Terrorverlag > Blog > ENNIO MORRICONE > Chi l`ha vista morire?

Band Filter

ENNIO MORRICONE - Chi l`ha vista morire?

VN:F [1.9.22_1171]
Ennio-Morricone-Chi-La-Vista-Morire.jpg
Artist ENNIO MORRICONE
Title Chi l`ha vista morire?
Homepage ENNIO MORRICONE
Label FIN DE SIÈCLE MEDIA
Veröffentlichung 17.07.2006
Leserbewertung
VN:F [1.9.22_1171]
0.0/10 (0 Bewertungen)

Eines Tages, als es noch kein Internet und keine DVDs gab, begab ich mich auf die Suche nach alten, wertvollen Videokleinoden, mit denen ich meine späte Jugend zu verbringen pflegte. In einem heruntergekommenen Schuppen in Ochtrup oder Nordhorn oder Löhne muss es gewesen sein, als ich wieder einmal einen Sack alter Tapes für ein paar deutsche Märker abgreifen konnte – den Euro gab es damals auch noch nicht. Inmitten all der Karatefilme, Erotikeastern und Schundspezialitäten ein unscheinbares Cover: „The Child – Die Stadt wird zum Alptraum“ war der Titel dieser Starlight Cassette, die auf den ersten Blick nicht gerade ein Abenteuer versprach. Die Schauspieler zwar allesamt 70er erprobt, aber das schrottige Computer Artwork deutete eher auf einen neueren Streifen hin. Doch weit gefehlt: Dahinter verbarg sich einer der schönsten italienischen Giallos aus dem Jahre 1972 mit dem wohlklingenden Namen „Chi l’ha vista morire?“ Das heißt so viel wie „Wer sah sie sterben?“ und deutet viel kunstvoller als die deutsch-englische Benamsung auf das Hauptthema dieser cinematographischen Perle hin, welches mithin um einen Kindermörder kreist. Durchaus hartes Brot auch in der Hochphase des exploitativ angelegten Killersubgenres vom Südstiefel Europas. Wobei der Begriff Exploitation hier nur relativ wenig greift, zu kunstvoll wird die Story erzählt, zu gut sind die technischen Beteiligten wie Drehbuchautor Francesco Barilli, Regisseur Aldo Lado (siehe auch die großartigen Werke „Malastrana“ oder „Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien“) und natürlich Komponist Ennio Morricone. Mithin natürlich der Grund für eine Rezension auf dieser Musikseite, denn ein schwedisches Label hat sich des Soundtracks angenommen, der mithin zum besten gehört, was je der Feder des Meisters entkam. Fin de Siècle aus dem Dunstkreis von „Sweden’s Finest“ Cold Meat Industry war zunächst wie diese auf Ambient und andere düstere elektronische Musik spezialisiert, legt nun aber dankenswerterweise den Fokus auf Soundtracks, in diesem Bereich gilt es noch einiges aufzuarbeiten.

Die Handlung sei kurz umrissen: Einmal-Bond George Lazenby ist auf der Suche nach einem Serientäter, der auch für das Ableben seiner Tochter verantwortlich zeichnet. Und dieses Kind wird von einer der verstörendsten Darstellerinnen ihrer Zeit dargestellt: Nicoletta Elmi, die mit ihrer mysteriösen Ausstrahlung auch in Filmen wie „Im Blutrausch des Satans“, „Andy Warhol’s Frankenstein“ oder Argentos „Profondo Rosso/ Deep Red“ mitwirkte. Über die daraus möglicherweise entstandenen Traumata der rothaarigen Dame ist mir leider nichts bekannt… Jedenfalls bietet die Mörderhatz in der Lagunenstadt Venedig einige pittoreske Bilder, welche natürlich mit Morricones Klangfolgen bestens harmonieren, der hier fast ausnahmslos auf Kinderchöre setzt. Man stelle sich den Aufschrei in den heutigen Boulevardmedien vor, würde eine Hollywood Produktion es wagen, diese Motive miteinander zu verbinden. Der Mord an „unschuldigen“ Wesen, eine unserer Urängste kombiniert mit lieblichen Chören in den allerhöchsten Stimmlagen. Welch ein Gegensatz, der aber auf den zweiten Blick schon gar nicht mal mehr so ungewöhnlich erscheint. Wenngleich „La mia mama“ oder auch das Titelstück (zumindest musikalisch) von der unschuldigen reinen Welt zu berichten scheinen, so schleichen sich doch mit zunehmender Laufzeit immer größere Dissonanzen ein, das Böse nimmt Einzug in die Welt jungfräulicher Kinderaugen. Auch sie werden dem Grauen nicht entgehen, entsprechend aufgeregt wie schnatternde Schwäne kommt „Canto della campana stonata“ daher, bevor bei „Solo grida“ alles in Scherben zerbricht und in kirchliche Liturgien umzuschlagen scheint. Das Motiv der fröhlichen Kindheit bricht noch ein paar mal hervor, bevor die Kirchenorgeln sämtliche Hoffnung zerstören. Am Ende sind wir alle allein im flackernden Licht der Kerzen…

Eine wunderbare Veröffentlichung im geschmackvollen Digipack mit Liner Notes und sehr gutem Klang, die beweist, mit welcher Sorgfalt der Komponist versucht hat, die Filmhandlung adäquat umzusetzen. Neben dem „Coro di Voci Bianche“ (allein DIESER Name!) ist auch die bekannte Solistin Edda Dell’Orso bei einem Lied vertreten. Bitte mehr davon!

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Alle markierten Felder (*) müssen ausgefüllt werden.

Mehr zu ENNIO MORRICONE