandgefüge, eine Auszeit. Währenddessen finden in der Hardcore-Punk-Szene in den USA, speziell um Boston herum, ähnliche “Wettkämpfe” statt. Der Autor konzentriert sich zunächst auf DEEP WOUND und vor allem SIEGE, kommt dann aber auf GENOCIDE zu sprechen. GENOCIDE wiederum sind typische Metaller, haben mit “Politik” gar nichts am Hut und versuchen einfach möglichst “kranke” Horror- und Gewalttexte zu schreiben, die aber auch bei den Hardcore-Kids gut ankommen. Es entstehen Kontakte und Besetzungswechsel zwischen DEATH und GENOCIDE und schlussendlich nennen sich GENOCIDE um in REPULSION. REPULSION gelten heute den meisten als erste Grindcore-Band. Zu verdanken haben sie dies ihrem seltsamen Drummer DAVE “Grave” HOLLINGSHEAD, der bereits als “Grabschänder” eine gewisse, lokale Berühmtheit genoss, sich wie ADOLF HITLER stylte und das “wie wild auf das Schlagzeug Einprügeln” in ganz neue Dimensionen führte. Mittlerweile haben sich in Europa, in Birmingham, auch NAPALM DEATH durch zwei neue kreative Mitglieder, MICK HARRIS am Schlagzeug und JUSTIN BROADRICK am Bass (beides große THROBBING GRISTLE-”Fans”) wieder aufgerappelt. 1987 stoßen “Hippie” LEE DORRIAN (später CATHEDRAL) und BILL STEER (später CARCASS) hinzu und in dieser Besetzung prügeln sie, beeinflusst durch REPULSION und SIEGE, den sagenhaften Grindcore-Meilenstein “Scum” ein, der ihnen nicht nur durch die 1-Sekunden-Attacke “You Suffer” einen Platz im “Guiness Buch der Rekorde” beschert hat, sondern auch “Anerkennung” von “High-Brows-Kunstverständigen” oder eine JOHN PEEL (der sich generell an diesem Genre sehr interessiert zeigt) Session einbrachte. NAPALM DEATH waren/sind, wie auch die nun entstehenden CARCASS, in der Art wie sie von “Avantgardisten” gerühmt wurden/werden, durchaus mit WHITEHOUSE zu vergleichen. Mit WHITEHOUSE teilen sie auch ein weiteres Schicksal: 20 Jahre später kann man auf der NAPALM DEATH Homepage den schönen, selbstironischen Satz lesen: “Being a legend is no easy thing”, wohl wahr, besonders wenn dieser Status durch musikalisches “Extrem-Sein” erreicht wurde.

Der Autor zeigt nun schön, wie ab da alles Schlag auf Schlag geht, schon 1987 entstehen die beiden anderen stilprägenden Grindcore-Scheiben: 1. “I Reek Of Putrefaction” von CARCASS, die englische Band lässt sich originellerweise von medizinischen Sezierungs- und Autopsie-Fachbüchern inspirieren und veröffentlicht 1989 endlich auf dem bandeigenen NECROSIS Label das Debut von REPULSION und 2. TERRORIZER: “World Downfall”, auf dem “politischer” Grindcore im Sinne von NAPALM DEATH geboten wird. Der sagenhafte TERRORIZER-Schlagzeuger PETE SANDOVAL wird von nun an mit MICK HARRIS (NAPALM DEATH) ein jahrelanges Fernduell zur Frage des schnellsten und präzisesten Schlagzeugers eingehen und bereits 1988 von MORBID ANGEL, einer schon länger existierenden, strikt “satanischen” Death Metal-Band abgeworben werden. 1989 ist dann das Jahr, in dem der Death Metal, vor allem gefördert durch das englische Label EARACHE, so richtig durchstartet. Es entstehen unglaubliche Klassiker wie MORBID ANGELS “Altars Of Madness”, niemals zuvor wurde musikalische Aggression mit so einem spieltechnischen Können kombiniert, und OBITUARYS “Slowly We Rot”, ein Album, auf dem erstmals der perverse “Gesang” allein lautmalerisch wirkt und wirken soll. Florida, USA, ist nun ein Mekka des Death Metals. Hier entstehen Bands wie AMON (später DEICIDE) oder CANNIBAL CORPSE, die alle einen bestimmten, vom MORRISOUND Tonstudio geprägten Sound gemeinsam haben.

