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BROILERS - (SIC!)

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Broilers-SIC
Artist BROILERS
Title (SIC!)
Homepage BROILERS
Label SKULL & PALMS RECORDINGS/ WARNER
Veröffentlichung 03.02.2017
Leserbewertung
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9.0/10 (1 Bewertungen)

Mit dem Vorgänger „Noir“ haben die BROILERS in mir einen großen Zwiespalt ausgelöst, der fatale Nachwirkungen hatte. Ich habe mich mit dem Erscheinen dieses Albums und all seiner „Begleiterscheinungen“ von meiner einstigen Lieblingsband entfremdet. Mein Interesse an den BROILERS war in den letzten Jahren somit auch fast völlig verflogen. Selbst ein Konzert in meiner Heimatstadt (Bielefeld) konnte mich nicht in die Halle locken. Folglich entfachte die Ankündigung zum neuen Album „(SIC!)“ und der daran gekoppelten Tour auch keine Jubelstürme bei mir. Das änderte sich auch nicht, als die ersten beiden Songs „Bitteres Manifest“ und „Keine Hymnen“ veröffentlicht wurden. Schließlich war die Neugier aber so groß, dass ich mir trotz dieser Umstände das neue Album vorbestellte. Darauf vorbereitet, dass ich es mit Flüchen bedecken und ich die BROILERS innerlich verdammen würde, entblätterte ich sie und legte die Scheibe am vergangenen Freitag in meinen CD-Player. Aber nein – ich wurde gänzlich „enttäuscht“: Song 1: Joar, klingt gut, skip, skip (die beiden Vorab-Singles), Song 4: Gefällt, Song 5: Auch nicht schlecht… Und so staunte ich doch etwas über mich selbst, hasste mich für meine Vorurteile und fand Gefallen an den neuen Songs der BROILERS.

Um diese Rezension etwas genauer einordnen zu können, möchte ich nicht direkt auf dieses Album und die einzelnen Songs eingehen, sondern zunächst einen kleinen Zeitsprung ins Jahr 2001 machen: In dieser Zeit nahm ich die Düsseldorfer Band zum ersten Mal bewusst wahr. Das ist nicht selbstverständlich, denn ich bin weder Skinhead noch Punk, interessiere mich aber seit jeher für Subkulturen dieser Genres und finde mitunter auch Gefallen an der Musik und ihrer Inhalte. Außerdem war ich damals sehr aktiv in der Fußball-Fanszene, wo „Oi!-Musik“ oftmals auf den Mixtapes in Auswärtsbussen und auf Partys lief. Mit dem Album „Verlierer sehen anders aus“ kam ich in diesem Jahr nicht mehr daran vorbei, mich intensiver mit der Band zu beschäftigen und sie für ihren Sound und ihre Texte zu lieben. Der erste Konzertbesuch erfolgte allerdings erst im April 2005. Ein kleiner Jugendclub in Hameln versprach wenig Ambiente aber eine kurze Anreise. Dieser Abend mit rund 100 Zuschauern sollte bis heute unvergessen und prägend sein! Es folgte im gleichen Jahr ein Konzertbesuch in Münster (damals als Vorband von THE BONES und ohne Ines am Bass, weil sie an dem Tag arbeiten musste) und später legendäre live-Auftritte im alten Dortmunder FZW (Januar 2007) und im Bielefelder Kamp (Oktober 2007). Gleichzeitig erschien das Album „Vanitas“! Dieser Longplayer war ein Brett von einem Album und stellte alles in den Schatten, was die Band bisher gemacht hatte. Jeder der 19 (!) Songs ein Hit, ein neuer, markanter Stil mit Ecken und Kanten, welcher aber zum ersten Mal auch wirklich gut produziert war. Wow!

