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GINGER LEIGH - If I should die tomorrow

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Artist GINGER LEIGH
Title If I should die tomorrow
Homepage GINGER LEIGH
Label EIGENPRODUKTION
Leserbewertung
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Na, wer wird denn solch düstere Gedanken haben? Wir wissen zwar nicht, wie alt GINGER LEIGH ist, wie sie aussieht und was sie in ihrer Freizeit so treibt, aber wenn der Titel ihres aktuellen Albums auch nur irgendeinen Rückschluss zulässt, dann muss man sich eine äußerst grüblerische und wenn nicht unbedingt necrophile, dann zumindest dem Morbiden nicht abgeneigte Zeitgenössin vorstellen. Andererseits hat sie den Pressezettel mit ungefähr einer Million Ausschnitten aus ebenso vielen positiven Reviews nicht mit Blut, sondern lediglich mit roter Tinte unterschrieben und sogar ein keckes „Hope you enjoy it!“ hinzugefügt. Also was denn nun!

„If I should die tomorrow“ ist eines dieser Alben, das man prima seinen Freunden beschreiben kann. Coctailswing aus der Retorte wäre eine adäquate Beschreibung, Easy Instrumentals aus dem Volksempfänger auch. Wer sich ein wenig distinguiert geben will, sagt Industrial Exotica dazu. Alles kommt verdämmt lässig daher, doch während man noch die Olive aus dem Martini zu fischen versucht, fährt bereits ein trötender Schaufelraddampfer vorbei und übertönt das dünne Stimmchen der blonden Gesprächspartnerin. Überhaupt: Die Gegensätze! „I dreamt a dream“ wird mit Flöten, Vogelgezwitscher und ohne NICOLE im nächsten Jahr das Eurosongfestival erobern, während bei „My only son“ ein Gamelanorchester den Staub von den Instrumenten putzt. Über dezent orientalisch angehauchten Rhythmen legen sich verzerrte Flächen und maschinelles Rumpeln, was zu verstörenden und verfremdenden Effekten führt. Gleichzeitig erinnert der nicht versiegen wollende Springbrunnen fröhlich plätschernder Ideen regelmäßig an die Cut-Up Technik eines DJ SHADOW oder DOCTOR L – ohne den HipHop wohl gemerkt. Gelegentlich klingt das dann so, als habe jemand Omas Plattenspieler laufen gelassen, während sich in der Nachbarwohnung THROBBING GRISTLE und PETER THOMAS einen erbitterten DJ-Battle liefern. Mit einem erkennbaren Stil hat das einiges zu tun, mit Innovation oder gar Zukunftsmusik hingegen rein gar nichts. GINGER LEIGH hat ein erkennbares Konzept entworfen und wiederholt dessen Formeln wie ein Pilger den Rosenkranz – in beiden Fällen ist Erleuchtung nicht garantiert. Man vermutet schon einen weiteren Novelty-Act, ehe das Album plötzlich und heftig an Fahrt gewinnt. „Take me away to dreamland“ ist ein majestätisch eierndes Industrial-Ballet mit der dicken Bass-Dröm, während bei „Taxicab ride through the city“ ein arabisches Orchester im Bombenhagel einen hypnotischen Bauchtanz aufführt. „Waiting for the Apocalypse“ nennt sich schließlich eine eigentlich mangelernährte Bohnenstange aus Klatschen, einem hölzernen Drum n Bass-Bass und einer Alarmsirene. Doch der Höhepunkt kommt ganz zum Schluss, als in „Push/Pull“ ein japanischer Trommeltrupp völlig durchdreht und sich ihre Sake-Beats mit den verzweifelt-hysterischen Schreien am Spieß schmorender Kannibalenopfer mischen. Ein sensationelles Stück Musik.

Besser beenden kann man ein Album kaum und deswegen vergibt man GINGER auch gerne den etwas lauwarmen Einstieg. Gleichzeitig wäre man gespannt auf ein wenig mehr Material von dieser streckenweise faszinierenden Neuentdeckung. Und auf einen Blick hinter die streng unpersönliche Fassade: Wenn ich morgen sterben sollte, wünsche ich mir ein Foto von GINGER LEIGH.

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