1988/89 ist aber auch die Zeit, in der der Death Metal um eine immens wichtige Facette erweitert wurde: den schwedischen Death Metal. Wichtigste Band des Landes: NIHILIST. Die Gründerbands der schwedischen Szene hatten wie die Grindcore-Bands eher einen Hardcore-Punk-Hintergrund, was ihrem Stil deutlich anzumerken war. Ihnen ging es mehr um ein “Drauflos”-Spielen, weniger um technische Kabinettstückchen. Im SUNLIGHT Tonstudio wurde nun zuerst NIHILIST, dann CARNAGE und in der Folge unzähligen, anderen Bands des Landes ein extremer eigener, massiver von stark heruntergestimmten und verzerrten Gitarren geprägter Sound verpasst. Aus NIHILIST entstanden ENTOMBED und UNLEASHED, aus CARNAGE DISMEMBER. Ungefähr 1992 oder 1993 war der Death Metal in seiner Entwicklung schon weitestgehend ausgereizt. Die größten Szenelabels, ROADRUNNER aus den USA, EARACHE aus England oder NUCLEAR BLAST aus Deutschland, kämpften um Marktanteile und auch die “Subgenres” hatten alle ihre jeweiligen Klassiker schon veröffentlicht, dennoch “boomte” das Genre noch.

Die Death Metal-Welt war in gewisser Weise einfach: Es gab die führenden Bands in Florida, USA, in Stockholm, Schweden und in England, jeweils repräsentiert durch bestimmte Produzenten bzw. Tonstudios, SCOTT BURNS/MORRISSOUND (USA) THOMAS SKOGSBERG/SUNLIGHT (Schweden) und COLIN RICHARDSON (England). Die zentraleuropäischen Bands orientierten sich meist an Florida und nahmen sogar dort ihre Alben auf, wenn es das Budget zuließ. Unabhängig davon, ließ sich jede Death Metal-Band, die mitreden wollte, ein Cover von DAN SEAGRAVE malen.
Im Buch wird diese übersichtliche Pattsituation originellerweise mit dem “Kalten Krieg” verglichen…und tatsächlich, es ging um musikalische Aufrüstung. Schweden und die USA scharten ihre Fans und Satellitenstaaten um sich, neutrale Ausreißer gab es kaum, Ausnahme, neben England, vielleicht noch Finnland und Österreich. Die USA-Bands standen für musiktechnische Finessen und eine Extraportion Show, die Schweden, hier als Vertreter von “Old Europe” für einen unprätenziösen Stil, mitunter verfeinert durch einen gewissen “nihilistisch-philosophischen” Tiefgang. Konnte das lang gut gehen? Nein, natürlich nicht… Albert Mudrian zeigt sehr schön, wie die schöne Welt des Death Metals durch eine gewisse, einsickernde Hybris, die vor allem von den Labels ausging, langsam Risse bekam. Die großen Bands, die das Genre einst geschaffen hatten, auf sie war, soweit sie noch existierten, jedoch immer Verlass. DEATH und MORBID ANGEL wurden auf ihre jeweils eigene Art musikalisch-technisch immer anspruchsvoller. CARCASS entkamen der “Grindcore- Geschwindigkeitsfalle” durch sehr intelligent-geschicktes Hinzufügen klassischer “Heavy Metal- Anteile” (“Necroticism. Descanting The Insalubrious”) . ENTOMBED waren sowieso erhaben und glänzten u.a. durch ihre Texte (siehe “Clandestine”) und OBITUARY oder UNLEASHED veröffentlichten immerhin routiniert Alben in ihrem unverwechselbaren Stil. NAPALM DEATH schlingerten etwas mit ihrem Album “Harmony Corruption” (1990), mit dem sie sich vollends dem Death Metal zuwandten, was ihnen starken “Liebesentzug” von Seiten der alten Fans einbrachte, die die richtige “Punk-Attitude” vermissten, mit dem großartigen “Utopia Banished”-Album (1992) war der “Friede” aber wieder hergestellt. Diese “Liebesentzugepisode” zeigt, dass die kulturellen Barrieren zwischen “Punk” und “Metal”, die von irgendwelchen “Avantgarde-Kulturtheoretikern” aufgestellt wurden, manchmal noch wirken.