Für mich persönlich ist diese Scheibe bis heute das Beste, was dieses Genre jemals in deutscher Sprache hervorgebracht hat! Natürlich sprach sich das herum und neben dem kleinen Kreis an Skins, Punks, Rudeboys und Genre-Liebhabern entstand eine immer größere Fanbase. Das bis dato größte Konzert der Band wurde aufgezeichnet und zusammen mit Aufnahmen aus dem Leipziger „Conne Island“ zur ersten und bislang einzigen Live DVD „The Anti Archives“. An Halloween 2010 stellte die Turbinenhalle in Oberhausen eine neue „Rekordlocation“ für die Band dar. Ein Konzertbesuch, bei dem das Punkrock-Flair noch förmlich zu greifen war. 2011 erschien dann mit „Santa Muerte“ der lang erwartete Nachfolger der „Vanitas“. Auch wenn damals schon einige Alt-Fans darüber gemeckert haben, fühlte sich das Album „richtig“ an. Es war logisch, dass der Vorgänger kaum noch einmal getoppt oder überhaupt erreicht werden könnte. Auf „Santa Muerte“ blieben die BROILERS ihrem zuvor entwickelten Stil treu, wenngleich ein paar Songs dabei waren, die inhaltlich oder musikalisch eher im Mainstream-Bereich Gehör fanden, mehr als das zuvor der Fall war. Aus Clubs wurden Hallen, und mit dem Doppel-Konzert zum Tourfinale in der einstigen Düsseldorfer „Philippshalle“ erfüllte sich die Band einen Jugendtraum. Ein Weg, den mein Fan-Herz bis zu diesem Zeitpunkt guten Gewissens mitgehen konnte.

Was dann aber im Jahr 2014 mit der VÖ „Noir“ folgte, war zu viel für mich: Die charakteristischen Merkmale, Ecken und Kanten waren verflogen. Die meisten Songs auf dem Longplayer waren aus meiner Sicht völlig austauschbar. Andere (seichte) deutschsprachige Radiogrößen wären zwischen den Songs nicht groß aufgefallen. Radioauftritte und komplett durchchoreographierte Konzerte (bzw. „Shows“) mit auswendig gelernten Ansagetexten setzten dem ganzen Zirkus die Krone auf und stießen leidenschaftlichen Bandanhängern vor den Kopf. Da die Anhängerschar aber gewaltig gewachsen war, war das zweitrangig. Schließlich verhalf dieser Hype der Band zu immer neuen Rekorden und dürfte auch zur finanziellen Absicherung der nächsten Jahre einiges beigetragen haben. Letzteres sei ihnen aus tiefstem Herzen gegönnt! Wer so lange gute Musik macht und einen so stetigen Aufstieg aus dem Nichts schafft hat, hat es verdient wie niemand anderer! Allerdings habe ich bereits damals nicht verstanden, warum dieser Hype überhaupt notwendig war, denn ich bin sicher, dass die Leute auch ohne große Radiosender, daran angepasstem Sound und durchgeplanten Konzertshows gekommen wären. Für mich stand nach Besuchen in der Dortmunder Westfalenhalle und dem Popcorn-Tourfinale in dieser überdimensionierten Düsseldorfer Eis- und Eventhalle (vorerst) fest: Ja, ich gönne es ihnen, aber ich bin jetzt raus! Dieses Gefühl wurde zuletzt noch einmal darin bestärkt, als der Song „Keine Hymnen“ Anfang des Jahres 2017 vor dem Album veröffentlicht wurde. Zwar gefielen mir Idee und Text dahinter, und das Video ist wirklich klasse, aber der Sound kommt so gar nicht bei mir an. Das konnte also nichts werden mit dem neuen Album…