“Skandale” gab es in dieser letzten Hochzeit auch noch ein wenig, von CANNIBAL CORPSE und DISMEMBER wurden Alben wegen “Gewaltverherrlichung” indiziert und “Satanist” GLEN BENTON von DEICIDE genoss in einer Zeit, in der noch keiner Kirchen abfackelte die Aufmerksamkeit, die sein “umgedrehtes Kreuz” auf die Stirn gebrannt, auslöste. Drei große Erfolge markierten laut Mudrian gleichzeitig den Wendepunkt: 1993 erschien das MORBID ANGEL-Album “Covenant”, es war die erste Death Metal-Scheibe auf einem Major Label (GIANT). Niemand hätte geglaubt, dass es diese musikalische Extremform binnen vier Jahren soweit würde bringen können – und MORBID ANGEL reduzierten keinesfalls das aggressive und “satanische” Element in ihrer “Kunstform”, wie es nun z.B. auch im Kultursender ARTE hieß. Ebenfalls 1993 tauchen CANNIBAL CORPSE auf einmal als sie selbst in der Hollywood- Komödie “Ace Ventura” von und mit JOHN CAREY auf, auch das ein Erfolg.

Diese und ähnliche Erfolgsgeschichten folgten, das Ende vom Lied war, dass EARACHE, weil sie glaubten soweit zu sein und auch die andere Seite Lunte roch, ein Lizenzvertrag mit SONY für Nordamerika abschloss. Mudrian rekonstruiert: Ab da ging alles schief. EARACHE-Bands wie CARCASS, NAPALM DEATH und ENTOMBED erfuhren, was es heißt, bei einer “großen Firma” zu sein, aber in dieser völlig allein gelassen zu werden und teilweise absurden Zwängen ausgesetzt zu sein. Bei NAPALM DEATH war es ein vielsagendes “könnt ihr nicht ein bisschen langsamer spielen?” von Seiten der Bosse, bei CARCASS und ENTOMBED fehlendes Mitspracherecht in elementaren Fragen. CARCASS zerbrachen daran im bandinternen Zwist. ENTOMBED machten mehrere Identitätskrisen durch. Bei NAPALM DEATH kam zu der Identitätskrise noch ein furchtbarer Streit der Sorte “All Pigs Must Die” mit EARACHE, dem Label, dass sie seit den Anfängen im CRASS-Umfeld begleitete. Bei MORBID ANGEL hatte ihr charismatischer Frontmann DAVID VINCENT, vom “Rock Hard” als “Rechtsradikaler” ausgemacht, keine Lust mehr, den Kasper zu spielen und bei OBITUARY, DEICIDE, UNLEASHED und vielen Anderen ließ schlicht und einfach das Interesse immer mehr nach. In der Situation, vielleicht auch gerade bedingt durch diese Misserfolge, pochte spätestens ab 1992 immer nachdrücklicher der “Black Metal” an die Tür, der zwischenzeitlich schon als Begriff völlig vergessen worden war und von EURONYMOUS, MAYHEM, BURZUM und Co ja auch gerade als Gegenbewegung zum Death Metal, der – so der Vorwurf – sich zum “Life Metal” entwickelte, intendiert war. Der Sog des “Neuen/Alten” war so stark, dass mit DARKTHRONE eine der talentiertesten Death Metal-Bands Skandinaviens schon 1992 total umschwenkte und mit “A Blaze In The Northern Sky” ein infernalisches Zeichen im Sinne des alten Black Metals setzte…den Rest der Geschichte kennen wir, und er wird dankenswerterweise auch von Mudrian nicht nochmals aufgetischt.

Mit dem Death Metal ging es nun immer weiter bergab, während der Black Metal immer beliebter wurde. Den Tiefpunkt der Relevanz des Death Metals sieht Mudrian am Ende des Jahres 1996 erreicht, als im TERRORIZER, der führenden Szenezeitschrift für extremen Metal, gerade mal zwei Bands des Death Metal-Genres in den “Top 30″ des Jahres auftauchten (ARCH ENEMY und VADER). EARACHE versuchten sich über Wasser zu halten, versuchten gar BURZUM unter Vertrag zu nehmen, doch ihr Name war zu eng mit dem Aufstieg und Niedergang des Death Metals verknüpft. Es gelang nicht und letztlich suchten sie eine Zeit lang ihr Heil in der Veröffentlichung Metal fremder Musik, Techno etwa. Zur Bestimmung einer wichtigen Ursache des Niedergangs zitiert Mudrian eine Aussage von GUNTHER FORD, dem umsichtigen Manager von MORBID ANGEL: “Wenn man sich heute die Kataloge der Labels von damals anschaut, findet man haufenweise Bands, die nie eine Platte hätten veröffentlichen dürfen. Aber sie waren halt auch ein Teil der großen Death Metal Hysterie.” Anders ausgedrückt, ein paar Leute haben den Mund nicht voll genug bekommen, wie sich die Dinge doch immer gleichen und wiederholen…