Nun liegt er vor mir, der neue Longplayer der BROILERS und er rotiert seit einigen Tagen fröhlich durch die verschiedensten Abspielgeräte meiner Umgebung. Das war auch beim Vorgänger der Fall, aber damals nur aus dem Grund, dass ich hoffte, mir die Scheibe irgendwie gut zu hören (was nicht wirklich klappte..). Heute dreht „(SIC!)“ fröhlich seine Runden, weil die Scheibe mir einfach gefällt! Das 2017er Album der BROILERS ist sicher kein „Vanitas“, aber ein gelungenes Punkrock-Album mit relativ wenig „Ausfällen“. Wenngleich „(SIC!)“ wesentlich politischer ist als „Santa Muerte“, kehrt es doch zu dessen Stil zurück. Zwar klingt Sammys Stimme mir heutzutage teilweise etwas zu „glatt“ und sie dürfte mit etwas weniger Hall versehen sein, aber der Sound ist eher 2011 als 2014. Es geht mit „Nur ein Land“ krachend los. Der erste Song des Albums ist gleich ein derbes politisches Statement, welches die erstarkten Rechtspopulisten in Deutschland thematisiert. Das ist ein schneller Punkrocksong, der vom Sound an „Tanzt Du noch einmal mit mir“ vom eben verglichenen „Santa Muerte“ erinnert. Es folgt „Bitteres Manifest“, welches ja schon seit Dezember bekannt ist. Ein Titel, den ich weder besonders gut noch besonders schlecht finde. Stilistisch sehr ähnlich wie „Ist da jemand“ vom Vorgänger „Noir“, mit dem es mir damals genauso ging. Nummer 3 ist das bereits oben thematisierte „Keine Hymnen“, welches mich vom Sound her dann als einziger Song auf der Platte wirklich an jene weichgespülten Nummern von „Noir“ erinnert, die man beim Bügeln neben REVOLVERHELD laufen lässt. Dass es thematisch hier viel ernster und zudem auch wieder politisch zugeht, ist eine andere Sache.

Mit „Die beste aller Zeiten“ folgt ein Ohrwurm-taugliches Lied, in welchem vom Leben und erlebten Geschichten gesungen wird, mit denen sich wohl so ziemlich jeder Anhänger der BROILERS identifizieren kann. Ein bisschen wie „Alles was ich tat“ 2009 auf der „Vanitas“, allerdings weitaus weniger kraftvoll. Dafür aber soulig locker und mit integrierten „Gute Laune-Gen“. „Gangster, Gangster“ ist die sechste Nummer und eine kleine Ode an die Subkultur. Soundtechnisch etwas sperrig/ kantig, was der Sache aber auch ihren Reiz verleiht. „Ihr da oben“ blickt auf die verstorbenen Musiker, welche in den letzten Jahren von uns gegangen sind. Ein recht seichter Song, der aufgrund des eingängigen Refrains und seiner melancholischen Aussage aber durchaus ebenso Ohrwurm-Potential besitzt. „Unsere Tapes“ erinnerte mich hingegen von Anfang an etwas an „33rpm“. Eine Hymne über die (eigene) Musik und die Kraft, die sie ausstrahlt und was man damit verbindet. Oft ähnlich gehört, aber gut gemacht und mit passenden Worten versehen. Das schaffen andere Bands nicht immer so. „Meine Familie“ knüpft ebenso an die Themen „unser Ding“, Subkultur und „unsere Musik“ an. Musikalisch ein echtes Brett und vielleicht der größte Hit dieses Albums. In Song Nr. 10 wird es dann wieder politisch: In „Zu den Wurzeln“ beklagt der iranisch-stämmige Sammy Amara stellvertretend für alle Einwanderer die „Willkommenskultur“, welche er in seinem Leben als Duldung empfunden hat, wenngleich er in Deutschland aufgewachsen ist. Musikalisch hebt sich dieser Song etwas ab. Ist er doch der einzige auf dem Album, der hörbar prägnante Bläser zulässt. „Woran Glauben“ ist hingegen nicht direkt politisch, sehr wohl aber gesellschaftskritisch. Es geht um unsere ewige Suche nach Verwirklichung und dem heutigen Trend nach Perfektion, der durch soziale Netzwerke und vermeintlichen gesellschaftlichen Erwartungen aufgebaut wird.

„Als das alles begann“ ist mit dem integrierten Refrain „diese Welt kotzt mich an“ wohl die klarste aller (politischen) Aussagen auf „(SIC!)“. Eine interessante Aufarbeitung der aktuell weltweit bedenklichen politischen Entwicklung hin zu Autokratien, Abschottung eigener Identitäten und Landesgrenzen und dem Erstarken nationalistischer und rechter Meinungen. Der Song blickt zurück auf diese Zeit und mutmaßt, dass unsere Generation den Kampf gegen diese Entwicklungen verpassen könnte, indem sie einfach weg geschaut hat (in der Geschichte kein Einzelfall ein solcher Vorwurf..). Der Sound dazu ist schnell und kompromisslos und somit passend zum Text. „Bäm“ – in your face! Ob es was hilft, bleibt abzuwarten, aber absolut wichtig und richtig! „(SIC!)“ endet mit einer seichten Ballade, die auf den Titel „und hier steh ich“ getauft wurde. Textlich ein bisschen „wie weit wir gehen“, soundtechnisch leider wieder ein bisschen mehr „Noir“. Dennoch noch OK und unter dem Strich ein Kompromiss, mit dem ich leben kann. Zusammengefasst zähle ich 9-10 Songs die mir „gut“ oder sogar „sehr gut“ gefallen, einer, der mir gar nicht mundet und 2-3, die ich noch ganz OK finde. Ich denke, das ist ein sehr akzeptabler Schnitt dafür, dass ich bereits innerlich mit der Band abgeschlossen und das Album schon vor der Veröffentlichung ein bisschen verteufelt hatte.

Als Grafikdesigner ist mir immer auch das Artwork rund um ein Album wichtig. Niemals würde ich mir lediglich die MP3-Dateien herunterladen und das physische Produkt im Regal stehen lassen! Wie allseits bekannt sein dürfte, ist Sammy Amara ein „Kollege“ und ebenfalls passionierter Grafiker. So stimmt es mich glücklich, im Booklet zu lesen, dass er auch dieses Mal hier noch selbst Hand angelegt hat. Vermutlich nicht mehr ganz so umfänglich und frei wie vor 10 Jahren, aber immerhin. Das Konzept sieht man der Gestaltung übrigens an: Ein knalliges Orange, Fotos im oldschool-Look und grungige Typografie lassen es so punkig wirken, wie es 2017 eben (noch) ist.

Allen alteingesessenen BROILERS-Fans sei empfohlen, nicht den Fehler zu machen, den ich vor dem ersten Hören von „(SIC!)“ bereits gemacht habe: Verdammt das Album nicht, nur weil euch „Noir“ nicht gefallen hat. Gebt der Scheibe eine Chance, selektiert für Euch aus, was ihr gut und was ihr schlecht findet und dann überlegt mal, ob „Santa Muerte“ oder „Lofi“ wirklich so viel besser waren..! Denjenigen, die die hohe politische Dichte in diesem Album kritisieren, sei gesagt, dass die BROILERS nun einmal eine politische Band sind und dass politische Songs in dieser Zeit von einer solchen Band auch möglich und vielleicht auch logisch sein sollten. Mussten es gleich so „viele“ sein? Ich zähle 4. Das ist bei 13 Songs in der Tat knapp ein Viertel, aber ist das wirklich zu viel in einer Zeit, in der wir täglich von neuen Skandalen um die „AfD“, „Donald Trump“ oder terroristischen Angriffen erfahren müssen? Das darf jeder für sich selbst entscheiden. Ich habe mich jedenfalls dazu entschieden, die BROILERS wieder an mich heran zu lassen, das neue Album zu mögen und auch mal wieder ein Konzert zu besuchen. Cheers!

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Broilers '(SIC!)' Tracklist
1. Nur ein Land Button MP3 bestellen
2. Bitteres Manifest Button MP3 bestellen
3. Keine Hymnen heute Button MP3 bestellen
4. Die Beste aller Zeiten Button MP3 bestellen
5. Irgendwas in mir Button MP3 bestellen
6. Gangster, Gangster Button MP3 bestellen
7. Ihr da oben Button MP3 bestellen
8. Unsere Tapes
9. Meine Familie Button MP3 bestellen
10. Zu den Wurzeln Button MP3 bestellen
11. Woran glauben? Button MP3 bestellen
12. Als das alles begann Button MP3 bestellen
13. Und hier steh' ich
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