Death Metal und Grindcore haben in ihrer kurzen Blütezeit viel bewirkt, neben dem Genre des “Gothic Metal”, haben sie der Welt der “extremen Musik”, vor allem in Gestalt von Ex-NAPALM DEATH-Mitgliedern wie MICK HARRIS und JUSTRIN BROADRICK so innovative Projekte wie SCORN und GODFLESH hinterlassen. Die Musiker hatten vom Erfolg des Genres nicht viel, auch die Produzenten nicht. Lediglich einen Labelchef wie MARKUS STAIGER (NUCLEAR BLAST) dürfte das Genre zum Millionär gemacht haben. Mudrian meint auch, dass der Charterfolg von SLIPKNOT ohne Death Metal nicht möglich gewesen wäre. Nun gut, ich hätte in dem Fall drauf verzichten können. Was auf jeden Fall bleibt, ist mindestens eine Hand voll extrem innovativer Alben, die jeder Fan “extremer Musik”, egal aus welcher Ecke, kennen sollte.

Doch halt, das Thema ist noch nicht erschöpft. 1. Weil natürlich der Black Metal die “Fehler” des Death Metals im großen Stil wiederholte, schließlich handelt es sich bei den Phasen “Untergrund”, “Kommerzialisierung” und “Bedeutungsverlust” um eine fortschreitende Entwicklung, die sich schon fast in Form einer notwendigen Gesetzmässigkeit vollzieht und 2. Weil es der Death Metal, dem Bedeutungsverlust ab Mitte der 90er zum Trotz, dennoch schaffte eine Art “Selbstläufer” zu werden. Er kann nicht verschwinden. Es gibt und gab immer, auch in der Zeit des größten Black Metal-Booms, Death Metal-Bands, die überwinterten. In Deutschland hat wahrscheinlich jedes zweite Dorf so seine lokale Death Metal-Band. Death Metal lebt also so vor sich hin, nur die Entwicklung ist abgeschlossen. Ich jedenfalls kann mir nicht vorstellen, wie man 2006 noch einen Death Metal-Klassiker erschaffen will. Für Mudrian stellt sich also die Frage, wie es denn mit dem Death Metal ab 1997 weiter ging. Er sieht den Death Metal seit etwa 1998 wieder im Aufwind. Verantwortlich für diese positive Entwicklung sind für ihn vor allem zwei Faktoren: 1. Neue recht innovative Bands aus Nordamerika, besonders NILE oder CRYPTOPSY, aber auch ARCH ENEMY, die Band des Ex-CARCASS und CARNAGE-Gitarristen MICHAEL AMOTT, die mit ANGELA GOSSOW ungewöhnlicherweise eine deutsche Frau als “Sängerin” dabei haben, oder die schwedischen “Progressiv-Deather” OPETH 2. Der Niedergang des Black Metals, verbunden mit der Beobachtung, dass viele stilprägende oder angesagte Black Metal-Bands durch die Hintertür wieder zunehmend “Death Metal-Elemente” in ihren Sound einbauen, zu hören z. B. auf der letzten EMPEROR und bei SATYRICON oder bei der neuen SAMOTH (Ex EMPEROR-Gitarrist)-Band ZYKLON. Mudrian hat recht, Death Metal ist in der Tat wieder “am kommen”, selbst alte Hasen, wie UNLEASHED oder BOLT THROWER, die während des Black Metal-Booms eher in der “Inneren Emigration” versunken waren, melden sich zurück. Ein ernüchterndes Fazit des Genres könnte lauten: Death Metal und Grindcore wird es immer geben, weil er einfach Spaß macht, aber innovativ können sie nicht mehr sein, auch hier: “Being a legend is no easy thing”.

So hervorragend das Buch auch ist, gerade durch seine vielen “O-Töne”, an ein paar Punkten ist es einfach ignorant. Wo werden die südamerikanischen Bands gewürdigt? SEPULTURA kommen am Rande vor, aber es fehlt einfach der Hinweis, dass dieser Kontinent schon 1987 “echte” Death Metal-Scheiben hervorbrachte, z. B. SEPULTURAS “Schizophrenia” oder die Chilenen PENTAGRAM, die NAPALM DEATH stark beeinflussten.

Wo werden die finnischen Bands erwähnt? Das Buch nennt nicht eine einzige, dabei war Finnland ganz klar das Land der verrücktesten und originellsten Grindcore-Bands, wie zum Beispiel XYSMA, DISGRACE. Außerdem waren es finnische Bands, die dem Genre “naturmystische” und folkloristische Elemente beifügten, z.B. auf den ersten zwei Alben von SENTENCED oder AMORPHIS. Von beiden Bands kann man nicht behaupten, dass sie unbekannt sind oder waren. Auch THERGOTHON, vielleicht die Begründer des “Funeral Doom” kommen nicht vor. Einer ihrer Ex-Mitglieder, NIKO SKORPIO, ist heute ein angesehener Ambientkünstler (kein Wunder, im “Funeral Doom” berühren sich Death Metal und Ambient). Das Buch nennt kaum europäische Bands, jenseits von Schweden oder England, PESTILENCE (Niederlande) hätten als sehr beliebte und technische Death Metal-Band, die den Stil später an Jazz-Bereiche heranführte, erwähnt werden müssen. Und Deutschland? Deutschland kommt gar nicht vor, kann ja sein, dass der Beitrag Deutschlands zum Phänomen “Death Metal” nicht so berühmt ist, wenn man sich entscheidet den “Black Metal” der 80er wegzulassen, aber gar keine Band erwähnen? Nichtmal ATROCITYs Meilenstein des technischen Death Metals (für das ganze Genre) “Hallucinations”?

Letzter Punkt: Mudrian hätte den “Göteborg Death Metal” noch etwas umfassender beschreiben können, die letzte (Wunder)Waffe im Death Metal-Krieg Schweden gegen USA, mit der letztlich die USA, zumindest kommerziell, vernichtend geschlagen wurde. Gemeint sind hier Bands aus Göteborg, Nordschweden, die melodiösen Death Metal mit zwei Lead-Gitarren a la IRON MAIDEN oder HELLOWEEN kombinierten. Göteborger Bands wie IN FLAMES oder DARK TRANQUILLITY führte dies in die Charts ihres Landes, aber auch in Deutschland. Der Stil wurde zunächst von drei Bands vorbereitet, die sich an einer Schweden-typischen Grenze zwischen Death und Black Metal befanden: CEREMONIAL OATH (aus ihnen entstanden die erwähnten IN FLAMES und die Chartband HAMMERFALL), AT THE GATES und LIERS IN WAIT. Die beiden letzten haben ihre Ursprünge in der frühen schwedischen Black Metal-Band GROTESQUE.

Trotz dieser Kritik, das Buch ist hervorragend, spannend und flüssig zu lesen, und einfach ein Muss, wenn man verstehen will, was Death Metal und Grindcore einmal waren.

Kleine Ergänzung:

Unbedingt hinzuweisen ist noch auf zwei historisch immens wichtige Tonträger, die im Buch nicht erwähnt werden konnten, weil ihre erstmalige Veröffentlichung auf CD und LP erst kürzlich erfolgte:

NIHILIST: Nihilist, CD, Threeman Recordings, 2005 (Die NIHILIST und ENTOMBED Demos von 1988 und 1989)

MASSACRE: Tyrants Of Death, CD/LP, Iron Pegasus Records, 2006, die Demos und Liveaufnahmen von 1986, 1987. MASSACRE war die Band von KAM LEE und RICK ROZZ, die sie gründeten, nachdem CHUCK SCHULDINER sie bei MANTAS/DEATH “feuerte”, obwohl sie die eigentlichen Bandgründer waren.

und:

UNSEEN TERROR: Human Error, Earache, 1987, auf CD wiederveröffentlicht 2001. UNSEEN TERROR war die Band von SHANE EMBURY, bevor er bei NAPALM DEATH eingestiegen ist, und mit der er bereits versucht hatte, eine englische Antwort auf REPULSION zu kreieren. Es existiert auch eine “Peel Session” mit der Band. Die Jungs von ENTOMBED bekannten später, dass sie ihren typischen “Schweden Sound” vor allem der Inspiration durch UNSEEN TERROR zu verdanken hatten. “Schweden Death Metal” ist also eventuell eher “England Death Metal”.

Übernommen mit freundlicher Genehmigung von www.nonpop.de

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